Chapter Text
Ich wiege ein Netz mit Äpfeln, als Leon hinter mir sagt: „Markus meint, du wärst in letzter Zeit öfters abends nicht zuhause.“
Das Obst und Gemüse auf dem Bildschirm leuchtet mich an, rot-gelb-grün. Ich starre auf die Äpfel. 00,87 Kilo. Obst. Äpfel. Gala. Boskop. „Welche Sorte war das nochmal?“, frage ich, „Und welche Nummer?“
Ich höre Leon über den Boden schlurfen. „1004.“
2,60€. Der Drucker schnurrt das Etikett hoch. Ich klebe es so auf die Äpfel, dass der Barcode nicht geknickt wird, und lege das Netz in den Einkaufswagen. Leon hat sich mit den Unterarmen auf dem Griff abgestützt und lässt den Rest seines Körpers lose vor sich hin baumeln. Wie ein Schluck Wasser in der Kurve, hätte Oma jetzt gesagt und ihm einen Schlag auf den Nacken gegeben. Sie hat immer ihren Ehering getragen; wenn sie besonders hart zugeschlagen hat, konnte man davon einen roten Abdruck sehen.
„Also“, sagt er und grinst, „Gibt’s da was zu berichten?“
Ich krame die Einkaufsliste hervor und ziehe den Wagen an den Pilzen vorbei in Richtung der Schokoladenregale. „Wie weiß Markus überhaupt, ob ich da bin oder nicht? Der lässt sich doch selbst kaum mehr blicken. Ich vergess‘ langsam, wie er aussieht.“
„Haha.“ Leon fährt mir den Wagen gegen die Hüfte. „Lenk‘ nicht ab.“
„Braucht Petra die Schokolade zum Backen?“
„Woher soll ich das wissen?“
Ich höre an seiner Stimme, dass er lieber „Was interessiert mich Petra?“ geantwortet hätte. Von der Wut, die er runterschluckt, muss sein Kehlkopf mittlerweile rot und blutig sein. Petra erträgt es mit Fassung, sie war sogar mit Leon bei seinem Therapeuten. Sie muss Papa echt lieben, wenn sie sich freiwillig eine Stunde Gespräch mit Herrn Kostić antut, der immer nach Kaffee und herbem Parfum riecht und dich anguckt, als wüsste er ganz genau, dass du ihm Dinge verheimlichst.
„Du wohnst quasi mit ihr zusammen“, antworte ich.
„Tu ich nicht.“
Ich drehe mich zu ihm um. „Wie viele Tage in der Woche siehst du sie?“
Leon zieht die Augenbrauen zusammen und schiebt die Unterlippe vor. Böse Zungen würden behaupten, dass er schmollt. Es ist nicht einmal so, als könnte er sich beschweren. Er ist im Sommer wieder zurück nach Hause gezogen – als Ansporn, sich jetzt wirklich um eine Ausbildung zu kümmern, anstatt in der riesigen Wohnung in München, die Erol Deniz gekauft hat, auf der Couch zu liegen und zu kiffen während Deniz sich mit seinem Sportmanagement-Studium abmüht – und da waren Petra und Papa schon über ein Jahr zusammen. Sie sagen immer, dass sie nicht mehr zusammenziehen wollen, dafür sind wir einfach zu alt, aber Petra ist eben Papas Freundin, also ist sie ständig da. Deswegen waren sie überhaupt erst bei Herrn Kostić, weil Leon sich geweigert hat, mit ihr an einem Tisch zu essen und Petra es irgendwann leid war. Sie ist wahnsinnig pragmatisch in solchen Dingen. Unfassbar, dass sie mit so einem Träumer wie Papa zusammen ist.
„So ‘ne Tante von ihrer Arbeit hat Geburtstag.“
„Danke.“ Ich nehme eine Tafel Zartbitter aus dem Regal. Fairtrade, obwohl das Label meist nicht so viel aussagt. Ich könnte ihr die Tony’s mit Meersalz unterjubeln, aber am Ende versaut ihr das das Rezept. Die Auswahl hier ist riesig. Der Edeka wurde eröffnet, als wir Teenager waren, irgendwann im Herbst, eine riesige Halle mitten im Brachland hinter den Graffitiburgen, als die ganzen Glasfassaden-Häuser noch in Planung waren. Damals hat keiner dran geglaubt, dass das mit dem Neubaugebiet nochmal was wird, aber mittlerweile sieht es hier aus, als hätte Gott einen riesigen Kniffel-Becher ausgeschüttet und ein paar dünne Bäume dazwischen gesteckt. Irgendeine dreiköpfige Yuppie-Familie isst ihr Abendessen über der Leiche von Vanessas erstem Bronco-Rad.
