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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-01-23
Completed:
2025-02-07
Words:
20,027
Chapters:
5/5
Comments:
29
Kudos:
94
Bookmarks:
9
Hits:
994

Süßwasserfische

Summary:

2012: Es ist Sommer in Berlin. Adam ist Mitte zwanzig, arbeitet als Stadtführer und hat irgendwie das Gefühl, dass er sein Leben auf Autopilot lebt. Irgendwo auf der Strecke hat er seine Ausfahrt verpasst. Dann sieht er eines unverhofften Tages auf offener Straße Leo, der entgegen aller seiner Vorstellungen ausgerechnet Polizist geworden ist.

2005: Es ist Sommer in Saarbrücken. Weil Leo weiß, dass Adam nicht schwimmen kann, setzt er es sich in den Kopf, es ihm eigenhändig beizubringen – am alten Angelplatz, wo sie die heißesten Tage des Jahres ganz alleine verbringen können.

Chapter Text

2012

Im ersten Moment hält Adam ihn für einen seltsam trügerischen Kurzschluss seiner Wahrnehmung, ein Spätsymptom vom beachtlichen Restalkohol, der noch durch sein System wabert und wie ein Gewicht an seinen Gliedern hängt. Adam ist sich nicht sicher, wie er so zweifellos wissen kann, dass er es ist. Diese Gestalt dort drüben will nicht so recht übereinstimmen mit dem Bild, das Adam in seiner Erinnerung trägt wie einen alten Glücksbringer. Das dunkle Haar ist kürzer, die Schultern breiter. Aber er ist es, da ist Adam sich sicher. Die gleichen dunklen Augen, die gleiche Haltung – das Kreuz gekrümmt, als würde er eine Mauer um sich schaffen, gegen die alles abprallt. 

Er ist es und plötzlich bleibt alles andere stehen. Adam spürt, wie sein Atem stockt und sein Herzschlag Alarm gibt. Adam ist wie ein Reh im Scheinwerferlicht, das den Namen Leo Hölzer trägt. Er hat nicht damit gerechnet, ihn jemals wiederzusehen.

Wenn Adam blinzelt, dann wird er weg sein. Adam blinzelt. Leo ist immer noch da, etwa zehn Meter entfernt. Adam blinzelt erneut, seine Augen trocken vom Rauch der letzten Zigarette, und dann verschwindet Leo doch, in ein trauriges graues Betongebäude, die Dachziegel über dem Eingang weiß von Taubenschiss.

Adam ist wie angewurzelt. Für eine Weile steht er nur dumm da, ein Bein in der Tür zum Touristenbüro, das andere auf dem schmutzigen Asphalt. Es ist schwül an diesem Tag in Berlin. Die Hitze staut sich über dem heißen Asphalt auf und legt sich über seine klamme Haut. An seiner Stirn kleben seine schweißfeuchten Haare, die noch von der letzten Nacht wirr abstehen. Gedankenabwesend reibt er mit dem rechten Daumen über den dunklen Stempelfleck auf seinem linken Handrücken. Ein weiteres Andenken an die Clubnacht.

