Chapter Text
Das Ende der Nacht
Es war doch alles so schnell passiert.
Beatrice Radek, die immer verzweifelter auf eine panische Carla einredete, mit dem Zünder in der Hand, den Knopf bereits gedrückt.
Esther war den kleinen Gang hinuntergerannt. Pia hatte mit aller Kraft die Tasche mit dem Sprengstoff von sich weggetreten, dorthin, wo zuvor noch Esther mit Taschenlampe und Pistole gestanden hatte.
Sie konnte nur hoffen, dass Esther es weit genug geschafft hatte.
Beatrice und Carla waren zu Boden gegangen.
Esther hätte einfach weiterrennen sollen, sich in Sicherheit bringen, den Weg zurück, Verstärkung holen. Sie hätte es geschafft. Aber sie konnte nicht.
Gerade hinter der ersten Betonecke verschwunden, stoppte sie, drehte sich um. Sie musste es sehen, musste wissen, ob Pia in Sicherheit war.
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Adam schlug die Augen auf.
Kurz war er verwirrt und versuchte sich von dem dreckigen, kalten Boden hochzustemmen. Sofort gab sein linker Arm unter ihm nach, unsanft schlug er erneut auf.
Sein Körper gehorchte ihm nur langsam und verzögert. Ein kräftiges Husten packte ihn, sein Rachen schien komplett trocken. Panik breitete sich in seiner Brust aus, wo war er?
Ein lautes, unerträgliches Piepsen schien ihn von überall her zu umhüllen. Alles um ihn herum war wie in Watte gepackt, nur vage nahm er eine einzelne Lichtquelle in der Dunkelheit wahr. Er tastete danach und fand eine Taschenlampe.
Noch immer wusste Adam nicht, wo er war. Auch ein kurzer Blick mit dem Licht auf seine Umgebung half ihm nicht weiter. Dunkle Steinwände umgaben ihn, die Luft brannte in seiner Lunge.
Irgendwie schaffte er es doch, sich hochzudrücken und tastete sich vorsichtig an einer kalten Betonwand entlang. Auf dem Boden lagen zwei Frauen, die er gerade nicht zuordnen konnte, oder wollte.
Irgendjemand war mit ihm hier gewesen, jemand war direkt neben ihm gewesen, aber wo war er jetzt?
Er sah, dass eine der Frauen den Mund bewegte, irgendetwas sagte, oder schrie? Aber er vernahm immer noch nur das hohe, eindringliche Piepsen.
Etwas trieb Adam weiter den Gang entlang, bis er zwei weitere Schemen auf dem Boden entdeckte. Dieses Etwas in seinem Hinterkopf verriet ihm, dass er gefunden hatte, wonach er gesucht hatte.
Adam streckte seine linke Hand nach der größeren der beiden Personen aus, die auf einer etwas kleineren lag. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihn durch den Nebel, als er sie packte und der Körper mit ihm zu Boden fiel.
Eine weitere vertraute Figur erschien von links im Licht seiner Taschenlampe. Ihre Augen waren aufgerissen wie bei einem verwundeten, panischen Tier, ihr Gesicht und die Kleidung, voller Dreck. Hinter ihr schien der Gang noch weiter zu gehen, doch auch von dort drang kein Licht zu ihnen.
Adam konnte ausmachen, dass sie von einer Wunde am Auge blutete und sich ein Ohr hielt, bevor sie sich der kleineren Person am Boden widmete, die angefangen hatte zu husten.
Verwirrt richtete Adam den Lichtstrahl nach unten auf die schlaffe Gestalt in seinem Schoß.
Leo .
Als hätte jemand einen Schalter in seinem Kopf umgelegt, war Adam bei Sinnen. Seine linke Hand, die Leos bewusstlosen Kopf stützte, brannte höllisch, doch er ließ nicht los.
Das Piepsen blieb in seinem linken Ohr bestehen. An sein rechtes drangen nun das Weinen von Beatrice Radek, Pias Husten und sein eigener, immer schneller werdender Atem.
Verloren und verzweifelt hielt Adam die Lampe auf Leos Gesicht, als würde er davon aufwachen. Tausend Gedanken rasten durch seinen Kopf, doch er konnte keinen davon fassen. Noch immer konnte er nicht begreifen, was geschehen war.
