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Max von Haber geht lange vor der Unterkunft des Kaleuns hin und her. Er ist sonst nicht der aufdringliche Typ – oder besser, er bemüht sich darum, ihn nicht zu sein. Aber die erste Feindfahrt auf der U-612 hat sein Selbstverständnis davon, was die Deutsche Kriegsmarine ist und aus wem die Deutsche Kriegsmarine besteht, bis ins Mark erschüttert. Wäre Kapitän Hoffmann nicht gewesen, Max hätte schwerstens zu kämpfen gehabt, seine Erlebnisse an Bord und mit der Mannschaft noch irgendwie mit dem Traum zu vereinen für den er genug gebrannt hatte, um die Offiziersschule in Mürvik abzubrechen und sich stattdessen unter die Matrosen zu mischen.
Aber der Kaleun, Klaus Hoffmann, der Sohn des alten Hoffmanns, dessen Werk Max schon mit dreizehn abends spät in seinem Zimmer mit der Taschenlampe unter der Bettdecke verschlungen hatte, sodass ja kein verräterischer Lichtschein unter der Tür seine Mutter zu einer Schelte bewegen konnte, er hatte alledem einen Sinn gegeben. Die Mannschaft mochte verroht sein, Max wusste nicht woran es lag, aber solange es Lichtgestalten wie Hoffmann gab, an denen er sich orientieren konnte, fühlte er tief in seinem Herzen, dass die Marine der richtige Ort für ihn war.
So hatte er sich also nach einigem Zögern und Zaudern dazu entschlossen, dem Kaleun seine Bewunderung und Loyalität in Person zu bezeugen. Sie würden alle bald auf Heimurlaub fahren, und Max wollte seinen Kommandanten mit Lob unter den Segeln auf den Heimweg schicken. Er findet schließlich das Klingelschild, kündet seine Präsenz an und hofft auf das Beste.
Tatsächlich muss er nicht lange warten, bis ein in entspannte und doch elegante Freizeitkleidung gewandter Hoffmann ihm die Türe öffnet.
„Max!“, grüßt der Kaleun überrascht.
„Herr Kaleun.“ Max nickt respektvoll.
„Was treibt Dich denn hierher?“
„Ich hatte gehofft, mit Ihnen sprechen zu können.“ Hoffmanns Augenbrauchen heben sich auf der glatten Stirn, aber er bittet Max umgehend und mit tadelloser Freundlichkeit einzutreten.
„Kann ich Dir etwas zu trinken anbieten?“ Hoffmann greift nach einer Flasche auf der Bank. „Französischer Apfelschnaps ist das, glaube ich.“ Er runzelt die Stirn und studiert das Etikett. Dann sieht er fragend zu Max auf.
„Gerne.“
Sie setzen sich auf die Stühle bei Hoffmanns Pult, und Max bewundert die lässige und doch gesetzte Haltung des Kaleuns. Wahrlich ein Mann von einem Kaliber, von dem sie andere alle nur träumen können. Hoffmann schaut ihn nun fragend an – Max‘ Moment ist gekommen.
„Auf dem Boot, als… als es knapp geworden ist um Ihr Kommando…“ Er kommt plötzlich ins Stocken. Weiß trotz – oder gerade wegen – der Überzeugung in seiner Brust nicht, wie er sich nun ausdrücken soll. „Ich hätte zu Ihnen gehalten. Unter allen Umständen. Was auch immer es gekostet hätte.“
Hoffmann sieht ihn nachdenklich an, und Max geht zum spätesten denkbaren Zeitpunkt auf, dass es vielleicht falsch war, die fast stattgefundene Meuterei anzusprechen. Er war so beseelt von der Idee gewesen, Hoffmann seine Treue zu erklären, dass ihm das Offensichtliche – nämlich, dass jeder normale Kapitän eine solch schamvolle Erfahrung nicht bezichtigt haben wollte – gar nicht eingefallen war. Er will sich schütteln für seine Dummheit.
Doch Hoffmann überrascht ihn einmal mehr. Er ist schließlich auch nicht jeder normale Kapitän – was genau das ist, was Max an ihm so schätzt.
„Vielen Dank, Max“, sagt der Kaleun schließlich. „Das bedeutet mir viel.“
Max schwillt vor Stolz die Brust. Er nickt würdig, und kann wohl doch die wogende Intensität seiner Gefühle, die sich in seinem Gesicht spiegeln müssen, nicht ganz unterdrücken. Hoffmann weiß es, versteht es, dass Max besonders ist, dass er sich Mühe gibt wie kein anderer. Und dass er ihm über alle Maßen treu ist. Hoffmann nickt zurück mit etwas, was man schon fast als eine spielerische Abwandlung des Zackigen Marinegrußes deuten könnte, und die Freude darüber vom Kommandanten mit einer so privaten Schalkhaftigkeit bedacht zu werden, treibt Max die Hitze in die Wangen.