„Excuse me“, nuschelt ein glatzköpfiger Mann, als er sich neben Adam durch die Tür zwängt. Benommen lässt Adam sich auf den Gehweg schieben, die Glieder schwer, der Kopf plötzlich ganz wach. Kurz verfällt er in eine so unverhältnismäßige Schockstarre, dass er sich nicht sicher ist, ob die Welt in diesem Jahr vielleicht doch noch untergehen wird. Für einen Moment fühlt es sich danach an. Angewurzelt steht er da und richtet seine Augen auf das graue Betongebäude. Wenn er jetzt nicht hinterher läuft, dann wird er sich nie ganz sicher sein können, dass es doch kein Trugschluss war, der Adam an einem willkürlichen Mittwoch Morgen den Teppich unter den Füßen weggezogen hat. Noch ist die Tür offen, aber gleich wird sie zufallen. Also befiehlt Adam seinen Beinen, sich in Bewegung zu setzen. Sie gehorchen ihm widerwillig und tragen ihn über die rote Ampel und in das Gebäude auf der anderen Straßenseite. Er hastet über die Türschwelle, bevor das Schloss zufällt, stolpert über den Türvorleger, strauchelt, fängt sich im letzten Moment. Drinnen kämpft er sich die Treppe in den ersten Stock hoch und muss feststellen, dass sein Magen sich wehrt. Ein bekannter, saurer Geschmack steigt schlagartig in seinem Hals hoch. Adam muss sich am Geländer festhalten, damit er sich nicht gleich hier im Treppenhaus übergibt. Aber sein Magen ist leer, weil er nichts gegessen hat, nachdem er jeglichen Inhalt gestern Nacht wieder in der Clubtoilette erbrochen hat. Also hustet er ein paar Mal und spuckt den Schleim in ein zerwaschenes Taschentuch, das er seit Ewigkeiten in seiner Hosentasche mit sich herumträgt. 

Vermutlich ist es eh besser, wenn er heute nicht zur Arbeit kommt. Von seinem Chef ist er vor einer Weile eh schon ermahnt worden, weil sich mehrere Besucher schon darüber beschwert haben, dass ihr Guide ab und an eine Alkoholfahne vor sich trägt. Adam findet, dass er ihnen damit eigentlich ein ganz passendes Bild von Berlin gibt. Und selbst wenn er ab und zu wirr vor sich hin redet, weil er noch ein bisschen drauf ist – viel authentischer wird es nicht. 

Er blickt auf die große Uhr, die über dem Eingang hängt. 10:08. Vermutlich wird sich seine Touristengruppe schon wundern, wo er bleibt. Vielleicht können sie sich am Nordbahnhof ja noch Rafael anschließen, obwohl dessen Gruppe heute nur entlang der Mauer läuft. Adam tut es ein bisschen leid, aber nicht genug, um sich nicht die letzten Stufen hochzustemmen und Leos Fährte wieder aufzunehmen.  

Ein Blick auf die große Tafel im Flur stiehlt Adam den kleinen blöden Hoffnungsschimmer, der sich darauf eingeschossen hatte, dass Leo vielleicht seinetwegen in Berlin gelandet ist. Viele solcher Gedanken waberten in den letzten Jahren unbegründet durch seine Tagträume. Vielleicht sucht Leo nach ihm. Vielleicht hat Leo seinen Namen im Internet gefunden und die Spur aufgenommen. Vielleicht hat Leo ihn noch nicht aufgegeben. Vielleicht denkt Leo noch genauso oft an ihn, wie umgekehrt. 

Alles Schwachsinn. Der Grund für Leos Wiedererscheinen in Adams Leben ist unmissverständlich abgedruckt: 10:15 – Seminar: Verhältnismäßigkeit im Polizeieinsatz. Ethik und rechtliche Grundlagen.  

Adam schluckt, verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, und wieder zurück. Leo Hölzer ist Polizist. Sein Leo – ein Bulle. Wie konnte das bitte passieren? Hatte Leo nach dem Vorfall in der Garage nicht Nadel und Tinte bereitgestellt, mit der Adam sich vier kleine Buchstaben in die Haut über seinem rechten Knie geritzt hat? Hatte Leo nicht Salbe aus dem Apothekerschrank seiner Mutter geklaut, als sich das Tattoo zwei Tage später unvermeidlich entzündet hatte? Heute ist über Adams Knie nur noch ein grau-blauer Fleck, wo mal das Motiv gewesen ist, aber der Gedanke steht weiter. 

Etwas irritiert blickt Adam den Gang hinunter, wo unter einem Infoboard eine graue Couch vor einer grauen Wand steht. Darauf sitzt er, den Kopf vorgebeugt, den Blick auf sein Handy gerichtet. Adam fand schon immer, dass Leo schön anzuschauen ist, aber es ist noch mal etwas ganz anderes, den Menschen vor sich zu haben, zu dem dieser unsichere Junge mit den nervösen Augen herangewachsen ist. Leo sieht richtig erwachsen aus. Adam wird wohl auch schon erwachsen sein, aber irgendwie geht das nicht in seinen Kopf rein. Irgendwie fühlt Adam sich immer noch wie siebzehn.

