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„Wer ist sie?“
Pia taucht widerwillig aus dem wohligen Dämmerzustand auf, in dem sie nach dem Sex versunken ist. „Hmmm?“
Esther schmiegt sich dichter an Pias nackten Oberkörper. „Das Mädchen auf deiner Fotowand. Mit den roten Haaren.“ Eine kleine Pause. „Sie sieht dir ähnlich.“ Esther stupst sanft mit ihrem Finger gegen Pias Nase, fährt über ihre Wangenknochen. „Sie hat auch dieselben Sommersprossen.“
Pias Gedanken stolpern, trotzdem muss sie Esthers scharfe Beobachtungsgabe anerkennen. Es ist noch ganz frisch zwischen ihnen, und sie zögert, gleich ihren ganzen Ballast vor Esther auszubreiten. Ihr zu gestehen, wie kaputt sie und ihr ganzes kleines Leben eigentlich ist.
Esther bleibt ganz still, als wüsste sie genau, dass Pia zuerst einmal selbst ihre Gedanken ordnen muss. Ganz zart streichelt sie Pias Oberarm, zieht unsichtbare Linien zwischen den kleinen Muttermalen wie neue Sternbilder.
Pia dreht den Kopf, betrachtet Esthers goldene Augen, die kleine Falte zwischen ihren Augenbrauen, die eine Haarsträhne, die immer lockig bleibt, egal wie oft Esther mit der Bürste durchfährt. Scheiß drauf, denkt sie plötzlich.
„Sie heißt Mara“, sagt sie schließlich und muss einmal ganz tief ein- und ausatmen, bevor sie weiterspricht. „Sie w- sie ist meine Schwester.“
Als sie anfängt, ist es plötzlich ganz leicht. Und Esther liegt einfach da, ihre Berührung wie ein Anker in der Gegenwart, und hört zu, wie Pia erzählt: von ihren Eltern, die nie Zeit hatten, von dem Leistungsdruck und der Lieblosigkeit, an dem Mara schlussendlich zerbrach. Von den Tabletten, den durchweinten Nächten und der Tatsache, dass sie und Mara unzertrennlich waren und sich immer alles erzählten. Beste Schwesternfreundinnen für immer. Bis Mara eines Tages gar nichts mehr sagte, einen Zug bestieg und aus Pias Leben verschwand. Sie allein ließ in einer Familie, die keine war.
Pia redet und redet, bis ihr Hals trocken ist und ihre Wangen nass. Sie weint nicht nur wegen Mara, sondern vor allem weil Esthers Blick unerschütterlich liebevoll auf ihr liegt und sie einhüllt wie eine warme Decke. Noch nie hat sich Pia so gesehen gefühlt, und so angenommen.
Schließlich nimmt Esther Pia in den Arm, wischt ihr sanft die Tränen weg und küsst ihre Stirn. „Mein Spätzchen“, flüstert sie.
Meins, hat sie gesagt, denkt Pia.
„Ich muss sie finden, Esther.“
„Wir.“
„Was?“
„Wir müssen sie finden. Gemeinsam. Du musst das nicht mehr allein tragen, Pia.“
