Chapter Text
Adam konnte noch immer das Ringen in seinen Ohren hören, und den Schock und die Angst fühlen, die ihn überkam, als er Leo im Schutt der Explosion liegen sah. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Leos lebloses, blutiges Gesicht vor sich und die Panik, die er in diesem Moment fühlte, stieg erneut in ihm auf. Er schüttelte den Kopf, um sich aus dem Gedankenkarussell zu befreien, in das er so leicht reinrutschte, aus Angst um Leo und Sorge, dass er es nicht schaffen würde.
Adam besuchte ihn jeden Tag im Krankenhaus, immer mit der Hoffnung, dass er aufwachte. Er redete mit ihm, erzählte von seinem Tag, von ihrer Arbeit und was sonst so den ganzen Tag über passierte. Meist blieb er bei oberflächlichen Themen, beschwerte sich über seine Kollegen, die alle zu gute Laune hatten, oder wenn Esther und Pia etwas zu enthusiastisch versuchten, ihn aufzumuntern. (In Wirklichkeit hatte er nichts gegen ihre Versuche, im Gegenteil, er war froh darüber, dass es wenigstens irgendjemand versuchte, aber er würde nie auf die Idee kommen ihnen das mitzuteilen.)
Aber er kam auch nicht darum herum, immer wieder über seine Gefühle zu sprechen, und auch wenn Leo ihn nicht hören konnte, war er die einzige Person, die ihn so gut kannte und der er alles anvertraute. Nach allem was passiert war, und auch wenn Adam ihm nicht immer alles erzählt hat, war Leo doch sein bester Freund. Sein bester Freund, der gerade neben ihm im Koma lag, nachdem so eine wannabe Kriminelle meinte, neben ihm eine Bombe zünden zu müssen. Wunderbar.
In den letzten Wochen hatte Adam reichlich Zeit gehabt, um über seine Beziehung zu Leo nachzudenken. Davor ist er nie dazu gekommen, und er hat es auch nicht gewollt, über ihre Freundschaft nachzudenken, und seitdem er wieder in Saarbrücken war, gab es die ganze Zeit größere Probleme, um die er sich kümmern musste. Erst sein Vater, dann das ganze Geld, das er meinte, mit sich rumschleppen zu müssen, und schließlich seine Sorge um Pia, zu der er mittlerweile sogar eine Art geschwisterliche Beziehung entwickelt hatte. Über die letzten Wochen, in denen Leo im Koma liegt ist sie ihm eine gute Stütze, besucht ihn zu Hause wenn er sich ein paar Tage nicht auf der Arbeit hat blicken lassen und hilft ihm dabei, seine Nikotinabhängigkeit loszuwerden, was mal mehr, mal weniger gut klappt.
Sie reden oft über Leo, was Adam dazu bringt, Dinge mit ihr zu teilen, die er eigentlich so nicht nach außen tragen wollte. Zum Beispiel, dass Adam Leo schon immer bewundert hat, seit sie sich in der Schule zum ersten Mal gesehen haben. Seine Ausstrahlung hat ihn schon damals irritiert und angezogen, denn obwohl er von älteren und stärkeren Mitschülern verprügelt wurde, hatte Leo eine gewisse Sicherheit an sich. Vielleicht kam die Sicherheit daher, in einem stabilen Elternhaus aufzuwachsen, oder eine gute Beziehung zu seiner Schwester zu haben. Genau diese Sicherheit in ihm war es auch, die ihn später dazu bewegte, zur Polizei zu gehen.
Adam nahm zu Schulzeiten gerne die Aufgabe an sich, Leo zu verteidigen und dafür zu sorgen, dass er nicht jeden Tag irgendeine Schlägerei einstecken musste. Für irgendwas musste das ganze Trainieren und die Quälerei seines Vaters ja gut sein. Als er das erste Mal gegen Leos Angreifer vorging, kam ein seltsamer Beschützerinstinkt in ihm hervor, den er so noch nie gefühlt hatte. Seitdem war er sich sicher, dass er Leo für immer bei sich haben wollte, er hielt immer nach ihm Ausschau, und konnte eingreifen, falls er musste. Heutzutage konnte Leo sich gut wehren, was unübersehbar war, durch seine durchtrainierte Statur und seinen unangebracht gut aussehenden Bizeps, von dem Adam immer wieder überrascht wurde, auch wenn er Leo definitiv nicht zum ersten Mal sah.
Jetzt, als er so im Krankenhausbett lag, sah er merkwürdig klein aus, nicht viel von seiner üblichen Sicherheit zu sehen, die er sonst mit sich trug. Adam starrte Leo an, sein blasses Gesicht und seine Augen, die normalerweise blau-grün leuchten, waren geschlossen, als ob er nur schlafen würde. In einem Anflug von plötzlicher Zuneigung nahm Adam Leos Hand in seine, Herz pochend, als hätte er Angst, dass ihn jemand sah. Klar hatten sich die beiden schon umarmt, auf die Schulter geklopft oder gedrückt, aber seine Hand genommen hatte er noch nie. Fast wünschte sich Adam, er hätte das bereits früher gemacht, doch als Jugendlicher hätte er sich so etwas nie getraut, nicht zuletzt weil sein Vater eine klare Meinung hatte, was männliche Zuneigung anging. Egal ob er Leos Hand aus platonischen Gründen oder sonst welchen hätte nehmen wollen, in seiner Kindheit und als Jugendlicher gab es keinen Platz dafür. Und als Erwachsener lag zu viel Ungesagtes zwischen den beiden, um einfach so Leos Hand zu nehmen, wann es ihm beliebt.