Adam steht und starrt. Kein Zweifel. Aus dieser Entfernung kann er fast die feinen Haare sehen, die sich schon immer gegen seine besten Bemühungen der Bändigung gesträubt haben. Er bildet sich ein, sogar den Geruch seines Aftershaves riechen zu können, das Leo in der Schulumkleide immer zu dick aufgetragen hat. Irgendwie hat Adam das immer gefallen. Wie Leo heute riecht, kann er natürlich nicht wissen. Jetzt riecht er nur den scharfen Geruch seines eigenen Sprühdeos, das eigenständig gegen sein ungewaschenes weißes Stadtführer-Poloshirt ankämpft. Die Waschmaschine im Keller ist jetzt schon seit fast einem Monat außer Betrieb und Adam hat seit dem sämtliche Momente verpasst, in denen er seinen Wäschesack in einen Waschsalon schleppen könnte. Adam redet sich ein, dass er deswegen kein Annäherungsmaneuver angeht und Leo Hölzer Leo Hölzer sein lässt.

Eigentlich würde er ihn am liebsten sofort zur Seite nehmen und mit zu sich nach Hause bringen. Weil er ihn doch jetzt endlich wieder hat und weil er so viele Fragen hat. Aber er tut es nicht. Dabei weiß Adam ganz genau, dass er einfach nur ein Schisser ist. Weil er nicht weiß, was er sagen würde, wenn Leo ihn hier im Gang stehen sehen könnte, wie er mit grauer Haut und schwarzen Augenringen unter den harschen LED Röhren steht und sich kaum auf den Beinen halten kann. Ein ganz hervorragender Teil der Gesellschaft ist Adam geworden. Richtig jemand zum Vorzeigen. Er ist sich nicht mal sicher, wann er das letzte Mal sieben Stunden Schlaf bekommen hat, geschweige denn pünktlich Miete zahlen konnte. Er schuldet Vincent noch circa fünf vollbezahlte Trips in ihr Standardcafé als Wiedergutmachung dafür, dass er ihm nach den Jahren immer noch ohne ein Wort unter die Arme greift, wenn das alles doch mal wieder eng wird. Aber heute sehen sie sich kaum noch, weil Vincent früh schlafen geht und Adam spät aufwacht. 

Irgendwo zwischen Saarbrücken und hier hat Adam sich verloren, das weiß er selber. Deswegen schiebt er seinen verkaterten Körper aus Leos Blickfeld, bevor der seinen Kopf heben kann. Adam erhascht einen letzten Blick auf Leo, wie er gedankenverloren seine Hände über den Saum seiner Jeans reibt, dann drückt er sich hinter einem Pfeiler an die Wand und muss feststellen, dass sein Atem rattert. Er verschränkt die nervösen Hände vor der Brust und unterdrückt einen Hustenanfall. Das wäre schon irgendwie eine krasse Nebeneinanderstellung der Extreme – Leo, der Bulle auf Fortbildung, in seinem gebügelten Hemd mit steifem Kragen, der Stoff über den breiten Schultern gespannt, und Adam, der letzte Woche einen Gürtel aus Vincents Kleiderschrank stehlen musste, weil seine ausgebeulte Jeans drohte, über seine abgemagerten Hüften zu fallen. Adam kann sich auch nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal einen Fuß in ein Gym gesetzt hat. In Santiago vielleicht. Oder vielleicht war es Buenos Aires.

Natürlich geht es ihm heute besser als damals. Natürlich ist das Wegrennen trotz allem das Beste gewesen, das er hätte machen können. Aber er ist eben so jung gewesen, musste selbstständig werden, bevor es irgendjemand sonst musste. Durfte machen und lassen, was er wollte, bevor es irgendjemand sonst durfte. Die Konsequenzen spürt er eben heute noch, und sie erinnern ihn daran, dass er doch nie eine Wahl gehabt hat. Weil er niemals hätte bleiben können. Bei Vater. Bei Leo.

