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Das Seelenkind

Summary:

„Gemeinsam gegen die Welt", Amelies Lebensmotto.
Und das definitiv nicht gewollt. Denn wenn sie die Möglichkeit hätte, würde sie so gerne so vieles aus der Vergangenheit ändern, ungeschehen machen.

Seit ihrem achten Lebensjahr versuchen sie und ihr Seelendrache Skayla, ein Klingenpeitschling, in der großen Welt zu überleben. Auf der Suche nach einer neuen Heimat, nachdem Jäger ihr ihre alte Heimat raubten.
Doch selbst ihre Vergangenheit lässt ihr keine Ruhe und holt sie jedes Mal aufs Neue ein. Mit der wachsenden Gefahr eines Tages zu ihrem Todesurteil zu werden.

Chapter 1: Drache in Not

Notes:

Der Charakter „Amelie" und ihr Drache stammen von @Juliacookie134 auf Wattpad.

Chapter Text

»Verschwinde aus unserem Dorf! Wer einen Drachen als seinen Freund bezeichnet, ist selbst nicht besser als diese Bestien!«

Mit dem Abend ist Dunkelheit über die Insel hereingebrochen.
Und noch immer hängen Amelie diese Worte nach. Obwohl dieser Satz schon von gestern Vormittag stammte und im Grunde genommen nichts Neues für die beiden ist. Das Gesicht kurz verziehend wuchtet sie ein paar größere Holzstücke in das knisternde Lagerfeuer vor sich.
Schweigend beobachtet sie, wie die Flammen am neuen Holz lecken und sich langsam da durchfressen. Eigentlich sollte es sie nicht wundern, dass die Menschen so reagierten und sie dementsprechend aus dem Dorf verjagten. Betonung auf eigentlich.
Doch jetzt ist das Vergangenheit und viel entscheidender ist für sie, wo es als Nächstes hingehen soll. Denn sie ist nicht alleine unterwegs. Dankbar lächelnd sieht sie zu der Klingenpeitschlingdame rüber, welche es sich nah neben Amelie gemütlich gemacht hat und schon zu schlafen scheint. Was würde sie nur ohne ihren Drachen machen? Ja, Skayla hat sie eine Menge zu verdanken. Auch verdankt sie ihr die gelungene „Flucht“ auf eine Nachbarinsel, als die Dorfbewohner herausfanden, dass sie eine Verbündete der Drachen ist.

Aber was ist so schlimm daran?
So sehr Amelie es auch versucht, sie kann nicht verstehen, wie man diese wunderbaren Wesen nur so hassen kann. Drachen sind einzigartige, wunderbare Geschöpfe, die doch auch nur überleben wollen. Warum müssen Wikinger…?
Kopfschüttelnd streckt sie langsam ihre Hand aus und berührt vorsichtig die silbernen Schuppen ihres Drachens Skayla. Diese gibt als Antwort ein leises Schnaufen von sich, als wüsste sie direkt, dass dies ihre Reiterin ist.
Nein, Amelie wird nie verstehen, wie Wikinger dazu fähig sein können, einem Drachen Leid anzutun, geschweige denn zu töten.
Und wenn morgen der nächste Tag anbricht, werden sie sich wieder gemeinsam auf den Weg machen und nach einer neuen Insel Ausschau halten, wo sie hoffentlich unterkommen können. Und dann auch hoffentlich anders als es diesmal der Fall war.
Noch einmal mustert Amelie das wärmende Feuer, das unaufhörlich vor sich hin knistert. Unbeeindruckt von ihren Gedankengängen und dem, was sie alles so zu beschäftigen scheint. Innerlich ruhiger geworden kuschelt sie sich nun auch an die Klingenpeitschlingdame, welche sogleich ihren messerscharfen Schwanz beschützend um ihre Reiterin legt.

Der nächste Tag ließ nicht lange auf sich warten.
Eine Tatsache, über die man nie ganz weiß, ob man sich darüber nun freuen sollte oder nicht. Erst recht nicht in der Situation, in welcher Amelie und Skayla sich befinden. Und doch ergriffen sie früh die Chance, zeitgleich mit der aufgehenden Sonne am Himmel zu verschwinden, auf der Suche nach der nächsten Unterkunft.
Vor allem will Amelie so viel Meer wie möglich zwischen dem letzten Dorf und sich bringen, auch, damit sie Skayla einfach in Sicherheit wissen kann. Und das geht leider nur weit weg von denen.

