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Visual Weight

Summary:

„Das Licht war an dem Nachmittag wie jetzt auch und Kong stand als Scherenschnitt vor der blassgelben Sonne, nur seine Piercings haben bei jeder kleinen Bewegung geglänzt. Gegen Ende unserer gemeinsamen Schulzeit habe ich manchmal vergessen, dass er der coolste Mensch ist, den ich kenne, weil er die ganze Zeit entweder gebuckelt oder gebissen hat, aber ein Raubtier ist ein Raubtier, selbst wenn du es in einen Käfig steckst. Das hat schon Rilke gewusst.“

Kong und Marlon suchen sich einen Film aus. Marlon denkt an anderes.

[English Translation in Chapter II.]

Notes:

mini playlist
dussmann (betterov)
souvenir (boygenius)
ribs (lorde)
white ferrari (frank ocean)
two slow dancers (mitski)

kong is 28 in this, marlon is 27.

many many thanks to c., who once again was an integral part to me writing and finishing this story. couldn’t do it without you!!!

Chapter 1: Visual Weight (DE)

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

 

 

„Ha’m wir schonmal Chungking Express zusammen geguckt?“

„Mit deiner Mutter, weißt du das noch?“

„Ah. Scheiße, ja.“ Er klappt die DVD um. Es klappert. Plastik auf Plastik auf Plastik. „Das hätt‘ ich echt fast vergessen.“

„Ist ja auch schon Jahre her.“

„Trotzdem.“

Ich war siebzehn oder achtzehn – ich weiß nie, wie alt genau ich wann war, es war ein langer Winter damals, grau und kalt, und alle Erinnerungen werden Schneematsch. Die Mathenachhilfe-Zeit. Deswegen war ich überhaupt erst bei ihm. Es war seine Idee, einen Film zu schauen, anstatt das zu tun, was wir sonst immer danach gemacht haben; vielleicht war er krank, oder ich, von viel anderem haben wir uns nicht aufhalten lassen. Seine Mutter ist reingekommen, als sie das Lied erkannt hat – all the leaves are brown und so weiter – und hat sich auf das Fußende von Kongs Bett gesetzt und bis zum Ende mitgeschaut. Zwischendurch hat sie mir Dinge erzählt, über Hongkong und ihre Jugend, auf Deutsch und Englisch und mit Kong als Übersetzer, der vermutlich die Hälfte der Details einfach unterschlagen hat. Es war lustig, irgendwie, obwohl ich gar nicht mehr weiß, worüber wir gelacht haben. Sie mag dich, hat Kong ein paar Wochen danach gesagt und sich mein Sperma von den Händen gewaschen, sie denkt du bist der einzige meiner Freunde, der nicht ‘n dummes Stück Scheiße ist.

Ich frage mich nicht zum ersten Mal, ob sein Vater uns eigentlich gehört hat. Er saß die ganze Zeit im Wohnzimmer auf dem Sofa, außer beim Abendessen, da saß er dann mit am Tisch. Nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte. Wenn ich heute versuche, mich an ihn zu erinnern, sehe ich immer nur dieses Francis-Bacon-Bild von dem schreienden Papst vor mir, obwohl Kongs Vater nie geschrien hat. Er hat nicht einmal geredet. Über die Stille in der Wohnung hätte man stolpern können.

Kong flippt weitere DVDs um – Cinema Paradiso, Citizen Kane. Seine Finger kommen mir beim Lesen der Titel in den Weg. Früher, ganz am Anfang, konnte ich seine Hände nicht angucken, ohne Fieber zu bekommen. Er hat sich seinen Bibliotheksausweis zwischen den kleinen und den Ringfinger geklemmt, ich kann nur die letzten paar Buchstaben seines Nachnamens sehen, wie sie aus dem Stacheldraht seines Tattoos hervorragen, ANG, in wasserfesten Edding-Blockbuchstaben. Die Linien sind zwischendurch ein bisschen wackelig, wie es passiert, wenn man sich beim Schreiben viel Zeit lässt. Es könnte auch ein Shot aus einem der Filme hier sein. Verschorfte Finger. ANG. Stacheldrahtgrenze. Der namenlose James Bond-Handlanger.

„Du sagst, wenn dich einer interessiert?“, fragt Kong.