Adam wird von einer zuschlagenden Tür aus seinem Selbstmitleid gerissen. Eine Frau mit dunklem Haar und scharfen Gesichtszügen tritt aus einem der Seminarräume. Sie wirkt ähnlich gestriegelt wie Leo – ein langer brauner Trenchcoat und eine schwarze Bundfaltenhose. Sie wirft Adam im Vorbeigehen einen kurzen vielsagenden Blick zu. Adam schaut ihr hinterher, lehnt sich ein Stück hinter dem Pfeiler hervor und beobachtet, wie Leo schließlich doch noch seinen Kopf hebt und seine Stirn in Falten legt. Die Frau stemmt ihre Hände in die Hüfte und legt den Kopf auf die rechte Schulter, als sie Leo mit scharfer Stimme irgendwelche Infos übermittelt. Kollegen, vermutet Adam, obwohl er nicht das Gefühl hat, dass die beiden einen besonders harmonischen Umgang pflegen. Leo richtet sich auf, streckt den Rücken gerade, sodass er zu ihr herunterblicken kann. Die Frau lässt sich nicht verunsichern, tritt einen Schritt näher und hebt ihr Kinn. Adam fröstelt es nur beim Zuschauen. 

Trotzdem nutzt er den Moment, um ungesehen die Flucht zu ergreifen. Er hat gesehen, was er sehen wollte. Er fliegt die Treppen herunter, durch die Tür und auf die Straße, bevor sein Magen sich ein zweites Mal empört zu Wort melden kann. Vermutlich gibt es irgendeine psychologische Bedeutung dafür, dass Adam Leo nur vom Weiten betrachten kann. Vermutlich weil er sich nach all den Jahren immer noch nicht seiner Vergangenheit stellen kann. Oder weil er womöglich an seinem Selbstbild zweifelt. Oder sonst irgendein Scheiß. Aber vielleicht liegt darin auch ein Funken Wahrheit. 

Adam bekommt Kopfschmerzen. Er nimmt einen Umweg, damit er nicht am Touristenbüro vorbeilaufen und sich noch für sein Wegbleiben rechtfertigen muss. Sollen sie ihn doch feuern. Dann würde er sich eben einen anderen Scheißjob suchen. Er hat schon viele Scheißjobs gehabt in den Jahren, seit er nach drei qualvollen Semestern sein Soziologie Studium abgebrochen hat. Am Anfang hat er sich noch eingeredet, dass die Jobs nur für den Übergang gedacht waren und er sich bald schon um etwas Richtiges kümmern würde. Aber Übergänge bedürfen einer Destination, und die hat sich bis heute nicht so recht gefunden. Und so musste Adam sich irgendwann eingestehen, dass er es vielleicht doch zu nichts bringen würde. Viel zu lange hat Adam auf Autopilot gelebt, und jetzt fehlt nicht viel, dann ist er dreißig und keinen Schritt weiter. 

Nicht wie Leo, der in seinen Fantasien Rettungssanitäter, Deutschlehrer oder Feuerwehrmann geworden ist. Oft hat er an ihn gedacht und dabei dieses vertraute Ziehen in seiner Brust verspürt, das wie ein Pfeil durch seine Muskeln schießt. Früher hat er sich noch gesagt, dass dieses Gefühl sicher irgendwann nachlassen wird, doch heute ist der Punkt noch so wund wie damals. Irgendwann hat er angefangen, sich Geschichten auszudenken. Hat an Leo gedacht, der sein Abi mit Bestnote besteht, sein Studium mit Bravour abschließt und seiner Freundin nach vielen glücklichen Jahren zusammen in ihrer bescheidenen Zwei-Zimmer-Wohnung im Wohnzimmer einen Antrag macht. Irgendwie hat Leo diesen Ballon seines Wunschdenkens jetzt gewaltsam platzen lassen. Deutschlehrer ist er zumindest nicht geworden und da war auch sicher kein Ring an seinem Finger. 