Glücklich genießt sie die weite Aussicht über das gefühlt endlose Meer, während Skayla nah unter den Wolken fliegt. Früher konnte sie es kaum erwarten, bis Skayla groß genug sein würde, um auf ihrem Rücken mitfliegen zu können. Natürlich nur, wenn die Klingenpeitschlingdame dies auch zulassen würde. Der Wille eines Drachen gehört respektiert, das ist einer der wichtigsten Grundsätze für Amelie. Umso dankbarer ist sie, dass Skayla sie lässt.
Und vom Rücken eines Drachen aus ist es definitiv noch mal einfacher, nach neuen Inseln Ausschau zu halten. Doch stellt sich mit jeder neuen Insel, die sie entdecken, auch die Frage, ob sie da gefahrlos unterkommen können. Denn die Gefahr lässt sich leider nicht an einer einzelnen Sache festmachen, die man dann nur meiden müsste.
Zugleich macht es die Suche auch spannender, weil sie so erst recht viel Neues auf den verschiedensten Inseln entdecken können. Eine Sache, über die Amelie sich jedes Mal aufs Neue freut.

So kam es, dass die nächste Insel – die sie bei diesem Flug entdeckten – zugleich auch wieder ihre Neugier weckte. Amelie war sich sicher, dass sie diese Insel noch nie gesehen hat. Und vom Himmel aus gesehen schien diese Insel komplett von der Natur eingenommen zu sein. Jedenfalls lässt sich auf die Schnelle kein Dorf, geschweige denn Häuser entdecken.
Diese Beobachtung lässt Amelie unmerklich aufatmen. Das heißt nämlich für die beiden auch, dass sie erst mal Ruhe davor haben anderen Wikingern zu begegnen. Und so dankbar sie dafür auch ist in diesem Moment, so sehr sehnt sich in ihr alles weiterhin nach einem normalen Dorfleben. Nach dem, was man ihr vor knapp sieben Jahren nahm.
Mit wachsamen Augen beobachtet Skayla die Insel unter sich, um ihre Reiterin im Notfall schnell beschützen zu können. Zugleich aber ist auch sie sehr neugierig darauf, was die beiden auf dieser Insel erwartet. Denn das Erkunden dieser großen Welt zusammen mit ihrer Reiterin freut sie immer wieder aufs Neue. Einfach weil es so viel zu erforschen und entdecken gibt.

Schnell verschwinden die beiden in einem der vielen Waldabschnitte dieser Insel und tauchen unter den Baumkronen unter, verborgen vor neugierigen Blicken anderer.
Aufgeregt springt Amelie von Skaylas Rücken ab und mustert gespannt die Umgebung. Bäume und noch mehr Bäume umgeben sie, während man in nicht weiter Entfernung Drachen hört.
»Dann lass uns mal diese Insel erkunden, oder Skayla?«, lächelnd sieht Amelie zu Skayla, welche genauso gespannt mit ihrer Schnauze zur Bestätigung ihre Reiterin an der Schulter anstupst.
Somit ist es beschlossene Sache und die beiden machen sich auf den Weg. Behutsam, um nichts unnötig in diesem Wald zu zerstören, suchen sie sich ihren Weg durch Lichtungen und Trampelpfade.
Zugleich lässt Amelie es sich nicht nehmen ihre Umgebung dabei genauestens zu mustern. Seien es die verschiedenen Pflanzen und Bäume, die hier wachsen und grad für sie als angehende Heilerin interessant sein können oder Spuren. Wenn man gut aufpasst, lässt sich leicht erkennen, ob die Krallenspuren in der Rinde zum Beispiel von einem Tödlichen Nadder oder von einem anderen Drachen kommen.
Glücklich über diese friedliche Atmosphäre hier nutzt sie ihre Chance und sammelt die ein oder anderen Pflanzen ein, um diese in ihrer Tasche zu verstauen. Denn man weiß ja nie, wann man diese Kräuter oder Pflanzen benötigen könnte.

Ein Drachenschrei zerreißt die eben noch so friedliche Atmosphäre auf einen Schlag.
Knurrend sieht Skayla in die Richtung, aus welcher der Schrei kam, während ihr messerscharfer Schwanz bereit wie eine Waffe in die Höhe schnellt. Bereit zu verteidigen.
Auch Amelie kann ein zusammenzucken nicht verhindern, noch weniger die sorgenvollen Gedanken, die ihr im nächsten Moment durch den Kopf gehen. Ein Drache in Gefahr!
»Wir müssen diesen Drachen finden, Skayla! Vielleicht braucht er unsere Hilfe!« Entschlossen sieht sie zu ihrem Drachen, welche das Anliegen ihrer Reiterin problemlos zu verstehen scheint. Entschlossen verstaut sie die Pflanzen in ihrer Hand schnell in ihrer Tasche und fährt sich beiläufig über ihr dunkelgrünes Kleid, welches ihr bis zu den Knien geht. Darunter die dunkelbraune Leggins und Stiefel, welche sich schon so oft gut bewährt haben.
Einen letzten kurzen Blick mit Skayla wechselnd rennen die beiden los, in Richtung des Brüllens. Und tatsächlich ist das Brüllen noch ein zweites Mal zu hören, was das Finden immerhin leichter macht. Zugleich aber Amelies Sorge steigert, dass der betroffene Drache wohl ungeheure Schmerzen leiden muss.