Ich schiebe mir meine Brille mit dem Knöchel meines Zeigefingers die Nase hoch. Ich habe es heute Morgen nicht geschafft, die Kontaktlinsen reinzumachen. „Klar.“

Er ist fast bei E. Dr. Seltsam. Die DVDs wurden Mitte der 2000er an die Stadtbücherei gespendet, vom Freunde des Grünwalder Lichtspielhaus‘ e. V., der sich in den Neunzigern gegründet hatte, um für den Erhalt des Kinos hier zu kämpfen. Papa war da lange Mitglied. Er setzt sich für alles an lokaler Infrastruktur ein; für ihn ist das Schließen und Verschwinden ein Virus, und wenn man ihn nicht eindämmt, dann erwischt er irgendwann auch unser Café. Er hat das Hirn eines Doomsday-Preppers. Warten auf die Katastrophe. Ich muss an La Haine denken, der sicherlich auch hier irgendwo rumsteht, an den Mann, der von dem Hochhaus fällt. Bis hierher lief’s noch ganz gut. Bis hierher lief’s noch ganz gut. Bis hierher lief’s noch ganz gut. Wir haben den in der Achten in Französisch geguckt, und ich glaube, alle fanden ihn zumindest ein bisschen cool, aber Kong hat den Fernseher angestarrt, als hätte er eine religiöse Offenbarung. Er saß die ganzen 98 Minuten – wir haben in die Pause überzogen – vorgebeugt da, die Augen riesig und glänzend, Vincent Cassels Kamera-Spiegel. Die zwei sehen sich gar nicht unähnlich, vom Körperbau her. Groß und drahtig, mit Verspannung zwischen den Schulterblättern vor lauter Wut. Wie eine zusammengepresste Coladose. Das hat Kong vor Jahren mal über mich gesagt. Ich habe eine Zeit lang versucht, ihn davon zu überzeugen, sich auch bei den Lichtspielhaus-Freunden anzumelden, aber er meint, die seien alle alt und scheiße und würden die CSU wählen und er müsse sich da überhaupt nicht blicken lassen.

„Du passt nich‘ auf“, sagt er.

Ich lasse die Schultern nach vorne fallen. „Sorry. Ich bin müde. Vermutlich schlaf‘ ich eh bei der Hälfte ein.“

„Du arbeitest zu viel.“ Fight Club. „Bezahlen dich die von der Kunstschule überhaupt?“

„Nein. Das ist quasi die Definition von Ehrenamt.“

„Mach endlich mal Pause, Alter. Sonst stirbst du mit fünfzig an ‘nem Herzinfarkt.“

Ich verdrehe die Augen. „Denk‘ bloß nicht, dass du mich überleben wirst, so viel wie du rauchst.“

„Ich bin der Ältere. Also isses okay, wenn ich früher draufgeh‘.“ Er rutscht eine Reihe weiter.

„Da will ich dann aber eine Einladung zu deiner Beerdigung.“

„Klar. Bist Ehrengast. Hoffe, ich darf auch zu deiner kommen. Falls du mich doch überholst.“

„Nur wenn du mir versprichst, dich nicht mit meinem Bruder zu prügeln.“

Er hält inne und dreht sich zu mir. „Was willste machen? Du bist dann tot, Alter. Six feet under. Und ich geb‘ ihm auf‘m Friedhof schön eins auf die Fresse. Wirst schon sehen. Das ist dann wie in ...“ Er schnipst mit den Fingern. Eine Frau aus den Historischen Romanen wirft uns einen bösen Blick zu. „Du weißt schon. Schultheater. Die Szene die Kilian immer verkackt hat.“

„Ah“, sage ich und werfe der Frau über Kongs Schulter hinweg ein entschuldigendes Lächeln zu. „Hamlet.“ Und dann, der Vollständigkeit halber: „Der Däne.“

Kong tippt nachdenklich auf den milchigen Hüllen herum. „Dem Teufel deine Seele“, sagt er schließlich und grinst. „Siehste. Da weiß ich jetzt mehr als Kilian damals.“