In einem Discounter, der nicht ganz zufällig auf seinem Weg liegt, macht Adam einen kleinen Tageseinkauf. Eine Tüte Zigarettenfilter, Mundspülung, ein Bund Orangen und drei kleine Flaschen Feigenlikör. Zuhause verstaut er den Likör und die Filter in seinem wackeligen Kallax-Regal und die Orangen im winzig kleinen Kühlschrank, in dem schon lange kein Licht mehr brennt, und lässt sich auf die Couch fallen. Sie haben in der Wohnung kein Wohnzimmer, weswegen sie einen kleinen verbeulten Zweisitzer in die Ecke der Küche geschoben haben, in der wohl normalerweise ein Esstisch stehen sollte. Im Bezug hängt noch der Geruch von vegetarischer Bolognese und kaltem Rauch. Weil das Küchenfenster groß genug ist und es hier keinen Rauchmelder gibt, dreht er sich bei schlechtem Wetter manchmal auch in der Küche eine Kippe. 

Ihre Wohnung liegt im dritten Stock in einem heruntergekommenen Reihenhaus in Neukölln, in der das Bad noch im Flur gelegen ist. Das Treppenhaus ist schmal, die Stufen in ihrer Höhe nicht ganz gleichmäßig. An den Wänden hängt noch dieser staubig-modrige Geruch, weil die Tapeten seit dem Mauerfall nicht erneuert worden sind. Vor ihrer Tür türmt sich eine Wand aus alten Glasflaschen, die seit ihrem Einzug vor zwei Jahren nur noch größer wird. Rotes Graffiti und bunte Plakate dekorieren die Außenwände vor dem Hauseingang. 

So anders ist es hier als in Saarbrücken, denkt er manchmal noch. Ganz anders als im Bunker. Sechs Jahre ist er jetzt schon nicht mehr dort gewesen. Er denkt selten an Zuhause. Seltener an seine Eltern. Das hat Übung erfordert. Nur manchmal ist er in seinen Gedanken noch bei seiner Mutter, wenn er den Geruch ihres Parfums in der U-Bahn Richtung KaDeWe riecht. Dann sitzt er gedanklich wieder an ihrem Esstisch, die Stoffserviette auf seinem Schoß. Dann sehnt er sich nach ihrem Kartoffelgratin und dem süßen Geruch von Rotwein, der immer an ihren Lippen gehangen hat. Er hat kein Bild von ihr, hat den Klang ihrer Stimme bald vergessen. Nur ihre Handschrift begleitet ihn weiter – feine altdeutsche Schreibschrift mit geschwungenen Lettern. ‘Zu deinem achten Geburtstag’ hat sie damals auf die erste Seite von ‘Gullivers Reisen’ geschrieben. Bis heute hat er das Buch nie gelesen, trotzdem trägt er es von Wohnung zu Wohnung. Von Land zu Land.

In all den Jahren, in denen Adam durch die Weltgeschichte gereist ist, ist er noch mit halbem Herzen in Saarbrücken gewesen. Er ist durch Chile und Island gewandert und hätte mit geschlossenen Augen noch immer den Weg vom Bunker zum Schulparkplatz ablaufen können. So sehr er es versucht hat, er hat sich nie ganz losreißen können. Egal, wie viele tausende Kilometer zwischen ihm und seiner Heimatstadt liegen. Frei sein will gelernt sein.