Esther hatte sich zu ihm umgedreht, verwirrt, warum er nichts sagte, ihr nicht half. Schnell begriff sie, kniete sich neben ihn und versuchte Leo durch verbale und physische Impulse ins Bewusstsein zurückzuholen.
Seit er aufgewacht war, hatte Adam schlecht Luft bekommen, die Umgebung war voller Staub und es roch verbrannt. Aber jetzt fürchtete er zu ersticken.
Er wollte helfen, doch er wusste nicht wie und so hielt er Leo einfach nur fest, während Esther ihn anschrie und Pia im Hintergrund weiter hustete.
Mit den Augen suchte Adam Leo nach irgendetwas ab, das seinen Zustand erklärte, dass er packen und entfernen konnte, damit es Leo besser ging, doch er fand nichts.
In der Zwischenzeit war die Luft klarer geworden, und der Staub, der ihnen bis dahin die Sicht vernebelt hatte, legte sich nun lautlos auf sie nieder. Kurz ließ er Leos Kopf los, um die dünne Schicht Ruß von dessen Gesicht zu wischen, die sich darauf gelegt hatte. Alles andere war erneut in weite Ferne gerückt.
Sachte berührte er die beängstigend stille Wange, als Leo plötzlich einen tiefen Atemzug nahm und entgeistert mit weit aufgerissenen Augen hinauf zu Adam starrte.
Jemand drängte Adam zur Seite, während Leo von seinem Schoß gerollt wurde. Erschrocken sah er auf und sah mehr Menschen durch einen schmalen Gang auf sich zukommen. Noch einmal blickte er zu Leo hinab. Dann war alles dunkel.
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Der Anfang vom Morgen
Adam saß mit verschränkten Armen in einem Stuhl in der Notaufnahme. Das war das erste, an das er sich wirklich wieder erinnern konnte.
Alle Erinnerungen an die Stunden zuvor waren für ihn unerreichbar wie ein Traum, an den man sich erinnern wollte.
Der Raum war voll mit Menschen, die wahrscheinlich eher zum Hausarzt gehörten. Die Wände waren vor vermutlich zwanzig Jahren mal in einem hässlichen Gelb gestrichen worden.
Einige Pflanzen waren wahllos im Raum platziert worden und kämpften zwischen Kinderhänden, grellem, künstlichen Licht und viel zu wenig Wasser ums überleben.
Adam fühlte sich den Pflanzen seltsam verbunden.
Die Lichter schienen ihm unendlich grell und die vielen verschiedenen Stimmen der Menschen fielen auf sein rechtes Ohr ein wie eine große, unaufhörliche Welle.
Sein gesamter Körper schrie nach einer, vielleicht zwei Zigaretten. Er war wie so oft rastlos, aber jede Bewegung stach ihn.
Seit mehreren Minuten versuchte er eine Position zu finden, in der seine Schultern nicht brannten. Unruhig wippte sein Fuß auf und ab, während er versuchte, sein geschwollenes Handgelenk so zu legen, dass es weniger schmerzte. Frustriert lehnte er den Hinterkopf an die Wand hinter sich.
Man sollte meinen, sie hätten gerade in einem Krankenhauswartezimmer bequemere Stühle.
Adam versuchte sich darauf zu konzentrieren, weiterhin Schmutz und Blut unter seinen Fingernägeln hervor zu pulen, was sich einhändig als schwieriger als gedacht herausstellte. Er merkte, dass er es hier nicht mehr lange aushalten konnte.
Er spürte sein Herz in seiner Brust schlagen, musste jeden Atemzug schmerzhaft erzwingen. Ein bedrückendes Gefühl machte sich langsam in seiner Magengegend breit und seine Gedanken begannen zu rasen. Adam schloss die Augen, jedoch schien so alles nur noch lauter. Er musste hier raus.
Durch den allgemein erhöhten Geräuschpegel konnte er gerade so eine vertraute Stimme zu seiner Linken ausmachen, die ihn anzusprechen schien.
Adam war nur hier, um so schnell wie möglich zu erfahren, wie es Leo ging. Und natürlich Pia. Ansonsten hätte er getrost auf die Stunden in der Notaufnahme nach der kurzen Untersuchung der Ersthelfenden verzichten können.
Schwer atmend drehte Adam sich nach links, ein bisschen zu schnell, wie sein Körper ihn merken ließ. Schmerzhaft zog er die Luft ein.
