Chapter Text
Kommandant Wrangel ließ seinen Blick über die versammelten Männer in der Zentrale schweifen. Er tat sich keine Mühe, die Verachtung in seinem Blick zu verbergen. Keiner dieser Männer war besonders klug, noch besonders erfahren. Man hatte ihn mit einem Haufen Jungspunde und Idioten auf die Jagd nach einem Verräter höchster Ordnung geschickt. Kaum einer dieser Männer hatte mehr als eine Feindfahrt hinter sich, hatten keine Erfahrung mit dem Feind oder dem Kampf.
Sein 1-WO stand aufrecht in der Zentrale, aber seine Blicke in die Richtung des Funkraums betrogen seine Nervosität. Seine Unerfahrenheit. Hinter dem 1-WO, gekrümmt an die Leiter hoch zum Seerohr gelehnt, stand Wrangels LI. Ehrenbergs Blick war nach unten gerichtet, seine Gesichtszüge verdeckt von dem struppigen Bart.
Obwohl der Mann, wie fast immer, betrunken war, schien er sich als einer der einzigen auf der Brücke mit einem Selbstverständnis zu bewegen, das sich nur durch zahlreiche Feindfahrten und monatelange Aufenthalte in einem U-Boot erklären ließ.
Wenn der Blick des LI’s nicht unfokussiert auf einen Punkt gerichtet war, den nur er selbst zu sehen schien, dann waren seine Augen erfüllt mit Abneigung und Hass. Hass gegenüber Wrangel und was er ihm angetan hatte, aber auch Hass gegenüber sich selbst und seine Taten, sowie seine Untaten.
Trotz dieser Verstimmung seines LI’s, hätte sich Wrangel keinen anderen neben sich gewünscht. Vor allem, seit dem er den Alkoholkonsum des Mannes strikt kontrollierte. Ehrenberg bewies Ruhe und Kompetenz in Konfrontationen mit dem Feind, hatte ausreichend Kampferfahrungen und ein schier unendliches Wissen über die Maschinerie der U-Boote. Nein, Wrangel war sehr zufrieden mit seiner Wahl des Leitenden Ingenieurs. Natürlich war es bedauernswert, dass er den guten LI zurück in seine Alkoholsucht hatte stürzen müssen, um ihn gefügig zu machen. Andererseits hatte er dem Mann die Wahl gegeben, unter ihm, und dem Alkohol, als LI zu dienen, oder sich dem Kriegsgericht seiner erbosten Kameraden zu stellen. Nach Wrangels Meinung kaum eine schwere Wahl, viel mehr ein Gefallen.
Sein Blick wanderte herab am Körper des LI’s, haftete an den zitternden Händen des Mannes. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass die Schicht des LI’s bald vorbei wäre. Zeit für Ehrendorfs Medizin.
„LI, beenden Sie ihren Dienst und treten Sie an bei E-Maschinenmaat Grothe für Ihre Medizin!“.
Der Mann schrak beim blaffenden Ton des Kommandanten nicht zusammen, was Wrangel etwas enttäuschte. Stattdessen hob der LI langsam seinen Kopf und seine vorher unfokussierten Augen nahmen den Kommandanten ins Visier. Wenn Wrangel ihn sich so anschaute, hatte der LI sehr schöne, tiefbraune Rehaugen. Allerdings verflog dieser Eindruck, vertrieben durch den lodernden Hass, den Wrangel im Blick seines LI sah. Der Kommandant hob eine Augenbraue und verzog seinen Mund spöttisch. Der LI richtete sich auf, murmelte ein „Jawohl, Kap’tän“ und verließ die Brücke.
Er ließ ihm seinen Tonfall, entsprechend der Umstände, durchgehen. Sollte der Mann doch seinen kleinen Widerstand haben, wenn er sich dadurch besser fühlte. Wrangel beobachtete ihn beim Abtreten und bemerkte abermals, wie sicher sich der LI trotz seiner Trunkenheit durch das Boot bewegte. Er hatte wohl etwas zu eindringlich seinem LI hinter gestarrt, da er den neugierigen Blick seines 1WO’s auf sich spürte. Wrangel erwiderte den Blick des Jungen ausdruckslos, bis dieser sich hastig abwandte. Feigling.
Wrangel ließ gerade den Kurs korrigieren, als aus dem Maschinenraum ein Aufruhr zu vernehmen war. Einige Männer brüllten etwas, dumpfe Töne waren zu vernehmen. „1WO, sehen sie nach, was da vor sich geht!“ kommandierte Wrangel.