So wenig Zeit er auch verschwendet hat, über seine Eltern zu philosophieren, so tief saß die Erinnerung an Leo. Oft hat er sich gefragt, wie es ihm wohl geht. Was er wohl macht. Ob er auch noch an ihn denkt. Was Leo jetzt wohl von Adam halten würde. Von seinen blondierten Haaren und den lachsfarbenen, löchrigen Baumwollhemden aus dem Second-Hand-Shop. Von den zertretenen Converse und der verbeulten Jeans mit dem Comic Aufnäher auf der hinteren rechten Hosentasche. Von seinem abgebrochenen Studium und der zusammengekratzten Miete. Manchmal fragt Adam sich selbst, ob das hier alles gewesen ist oder ob es vielleicht nochmal besser wird. Jetzt fragt er sich, wie es wohl wäre, Polizist zu sein. Mit Marke und Uniform und Waffe und so. Dem ganzen Drum und Dran. Alles in ihm sträubt sich dagegen, aber irgendeinen Grund wird Leo schon gehabt haben. Und wie er Leo kennt – kennt er ihn denn noch? – dann hat es bestimmt nichts mit dem Beamtengehalt zu tun. Für Adam wäre das aber sicher nichts. So weit kommt es noch.

Adam hängt in Gedanken noch bei Straßenkontrollen und Hausbesuchen, da kommt Vincent durch die Haustür herein. Er lässt seine vollgepackte Tasche auf den Boden fallen und wirft Adam eine halbleere Tüte Weingummi zu. Adam fängt sie mit einer Hand. 

„Dein Schlüssel hat draußen noch gesteckt“, meint sein Mitbewohner, als er sich neben Adam ins Polster fallen lässt.

„Ah“, macht Adam nur und schiebt sich eine Handvoll Süßigkeiten zwischen die Zähne.

„Und die Glasflaschen hast du auch nicht weggebracht.“

„Hab iff vergeffen“, bringt er mit vollem Mund hervor. „Morgen.“

„Ja, das hast du gestern auch schon gesagt. Und vorgestern. Nächste Woche kommen ein paar Bekannte von der Bereitschaftspolizei zum Mittag vorbei. Bis dahin darf der Flur gerne leer sein.“

Adam schluckt den süßen, klebrigen Klumpen herunter, leckt sich mit der Zunge über die schmerzenden Zähne und wedelt mit der rechten Hand in der Luft, um seinen Protest auszudrücken. „Ey, ich hab schonmal gesagt, dass ich keine Bullen in der Bude will.“

Vincent rollt mit den Augen und greift in die Tüte. „Zum Glück ist das ja nicht nur deine Wohnung. Und soweit ich mich erinnere, zahle ich jetzt schon seit ein paar Monaten mehr oder weniger die Miete für uns beide.“

Adam lacht auf. „Maßlos übertrieben.“

„Und wenn’s bei mir so weit ist?“, will Vincent wissen. 

Adam schaut zu ihm herüber. Gegen Vincent hat er eigentlich nichts. Im Gegenteil. Er ist ihm seit dem Beginn seiner Zeit in Berlin der beste Freund gewesen, den er sich hätte wünschen können. Und das hat nichts mit der finanziellen Unterstützung zu tun. Vielmehr mit den gemeinsamen Gesprächen, mit denen sie ganze schlaflose Nächte gefüllt haben, als sie noch in der Fünfer-WG in Wedding gewohnt haben. Und mit den Geheimnissen, die er seit Leo niemandem mehr erzählt hatte, bevor Vincent um die Ecke gekommen war. Es ist seine Berufswahl, mit der Adam ein Problem hat. Er fühlt sich ein bisschen hintergangen, obwohl er eigentlich keinen Grund dazu hat. Wie bei Leo. Adam fragt sich, woher das kommt.

„Dann sagst du hoffentlich rechtzeitig Bescheid, damit ich noch jemanden für dein Zimmer finde.“

„Du bist so ein Arschloch“, meint Vincent, lässt sich aber das letzte Stück Weingummi aus der Tüte klauen.

„Was hat man denn vom Polizist-sein?“, fragt Adam nach einer Weile, weil er es doch wissen will. Weil er Leo ja nicht fragen kann.