Es war Leons Idee, heute hierhin zu fahren. Als wir Kinder waren, war es für uns das Größte, wenn Papa uns mit in den Metro genommen hat und wir die Hummer anstarren und zwischen den riesigen Regalen Verstecken spielen konnten; seitdem ist jeder größere Supermarkt quasi das Oktoberfest. Außerdem haben die hier eine riesige Palette an Softdrinks – diese lokalen Eistees und Limonaden, mit Wortspiel im Namen und ohne künstliche Zusatzstoffe – und Leon steht total auf sowas, seit er mit dem Trinken aufgehört hat. Dass es sehr Mutter-Sohn-mäßig ist, wie wir für Petra einkaufen gehen, sage ich ihm nicht.
„Du machst es schon wieder“, sagt Leon.
„Was?“
„Ich hab‘ dir eine Frage gestellt, Bruderherz.“
Wir stehen vor den Marmeladen, die in ihren Gläsern um die Wette funkeln wie Juwelen. Aprikose für Papa, Waldbeere für Leon. Ich starre abwesend die Tuschezeichnungen auf den Etiketten an. Ich könnte mir Holundergelee mitnehmen, aber mein Magen wirft in den letzten Tagen alles, was ich ihm vorsetze, trotzig schreiend durch die Gegend, also wäre es rausgeworfenes Geld.
„Wir sind hier, um einzukaufen, nicht, um über mein Liebesleben zu sprechen“, entgegne ich, und reibe meine Backenzähne aufeinander, als mir auffällt, was ich gesagt habe.
„Ich kann Multitasking.“
Ich lege den Kopf schief. „Das wäre mir neu.“
Ich laufe weiter in die Fleischabteilung, Leon folgt mir mit dem Wagen. Unterwegs greift er eine Packung Pommes aus der Tiefkühltruhe. Sie wollen heute Abend Schnitzel machen. Ich kann die nackten Steaks in den Auslagen nicht ansehen. Linksgrünversifftes Klischee. Während der Unterrichtseinheit zum Thema Stillleben musste ich einmal den Raum verlassen, weil ich nicht mehr richtig atmen konnte. Diese ganzen Tiere mit rotem, rohem Fleisch und Löchern in ihren Bäuchen, so groß, dass man die Hand hineinstecken könnte. Geschälte Zitronen, kleine Messer. Mein Projekt zu dem Thema bestand daraus, Drucke von Stillleben mit Acrylfarbe so zu bearbeiten, dass alles darauf heile ist, alle Schnitte rückgängig gemacht. Herr Eckert fand die Idee bescheuert, aber er hat mich machen lassen, weil ich daran gearbeitet habe wie ein Getriebener – das hat ihm gefallen.
„Gehst du an die Fleischtheke?“, frage ich, „Ich hol‘ mir dann mein Zeug.“
Endori Veggie-Schnitzel aus Erbsen. 2,49€. Ein toter Fisch starrt mich von seinem Eisbett aus an. Auf jeder einzelnen Schuppe liegt eine kleine, rosige Lichtreflexion, darauf müsste man achten, wenn man ihn mit Farbe wieder zunähen wollte. Ich drücke meine Zunge gegen den Gaumen in der Hoffnung, so den salzigen Körpergeruch auszusperren. Vorhin habe ich überlegt, nach dem Essen zuhause zu schlafen, in Leons riesigem Doppelbett, das jetzt in unserem alten Zimmer steht. Übernachtungsparty, wie früher jeden Abend. Leons Stimme unter mir, das dumpfe Wummern seines Fußes, der nach jedem Satz gegen eine der Streben tritt. Mädchen sind so scheiße kompliziert, Mann. Weißt du, auf der Vereinsfeier war ich mir so sicher, dass Annika mit mir rummachen will, aber dann war sie einfach weg und jetzt antwortet sie nicht auf meine Nachrichten. Das ist doch dumm. Ich mein, checkst du das etwa? Aber was frag‘ ich überhaupt. Du hast solche Probleme ja nicht. Die Hälfte der Mädchen aus deinem Jahrgang würde dich vögeln, safe. Du müsstest sie einfach nur fragen. Warum fragst du sie eigentlich nicht? Zu dem Zeitpunkt war ich schon keine Jungfrau mehr – also so richtig, auf die Art, an die die meisten Jungs nicht einmal denken – und ich war überzeugt davon, dass Leon mich umbringen würde, wenn er es wüsste. Verräter. Er hat vor dem Einschlafen an Annika oder Ronja oder vergeblich an Vanessa gedacht und ich an seine Wut, sein Geschrei, seine Fäuste.
