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Birke, Blicke und das, was keiner sagt

Summary:

Vor Leos Haus steht ein Baum. Eigentlich nichts Ungewöhnliches – wären da nicht die Kabelbinder, das Herz mit seinem Namen, das Krepppapier in Regenbogenfarben und die Tatsache, dass Leo niemandem gesagt hat, er wünsche sich so was.

Ein Maibaum, ein Hölzer, ein Schürk – und die Frage, ob alte Gefühle wirklich verschwinden.
(Enthält: gefühlige Birken, tückische Küchenmomente und einen Nachbarn, der alles mitkriegt.)

Notes:

ein kleines geschenk für den tanz in den mai <33 bissi rushed and nicht perfekt, aber das muss es auch gar nicht sein <3

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Vor seinem Haus stand ein Baum.

Das wäre nicht weiter ungewöhnlich. Es war auch ein durchaus schöner Baum. Eine kleine, junge Birke mit ungewöhnlich vielen Blättern. Aber die Birke war nicht gepflanzt, sondern stand mit Kabelbindern an das Wasserrohr befestigt und wackelte gefährlich im leichten Wind. In ihr flatterten hunderte Streifen aus Krepppapier, in allen Farben des Regenbogens, um ihre dünnen Äste gewickelt.

Und das war nicht alles. Um den Stamm der Birke gebunden thronte ein rotes Herz aus Holz. Ein rotes Herz aus Holz, auf dem sein Name stand. Leo, hieß es in dicker, leicht unordentlicher Schrift.

Vor seinem Haus stand ein Baum mit seinem Namen auf einem Herz.

Adam ging nicht an sein Handy. Caro auch nicht. Was solls. Er würde sie spätestens heute Nachmittag sehen. Die Hölzers hatten zu Kaffee und Kuchen geladen, und wie gerufen so gekommen. Zähneknirschend steckte Leo das Handy zurück in die Tasche und starrte den Baum an.

Tatsächlich hatte er die letzten zehn Minuten nicht viel anderes gemacht, als zu starren.

Verdammt, er war Hauptkommissar bei der Mordkommission. Er würde ja wohl… Ja was würde er wohl können? Er hatte immer eine Lösung parat, und wenn er keine hatte, musste er eine finden und das meistens so schnell wie es ging. So war das in seinem Job halt.

Aber die Wahrheit war, dass dies einer der wenigen Momente war, in denen Leo Hölzer nicht wusste, was er machen sollte.

“Wenn du willst, kriegst du deinen Maibaum”

Natürlich wusste er, was ein Maibaum war. Es mochte im Saarland zwar nicht so präsent sein wie in anderen Teilen Deutschlands, aber er war genug rumgekommen, um zumindest einmal die Theorie hinter dem Brauch zu kennen. Die jungen Männer stellten ihren Freundinnen einen Maibaum, um ihre Absicht zu bekunden.

Und er hatte keine Ahnung, wer für diesen Maibaum verantwortlich war. Noch bevor Adam wieder aufgetaucht war, hatte er sich mit dem Single-Leben angefreundet und alle Dating-Apps gelöscht. Es gab niemanden in seinem Leben (und das war okay so).

Das stimmte nicht ganz. Er hatte eine böse Ahnung, die immer plausibler wurde, je länger er darüber nachdachte.

“Ich habe noch nie… einen Maibaum gestellt bekommen”

Er wusste gar nicht mehr, wie sie auf das Thema gekommen waren. Sie waren abends noch zu Pia gefahren, um einen abgeschlossenen Fall zu feiern. Irgendwann wollte Pia unbedingt “ich hab noch nie” spielen, und vielleicht weil die Euphorie über den abgeschlossenen Fall so groß war, hatten sie zugestimmt, obwohl sie eigentlich schon viel zu alt dafür waren.

“Das wäre ja auch dein Job”, lachte Pia.

“Ah Heinrich, aber wir haben 2025. Wie war das mit der Gleichberechtigung nochmal?”

“Hast du denn schonmal einen Maibaum gestellt?”

“Einmal” Pia und Esther lachten und schüttelten den Kopf.

Er sah Adam nicht an. Adam sah ihn nicht an. Er wusste, sie beide dachten an den Mai bevor Adam gegangen war. Warme Sonne, verstohlene Berührungen. ‘Ich versteh das mit den Maibäumen nicht, ist doch nur Performance’. ‘Ich finds süß’- Schulterzucken ‘Überzeug mich’. Etwas, das gerade so als Baum qualifizierte, an das Baumhaus gebunden und mehr schlecht als recht dekoriert. Der Mai, in dem es sich anfühlte, als könnten sie die Welt erobern.

“Wusste gar nicht, dass du auf so was Wert legst, Hölzerchen”, witzelte Esther und er konnte nur die Schultern zucken. Natürlich dachte er nicht, dass ein Maibaum die Höhe des Liebesbeweises darstellte. Aber er mochte die Idee dahinter.

“Tu ich doch gar nicht”, es klang sogar in seinen eigenen Ohren schwach.

