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Not Alone?

Summary:

Pia kann nicht alleine sein.

Post “Das Ende der Nacht”

Work Text:

Als Pia die Augen aufschlägt ist es dunkel um sie herum. Nicht stockfinster - sie kann am Ende des Raumes den aufgehängten alten Fernseher erkennen und die leicht schwummrig beleuchtete Stadt, wenn sie nach rechts aus dem Fenster blickt.
Komisch ist es schon. Egal wie viele Nächte sie im Büro verbracht hat, sich die Zeit genommen die Stadt zu beobachten, hat sie nie gefunden. Lieber hat sie sich in Akten gewälzt und in Kaffee ertränkt. So sehr, dass selbst Adam sie einmal schief und etwas besorgt angesehen hat. Und das muss was heißen.

Sie seufzt leise und richtet sich ein bisschen auf. Ein stechender Schmerz durchzuckt ihren Körper und sie beißt sich auf die Unterlippe. Ihr Bein. Die Schusswunde. Da war ja was. Vorsichtig lehnt sie sich in die weichen Krankenhauskissen zurück. Drückt die aufkeimenden unangenehmen Erinnerung von der Entführung ganz weit nach hinten in ihren Kopf. Nicht jetzt. Sie will sich nicht darin verlieren, wenn sie alleine ist. Bloß nicht. Doch dass das gar nicht so einfach ist, wenn die Dunkelheit sie umgibt und die Stille ihres Krankenhauszimmers , merkt Pia schnell. Sie beißt sich auf die Lippe, bis sie Blut schmeckt. Blut. Ihre Schusswunde. Nein. Nein! Nicht verlieren. Sie braucht Ablenkung.
Erneut zieht Pia etwas schmerzerfüllt tief die Luft ein und greift nach ihren Handy, dass Esther ihr heute dagelassen hat.

Esther.

Ob sie wohl schläft? Womöglich schon. Nichts kann Esther vom schlafen abhalten. Oft wünscht sich Pia sie hätte auch so einen geregelten Schlafrhythmus wie ihre Kollegin, aber so viel Selbstdisziplin und Konsequenz kann Pia nicht aufbringen. Sie kann ja nichtmal einem Croissant widerstehen.

Fast automatisch finden ihre Finger Esthers Kontakt, ihr Daumen stockt über dem grünen Hörer. Ein Blick auf die Uhr. 3:42 Uhr. Esther schläft. 100 Prozent. Und doch… alleine mit ihren Gedanken kann Pia jetzt nicht sein. Noch nicht. Dafür ist es zu frisch. Sie seufzt und drückt das leuchtende Symbol, und führt ihr Handy an ihr rechtes Ohr. Es piept. Und piept. Dann ein Klick.

“Pia.” Esthers Stimme dringt durch zu Pia. Sie klingt… ungewöhnlich wach und gefasst. Keine Überraschung, keine Genervtheit in ihrer Stimme. Sie klingt wie immer. Als wäre 3:42 Uhr keine unchristliche Uhrzeit anzurufen.

“Hey. Ich… ähm… störe ich?”

“Nein. Tust du nicht.” Eine kleine Pause. “Alles ok?”

Pia atmet hörbar ein. Es ist auf keinen Fall alles ok. Sie ruft ihre Kollegin mitten in der Nacht an, von ihrem Krankenhausbett, auf dem sie liegt, weil sie entführt, angeschossen und halb in die Luft gesprengt wurde. Nichts ist ok.

“Ich weiß nicht”, antwortete sie deshalb halb ehrlich, ihre Stimme leise und unwillkürlich verstärkt sich ihr Griff ums Handy. Hoffentlich spricht sie nicht zu leise. Aber Esther scheint sie zu verstehen.

“Okay…. magst du erzählen?” Aus Esthers Mund hört es sich so leicht an. Als wäre sprechen, dass einfachste der Welt. Eigentlich erzählt Pia gerne. Aber jetzt ist ihr nicht nach sprechen. Warum sie dann Esther anruft kann sie sich auch nicht erklären. Leute rufen an um zu sprechen. Pia kommt sich dumm vor.
Wenn Esther das spürt, lässt sie sich nichts anmerken. Es ist still am anderen Ende als warte Esther auf Pia. Dass sie noch was sagt. Sie seufzt erneut und fährt sich müde über die Augen.