Durch seinen verschwommenen Blick konnte er Esther erkennen. Ein kleiner, alter Tisch, von dem das Furnier abblätterte, trennte sie voneinander.
Seit wann war sie da? Hatte sie schon vorher mit ihm gesprochen? Adam kniff die Augen zusammen, um sie besser sehen zu können. Ihr Gesicht war schmutzig, bis auf eine Wunde am Auge, auf die sie ein Tuch presste, das sie zur Erstversorgung bekommen hatte.
Sie sah müde und so viel älter aus als sonst. Ihren Augen fehlte der übliche Funke, sie hatten immer noch etwas ungewöhnlich Gehetztes an sich, das ihm schon im Bunker aufgefallen war.
Der Bunker.
Adam hatte nie mitbekommen, wie er ihn verlassen hatte. Auf eine Art war er immer noch dort. Eine Bewegung holte ihn zurück in die Wirklichkeit.
Mit hochgezogenen Augenbrauen und zusammengepressten Lippen starrte Esther Adam ungeduldig über einen kleinen Tisch mit verschiedenen alten Zeitschriften hinweg an. Wartete sie schon lange auf eine Antwort?
In der anderen Hand hielt sie ihr Handy, das sie im Sekundentakt sperrte und entsperrte. Hatte sie eine Nachricht über Leo oder Pia bekommen? In Gedanken verloren fixierte Adam das Gerät.
Esther musste ihn wohl irgendetwas gefragt haben, erinnerte er sich. Adam schüttelte nur sachte den Kopf und deutete kurz mit seiner guten Hand auf sein linkes Ohr, in dem sich seit einiger Zeit ein unangenehmes Druckgefühl und unaufhörliches Rauschen eingestellt hatte.
Er lehnte sich noch ein wenig weiter über die Stuhllehne, denn seinen Oberkörper ganz zu Esther zu drehen schien ihm unmöglich.
„Wollen wir vielleicht Plätze tauschen?“
Die Worte kamen nur leise und undeutlich aus seinem Mund. Genervt presste Adam die Zähne aufeinander, was den Druck in seinem Kopf nur verstärkte.
Verwirrt schüttelte nun Esther den Kopf, aber bevor Adam seinen Vorschlag wiederholen konnte, erfasste ihn erneut ein Hustenkrampf. Alles schien gerade viel zu anstrengend. Am liebsten hätte er seinem Frust freien Lauf gelassen, aber er wollte vor Esther nicht weinen.
Sie reichte ihm eine offene Flasche Wasser, die Adam dankbar annahm.
Sprudelwasser. Ekelhaft.
Sie sagte noch irgendwas zu ihm, was er nicht wieder ausmachen konnte und so stellte er die Flasche auf den kleinen Tisch zwischen ihnen, lauter als beabsichtigt.
Mit der rechten Hand stemmte er sich langsam von seinem Stuhl hoch. Sein Kopf dröhnte und für einen kurzen Moment war er sicher, sich übergeben zu müssen.
Er brauchte einen Moment, um sein Gleichgewicht zu finden. Sofort war Esther hochgefahren und packte seinen Arm.
Ahh, Perfekt.
Adam löste seine Hand von der Stuhllehne, stabilisierte sich an ihrer Schulter und ließ sich ungeschickt und schmerzhaft in ihren Stuhl fallen.
Esther stand noch immer vor ihm, auch sie war inzwischen wieder leicht verschwommen, sodass er ihren Gesichtsausdruck nicht mehr klar sehen konnte. Adam deutete auf den freigewordenen Stuhl und schluckte die Magensäure wieder runter, die ihm hochgekommen war.
„Ich hab gesagt, dass wir die Plätze tauschen sollten, Baumann. Bist du taub? Bekommst doch sonst immer jeden Mist mit.“
Adam wusste, jetzt gerade war absolut nicht der Zeitpunkt für ihre kleinen Anfeindungen. Seine Stimme kam ihm zu leise und schwach vor für die Kraft, die ihn das Reden kostete. Und so wie Baumann aussah, ging es ihr wohl ähnlich.
Aber Adam brauchte gerade etwas Normales, etwas, das ihn ablenken konnte. Von seinen Schmerzen und davon, dass er immer noch nicht wirklich wusste, was genau geschehen war oder noch geschehen würde.