“Wenn du willst, kriegst du deinen Maibaum”, scherzte Adam, aber als Leo ihn ansah, schaute dieser mit einer Ernsthaftigkeit an, dass er eine Gänsehaut bekam.

War er geschmeichelt? War er sauer?

Er wusste es nicht. Irgendwie beides gleichzeitig. Eher sauer. Adam Schürk dachte wohl, er wäre der witzigste Mensch auf Erden.

Und es war ein Scherz. Es musste einer sein.

(Die Hoffnung, die in ihm aufkeimte, war verräterisch. Aber da waren die Blicke, in denen so viel Unausgesprochenes lag, die Berührungen, die immer noch zu lange dauerten. Diese verräterische Hoffnung ließ sein Herz warm werden.)

Leo schob sie beiseite, ganz resolut. Er hatte sich versprochen, dass er sich keine falschen Hoffnungen mehr machen würde. Das hatte vor 15 Jahren nicht gut geendet, das würde es auch diesmal nicht.

Er wollte gar nicht daran denken, was das bedeuten würde. Für Adam, für ihn und für sie beide, was auch immer da war. Die seltsame Balance, die zwischen ihnen herrschte,seit Adam zurück war (zu langer Augenkontakt und diese Intimität, da wo keine sein sollte) geriet ins Schwanken und Leo wusste nicht, ob er bereit für den Sturz war.

Aber all das half dem Fakt nicht, dass da ein Maibaum für ihn an dem Reihenhaus stand, in dem er wohnte und er niemanden erreichen konnte.

“Leo, na da hast du dir aber einen engagierten Verehrer angelacht hmm”

Herr Müller. Resigniert schloss Leo die Augen. Er hatte mit dem Gedanken gespielt, den Baum einfach abzubauen und zur nächsten Biomülldeponie zu fahren und das ganze niemals anzusprechen. Das konnte er jetzt vergessen. Wenn Herr Müller etwas wusste, dann wusste es das ganze Haus. Und wenn das Haus was wusste, dann wussten das die Kinder und ehe er sich versah, wusste direkt halb Saarbrücken davon.

“Nur ein Scherz unter Kollegen, befürchte ich.”

“Na wenn du das meinst.”

Sie lachten und ihre Wege trennten sich. Erst als er auf dem Weg zu dem Haus seiner Eltern war, merkte Leo, dass Herr Müller über einen Verehrer gesprochen hatte. Maskulin. Männliche Form. Er wusste nicht, was er mit dieser Aussage seines Nachbarns anfangen sollte. Aber sie wirkte nach, und das schwere Gefühl in seinem Magen kehrte zurück und traf ihn wie ein Schlag. Er wusste nicht einmal, wieso.

Aber jetzt hatte er keine Zeit mehr, sich damit zu beschäftigen, was Herr Müller wohl meinen könnte. Er parkte sein Auto vor dem Haus seiner Eltern- Caro war früher dagewesen und hatte sich den guten Platz in der Einfahrt gesichert also musste er jetzt weiter laufen. Aber auch als er den Motor ausgestellt hatte, konnte er sich nicht dazu überwinden, auszusteigen.

Caro würde ihn fragen, warum er angerufen hatte. Und er hatte keine Antwort. Zumindest keine, die nicht von bunten Bäumen und einem pochenden Herzen handeln würde. Und dann würde sie ihn wieder mit diesem Blick anschauen, unter dem er ganz klein wurde, weil sie keine Worte brauchte, um ihm mitzuteilen, dass er es besser wissen sollte.

Und das tat er ja auch- eigentlich.

Caro war wohl die einzige, die wusste, was er eigentlich schon immer für Adam gefühlt hatte. Und dabei hatte er ihr nie davon erzählt. Sie schob es auf ihr Großes-Schwester-Gen, und weil er keine bessere Antwort wusste, musste Leo ihr glauben. Und sie wusste auch, wie sehr es ihn aufgefressen hatte, als er nicht mehr da war.

“Leo, wie schön, du hast es auch geschafft”, seine Mutter nahm ihn in den Arm, aber er konnte nur aufs Sofa starren.

Im Wohnzimmer der Hölzers grinste ihm Adam entgegen, unfassbar selbstgefällig und als habe er nie woanders hingehört.

“Dein Vater hat Adam gestern Abend noch getroffen und ihn direkt eingeladen. Das hättest du eigentlich auch machen können. Du weißt ja, er ist hier immer willkommen.” In der Stimme seiner Mutter klang ein unausgesprochener Vorwurf mit, und er spannte jeden Muskel an, um nicht zusammenzuschrumpfen.

“Achso. Was hat Adam denn gestern Abend noch so dringendes gemacht, Papa?”, hörte er sich selbst fragen. Obwohl die Frage eigentlich an seinen Vater gerichtet war, konnte er seinen Blick nicht von Adam lösen.

“Ermittlungsarbeit”, sagte Adam und zwinkerte.

Lügner. Leo wusste ganz genau, dass sie gerade keinen neuen Fall hatten und besonders keinen, der Arbeit nach Feierabend erforderte. Besonders keine, wo er auf Leos Vater hätte treffen können. Und Adam wusste, dass Leo das wusste.