„Entschuldigung, ich müsste da mal hin.“
„Oh, sorry.“ Ich mache einen Schritt zur Seite. Der junge Mann, der sich ein veganes Hähnchenfilet greift, lächelt mich an.
„Kein Ding. Ich wollt‘ auch nicht euern Moment stören.“ Er nickt in Richtung Fisch. „Nimmst du ihn mit nach Hause?“
Ich hebe gespielt bedauernd das Erbsenschnitzel. „Er ist nicht wirklich mein Typ.“
Der Mann lacht. Er hat einen Vollbart und ist gebaut wie ein Wrestler. Jojo würde ihn süß finden.
„Tut mir leid für ihn.“ Er zwinkert mir zu, dann dreht er sich weg.
Mein Gesicht ist warm. Ich nehme das Schnitzel in die andere Hand und lege meine Finger, die von der kondensnassen Folie der Verpackung kalt geworden sind, an meine Wange. Der Fisch glotzt mich weiter an, feucht und bläulich glänzend. Man kann ihm das Meer immer noch ansehen, selbst hier, hunderte Kilometer davon entfernt.
„Na.“ Leon steht hinter mir. „Doch mal wieder Bock auf Filet? Saftig ... Zart ...“
Ich lasse meine Hand sinken. Mein Herz schlägt gegen meine Rippen. Sicherlich gibt es das hier auch irgendwo zu kaufen, ganz hinten im gefliesten Kühlraum. Hasenherz. 4,95€.
„Ich kann kaum widerstehen“, sage ich. „Und? Erfolgreich gewesen?“
Leon nickt und hebt die braune Papiertüte. Schweineschnitzel aus der Oberschale. 480 Gramm, 7,15€. „Jetzt gib‘ mir den Einkaufszettel.“
„Warum?“
„Damit du mir mal meine Fragen beantwortest.“
Ich verdrehe die Augen. Der Zettel steckt tief in meiner Jackentasche, es dauert etwas, bis ich ihn rausgezogen habe. Die Jacke hat Willi gehört, als er in meinem Alter war, man riecht immer noch die selbstgedrehten Zigaretten im ausgebeulten Leder. So wie er mittlerweile hustet, könnte ich seine Lunge tragen und es wär vom Gefühl und Geruch her dasselbe.
„Wenn’s dich glücklich macht.“ Ich halte Leon das Papier hin. Meine Finger baumeln schwer am Ende meines Arms, zuckend am Haken. „Ich versteh‘ aber nicht, warum du so überzeugt bist, dass es da irgendwas Aufregendes zu erzählen gibt. Ich habe Freunde, weißt du.“
Die Käsetheke haucht uns mit ihrem Milchatem an und macht meinen Hals belegt und gelblich. Leon hebt eine Packung Weizentoast aus dem Regal gegenüber. Er isst wie ein Kleinkind. Als er sich wieder zu mir umdreht, grinst er süffisant.
„Deniz hat letztens im Gym einen Knutschfleck auf deinem Oberschenkel gesehen.“
Arschloch, denke ich und bereue es sofort. Es ist eben Deniz. Als er in Gegenwart von Viktoria, Markus‘ Freundin im dritten Semester, beiläufig erwähnt hat, dass Markus noch regelmäßig mit Natascha schreibt, hat er nicht verstanden, warum Markus danach sauer auf ihn war. Ich dachte, das wüsste sie. Er lebt in einer Welt, in der sich immer alle alles erzählen, besonders Brüder wie wir. Leon wird nachgebohrt haben und Deniz mit den Schultern gezuckt, er wird’s dir schon sagen, wenn es was zu sagen gibt. Abgesehen davon ist es meine Schuld; es hat mich niemand gezwungen, es so weit kommen zu lassen. An sowas denkt man in der Situation nie. Deniz abzusagen war keine Option – man kann ihn nicht allein ins Fitnessstudio lassen, weil er es dann maßlos übertreibt; wie das eben so ist, wenn der Stahlkörper des eigenen Vaters seit zehn Jahren als bläulich ausgeblichener Pappaufsteller in der Fußgängerzone im Schaufenster von Sport Krämer steht.
