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Kalte Regentropfen liefen Adam über das Gesicht, doch spüren tut er nichts. Seine Haare hingen ihm wie ein Wischmop im Gesicht, verschleierten seine Sicht. Wobei Adam nicht sicher war, ob das am Regen oder an seinen Tränen lag. Es fühlte sich jedoch so an, als würde der Himmel über Saarbrücken mit ihm weinen.
Es war schwer zu sagen, wie lange er schon dort steht, regungslos. Nur seine durchnässte Kleidung ist ein Hinweis darauf, dass es schon einige Zeit ist. Einen Regenschirm hat Adam nicht mitgenommen. Er ist sich sowieso unsicher, ob er überhaupt einen Regenschirm besitzt. Es ist ihm auch egal. So wie ihm alles egal war seit der Explosion im Bunker.
Langsam streicht sich Adam ein paar Strähnen seiner Haare aus dem Gesicht. Sie rutschen ihm sofort wieder über die Augen. Genervt schüttelt Adam seinen Kopf und trotzdem bleiben die Strähnen ihm im Gesicht kleben. Dann halt nicht. Frustriert greift Adam in seine Hosentasche, zieht sein Handy raus und schaut auf den Bildschirm.
Die Uhrzeit, die sein Handy anzeigt, sagt Adam, dass er bereits seit über einer Stunde hier im Regen steht. Eigentlich müsste er durchgefroren sein, aber Adam spürt nichts, außer die Kälte in seinem Herzen, die aber nicht vom Regen kommt.
Pia hat dreimal versucht ihn anzurufen. Adam hat es nicht gehört und er macht auch keine Anstalten zurückzurufen. Er will nicht reden, nicht mit Pia, nicht mit Esther, mit niemandem. Wobei, mit einer Person würde Adam reden. So gerne, dass es ihm schier das Herz zerreißt wenn er nur daran denkt. Schnell steckt Adam sein Handy wieder in seine Hosentasche und starrt in die Ferne, ins graue Nichts der nebelbehangenen Bäume.
„Entschuldigen Sie für die Störung, aber ist alles okay bei Ihnen? Ich beobachte Sie schon eine Weile hier im Regen stehen und habe mir Sorgen gemacht. Ist alles in Ordnung bei Ihnen?" Heftig zuckt Adam zusammen. Er hat nicht damit gerechnet, dass jemand bei diesem Wetter auch hier ist und ihn dann auch noch anspricht.
Langsam dreht sich Adam um und schaut die Frau an, die ihn angesprochen hat. Sie scheint schon etwas älter zu sein, den gräulichen Haaren und den Falten nach zu urteilen. Sie trägt eine grüne Regenjacke, ein passendes Paar Hosen dazu und Gummistiefel. Auf ihrer Jacke stehen in großen weißen Buchstaben die Worte "Friedhofsgärtnerei Scholz". Adam kann sich erinnern, ihr Auto vorhin auf dem Parkplatz gesehen zu haben. In einer Hand hält sie einen Besen. Adam fragt sich kurz, was sie damit will. Das Wasser weg kehren? Das wäre genauso nutzlos wie hier im Regen zu stehen.
Als Adam ihr wieder ins Gesicht blickt, sieht er Besorgnis und Mitleid. Er weiß nicht warum, aber es macht ihn wütend, so wütend. Er braucht kein Mitleid, denn schließlich ist es doch seine Schuld, dass das alles so geendet ist. Adam will, dass die Gärtnerin ihn anschreit, dass seine Kollegen kein Wort mehr mit ihm reden, dass er vom Polizeidienst suspendiert wird. Stattdessen behandeln ihn alle wie ein scheues Reh, das beim ersten Lauten Ton davon läuft und sich im Wald versteckt.
Unwirsch wendet sich Adam von der Frau ab. „Mir geht es gut, lassen Sie mich in Ruhe", blafft er die Frau an, die erschrocken von seinem plötzlichen Ausbruch einige Schritte zurück weicht. „Welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen ", murmelt sie noch, bevor sie sich wegdreht und Adam endlich wieder alleine lässt.
Alleine mit seinen Gedanken. Mit seinen Gedanken, die sich immer nur um das gleiche drehen. Um Leo, seinen Kollegen, seinen besten Freund und noch viel mehr. Hätten sie doch nur mehr Zeit gehabt. Dann hätte Adam alles sagen können, was ihm jetzt so im Kopf schwirrt. Die Gedanken, die ihm das Denken so schwer machen.
Wie gerne würde Adam die Zeit zurück drehen um das alles zu verhindern. Dann hätte er Leo in Ruhe seine Gefühle gestehen können. Dass Leo der Grund war, dass Adam zurück nach Saarbrücken gekommen ist. Wie sehr Adam Leo vermisst hat und wie sehr Adam Leo doch liebt. Liebte.
Stille Tränen sammeln sich erneut in Adams Augen und kraftlos sinkt er zu Boden, vergräbt seinen Kopf in seinen Händen. Möchte sich die Haare vom Kopf reißen, möchte schreien wie unfair das Leben doch ist. Die Explosion hätte ihn töten sollen, nicht Leo. Nicht Leo, der doch das Team zusammen gehalten hat, der ein Ruhepol in Adams turbulenten Leben war.
Adam öffnet seinen Mund, doch kein Ton kommt heraus. Er ringt nach Luft, die nur stoßweise in seine Lungen gerät. Vielleicht endet es so jetzt, Adam verreckt an Leos Grab. Verdient hätte er es.
Passieren tut es nicht. Adam bekommt schnell wieder Luft, bleibt aber fast regungslos auf den Knien sitzen. Dass seine Hose jetzt neben der Nässe auch Grasflecken besitzt, interessiert ihn nicht.
Adams Handy vibriert und er zieht es aus seiner Hosentasche hervor. Es ist Esther. Das bedeutet, es muss wichtig sein, denn Baumann würde nie anrufen, um sich nach Adams Gefühlen zu erkunden. „Ja?" sagt Adam als er den Anruf entgegen nimmt. Er versucht neutral, fast gelangweilt zu klingen. Die Baumann soll bloß nicht erfahren, dass er gerade einen Nervenzusammenbruch hatte.
„Wir haben eine Leiche, am Stadtpark. Kannst du kommen?" fragt Esther. Trotz ihrer sonst so ruppigen Art klingt sie so besorgt und Adam muss hart schlucken, bevor er antworten kann.
„Bin in 15 Minuten da."
Ohne ein weiteres Wort legt Adam auf und steht auf. Er schaut an sich runter. Seine Klamotten gehören ganz klar in die Wäsche, aber dafür bleibt keine Zeit. Im Kofferraum hat Adam noch eine Tasche mit Kleidungsstücken liegen, die er sich hastig geschnappt hat, als er aus seinem Zuhause ausgezogen ist. Adam hielt es dort keine Sekunde länger aus. Zu viele Erinnerungen konnten ihn dort nachts heimsuchen.
Mit einem letzten Blick auf Leos Grab dreht sich Adam um, läuft zu seinem Wagen. Er spürt den Blick der Friedhofsgärtnerin auf sich, die sich an der kleinen Kapelle am Rande des Friedhofes aufhält. Adam schenkt ihr keine weitere Beachtung mehr.
Sein Herz ist noch immer so schwer und auch seine Gedanken schwarz. Vielleicht schenkt dieser neue Fall Adam etwas Ablenkung. Die Schuldgefühle werden aber wohl für immer bleiben.
Die Schuldgefühle, die ihm eines immer wieder ins Ohr flüstern.
Adam ist Schuld an Leos Tod.