Die Theater-AG hat Hamlet aufgeführt, da war ich im ersten Jahr der Oberstufe. Ein richtiges Stück gab es nur alle zwei Jahre, wegen der Finanzierung, deswegen war es immer ein Riesending, und dann auch noch Shakespeare. Warum sie trotzdem Kilian als Laertes besetzt haben, der sich keine zwei Worte hintereinander merken konnte, ist mir rückblickend schleierhaft. Jojo, der seinetwegen für die Rolle übergangen wurde, hat uns wochenlang erzählt, dass es nur daran gelegen hätte, dass Kilian größer ist als er und eine tiefere Stimme hätte und generell männlicher sei, was Vanessa mir gegenüber irgendwann mit einem Hast du dir schonmal so viele Gedanken über den Körper von ‘nem anderen Typen gemacht? kommentierte. Jedenfalls war Kilian Laertes, und sein ständiges An- und wieder Absetzen war nach ein paar Wochen ein vertrauter Rhythmus in den Räumen hinter der Aula, wo Kong und ich schweigend das Bühnenbild bemalten. Ich, weil ich wollte, er, weil er Frau Stärk im Matheunterricht eine Fotze genannt hatte und Strafarbeit machen musste. Sie haben ihn echt für alles Strafarbeiten machen lassen, anstatt ihn einfach wie alle anderen eine Woche zu suspendieren. Er hat mehr Zeit mit dem Hausmeister verbracht als im Unterricht. Ich habe mich einmal beim Direktor beschwert deswegen, persönlich und ganz offiziell, weil ich es krank asozial fand, aber es hat nichts gebracht. Vielleicht haben sie Kong deshalb mir zugeschoben. Er sollte mit der Küstenlandschaft helfen, die die gesamte Rückseite der Bühne zustellte, ein Pappmonstrum, fünf Mal zwei Meter groß. Die Skizzen dafür habe ich mit Herr Eckert gemacht. Er hat mir Bilder von Caspar David Friedrich gezeigt, und einen dicken Bildband, Die Nacht, wo ich mir die Blautöne und das Mondlicht genau ansehen sollte. Über den Mond haben wir einen halben Nachmittag lang gesprochen, darüber, wo genau er hinsoll. Weißt du, Marlon, hat Herr Eckert gesagt, Komposition ist Millimeterarbeit. Wenn der Mond zu weit rechts oder zu weit links ist, oder gar zu groß, fällt das ganze Bild auseinander. Hier ist er Atlas, der die Welt auf seinen Schultern trägt. Herr Eckert hat immer solche Sachen gesagt, und sich dann geärgert, wenn niemand außer mir ihn verstanden hat.

Als ich in einer der Diagnostik-Sitzungen beim Hochschulpsychologen meine Gefühle auf Papier visualisieren sollte, habe ich die Landschaft gezeichnet und den Mond dabei dick umrandet. Erklärt habe ich es danach nicht, obwohl ich drum gebeten wurde, da kam ich mir plötzlich dumm vor. Ich war sowieso nur wegen Leon da. Er war zu der Zeit in der Klinik und hat mir bei jedem meiner Besuche gesagt, wie toll und wichtig es sei, mit einem Profi zu reden, dass ich das auch mal machen sollte, wegen Mama und ihm und allem. Das letzte Mal mit einem Profi geredet hatte ich davor bei meiner Firmung, zur Beichte, und meine Zunge lag wie eine Nacktschnecke in meinem Mund.

Dem Teufel deine Seele. Weiß Gott, warum es gerade die Szene am Grab war, die Kilian immer so versemmelt hat. Der Typ, der Hamlet gespielt hat und dessen Namen ich nicht mehr weiß, ist ihm nach ein paar Versuchen fast wirklich an die Gurgel gegangen. Kong – der im Übrigen eine große Hilfe war, wegen seiner Größe und seinem Sinn für Ästhetik – und ich mussten hinter der Bühne so sehr darüber lachen, dass Frau Heine uns nach vorne geholt und vor versammelter Mannschaft einen Einlauf gegeben hat. Wir wurden dann rausgeschickt für den Rest der Probe. Das Licht war an dem Nachmittag wie jetzt auch und Kong stand als Scherenschnitt vor der blassgelben Sonne, nur seine Piercings haben bei jeder kleinen Bewegung geglänzt. Gegen Ende unserer gemeinsamen Schulzeit habe ich manchmal vergessen, dass er der coolste Mensch ist, den ich kenne, weil er die ganze Zeit entweder gebuckelt oder gebissen hat, aber ein Raubtier ist ein Raubtier, selbst wenn du es in einen Käfig steckst. Das hat schon Rilke gewusst.

Kong hat aufgehört, sich mit den DVDs zu beschäftigen und sieht stattdessen mich an, mit dem Arm auf dem Regal abgestützt, damit wir ausnahmsweise mal auf Augenhöhe sind. Seine Lider und sein Unterkiefer hängen auf halb acht, ewig unbeeindruckt. Die Narbe an der Schläfe hatte er in der Schule noch nicht. Ich kannte ihn, Horatio. Eine dünne Gewebeschicht zwischen dem was ist und dem was war. Millimeterarbeit. Atlas, der die Welt ...