Er wartete bis sie einen Moment alleine hatten. Das stellte sich als unerwartet schwer heraus, denn Leos Mutter war bedacht darauf, immer mindestens einen der beiden mit irgendetwas beschäftigen. Sei es das Tischdecken, Servieren der Nachspeise oder Tragen der schweren Getränkekisten in den Keller.

Erst als Adam sich freiwillig für den Abwasch meldete (eine Aufgabe, die immer noch niemand gerne übernahm), konnte er ihn stellen. Es war seltsam still zwischen ihnen auf eine Art, die er nicht wirklich kannte.

“Ist das dein Ernst, Adam? Ein verfickter Maibaum?”

“Den hast du dir doch gewünscht. Ist doch ganz süß”

Leo fühlte sich wie ins Gesicht geschlagen. Adam konnte nicht wissen, dass er genau die selben Worte benutzte wie er selbst vor 15 Jahren. Unmöglich konnte er sich daran erinnern. Aber es traf ihn trotzdem genauso hart.

“Was soll der Scheiß? Das hab ich doch nicht Ernst ge-”

“Du hast mich halt doch überzeugt.”

Die Balance zwischen ihnen rutschte und rutschte und Leo konnte sie nicht mehr aufhalten, bis sie sich vollständig verlor. Also wusste Adam doch, was er mit seinen Worten tat. Der Raum zwischen ihnen schrumpfte und unweigerlich machte Leo ein, zwei Schritte, bis er direkt vor Adam stand. Von hier aus konnte er jede Wimper zählen, jedes Haar, die brüchigen Lippen. Er fragte sich, wie es wohl wäre, diese zu küssen.

"Das war doch nur als Scherz gemeint”, aber Adams Stimme war auf einmal leise und unsicher auf eine Art, die Leo nicht oft an ihm sah. Fast als seien sie wieder 15 und auf der Flucht vor der ganzen Welt.

“Ach ja?”

“Leo, ich-”

Ihre Blicke trafen sich und alles, was Leo denken konnte, dass das alles so nicht laufen sollte. Das war nicht der richtige Moment. Hier in der viel zu engen Küche seiner Eltern, die im Wohnzimmer nebenan mit Caro lachten. Er hatte sich das alles irgendwie anders vorgestellt.

"Na, ihr Turteltauben, seid ihr durch?"

Der Moment war gebrochen, als Caro die geschlossene Tür schwungvoll aufstieß und mitten in den Moment hineinplatzte. Sich der unangenehmen Situation scheinbar unbewusst, zog sie Adam nach draußen um “mit der Technik zu helfen”, aber er wusste genau, dass sie ihn spätestens morgen in die Mangel nehmen würde.

Aber jetzt stand er einfach nur da, in der Küche die auf einmal viel zu groß für ihn schien, und die Stille hallte laut in seinen Ohren.

Was war da gerade passiert? Er wusste es nicht. Er wusste auch nicht, was er denken sollte, wie er sich fühlen sollte. Aber er war nicht mehr sauer auf Adam, denn wie konnte er auch?

Und er wusste auch, dass da etwas war zwischen ihnen. Dass das nicht nur eine verräterische Hoffnung war. Dass all die Momente zwischen Ihnen sich auch für Adam noch so anfühlten, wie in dem Mai, in dem sie glaubten, die ganze Welt erobern zu können.

Erst als sie nach Hause fuhren (“Du kannst Adam das Stück doch mitnehmen, er ist mit dem Bus gekommen”), schaffte er es, Worte zu finden. Es waren die falschen, und er redete nicht über das, was wirklich wichtig war.

Aber es war ein Friedensangebot.

“Was ich immer noch nicht verstehe, ist wie du diesen Baum überhaupt zu mir bekommen hast”

Adam lachte nur und lehnte sich auf seinem Sitz zurück und Leo musste sich damit abfinden, dass manche Dinge wohl ungeklärt blieben. Er sah nicht, wie Caro in sich hineinlächelte, als die beiden fuhren und Pias Augen am nächsten Morgen auf der Arbeit schelmisch funkelten.

Leo sagte nichts mehr. Nicht über den Baum, nicht über die Vergangenheit. Aber als ihre Hände sich auf dem Sitz berührten und keiner von beiden sie zurückzog, wusste er, dass es nicht mehr nur Hoffnung war. Es war ein Anfang.

“Wenn du willst, kriegst du deinen Maibaum”

Notes:

oopsies I dipped for a hot sec, hab aber mein semester überlebt, bin wieder auf der arbeit und hab mein leben lowkey in den griff bekommen :)

You can take a girl out of the Rheinland but not the Rheinland out the girl! Ich liebe die Idee vom privaten Maibaumstellen und auch wenn sie im Saarland nicht so präsent ist, musste ich doch was kleines schreiben!

Wenns euch gefallen hat, freu ich mich wie immer über Feedback!

Anyways ich hab euch alle ganz doll lieb, ihr verdient die Welt <33 Bis hoffentlich ganz bald, bleibt gesund und passt auf euch auf <33