Doch jetzt gerade konnte er es, seine Angst um Leo überwältigend und das Bedürfnis, seine Zuneigung auszudrücken, war plötzlich nicht mehr unterdrückbar, auch wenn er das sein ganzes Leben geschafft hatte. Leos Hand war weicher als Adam erwartete. Ganz zögerlich, als hätte er Angst ihn zu stören oder zu erschrecken, nahm er seine Hand. Er hielt den Atem an, als könnte irgendetwas schlechtes passieren wenn er sich zu schnell bewegte, und sein Herz schlug höher. Teilweise aus Angst dass ihn jemand erwischte, denn er war sich nicht sicher wie gerne es gesehen war, wenn Leute einfach komatöse Patienten anfassten. Aber da war auch etwas in ihm, das sich seit Jahrzehnten danach gesehnt hatte, Leo so anzufassen.
Sanft auf eine Art und Weise wie er es selten zulassen konnte und wollte, mit einer Zuneigung und Freiheit die er nur verspürte wenn es um Leo ging. Leos Hand lag schwer in seiner, und eine leichte Wärme ging von ihm aus. Seine Gedanken rasten, er hatte nie im Leben erwartet dass jetzt plötzlich seine Gefühle für Leo hochkommen würden, die er jahrelang unter Verschluss gehalten und so wenig wie möglich darüber nachgedacht hatte. Eigentlich wollte er auch jetzt nicht damit anfangen, diese Gefühle zu entdecken und in seinem Gehirn wieder und wieder zu wenden, bis er zu einer sinnvollen Lösung kam. Momentan konnte es eh keine Lösung geben, da die entscheidende Partei nicht ansprechbar war. Na toll, dachte sich Adam frustriert, aber zog seine Hand nicht von Leo weg. Dafür genoss er die sanfte Berührung viel zu sehr.
Plötzlich klopfte es an der Tür und ein Krankenpfleger kam mit Schwung ins Zimmer. “Hallo Herr Schürk! Die Vitalwerte sind wie immer, es gibt keine Veränderungen. Seine sonstigen Wunden heilen gut, aber das wissen Sie sicherlich schon.” “Ja, ähm… danke.” antwortete Adam etwas verlegen, nachdem er schnell seine Hand von Leo zurückgezogen hatte. Er hoffte nur, dass der Pfleger nichts mitbekommen hatte, da er nicht der Gossip der Station werden wollte, auch wenn er den Angestellten bereits gut bekannt war. Das bereitete ihm manchmal etwas Unbehagen, auch wenn alle immer nett zu ihm sind und sich nicht beschweren, dass er jeden Tag da ist, einen komatösen Dude anstarrt und mit ihm redet. Die sind wahrscheinlich auch ganz andere Sachen gewöhnt, dachte er sich, als er aufstand, um zu gehen. “Vielen Dank, und gute Schicht Ihnen noch.” wünschte er dem Pfleger, als er aus der Tür ging.
Draußen, die kalte Nachtluft in seinem Gesicht, seufzte er erst tief und kickte dann in einem plötzlichen Wutausbruch gegen einen Poller, der im Eingangsbereich stand. Der Schmerz lenkte ihn kurz von seinen aufkeimenden Gedanken über Leo ab, aber diese kehrten schnell wieder zurück. Zusätzlich zu der Sorge um ihn, die Adam nachts in seinem Bett herumwerfen ließ, sodass er seit Wochen keinen guten Schlaf mehr hatte, kamen jetzt auch noch all die Gefühle hoch, die er sein ganzes Leben erfolgreich verdrängt hatte. Es war nicht so, als wäre das ein Problem gewesen.
Er war gut darin, Dinge zu verdrängen und ganz nach hinten in seinem ohnehin von negativen Erinnerungen gepeinigten Gedächtnis zu schieben, sein ganzes Leben schon hatte er nicht wirklich eine andere Wahl. Er vermisste Leo. Er vermisste ihn so sehr, dass es ihm ein schwarzes Loch in seine Brust riss, und er kurz vergaß zu atmen. Es schlug auf ihn ein wie ein Hochgeschwindigkeitszug. Klar hatte er, seit Leo im Koma lag, viele Gefühle für ihn: Sorge, Angst, Wut und alles dazwischen. Aber noch nie hatte es ihn so getroffen wie heute. Ein schwarzes Loch in seiner Brust, das nur durch Leos Anwesenheit gefüllt werden konnte. In diesem Moment wünschte sich Adam nichts mehr, als dass er Leo einfach wachschütteln konnte, um ihn endlich wieder bei sich zu haben. In Gedanken vertieft machte er sich auf den Weg nach Hause, wenigstens musste er dort nicht darauf achten, dass sich lang unterdrückte Zuneigungen ihren Weg ans Tageslicht bahnten.