“Ne eigentlich… Tut mir leid, dass ich anrufe… es ist spät. Ich wollte nur… ach keine Ahnung.“ Ihre Frustration schwabt in ihren Tonfall über. Dabei kann Esther dafür nicht mal was. Sie war während der gesamten Besuchszeit bei ihr oder Leo. Sie war diejenige, die ein paar Sachen zum Anziehen gebracht hat. Pia bestimmt 20 mal gefragt hat, ob sie noch was braucht. Sie nach dem mühsamen und spärlichem Essen mit ihren braunen durchdringenden Augen so lange angesehen hat, bis Pia zugegeben hat, dass sie noch Hunger hat. Und ist dann wortlos runter gegangen, um ein Hörnchen beim Bäcker zu holen. Pia hat also absolut gar kein Recht ihren Frust über sich selber an Esther rauszulassen. Und doch… fühlt es sich so an.

“Hör auf dich zu entschuldigen”, reißt sie Esthers sanft aber bestimmender Tonfall aus ihren Gedanken. “Du störst nicht. Aber ich kann dir nicht helfen, wenn du nicht mit mir redest.”

Ist das ein vorwurfsvoller Tonfall, den Pia da hört. Nein… oder? Ist Esther sauer weil Pia nichts gesagt hat über das Ritalin? Über ihre Probleme zu schlafen? Bildet sie sich das ein? Sie weiß es nicht, aber sie entscheidet sich nicht darauf anzuspringen. Nicht jetzt. Sie will keinen Streit. Sie hasst Streit. Besonders mit Esther.

“Ich weiß gar nicht was ich sagen soll… Ich hab einfach auf den Hörer gedrückt. Ich konnte nicht mehr schlafen und dann … Esther, ich will gerade nicht alleine sein.” In ihrem eigenen Ohren klingt das ein bisschen weinerlich, aber Pia ist es eigentlich auch egal. Sie hat gerade genug vom stark sein. Und im Schutz der Dunkelheit und des Telefons kann sie es wenigsten Esther eingestehen, dass sie ein bisschen Angst hat.

“Willst du, dass ich komme?”

Pia blinzelt verwundert und braucht einen Moment bis sie die Worte registriert. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet. Mit beschwingenden Worten. Vielleicht ein gut gemeinter Ratschlag … aber das. Niemals. Es ist mitten in der Nacht. Die Besuchszeit ist vorbei. Jetzt Besuch zu empfangen würde gehen die Krankenhausregeln verstoßen und sie kennt keinen Menschen, der sich so an Regeln hält wie Esther.

“Du… ich meine… es ist fast 4 Uhr. Du willst doch auch schlafen und –“

“Ich hab nicht geschlafen und ich denke auch nicht, dass ich es heute Nacht werde. Und bevor wir jetzt am Telefon versauern, kann ich auch zu dir kommen.”

Aus Esthers Mund klingt alles so rational und klar, obwohl gar nichts an dieser Entscheidung rational ist. So wirklich gar nichts. Pia zögert eine Sekunde. Das Esther zugibt nicht geschlafen zu haben, macht ihr ein bisschen Sorgen. Aber dann… spricht doch nicht allzu viel dagegen, oder?

“Du musst nicht. Ich meine, es ist schon ein Weg und nur weil ich angerufen habe, musst du dich jetzt nicht verpflichtet fühlen zu kommen.”

Sie gibt Esther nochmal die Chance auszusteigen.

“Ich fühle mich nicht verpflichtet. Ich möchte kommen.” Ein kurzes Zögern auf Esthers Seite. “Wenn du es willst.”

Pia schließt die Augen und versucht ihr pochendes Herz zu ignorieren. Sie versteht die Frage nicht. Sie will nichts mehr als ihre Kollegin bei sich haben.

“Ja, bitte”, haucht sie vorsichtig.

