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Eine Stunde. In Anbetracht von Raczeks rasantem Fahrstil vielleicht weniger. Sie schlägt die Autotür zu, sieht dabei zu, wie die eichengesäumte Einfahrt an ihr vorbeifliegt, das Ortsschild und dann, aus der Ferne, noch einmal kurz das Bauernhaus, in dem Lilly jetzt lebt. Sie wendet den Blick ab. Schiebt ihre Hände unter ihre Oberschenkel. Starrt auf die Straße, und versucht nicht daran zu denken, dass sie diesen Weg gerade noch mit Lu gefahren ist. Mit einer lebenden Lu, die alles dafür getan hätte, um ihre Tochter wiederzusehen. Wirklich alles.
Sie schüttelt den Kopf, um den Gedanken loszuwerden und Raczek sieht sie fragend an. Also schüttelt sie ihren Kopf gleich nochmal. Sie kann nicht mit ihm darüber reden. Sie will nicht. Und er vermutlich auch nicht.
Raczek sieht sie noch einen Moment stirnrunzelnd an, dann wendet er seinen Blick wieder der Straße zu. Seine Finger trommeln zusammenhangslose Rhythmen auf das Lenkrad und sie würde sich am liebsten die Ohren zuhalten.
Sie erreichen die nächste Kreuzung. Raczek setzt den Blinker, links, und sie möchte protestieren, weil sie mit Lu ganz sicher von rechts gekommen ist, und schweigt dann doch. Vielleicht ist es besser so. Die andere Strecke führt durch einen lichten Wald und sie ahnt plötzlich, dass sie diesen Ort mögen würde. Wenn sie nicht so angespannt wäre, so sehr im Tunnel. Mit Kopfschmerzen in den Tag starten, ihn mit Kopfschmerzen beenden. Dazwischen irgendwie den Job und Alma unterbringen. Und wieder den Job, der so viel mehr Zeit frisst als alles andere. Und so viel mehr Gedanken. Und so viel mehr Energie. Sie kann sich nicht daran erinnern, wann sie sich das letzte Mal richtig energiegeladen gefühlt hat. Oder wenigstens halb. Sie ist immer nur müde. Und dann ist da Alma, die sich meistens schon gar nicht mehr beschwert, sondern einfach ihre Kopfhörer aufsetzt. Kein Empfang.
Wenn sie nicht die ganze Zeit die Waffe an ihrem Kopf spüren würde. Lus Blick auf sich, der Krampf in ihren Fingern, das Wippen in ihrem Fuß und diese Liebe. Eine gute Mutter. Eine schlechte Mutter. Was ist eine gute Mutter? Ist sie eine gute Mutter? In der letzten Zeit? Nicht schlecht, vielleicht. Aber auch nicht gut genug. So wie Lu. Die gewollt hat, aber nicht gekonnt. Auf die sie eingeredet hat, mit Engelszungen. Die eingelenkt hat. Und dann der Knall und die Spritzer in ihrem Gesicht und das Blut. Dieses ganze Blut.
Sie krallt ihre Finger in das Polster unter ihren Beinen. Sie atmet. Und atmet. Aus der Ferne hört sie Raczeks Stimme. Frau Lenski? Und nochmal. Olga?
Sie hebt ihren Blick, wendet ihre ganze Kraft auf, um ihn anzusehen. Er sieht besorgt aus, drosselt die Geschwindigkeit, sucht nach einer Möglichkeit zu halten. Sie hebt abwehrend die Hände.
„Ich bin okay. Fahren Sie weiter.“
Er zieht die Augenbrauen hoch.
„Sind Sie sicher?“
Sie schließt die Augen.