„Willst du wieder streiten? Ich weiß nicht, ob ich gerade Zeit dafür habe. In zwanzig Minuten muss ich los zum Power Yoga.“

„Will ich nicht“, beschwichtigt Adam ihn. „War ernst gemeint.“

„Okay.“ Vincent nickt, guckt ihn aber weiter verunsichert an. „Abgesehen von der Menschen-Helfen-Nummer?“

„Ja, mit sowas musst du mir gar nicht kommen.“

„Aber irgendwie ist es das. Also für mich jedenfalls.“ Er hält inne und überlegt kurz. „Weil ich so ganz alleine halt nicht die Kraft habe, den richtigen Leuten den Rücken zu stärken. Also, wenn Gewalt passiert, dann will ich auch was dagegen machen können. Und mich nicht darauf verlassen, dass das irgendein Uwe macht, der von unterdrückten Gruppen keine Ahnung hat.“

„Dafür musst du doch nicht zur Polizei.“

Vincent zuckt mit den Schultern. „Besser als gar nichts zu machen. Und besser ich als jemand, der es unbedingt will.“

„Hm“, macht Adam und behält alles andere für sich. Weil er wirklich nicht streiten will. 

Vincent zieht seine Beine hoch und setzt sich in einen Schneidersitz. Er legt einen Arm über die Sofalehne, damit er Adam mit diesem Vincent-Blick ganz intensiv anschauen kann. Adam verstört das immer ein bisschen, wenn er das macht. „Wieso fragst du?“

„Nur so.“

„Na, ich weiß nicht.“ Sein Blick haftet erst an einem Auge, dann am anderen. Als ob er etwas aus dem rechten herauslesen kann, das er im linken nicht gefunden hat. „Irgendwas ist doch.“

Adam meidet seine Blicke. Stattdessen steht er auf, um sich eine Zigarette zu drehen. Weil er nicht weiß, was er sonst mit seinen Händen machen soll.

Aufgeregt streckt Vincent den Rücken gerade und schaut vom Sofa zu ihm hoch. „Hast du jemanden kennengelernt?“

„Jein“, murmelt Adam, der Filter schon zwischen den Lippen.

„Darf ich weiter fragen?“

Kurz überlegt Adam, als er den Tabak auf dem Papier verteilt. Eigentlich wünscht er sich gerade nichts sehnlicher, als endlich mal mit jemandem über Leo zu reden. Das hat er früher schon nicht gekonnt. Aber gerade will er dieses bisschen Aufregung noch für sich behalten. Dieses flattrige Gefühl, das wieder ganz warm unter seiner Brust sitzt. 

„Nein.“

Vincent nickt nur, weil er eben Vincent ist und Adam seine Grenzen ziehen lässt. „Okay.“

 


 

Die nächsten Tage ziehen vorbei, doch irgendwas bleibt, was wie ein hartnäckiges Fieber in seinen Knochen steckt. Plötzlich ist Leo überall – in der S-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, im Aldi an der Ecke, im Fenster der Wohnung darüber. Aber nur im ersten Moment. Im Zweiten verwandelt er sich dann doch in irgendeinen uninteressanten Menschen mit sportlicher Statur und dichtem braunem Haar, von denen es hier in Berlin viel zu viele zu geben scheint. Vorher ist ihm das irgendwie nie aufgefallen. Fast ist Adam davon überzeugt, dass er ihn sich vielleicht doch nur eingebildet hat, aber dann ist er in seinen Träumen wieder im Fortbildungszentrum, und sich wieder ganz sicher. 

Adam wird nachlässig. Auf der Arbeit beginnt er, mit seinen englischsprachigen Gruppen Deutsch zu reden. Zuhause vergisst er regelmäßig, die Haustür abzusperren, lässt offene Wasserhähne laufen und ascht oft genug gedankenverloren in sein Nudelwasser, dass Vincent ihm das Rauchen in der Küche ein für alle mal verbietet.

Wochen vergehen, in denen sich das Gefühl breit macht, dass irgendjemand ungeduldig darauf wartet, dass Adam irgendeinen Move macht. Unruhig bildet er sich ein, dass das mit Leo irgendein Zeichen gewesen ist, für dass er einfach zu blöd ist, es zu deuten. Das Gefühl ist stur. Es will nicht von seiner Seite weichen. Es hat sich zwischen seinen Zähnen verfangen und will sich nicht lösen, egal, wie oft Adam mit seiner Zunge darüber fährt. Er wird irgendwas tun müssen. Sonst treibt er einfach weiter, wie er es seit geraumer Zeit schon tut. Ohne nach irgendwelchen Ästen zu greifen und sich aus dem Strom herauszuziehen.