Wenn sich einer diese inkompetenten Kinder abermals im Maschinenraum verletzt hatte, würde er diese armselige Mannschaft so sehr mit Drills quälen, bis sie sich mit verbundenen Augen rückwärts im Maschinenraum bewegen konnten. Wrangel ließ einige Minuten verstreichen, aber vom 1WO kam keine Meldung. Er schnaufte genervt, dann blaffte er in das Sprachroh „1WO, Meldung machen!“
Kurze Zeit später meldete sich der 1WO, etwas atemlos. „Herr Kap’tän, keine größer Verletzten, aber der LI hat wohl etwas die Kontrolle verloren.“ Der Kommandant runzelte die Stirn. Auch wenn sein LI grottiger Stimmung gewesen zu sein schien, hatte er nicht den Eindruck gemacht, sich selbst nicht unter Kontrolle zu haben. Dies war ja einer der Gründe, dass Wrangel seinen Konsum auf nur eine Dosis am Tag reduziert hatte.
Viel wahrscheinlicher erschien ihm, dass Grothe seine Machtposition als Verabreicher der Medizin ausgenutzt hatte, um den angeschlagenen Ehrenberg weiter zu triezen. Auch Wrangel konnte den Anreiz und die Unterhaltung in so einer Handlung sehen, aber um den LI kampftauglich zu halten, wäre von so einem Verhalten eher abzuraten. Alles musste man selber machen. In diesem Moment erschien der 1WO wieder auf der Brücke.
„1WO, konnten Sie den Vorfall klären?“ Allein der Blick des 1-WO’s ließ den Kommandanten wissen, dass er sich selbst darum kümmern müsse. „Herr Kap’tän, der LI…“ Wrangel trat an dem Mann vorbei in die Richtung des Maschinenraums. „Lassens Sies gut sein, 1-WO. Sie haben die Zentrale, ich fange mal unser verlorenes Schäfchen wieder ein.“ Er hörte noch das „Jawohl, Herr Kap’tän!“ des 1WO hinter ihm, als er sich seinen Weg durch das Boot bahnte.
Sein LI saß auf seinem Bett, den Oberkörper über seine Beine gelehnt, den Kopf auf die Knie abgestützt. Vor der Kabine stand Grothe, schwer atmend und offensichtlich wutentbrannt. Ein Blick des Kommandanten registrierte die blutigen Knöchel des Mannes. Das Bild vervollständigte sich.
„E-Maschinenmaat Grothe, was ist hier vorgefallen?“. Grothe richtete seinen Blick abfällig auf den vornübergebeugten LI. „Der Mistkerl wollte seine Medizin nicht akzeptieren, dann ist er plötzlich handgreiflich geworden. Ich musste mich doch verteidigen, Herr Kap’tän.“ In der Stimme des Mannes schwang die Selbstgefälligkeit eines Lügners mit, der wusste, dass er ungestraft davonkommen würde. Wrangel war nicht beeindruckt.
„Grothe.“ Sagte er, mit eiskalter Stimme. Die Selbstgefälligkeit verschwand vom Gesicht des Maschinenmaats, ersetzt durch Verwirrung. „Grothe, Sie hatten den Auftrag, sich um unseren guten LI hier zu kümmern. Stattdessen...“ Er machte einen Schritt zu auf den Maat, der etwas zurückwich. „Schaffen Sie es nicht mal, dem Mann seinen verdammten Schnaps zu verabreichen, und schlagen ihn dann auch noch zusammen?“ Grothe zuckte zusammen, und wand den Blick ab. „Aber, Herr Kap’tän-„ Wrangel unterbrach ihn ungeduldig.
„Maschinenmaat, abtreten. Ab jetzt kümmere ich mich persönlich um den LI, da Sie mir maßlos überfordert scheinen. Sollte ich noch einmal sehen, dass Sie dem LI körperlichen Schaden zufügen, stelle ich Sie unter Arrest, ist das klar?“ Der Mann vor ihm riss seinen Blick hoch, und in seinen Augen konnte Wrangel die Empörung sehen, bevor der Mann etwas erwidern konnte, sprach Wrangel erneut. „Haben Sie mich verstanden, Grothe?“ Sein schneidener Tonfall schien den Mann zur Vernunft zu bringen. Er nickte hastig, nuschelte ein „Jawohl, Herr Kap’tän.“ Und verschwand den Gang entlang zurück zum Maschinenraum. Wie gesagt, Kinder.
Mit dem Hitzkopf aus dem Weg, konnte der Kommandant sich nun seinem LI widmen, der sich während der gesamten Auseinandersetzung nicht geregt hatte. Wrangel trat tiefer ein in die Kabine und nahm den geöffneten Flachmann, der auf dem Nachttisch stand.