„Nein.“
Raczek nickt, parkt den Wagen am Wegesrand. Stellt den Motor ab, zieht sogar den Schlüssel und die plötzliche Stille fühlt sich erdrückend an. Sie möchte nicht mit Raczek reden. Sie weiß ja, dass es nicht funktioniert. Sie und Herr Raczek und reden. Sie können streiten. Und schweigen. Miteinander ermitteln. Manchmal teilen sie sogar dieselbe Art von Humor, aber reden? Nein. Also schweigen sie und seine Finger beginnen wieder, dieselben unsteten Rhythmen auf das Lenkrad zu trommeln. Sie beißt die Zähne zusammen. Versucht, das unregelmäßige Tacken auszublenden, aber es kommt immer wieder und scheint immer lauter zu werden und sie kann es nicht mehr hören.
„Können Sie das bitte bleiben lassen“, fährt sie ihn an und Raczek blinzelt überrascht. Stellt das Trommeln ein und legt seine Hände stattdessen flach auf seinen Beinen ab, als wüsste er nicht, wohin sonst mit ihnen. Er ist genauso angespannt wie sie. Und genauso erschöpft. Aber sie hat gerade nicht die Kraft, um ihn hochzuziehen. Ihre Kraft reicht ja kaum für sie selbst.
Er sieht sie bittend an: „Sie… Sie haben alles richtig gemacht.“
Im Großen und Ganzen, mit Lu, ja. Das weiß sie. Es ist trotzdem gut, das nochmal von ihm zu hören. Die Bestätigung. Und alles, was in ihr mitschwingt. Das Ich habe mir Sorgen um Sie gemacht, Frau Lenski. Das Ich bin froh, dass Sie noch leben. Aber das Auszusprechen, das wäre nicht Raczek, also begnügt sie sich mit den Zwischentönen, schiebt ihre Hände zwischen ihre Beine und nickt.
Er lächelt leicht. Nickt dann in Richtung Zündschlüssel.
„Können wir wieder?“
„Bitte.“
Wegen ihr hätten sie nicht halten müssen. Oder vielleicht doch. Vielleicht war es ganz gut. Anhalten. Durchatmen. Einmal nicht direkt weitereilen, nicht direkt die nächste und übernächste Aufgabe im Kopf haben. Aber eigentlich will sie nur so schnell wie möglich nach Hause, zu Alma. Oh, Alma.
Raczek startet den Wagen. Der Motor heult kurz auf und die angespannte Stille ist keine Stille mehr. Es ist besser so. Sie lehnt ihren Kopf an die Stütze, schließt die Augen, aber dann ist wieder alles da, Lu und das Blut, und sie öffnet die Augen ganz schnell wieder. Lieber in der Realität bleiben, im Hier und Jetzt. Und wenn das Hier und Jetzt bei Raczek im Auto ist.
„Stört es Sie, wenn ich das Radio anschalte?“
Sie braucht etwas zu tun. Etwas zu hören. Irgendwas, woran sie sich festhalten kann.
„Nein, machen Sie nur.“
Sie beugt sich vor und dreht probehalber einige Knöpfe des Radios in dem schon etwas betagten Dienstwagen. Ein Popsong schallt ihr entgegen, eines dieser Lieder, bei denen Alma die Lautstärke hochdreht, wenn sie laufen. Sie kennt den Text auswendig, hat ihn oft genug gehört, für Alma jede Zeile übersetzt. Ihre Lippen formen die richtigen Worte wie von selbst, aber es kommt kein Ton heraus. Ihr Hals ist wie zugeschnürt. Und außerdem ist es nicht Alma, die neben ihr sitzt, sondern Raczek. Raczek, mit dem sie noch nie über Musik geredet hat, in dessen Gegenwart sie nie einfach so anfangen würde zu singen. Sie hat keine Ahnung, welche Bands er hört und ob er auch mit seinen Töchtern lauthals zum Autoradio mitsingt. Ob er überhaupt etwas mit ihnen unternimmt. Die Und-was-machen-deine-Töchter-so?-Gespräche haben sie nie geführt. Dafür hat er einmal zu oft durchblicken lassen, was er für Vorstellungen von Familienleben hat. Und welche Haltung zu Alleinerziehenden.