„Wer weiß, was Deniz gesehen hat. Außerdem hat deine Obsession damit, ob ich Sex habe, fast etwas Inzestuöses. Vielleicht solltest du da mal mit Herrn Kostić drüber reden.“ Der ältere Mann, der vorbeiläuft, dreht sich zu uns um. Ich gehe weiter, bis ich vor der Auslage mit den frischen Broten stehe. Meine Beine kommen mir unendlich lang vor, als wären meine Füße wie in einem verbuggten Videospiel durch den Boden gerutscht. „Was steht als nächstes auf der Liste?“
„Tut mir leid, dass ich mich für dein Leben interessiere.“ Ich kann hören, dass er mit den Augen rollt. „Ich brauch‘ Ramen.“
„Wie ich sehe, ernährst du dich mal wieder sehr gesund. Wie wär’s mal mit einer Möhre?“
Tütensuppen. Konservendosen. Ein paar Reihen weiter steht die Kikkoman-Winkekatze, umgeben von Sojasoßen. Daran merkt man, dass der Laden hier bonzig ist. Leon bleibt stehen.
„Marlon.“ Er sagt es in seiner ruhigen neuen Stimme, die sie ihm in der Klinik beigebracht haben. Mit ihr hat er sich auch bei mir entschuldigt, in unserer moderierten Sitzung in einem der gelb gestrichenen Linolboden-Büros. Zumindest hat er das versucht. Ich habe ihn immer wieder unterbrochen – es ist okay, es war nicht schlimm, du musst das nicht machen, ich bin dein Bruder – bis mir die Therapeutin gesagt hat, dass ich doch bitte den Mund halten soll. „Ich bin nicht sauer, wenn’s ein Typ ist.“
Mein Kiefer rastet ein, so stark, dass ich mir auf die Zunge beiße. Ich wünschte, meine Zähne wären ein Hackebeil, und ich könnte die Hälfte meiner Zunge aus meinem Mund nehmen und wegwerfen. Ein nutzloses Stück Fleisch im Stillleben links unten. Stattdessen schiebe ich nur beim Sprechen etwas Blut herum.
„Warum verstehst du nicht, dass ich nicht darüber reden will?“
Die Luft um Leon wird hart, eine Betonwand, die auf mich zurast, oder ich auf sie. In solchen Momenten stelle ich mir vor, ich wäre einer dieser Crash-Test-Dummies, die wir als Kinder in der Sendung mit der Maus gesehen haben. Ausdrucksloses Plastikgesicht und tausende kleine Styroporflocken beim Aufprall, wie Schnee. Der Anschnallgurt schneidet in meinen Brustkorb, der sich nicht mehr weiten kann.
„Willst du überhaupt über irgendwas reden?“ Er ist laut geworden. „Ich hab’s echt versucht, Mann! Ich hab‘ dich zu jedem meiner scheiß Termine mitgeschleppt, damit du auch mal was sagst, aber du hast Herr Kostić ja nichtmal von deinem Bettnässen erzählt.“
Ich drehe mich zu ihm um. Die Welt bekommt wacklige schwarze Ränder. „Können wir darüber vielleicht nicht in der Öffentlichkeit reden? Ich war neun.“
„Das ist kein normales Alter mehr dafür. Und das weißt du ganz genau. Du brauchst gar nicht so tun, als wär dir das mit Mama komplett egal gewesen. Ich weiß noch, wie du damals warst.“ Er hält sich am Griff des Einkaufswagens fest, als wolle er darüber springen und sich auf mich stürzen. „Aber du hast ja auch da schon das Maul nicht aufbekommen.“ Seine Knöchel sind weiß. Er lässt den Einkaufswagen los, greift wieder zu. Seine Stimme ist leiser, als er wieder zu Reden anfängt. „Manchmal hab‘ ich das Gefühl, ich kenn‘ dich eigentlich gar nicht.“
Über die Lautsprecher läuft Bayern1, dieser Breakfast at Tiffany’s-Song. Der läuft da ständig. Es ist unser Café-Sender, deswegen weiß ich das. An Vormittagen und Abenden, wo nichts los war, haben Leon und ich die Songs mitgegrölt und bei den langsamen Schunkel-Nummern Walzer getanzt. Udo Jürgens und so. Bruce Springsteen. Diese ganzen „Ich will hier weg aber ich schaff’s nicht“-Nummern. Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei. Der Sound ist blechern in meinen Ohren und es ist blechern in meinem Mund.