„Ehrenberg.“ Wrangel sprach den Mann im ruhigen Tonfall an. Langsam erhob der Mann vor ihm seinen Kopf. Es schien, als würde ihm selbst diese kleine Bewegung unendlich viel Kraft kosten. Er hatte ein blaues Auge, dem man praktisch beim Zuschwellen zusehen konnte, und hatte einen Schnitt auf der Stirn, fast so, als wäre er nach einem Schlag gegen die metallene Maschinerie gefallen. Aus dem Schnitt sickerte langsam Blut, aber es würde alleine verheilen.
Die Augen des LI, welche vor wenigen Momenten noch so voller Wut glühten, schienen nun müde und traurig. Wieder erinnerten sie Wrangel an die Augen eines jungen Rehs. Ein schwächerer Mann hätte sich vielleicht von diesem Blick erweichen lassen, aber Wrangel war kein schwacher Mann.
Nachdem er die Aufmerksamkeit des Mannes hatte, griff Wrangel nach dem Flachmann und dem umgestoßenen Schnapsglas, das auf dem Boden lag. Er konnte Ehrenbergs Blicke auf seiner Hand, als er den Schnaps eingoss, praktisch spüren.
„LI, nehmen Sie ihre Medizin.“ Sprach er führsorglich und hielt dem anderen Mann das Glas entgegen. Ehrenberg sah ihn nicht an, seine Augen wie gebannt auf das Schnapsglas gerichtet. Er leckte sich über die spröden Lippen, und streckte eine zitternde Hand nach dem Glas aus. „So ists gut, Eherenberg. Ich brauche Sie im guten Zustand an meiner Seite, das wissen Sie doch.“ Wrangel sprach leise auf den Mann ein, während der LI sich den Schnaps in die Kehle stürzte.
Ehrenberg schnaufte, nachdem der das Glas abgesetzt hatte, und stellte das Glas zurück auf den Nachttisch. Wrangel wollte, dass er ihm in die Augen sah, aber der LI hatte seinen Blick wieder auf den Boden gerichtet. Sturer Bock.
„Ab jetzt kriegen Sie ihre Medizin nur noch direkt von mir. Es ist ja wohl offensichtlich, dass die Mannschaft immer noch nicht gut zu sprechen ist auf Sie.“ Ehrenberg zeigte keine Reaktion auf Wrangels Worte. Er wurde ungeduldig. So sehr es ihm auch gefiel, einen Weg gefunden zu haben, den LI gefügig zu machen, so präferierte er doch die schneidenden Kommentare des Mannes über die abgestumpfte Trotzigkeit, die er jetzt an den Tag legte.
„Glücklicherweise bin ich nicht so nachtragend. Ich weiß ja, dass Sie nur zu Fregattenkapitän Gluck gegangen sind aufgrund Ihres elendigen Gewissens, dass Sie plagt. Eben dass, was Sie auch zu mir geführt hat.“ Immernoch keine Regung vom LI. Das sollte nicht sein.
„Schauen Sie mich gefälligst an, wenn ich mit Ihnen rede, Ehrenberg!“ blaffte Wrangel. Die Augen des LI’s sprangen wie aus Reflex zu ihm herauf. Besser.
„Sehr gut.“ Lobte Wrangel, und trat noch einen Schritt auf den LI zu. Da dieser immer noch auf dem Bett saß und zu Wrangel aufsehen musste, war er hierdurch gezwungen, seinen Kopf etwas in den Nacken zu legen, um den Blickkontakt mit seinem Kommandanten zu halten. „Wenn Sie weiter gut sind, kann ich vielleicht über eine Belohnung für Sie nachdenken.“ Wrangel schüttelte leicht den Flachmann in seiner Hand, und Ehrenbergs Blick schnellte zu dem silbernen Gefäß. „Also strengen Sie sich an, mir zu gefallen, Ehrenberg.“
Wrangel senkte die Hand mit dem Flachmann und verstaute diesen in seiner Tasche. „Haben Sie mich verstanden, LI? Für gutes Benehmen können Sie belohnt werden. Genauso gut kann ich sie jedoch auch für schlechtes Benehmen bestrafen.“ Ehrenberg nickte ruckartig.
„Gut, dass wir uns verstehen. Und jetzt machen Sie endlich Pause Mann, in ein paar Stunden haben Sie wieder Schicht.“ Ohne die Antwort des LI’s abzuwarten, machte Wrangel auf dem Absatz kehrt und machte sich auf den Rückweg zur Brücke. Mal sehen, weas sein idiotischer 1-WO jetzt wieder angestellt hatte.