Er glaubte das Leo in dem Bunker noch aufgewacht war, aber war es wirklich so passiert? Hatte sein Gehirn sich das ausgedacht, um sich selbst zu schützen? Was war danach passiert?
Nein, er durfte jetzt keine Panik bekommen. Nicht vor Baumann. Nicht hier. Und trotzdem fingen seine Hände an zu zittern. Sie fühlten sich eisig an und sein Herz sandte einen stechenden Schmerz aus. Gekrümmt vorgebeugt warf er Esther einen seitlichen Blick zu. Sie schien nichts zu merken.
Esther ließ die Hand mit dem Tuch sinken, darunter kam eine Wunde in Augennähe zum Vorschein. Spöttisch sah sie Adam an, der offensichtlich größere Probleme als sie hatte.
Aber gleichzeitig musterte sie ihn mit einem so besorgtem Gesichtsausdruck, dass er unwillkürlich an sich selbst hinabsah. Zugegeben, er hatte schonmal besser ausgesehen, aber bis auf das restliche Blut an seinen Händen war da nur Staub und Schmutz an ihm.
Bevor Esther etwas sagen konnte, glitt ihr Blick träge an Adam vorbei. Sie machte ihn mit einem Kopfnicken auf einen jungen Mann aufmerksam, der Adam mitnehmen sollte. Langsam folgte Adam ihrem Blick, jede Bewegung schien so viel länger zu dauern als normalerweise.
Der Mann hatte längeres gewelltes dunkles Haar und schien Adam irgendetwas zu fragen. Bevor seine Worte Adam erreichten, schüttelte er bereits den Kopf und stemmte sich erneut hoch.
Kurz fühlte es sich so an, als hätte jemand an dem verschrammten Linoleumboden gezogen, bevor Adam sich halbwegs sicher aufrichtete.
Trotz der vollen Aufnahme hatte er nicht ganz so lange warten müssen, wie er befürchtet hatte. Mühsam kämpfte Adam sich vorwärts und versuchte so souverän wie möglich vor dem Mann zu gehen, betend, dass Esther ihn nicht begleiten würde.
Auch sie würde noch untersucht werden müssen. Dass Baumann als Letztes dran war, war schonmal ein gutes Zeichen. Immerhin war so jemand halbwegs auf den Beinen, der sein Leben im Griff zu haben schien.
Untersucht zu werden war wirklich das Letzte, was Adam gerade wollte, aber irgendwo ganz tief in seinem Hirn kam Esthers Stimme zum Vorschein, die auf ihn eingeredet hatte. Sie hatte ihn überzeugen können, dass er so die besten Chancen hatte, so schnell wie möglich zu erfahren, was mit Leo war.
Der junge Mann, der Adam abgeholt hatte, stand plötzlich bereits in dem Türrahmen, der ihn tiefer ins Gebäude führte. Fast hatte es Adam ebenfalls endlich aus der Notaufnahme geschafft, als neben ihm ein älterer Mann entrüstet schnaubte.
Adam hatte ihn nur aus den Augenwinkeln gesehen, doch sein Herz stockte. Kurz musste er sich an der rauen Wand festhalten, was einen stechenden Schmerz seinen linken Arm hinaufschießen ließ. Er drehte sich, um den Mann besser sehen zu können und atmete erleichtert aus. Auf den zweiten Blick hatte der Mann, der dort saß, kaum eine Ähnlichkeit mit seinem Vater.
Sein Kind oder Enkelkind oder was auch immer rannte laut schreiend unaufhörlich an Adam vorbei den Gang auf und ab. Adam spürte den bohrenden Blick auf sich und wich instinktiv etwas zurück, als der Mann sich erhob.
„Wir warten hier schon mindestens doppelt so lange wie der Humpelhannes hier! Wann kommen wir endlich dran? Ich hab echt Besseres zu tun!“
Der Pfleger ignorierte die Beschwerde, falls er sie überhaupt mitbekommen hatte. Flüchtig hielt Adam noch inne, und sammelte kurz seinen Atem. Den Kopf drehen fiel ihm immer noch schwer und so warf er dem Mann nur noch einen kurzen Seitenblick zu, der ihn bereits genug Anstrengungen kostete. Gehässig lächelte er ihn an.
„Tja, wärst du nur auch mal privatversichert.“
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