Ich sitze auf dem Boden. Die Fliesen sind kalt an meinen Handflächen und ich bin auf Augenhöhe mit dem Knorr-Fix-Gulasch, der aussieht wie Erbrochenes. Ich frage mich, wie ich hier hin gekommen bin. Es gab Jahre, da ist das häufiger passiert, da ist mein Leben ein lückenhaft rekonstruierter Stummfilm; Risse, Staub, Wasserschäden, die letzten zehn Minuten auf einer Filmrolle in Argentinien. Ich mache die Augen zu. Jemand sagt meinen Namen. Atmen. Fünf Sekunden ein, Fünf Sekunden aus.
„Ist alles in Ordnung?“
Ich öffne die Augen. Über mir steht eine Frau. Sie sieht aus, wie die Hälfte der Mütter, die beim Bambini-Training an der Seite sitzen: beiger Mantel, blondes Haar, glattes Gesicht. Eigenheim in der Vorstadt und zwei SUVs. Das habe ich heute Morgen gemacht, die Trainingspläne für nächste Woche. Die Spiele sind alle nach Autos oder Tieren benannt. Formel 1. Feuerwehr. Zoo. Man versteht die Dinge leichter, wenn man sie in Bilder verpackt. Ich lächle die Frau an.
„Ich glaube, mein Kreislauf will heute nicht wirklich. Vermutlich hab‘ ich zu wenig getrunken.“ Ich stehe vorsichtig auf. Mein Magen baumelt in meiner Bauchhöhle herum, als hätte er sich mit meiner Speiseröhre erhängt. Links, rechts. Linksrechts. Eine Verzweiflungstat, um der Leere zu entgehen. „Ich kaufe mir gleich eine große Flasche Wasser, dann ist es hoffentlich besser.“
Die Frau wirft Leon einen langen Blick zu. Er steht seltsam eingequetscht neben dem Einkaufswagen. Er muss einen Schritt auf mich zu gemacht haben. Seine Schultern sind hochgezogen.
„Danke für die Nachfrage“, sage ich, damit sie aufhört ihn anzugucken. Ich stehe zwischen Leon und einer fremden blonden Frau und versuche, sie von ihm abzulenken. Es ist, als wäre ich wieder sechs Jahre alt. „Wirklich.“
Sie lächelt zurück, immer noch besorgt, und wünscht uns ein schönes Wochenende.
„Was war das denn?“ Leon hat sich vor mich gestellt und betrachtend prüfend mein Gesicht. „Bist du okay?“
Ich drücke Daumen und Zeigefinger gegen meinen Nasenrücken, an die Stelle, wo er sich minimal nach rechts biegt. Sommer 2014, Bierfest. Leon hat sich die Tage danach tausendmal entschuldigt und versucht, mich zum Lachen zu bringen, aber Lachen tut weh, wenn man eine gebrochene Nase hat. „Sorry. Es ist grad einfach alles ein bisschen viel. Job. Training. Kunstschule.“ Ich zucke mit den Schultern. „Die Welt.“
Leon legt den Kopf schief. Zwischen seinen Augenbrauen ist eine kleine Falte. Die bekomme ich auch, beim Nachdenken. Ich will, dass sie verschwindet.
„Wenn nicht bald jemand Alice Weidel erschießt, mach‘ ich das selber“, sagt er schließlich.
„Pass auf, wer dich hört. Ich bezahl‘ dir den Anwalt nicht.“
Leon grinst. Ich grinse zurück. Meine Nase ist gut verheilt.
Wir laufen weiter. Ich höre Leon seine eingeschweißten Ramen-Packungen in den Wagen werfen.
„Ich hätt‘ dich nicht so pushen sollen“, sagt er, „Ich dacht‘ einfach ... Du warst mega durch, als Florence sich von dir getrennt hat. Es würd‘ mich echt für dich freuen, wenn du wieder jemanden hättest.“
Ich bin vor den asiatischen Produkten stehen geblieben. Udon- und Glasnudeln. Algen. Reispapier. Ich habe den anderen erst nach zwei Wochen erzählt, dass Flo sich von mir getrennt hat. Ein Dreizeiler in den Gruppenchat und dann fünf Stunden nicht aufs Handy gucken. Mit sechzehn habe ich gedacht, ich würde mit dreißig schon das erste Kind haben, oder zumindest sicher auf dem Weg dahin sein. Mittlerweile zerfließt mir die Zukunft in den Händen. Ich liebe dich und du bist mein bester Freund, aber es ist, als wärst du unter Wasser, und egal wie weit ich meine Arme ausstrecke, ich komm nicht an dich dran. Sie hat sich vorher aufgeschrieben, was sie sagen will.