Sie hört es sofort rascheln am anderen Ende. Eine Bettdecke wird zurück geschlagen.

“Dann bin ich in 20 Minuten da.”

Es waren wirklich 20 Minuten. Nicht das Pia auf die Uhr ihres Handys gestarrt hätte, wie eine Tiger auf sein Opfer. Nein. Sie hatte nicht die Minuten gezählt, bis sie ein zartes Klopfen vernahm und sich die Tür einen kleinen Spalt öffnete, Licht in das dunkle Zimmer lies. Für ein paar Sekunden, sieht sie eine Figur ins Zimmer huschen. Klein, schlank, bevor sich die Tür leise schließt.

“Pia?”

“Ich bin wach.”

“Gut.” Hatte Esther echt gedacht sie schläft? Als wenn sie schlafen könnte, wenn Esther sagt, sie kommt. Pia hört die vorsichtigen Schritte und setzt sich ein bisschen mehr auf, um das Licht der Nachttischlampe anzumachen - sehr zum Protest ihrer Rippen. Bevor sie den Nachttisch erreicht, spürt sie eine Hand sie sanft aber bestimmt ins Kissen zurück drücken.

“Lass ich mach.” Eine Sekunde später erleuchtet das Zimmer im schwachen Licht der Nachttischlampe. Pia kann endlich Esther sehen und erschrickt ein bisschen. Es ist nicht so, dass sie Esther heute nicht gesehen hätte. Aber hatte sie vorhin schon diese Augenringe? Pias Augenbrauen ziehen sich bisschen zusammen, als sie beobachtet wie ihre Kollegin vorsichtig einen Stuhl vom Bettende ran zieht und ihn an Pias Seite positioniert.

“Du siehst müde aus.” Messerscharfe Feststellung, Heinrich. Du solltest Kommissarin werden.

Esther hebt nur ihre rechte Augenbraue.

“Es ist 04:15 Uhr. Natürlich sehe ich müde aus.”

“Hast du so… gar nicht geschlafen?” Ein bisschen schlechtes Gewissen plagt Pia immer noch, dass sie angerufen hat.

“Nein.” Ist nur Esthers knappe Antwort. Pia versucht etwas mehr zu erfahren, aber egal wie sehr sie Esther beobachtet und versucht herauszufinden, was in ihrem Kopf vor sich geht, ihr Gesicht verrät nichts. Esther und ihr blödes Pokerface. Also muss sie den altmodischen Weg gehen.

“Warum hast du nicht geschlafen?”

“Das fragst du jetzt wirklich?”

“Ähm… ja?”

Sie sieht wie Esther die Augen rollt. Toll. Sie hat wieder, was für Esther offensichtliches übersehen. Warum kann Esther nicht einfach mal sagen, was sie denkt?

“Es ist schwierig ein Auge zu zubekommen, wenn zwei deiner Kollegen dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen sind.”

Oh. Da war ja was. Pia guckt etwas betröpelt runter auf ihre Hände. Irgendwie hat sie verdrängt, dass dieser Fall sich ja nicht nur auf sie und Leo auswirkt. Schließlich hat sie auch Adams Gesicht gesehen, als Leo in seinen Armen lag und wie aufgelöst, der doch so gefasste Mann die letzten Tage war. Nur irgendwie dachte sie Esther würde es kälter lassen. Sie hatte nicht einmal in ihrer Gegenwart die Miene verzogen. Natürlich merkte sie wie Esther sie genauer beobachtet hatte die letzten Tage und das Hörnchen hätte sie vielleicht auch nicht so gekauft, aber Schlafprobleme kommen in Esthers strukturierten Alltag einem Weltuntergang gleich. Das weiß Pia inzwischen.

“Das…tut mir leid.”

“Was? Meine Schlafprobleme oder dass du und Hölzer beinahe draufgegangen wärt?“ Esthers Stimme wird angespannter.

Pia seufzt. “Beides ein bisschen?”