Schon nach wenigen weiteren Metern durchbrechen die beiden mehrere Gebüsche, um auf einer der zahlreichen Lichtungen rauszukommen. Mitten auf der besagten Lichtung ein verletzter Drache. Besser gesagt, ein Reißzahn. Angestrengt versucht dieser aufzustehen und auf seine Hinterbeine zu kommen, als ihn die fehlende Kraft zu Boden ringt.
Sofort Mitleid mit dem betroffenen Drachen habend beobachtet Amelie das geschockt. Was muss passiert sein, damit ein solcher Drache es nicht mehr schafft aufzustehen? Aus Reflex mustert sie den Drachen aus der Entfernung, so gut es geht. Sein Schwanz, der in einer Art Stachelkeule endet, scheint keine äußerlichen Verletzungen zu haben. Und auch seine kleinen vorderen Ärmchen kann er anscheinend normal benutzen. Und doch…
Langsam geht sie einige Schritte auf den Drachen zu, während Skayla ihr Rückendeckung gibt und die Umgebung im Blick behält. »Es wird alles gut, Drache… Ich will dir helfen… Bitte lass mich deine Wunden sehen…«, mit sanfter Stimme redet sie dem wilden Drachen zu, versucht Blickkontakt aufzubauen.

Doch kaum entdeckt der verletzte Drache Amelie, brüllt er erneut auf.
Diesmal aber weniger wegen Schmerzen, sondern mehr wegen Wut. Und vielleicht auch aufgrund Angst vor dieser Fremden. Vor einem Menschenkind. Denn… sind nicht alle Wikinger gleich?
Drohend versucht er, sich mehr aufzurichten, so gut er es unter den bestehenden Schmerzen schafft und öffnet knurrend sein Maul. Soll sie es ja nicht wagen, noch näher zu kommen! Und wenn doch… Dabei beobachtet er Amelies Bewegungen ganz genau und lässt sich nicht die kleinste Reaktion entgehen, bevor es ihm reicht und er einen Feuerball vor Amelies Füße schießt.
Verwundert bemerkt sie dies, als eine ungute Ahnung sie auch schon zurückweichen lässt. Im selben Moment schlingt Skaylas Schwanz sich um ihre Hüfte und zieht ihre Reiterin zu sich zurück, kaum explodiert der brennende Feuerball zwischen den beiden Parteien.

»Woah! Was… war das denn…?!«

Aus Reflex hatte sie schnell die Augen zusammengekniffen, bevor sie sich langsam wieder traut, diese zu öffnen. Nur ist es so, dass durch diesen zusätzlichen Lärm weitere wilde Drachen hellhörig wurden und sich am Rand der Lichtung positionierten. Fast schon so, als würden sie die beiden ungebetenen Gäste für gefährliche Eindringlinge halten und beim nächsten falschen Schritt – oder sei es auch nur eine einzige falsche Bewegung – loswerden wollen.

»Irgendwie… ich weiß nicht, ob mir die weiteren wilden Drachen Sorgen machen sollten. Wenn ich nicht einmal weiß, was für Verletzungen er hat und ob diese von anderen Drachen oder vielleicht sogar von… Wikingern kommen ...? Aber wir können den Drachen nicht einfach in Ruhe lassen. Er braucht doch Hilfe! Skayla… wir müssen ihm helfen. Und wir müssen ihm und den anderen Drachen zeigen, dass wir ihnen nichts Böses wollen. Im Gegenteil!«
Besorgt und unsicher zugleich sieht sie zu ihrer Drachendame auf, welche fast schon so etwas wie Fürsorge in ihrem Blick zu haben scheint. Gurrend stupst Skayla ihre Reiterin erst an der Schulter, dann an ihrer Tasche an. Und obwohl Amelie der Sprache der Drachen nicht mächtig ist – wenn es diese Gabe denn überhaupt geben sollte, bis jetzt hörte sie nur weit entfernte Märchen davon – so verstehen die beiden sich problemlos ohne Worte.
Kurzerhand folgt Amelie den Blicken ihres Drachen, verstehend, was diese meint. Langsam, sehr langsam und gut sichtbar für die wilden Drachen, um ihnen nicht noch mehr Angst einzujagen, bewegt sie ihre Hände zu ihrer Tasche und holt zielsicher etwas daraus hervor.

»Vielleicht ja so.«