„Spielen Sie Schach?“ fragt der Kaleun nach einer kurzen Pause, und Max bejaht, obwohl er zwar die Regeln kennt, sich darüber hinaus aber chronisch blamiert bei diesem Spiel.
Max‘ Wangen röten sich mit der voran tickenden Uhr, mehr noch von der Freude über die Gesellschaft des Kaleuns als vom Französischen Apfelschnaps, der ihm mit jedem vorsichtigen Nippen besser schmeckt. Ihm werden die Finger fahrig je länger er Hoffmann dabei zusehen muss, wie er seine Schachfiguren auf dem Brett herumzieht, mit eleganten, zielgerichteten Bewegungen.
Max ist jämmerlich am Verlieren, so viel ist ihm klar. Es stört ihn nicht im Geringsten.
„Herr Kaleun..." Hoffmann sieht auf. Lächelt warm.
„Ja, Max?"
„Herr Kaleun, ich finde, dass Sie ein hervorragender Kommandant sind.“
„Ah.“ Hoffmann nickt. „Vielen Dank.“
Max nickt ebenfalls, eifrig.
„Und ein fantastischer Mann.“ Hoffmann sieht aus, als wäre er inzwischen unangenehm berührt. Max versteht, dass der Kaleun es nicht mit Lob hat, aber irgendwo muss er hin mit der brennenden Bewunderung in seiner Brust. „Einmal will ich auch so sein wie Sie. Was Sie für die Marine tun...“ Hoffmanns Gesichtsausdruck wandelt sich von unangenehm berührt zu leicht gequält. „Aber auch abgesehen von der Marine“, bricht es weiter aus Max heraus, „Sie haben Integrität.“ Der Schnaps wischt den letzten Rest Selbstbeherrschung, der ihn in normalen Momenten vor ebensolchen verbalen Malheurs schützt, beiseite. „Ich finde, Sie sind einfach wundervoll.“
Hoffmann räuspert sich.
„Ja. Das war ein netter Abend.“ Max sinkt das Herz und Hoffmann steht auf. „Für morgen wollen wir auch noch Energie über haben, oder?“ sagt der Kaleun auf eine Art, die wohl munter sein soll, aber vor allem angespannt wirkt. Max nickt mechanisch.
Ehe er sich‘s versieht ist er schon zur Garderobe geleitet worden. Ein Kloß steckt in seinem Hals und der Mut pocht heiß in seinen Händen. Hoffmann nickt, das Gesicht nun wieder freundlich, wenn auch mit einer Wachsamkeit darin, die zuvor nicht da war.
„Herr Kaleun, bitte –“, beginnt Max als er schon den Mantel anhat, und Hoffmann versteift sich.
„Gute Nacht, von Haber“, sagt er bestimmt und mit kontrollierter Stimme, und deutet zur Tür. Es bricht aus Max heraus, bevor er sich stoppen kann.
„Aber Herr Kaleun, verstehen Sie denn nicht, was ich Ihnen sagen will? Ich finde Sie wirklich wundervoll und ich –“ In einem Sekundenbruchteil wird er am Kragen gepackt und die Worte werden ihm förmlich ins Gesicht gespuckt.
„Natürlich verstehe ich das, Sie absoluter Vollidiot“, zischt Hoffmann durch die Zähne. „Und jetzt hören Sie auf mit diesem Mist, bevor wir beide noch Probleme bekommen.“ Er stößt Max von sich und der stolpert rückwärts. „Wenn Sie auch nur ein Fünkchen Verstand haben, werden Sie sowas nie wieder tun, niemanden gegenüber.“ Er starrt Max aufgebracht an. Der regt sich nicht. „Haben Sie mich verstanden, von Haber?“
Max keucht Tränen nieder. Er schluckt und nickt.
Hoffmann sieht erst aus, als würde er ihm weiter gehörig die Leviten lesen wollen, besinnt sich dann aber. Er atmet aus, scheint in sich zusammenzufallen, plötzlich müde. Erschöpft streicht er sich mit der Hand übers Gesicht.
„Du willst nicht ins Lager kommen, Max“, sagt er schließlich leise. Max schafft es nicht ihn anzusehen, die Scham und die Enttäuschung bringen ihn fast um. „Und du bist ein guter Matrose“, fügt der Kaleun hinzu, nun fast so etwas wie Güte oder vielleicht sogar Trost in der Stimme.
Max nickt stumm, beißt die Tränen herunter. Hoffmann nickt ihm ebenfalls zu. Vielleicht tut es ihm leid, das alles.
„Und jetzt gute Nacht“, sagt Hoffmann und lässt Max im Eingangsbereich stehen.
Max bleibt nichts anderes übrig als sich selbst zur Tür hinauszulassen. Die Tränen, die nun endlich aus ihm herausbrechen, vernebeln ihm die Sicht auf dem ganzen Weg bis zur Kneipe.