„Weißt du“, sagt Kong, „Wenn ich mit dir rumhäng‘, denk‘ ich manchmal, dass es echt gar nich‘ so scheiße is‘, dumm zu sein.“

„Du bist nicht –“

„Doch, voll. Kannste nix machen. Aber immerhin verrenn‘ ich mich nich‘ ständig in meinem Kopf. Du hast ‘n Labyrinth da oben, Mann.“ Er richtet sich wieder auf. „Wir suchen uns jetzt ‘n Film aus und ich mach uns fett zu essen und du schaltest dir einfach mal den Saft ab.“ Er hebt die Hand und drückt Zeige- und Mittelfinger gegen meine Stirn wie den Lauf einer Pistole. „Cool?“

Aus dem Augenwinkel sehe ich den Rest der Bücherei. Ein paar beige Rentner in den Romanregalen. Zwei Teenager, die halb auf den Sitzsäcken liegen und auf dem Boden zwischen sich Karten spielen, wie Raban und ich es früher an verschneiten oder verregneten Nachmittagen gemacht haben, wo es kein Training gab. Draußen schieben sich Passanten vorbei, Mädchen mit verschränkten Armen, Väter mit Kinderwägen, Jungs, die vielleicht Leon sein könnten, es beim zweiten Hinsehen aber doch nie sind.

Ich schließe die Augen. Bis hierher lief’s noch ganz gut. Bisher lief’s noch ganz gut. Bisher lief’s noch ganz gut. „Cool.“ Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.

 

 

Notes:

(der rilke-satz bezieht sich auf rilkes „der panther“.)

das ANG auf kongs büchereiausweis sind die letzten drei buchstaben des nachnamens tsang. technisch gesehen kommt danach noch sein chinesischer vorname (wenn personen sowohl einen westlichen als auch einen chinesischen vornamen haben, ist die schreibweise meist „westlicher vorname + nachname + chinesischer vorname“), aber ich gehe mal davon aus, dass er sich den bei der unterschrift auf dem büchereiausweis gespart hat.

in meinem headcanon sind kongs eltern hongkong-chinesen, die nach deutschland emigriert sind, weil kongs vater eine anstellung in der fabrik von herr von theumer* bekommen hat. (in der timeline von diesem projekt ist kong jahrgang 1996, was es recht wahrscheinlich machen würde, dass seine eltern wegen der übergabe hongkongs an china ausgewandert sind.) allerdings ist kongs vater durch einen arbeitsunfall kurz nach der ankunft in grünwald und noch vor kongs geburt arbeitsunfähig und infolgedessen schwer depressiv geworden, weswegen es der familie finanziell (und emotional) sehr schlecht geht. seine mama bekommt (hoffentlich!) in einem weiteren one shot mehr screentime, ich hab sie sehr lieb <3

(der spitzname kong kommt tatsächlich so halb von der stadt – ich könnte mir vorstellen, dass kids auf dem spielplatz mit hongkong als herkunftsregion nicht so arg viel anfangen können, aber die phonetische ähnlichkeit zu king kong dafür zieht.)

jojo ist für mich ein kleines theatre kid, weil er (zumindest in der deutschen version der serie) mit am sprachspiel-affinsten (und am lustigsten) ist und tatsächlich an einer stelle abgewandelt shakespeare zitiert („ein königreich für eine apfelschorle!“ in s2e11). und er hatte einen hatecrush auf kilian. 100%.

für die interessierten unter euch: la haine (1995) ist sowohl im französischen original mit englischen untertiteln und in der deutschen synchronfassung (die ich sehr liebe) in voller länge auf youtube zu finden. in meinem kopf ist das kongs absoluter lieblingsfilm, und die dialoge im hinterkopf zu haben hilft total dabei, ihn zu schreiben. großes dankeschön an dieser stelle an mathieu kassovitz + die person, die das deutsche synchrondrehbuch verfasst hat und deren name leider nicht zu finden ist.

 

* irgendwoher muss das geld der theumers ja kommen, mal abgesehen von irgendwelchen alten adels-geschichten, die der name impliziert. und wenn herr von theumer der besitzer eines sehr großen konzerns in der gegend ist, wäre auch erklärt, warum er lokalpolitisch so viel einfluss nehmen kann. aber fragt ihn nicht, was die firma 33 bis 45 so getrieben hat!

anbei: das grünwald des wilde-kerle-universums ist eigentlich der real existierende münchener bonzen-vorort, aber in der serie scheint grünwald eher als kleinstadt konzipiert zu sein, das behalte ich so bei.