“Ah”, kommt es nur kurz von Esther und ihre braunen Augen mustern Pia. Sie scheint nach was zu suchen, aber Pias weiß nicht was, also schaut sie wieder weg. Augenkontakt mit Esther ist gar nicht so einfach. Gerade jetzt. Esther scheint nicht zu finden, was sie sucht, weil sie seufzt im nächsten Moment, lehnt sich dann zurück in ihrem Stuhl, verschränkt ihre Beine übereinander.

„Mach das einfach nicht nochmal.“ Pia schaut schockiert auf. Esthers sonst sehr dominante und klare Stimme klingt so leise, fast traurig. Und auch im Dämmerlicht kann Pia jetzt in Esthers Gesicht ihre Sorgenfalten erkennen. Ihre Augen spiegeln nun die Müdigkeit wider, die ihre Augenringe schon prophezeit haben.

„Es tut mir leid“, wiederholt Pia nochmals, kommt sich selbst aber wieder so unglaublich dumm vor. Natürlich tut es ihr leid. Aber zurück drehen kann sie die Zeit auch nicht. Esther nickt nur und schließt dann einen Moment die Augen. Ein fast gequälter Ausdruck huscht ihr übers Gesicht bevor sie langsam ausatmet.

„Ich hatte eine scheiss Angst um dich, Pia. Ich dachte… ich dachte eine zeitlang du wärst nicht mehr am Leben. Und dieses Gefühl will ich niemals wieder empfinden.“
Esther sieht sie nicht an, ihre Augen sind geschlossen. Ihre Stimme wackelt gefährlich. Pia nickt nur, auch wenn Esther sie gerade nicht sehen kann. Alleine das Esther all das ausspricht, schockt Pia zu sehr um zu antworten. Esther schmeißt in der Regel nicht gerade mit Gefühlen und Bekundungen um sich und alleine, dass sie jetzt hier sitzt und so etwa sagt, zieht in Pia alles zusammen. Doch sie zwingt sich schließlich zu sprechen.

„Ich dachte auch ich sterbe.“

Esther öffnet ihre Augen und sieht sie an. mit diesem unleserlichen Blick. Eine Weile schweigen sie und gucken sich nur an bis Esther die Stille bricht.

„Ich kann dich nicht verlieren.“

Pias Brust zieht sich zusammen, da Esther sie mit so viel Ernsthaftigkeit ansieht, dass ihr fast schlecht wird. Sie schluckt.

„Ich dich doch auch nicht.“

„Aber ich bin nicht diejenige, die sich in dieses waghalsige Rattennest gestürzt hat, ohne auch nur Bescheid zu sagen.“

Das sitzt. Weil Pia weiß, dass Esther Recht hat. Sie würde nie etwas komplett unüberlegtes tun. Pia schon. Sie beißt sich auf die Lippe und bereitet sich auf Esthers Donnerwetter vor. Doch es kommt nichts. Sie sieht auf und sieht noch wie Esther erneut die Augen schließt und seufzt. Frustriert streicht sie sich ihre schwarzen kurzen Haare zurück hinters Ohr und sieht dann wieder Pia an.

„Bitte versprich es mir, Pia. Bitte versprich mir, dass du mit mir redest. Ich kann nicht in ständiger Sorge um dich leben, weil du deinen Selbsterhaltungstrieb regelmäßig ausschaltest. Bitte… versprich es mir einfach.“

„Ich verspreche es.“

Sie braucht keine Sekunde darüber nachdenken. Natürlich will sie nicht, dass es Esther schlecht geht. Sie sieht es ihrer Kollegin an und das macht ihr fast mehr Angst, wie alles die Tage davor.

Die Schwarzhaarige nickt wieder und lehnt sich dann langsam vor, und umschließt vorsichtig ihre Hand mit Pias. Ihre eigene Hand beginnt zu kribbeln, aber es ist eine willkommener Ablenkung zu den Schmerzen der letzten Tage. Ihr Blick findet Esthers, die sie einfach nur wieder ansieht. Wie so oft die letzten Tage.

„Danke“, flüstert sie schließlich fast erleichtert und drückt Pias Hand. Pia drückt zurück und für den Augenblick, ist alles wieder ok. Denn Pia weiß, sie ist nicht allein.