Leon stellt sich neben mich. „Oder triffst du dich etwa wieder mit ihr?“
„Wie war das eben mit dem ‚nicht so pushen sollen‘?“ Ich drehe mich zu ihm, die Arme vor der Brust verschränkt. Leon hebt die Augenbrauen. Ich kann seine Stimme schon hören, wie er zu Deniz sagt: „Er vögelt wieder mit Florence, wusst‘ ich’s doch!“ Manchmal hab‘ ich das Gefühl, ich kenn‘ dich eigentlich gar nicht. Es ist wie mit diesen Türen im Rätsel, eine sagt die Wahrheit und die andere lügt, nur, dass es keine Wahrheit und keine Lügen gibt, nur die Türen und das große Ungewisse dahinter.
„Wir treffen uns schon, aber als Freunde eben.“, füge ich hinzu, „Der Zug ist abgefahren.“
Flo ist frisch verliebt, in einen Typen aus dem Kirchenchor, wo sie nur ist, um ihre Eltern glücklich zu machen. Er studiert Mathe – Mathe!!!, wie Flo bei unserem letzten Treffen in ihrer Lieblingsbar gesagt hat, den Kopf in den Händen vergraben, Ich rasiere mir vor den Chorproben den ganzen Körper für einen Typen der Mathe studiert! Mich wundert es nicht. Raban ist nach Basel gezogen, um weiter seine Quantenphysik zu erforschen und hat am dritten Abend da seine Freundin kennengelernt. Da sage mal einer, Nerds wären nicht sexy.
„Krass, dass ihr einfach Freunde seid.“
„Wir waren die ganze Zeit Freunde. Sonst wären wir nicht zusammen gewesen.“ Ich rolle den Einkaufswagen zu mir und gehe langsam weiter. „Du wirst schon erfahren, wenn es was zu berichten gibt.“
Leon stöhnt. „Das hat Deniz auch gesagt.“
Er läuft nicht hinter mir her. Ich bleibe stehen.
„Ist was?“
Er guckt auf den Boden. Er hat die Innenseite seiner Wange zwischen die Zähne gezogen und kaut darauf herum. Auch das kenne ich von mir. Manchmal gucke ich in ihn wie in einen Spiegel.
„Ich vermiss‘ dich“, sagt er. „Zuhause ist einfach nicht dasselbe so allein.“
Mit vier ist er fast jeden Morgen mühselig zu mir ins Bett geklettert – da hatten wir noch zwei kleine Betten, nicht das Doppelstockbett von IKEA –, um mich mit seinen Patschehändchen zu wecken. Maaaahhhlon. Da konnte er das R noch nicht aussprechen. Mahlonmahlonmahlon. Irgendwann am Frühstückstisch habe ich Papa gefragt, ob es gesund sein kann, so viel Liebe zu empfinden, man muss doch irgendwann platzen! Wann immer Papa neuen Leuten von seinen Söhnen berichtet, erzählt er diese Geschichte, und jedes Mal hat er Tränen in den Augen.
„Ich hatte überlegt, heute bei euch zu pennen. Schlafanzug und Zahnbürste von mir liegen bestimmt noch irgendwo rum.“ Ich schiebe die Kante meines Fingernagels unter den Reduziert!-Sticker, den jemand auf den Griff des Wagens geklebt hat. „Vielleicht schaffen wir’s, die Erwachsenen davon zu überzeugen, mit uns ein Spiel zu spielen. Monopoly oder Phase 10 oder so.“
Leon richtet den Zeigefinger auf mich. „Ich werde euch so krank abziehen.“
„Petra arbeitet im Finanzamt. Ich mach mir bei Monopoly eher Sorgen um sie.“
„Nene.“ Leon schüttelt den Kopf. Seine Haare fliegen. Er hat sie wieder fast so lang wie als Teenager, als er unbedingt aussehen wollte wie Anakin Skywalker. „Das ist was ganz anderes.“
„Sicher.“ Ich lehne mich nach vorn, Unterarme auf dem Einkaufswagengriff. Wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Mein Kreuz drückt mich nach unten. Meine Lider sind schwer. „Komm“, sage ich, „Lass uns was zu Trinken kaufen und dann fahren. Ich will nach Hause.“