Aber vielleicht hat sich das auch alles geändert, mit der Trennung von seiner Frau. Vielleicht hätte sie mal nachfragen sollen.
Der Schlussakkord des Songs erklingt und der Radiomoderator erzählt irgendwas über Blaualgen in den Badeseen, wegen des Hitzerekords in diesem Sommer, wieder einmal, und sie fragt sich, ob es auf der Welt eigentlich auch noch gute Nachrichten gibt. Oder ob das jetzt für immer so bleibt, dass ein Schrecken den nächsten jagt.
Sie dreht das Radio wieder leiser. Raczek wirft ihr einen Seitenblick zu. Öffnet den Mund, als wolle er ihr eine Frage stellen, und schließt ihn dann wieder. Sie ist froh, dass er nicht gefragt hat. Dass sie sich keine Antwort überlegen muss. Es kostet sie schon genug Kraft, einfach nur hier zu sitzen.
Die Stille wird wieder lauter, zu laut und sie dreht die Lautstärke vom Radio wieder hoch. Eine traurige Männerstimme singt über die Liebe und den Schmerz, den sie mitbringt und sie fragt sich, weshalb der Schmerz in Liedern immer von der Liebe kommt. Und nicht von anderen Dingen, die doch genauso schmerzen können. Wenn man dabei zusehen muss, wie ein Mensch stirbt, zum Beispiel. Wenn man ein Kind verliert, weil die Richter einen für eine schlechte Mutter halten. Wenn ein Elternteil einem erzählt, man sei ein Wunderheiler und das andere einem zum Exorzisten schickt und man für ewig in dieser Zerrissenheit feststeckt. Wenn die Mutter stirbt, eben auch, weil sie an Wunderheilung glaubt, und man hilflos dabei zugesehen hat. Wenn man mit so viel Schmerz und Leid konfrontiert wird, dass man das Gefühl hat, es gibt gar nichts anderes mehr auf der Welt und keiner das versteht. Wenn man abends vergessen hat, was die Tochter einem morgens erzählt hat, weil man zu erschöpft zum Zuhören ist.
Sie stellt das Radio aus, ein für alle Mal. Schaut stattdessen aus dem Fenster. Sieht vereinzelte Bäume vorbeifliegen, ewige Felder. Alles ein bisschen grau in der Dämmerung. Alles ein bisschen karg. Alles ein bisschen wie zuhause. Und trotzdem ziemlich weit weg.
Raczek wirft ihr wieder einen dieser Seitenblicke zu. Immer dann, wenn er denkt, sie bemerkt es nicht. Aber sie bemerkt es, sie reagiert nur nicht. Weil sie so müde ist. Weil sie zu wissen glaubt, dass ihm das auch nicht so ganz recht wäre. Weil man auf den letzten Metern auch nicht mehr anfangen muss, irgendwas ändern zu wollen. Also lehnt sie sich wieder in ihrem Sitz zurück, starrt auf die graue Straße, in den grauen Himmel. Und wieder dieser Blick.
Manchmal fragt sie sich, so wie jetzt, ob er vielleicht doch nicht nur der harte Typ ist, den er vorgibt, zu sein. Ob sie vielleicht einfach nur nicht genau genug hingesehen hat. Es gab Momente während ihrer gemeinsamen Zeit, da hat sie gedacht, sie könnten Freunde werden. Irgendwann. Aber meistens kam es ihr vor, als seien sie bloß zwei Menschen, die der Zufall an manchen Tagen an denselben Ort geschwemmt hat. Deren Wege sich streifen und sich dann, ohne große Verirrungen und Umwege, ohne große Spuren im Leben des anderen zu hinterlassen, auch wieder trennen werden. Am Anfang hat sie das traurig gemacht. Und irgendwann hat sie nicht mal mehr mit den Schultern gezuckt, deswegen. Abgestumpft. Vielleicht ist das das Problem. Vielleicht ist es besser, traurig zu sein als abgestumpft. Vielleicht hat sie es deswegen immer wieder verpasst, ihm diesen einen Satz zu sagen. Dieses Hey, du. Ich habe gekündigt. Ich kann nicht mehr.