 


 

An einem lauen Mittwoch im August geht ein Junge verschwunden. In den acht Uhr Nachrichten wird die Beschreibung des Kindes durchgegeben. Dazu gibt es ein Foto. Adam bildet sich ein, den Jungen schonmal irgendwo gesehen zu haben, aber vermutlich ist er nur einer von vielen, die sich in Schulgruppen wie schnatternde Enten um die Sehenswürdigkeiten scharen und im Touristenbüro beschämt fragen, ob sie dort nicht mal schnell auf Toilette gehen könnten. 

Die SoKo Mattis wird gegründet, Hundestaffeln und Helis über Berlin verstreut. Adam juckt es in den Fingern, irgendwie zu helfen, besonders, als der Onkel des Jungen zwei Tage später in Untersuchungshaft kommt. 

Als sie am Wochenende eine Kinderleiche aus der Spree ziehen, muss Adam weinen. Am Ufer, wo ein Spaziergänger den leblosen Körper gefunden hat, werden Blumen und Plüschtiere abgelegt. Für ein paar Tage ist die Luft schwer voller Anteilnahme, aber zwei Wochen später wird sich schon kaum jemand mehr an den Jungen erinnern.

Adam gibt sich die Kante. Ein bisschen wegen dem kleinen Jungen, ein bisschen wegen Leo. Erst in einer Bar in Kreuzberg, dann in der Einzimmerwohnung von irgendeinem Typen, dessen Namen er schon vergessen hat, nachdem er danach gefragt hat. Er hat eine sportliche Statur und dichte braune Haare. Der Typ fragt ihn, was er denn so macht, und Adam antwortet mit „Polizist“, weil er einfach mal ausprobieren will, wie sich das anfühlt. Irgendwie fühlt es sich nach nichts an und auch die Reaktion seines Gegenübers ist nicht zufriedenstellend. Der zuckt nur teilnahmslos mit den Schultern und lässt seine klamme Hand Adams Körper runterwandern, um sie schließlich zwischen seine Beine zu schieben.

Beschämt kippt Adam Vodka-Sodas herunter, bis es Morgen wird und sein Urteilsvermögen etwa so benebelt ist wie der Parkweg, den er von dem fremden Schlafzimmerfenster aus sehen kann. Benommen schleppt er sich nach Hause. Sein Kopf dröhnt so stark, dass er auf halbem Weg eine Rast einlegen muss. Auf einem Kantstein vor einem Souvenirladen lässt er sich nieder. An der Hauswand hängt noch ein Vermisstenplakat des toten Jungen. 

Kurz überlegt Adam, die Melancholie mit dem kleinen Likör in seiner Jackentasche herunterspülen. Gewohnheit ist der letzte Schritt vor Sucht, hallt da Vincents Stimme in seinem pochenden Schädel. Manchmal, wenn das Selbstwertgefühl ihn gänzlich verlassen hat, dann nimmt er sein Dosenbier aus dem Späti mit bis unter die Dusche. Das muss aufhören, denkt er, und meint damit mehr als nur das Dosenbier. Meint damit die Lines, die er öfter zieht als ihm selbst lieb ist. Meint damit die trockenen Ramen, die er manchmal zum Mittag, manchmal zum Frühstück isst. Mein damit all die Wege, auf denen er sich selbst schon seit einigen Jahren, schon lange vor Berlin, vernachlässigt.

Er schließt die Augen und denkt an früher. Früher haben sie Steine am alten Angelplatz über das Wasser flitschen lassen. Da hat der Sommer noch süßlich nach Adrenalin und unmöglichen Zukunftswünschen gerochen. Da haben sie beide große Träume gehabt. 

Früher, da waren sie noch zusammen. 

Leo und Adam. Adam und Leo.

Früher war alles besser. Er klingt wie sein Vater.