Die Gegend wird langsam städtischer. Den Wald haben sie längst hinter sich gelassen, die Felder auch. Raczek hält an einer roten Ampel und sie betrachtet die grauen Fassaden der Häuser. Sie lebt seit Jahren in Frankfurt, aber es hat sich immer ein bisschen nach einem Provisorium angefühlt. Die Stadt hat ihre Arme nie ganz für sie geöffnet. Immer nur halb, immer nur so weit, dass sie nicht wieder gegangen ist.
Manchmal denkt sie, es wäre besser gewesen, wenn sie nie hergekommen wäre. Wenn sie in ihrem Dorf geblieben wäre, im Brandenburgischen und mit Alma, Felix und seiner Freundin einen auf glückliche Familie gemacht hätte. Vielleicht hätte es funktioniert. Wer weiß das schon.
Die Straßenzüge werden immer vertrauter. Sie fahren an Almas Schule vorbei, an dem Supermarkt, durch den sie nach Dienstschluss hastet, damit etwas zu essen im Kühlschrank ist, wenn Alma nach der Schule nach Hause kommt. An dem Spielplatz, auf dem sie in ihrem ersten Jahr in Frankfurt oft mit Alma gewesen ist. Da hat sie noch gedacht, dass sich alles finden wird. Dass alles gut wird.
Raczek hält vor ihrer Haustür und eigentlich möchte sie so schnell wie möglich zu Alma, aber sie lässt ihre Hand untätig auf dem Türgriff liegen. Weil das vielleicht doch ein zu hartes Ende wäre. Weil sie Adam, den sie nie Adam genannt hat, ja nie wehtun wollte.
„Ich… fand's schön, mit Ihnen zu arbeiten.“
Meistens. Meistens fand sie es wirklich schön.
„Ja, danke. Gleichfalls.“
Adam sieht sie nicht an. Er starrt durch die Windschutzscheibe auf die geparkten Autos vor ihnen. Sie sieht an ihm vorbei, zu ihrer Wohnung. Das Wohnzimmerfenster ist hell erleuchtet, aber in Almas Zimmer brennt kein Licht mehr. Sie seufzt.
„Ich wollte ihnen das wirklich sagen, aber…“
Der richtige Zeitpunkt. Die nötige Energie.
„Ist schon gut.“
Jetzt sieht er sie doch an. Und lächelt.
„Vielleicht kommen Sie uns mal besuchen. Wolle würde sich sicher freuen. Und Wiktor.“
Sie grinst, weil sie sich ziemlich sicher ist, dass sich nicht nur Wolle und Wiktor freuen würden.
„Versprochen“, sagt sie und Adam starrt wieder durch die Windschutzscheibe, aber das kleine Lächeln hängt immer noch in seinen Mundwinkeln.
Sie stößt die Autotür auf.
„Ich muss nach Hause.“
Adam nickt.
„Verstehe ich.“
Diese Einsilbigkeit ist ihr nicht fremd, aber sie muss trotzdem ein bisschen lachen. Sie greift nach ihrer Tasche und dreht sich zur Haustür, nur, um sich doch noch einmal ins Auto zu beugen.
„Mach's gut“, sagt sie und Adam lächelt wieder.
„Du auch.“
Sie nickt und dreht sich um, diesmal endgültig und als sie bei ihrer Haustür angekommen ist, sieht sie nur noch die Rücklichter des Dienstwagens. Tschüss, Adam, denkt sie. Sie steigt die Treppen hoch und als sie die Wohnungstür öffnet, steigt ihr der Duft des Badezusatzes in die Nase, den ihre Mutter immer in Almas Badewasser gibt. Sie atmet tief ein und schließt die Augen. Vielleicht kann ja doch noch alles gut werden.
