Work Text:
Jede Nacht schreckt Adam aus dem gleichen Traum hoch. Es ist das Feuer, das in der Garage wütet, stärker als in der Realität. Und der Ausgang ist versperrt. Leo ist nicht da, aber sein Vater, der ist da.
Der steht vor ihm, mit blutverschmiertem Gesicht. Mit kalten Augen, die nur eine einzige Emotion ausdrücken: Wut.
Es ist immer das Gleiche. Er schlägt auf Adam ein, während die Flammen um sie wüten wie ein Inferno. Ein Inferno geboren aus Wut und Hass.
Und dann spricht sein Vater irgendwann. Adam will seine Ohren zuhalten, aber er kann nicht, er ist zu schwach, um sich zu wehren, kann nur alles über sich ergehen lassen. Die Worte treffen ihn jedes Mal wie ein Schlag.
„Wenn ich mit dir fertig bin, dann knöpfe ich mir den anderen vor”, sagt Roland mit einer Stimme, die von Wahnsinn durchzogen ist, „Denk nicht mal dran, zu sterben, du wirst zusehen, Adam. Du entkommst mir nicht. Und er auch nicht.”
Das ist immer der Moment, in dem Adam schweißgebadet aufwacht und sein Herz ihm fast aus der Brust springt. Die Angst, sein Vater könnte herausfinden, dass es Leo war. Dass er sich an ihm rächen könnte, während Adam machtlos dabei zusehen muss.
Nein, so kann es nicht weitergehen, diese Angst macht ihn kaputt und die Gefahr für Leo ist einfach zu groß. Leo hat ihn beschützt, sich gegen einen Mann aufgerichtet, der viel stärker ist und das nur, um Adam zu beschützen. Weil Leo eben doch verdammt mutig ist.
Der Gedanke entlockt ihm das erste Lächeln seit dem Vorfall vor ein paar Tagen. Er wird Leo diesmal beschützen und mutig sein. Die Entscheidung fällt in Sekunden, aber sie fühlt sich richtig an. Weg. Adam muss weg. Weg aus Saarbrücken, am besten aus dem Saarland. Weg aus diesem Haus und von seiner Mutter. Weg von den Erinnerungen und der Angst. Weg von seinem Vater, der jederzeit wieder aufwachen könnte.
Bevor er sich doch umentscheiden kann, steht Adam aus dem Bett auf. Die Klamotten, die er sowieso morgen nochmal anziehen wollte, hängen über seinem Stuhl und er ist in wenigen Minuten hinein geschlüpft. Er greift fast schon mechanisch den kleinen Koffer von unter seinem Bett und öffnet ihn. Unten rein legt er seine Jacke, die er von einem Haken neben der Tür nimmt und ein Paar fast ungetragene Turnschuhe, die er notfalls verkaufen kann, falls das Geld knapp wird.
Den Schrank zu öffnen, während es dunkel ist, fällt ihm schwer. Zu viele Erinnerungen strömen auf ihn ein. Ohne, dass er es hätte verhindern können, verlässt ein kehliger Laut seinen Mund und Adam zuckt selbst vor Schreck zusammen. Er befürchtet schon, dass seine Mutter ihn gehört haben könnte, aber es bleibt still im Haus. Tief durchatmen, dann konzentriert er sich wieder auf seine Aufgabe. Weniger denken, mehr packen.
Das Unwohlsein kriecht langsam seine Wirbelsäule rauf, sobald er sich vorbeugt, um die Kleidungsstücke herauszuholen. Er spürt die Hand seines Vaters in seinem Nacken, als wäre er wirklich da, als würde er ihn gleich wieder einsperren. Spürt den unangenehmen Druck und wie seine Knie weich werden. Adam kämpft gegen die aufsteigende Panik, aber als er das letzte Teil endlich herausgeholt hat, zittert sein ganzer Körper. Mit unbeabsichtigter Wucht schließt er die Schranktür, aber auch diesmal passiert nichts.
Willkürlich zieht Adam noch ein Buch aus dem Regal, damit er etwas zu lesen hat, das steckt er allerdings in seinen Rucksack. Dort hinein kommt auch Nevermind, sein Lieblingsalbum, das er von Onkel Boris geschenkt bekommen hat. Der Ordner mit seinen Zeugnissen wandert ebenfalls hinein. Zum Schluss leert er die Dose mit seinem Ersparten, immerhin das hat sein Vater ihm ausnahmsweise gegönnt, wahrscheinlich auch nur, weil Roland seinem Sohn damit irgendeine Lektion beibringen wollte, wie wichtig Geld ist oder so. Immerhin kann Adam jetzt eine gute Menge Geld in sein Portemonnaie stecken.
Das will er gerade zu machen, dann entscheidet er sich doch, nicht alles an einem Ort zu lagern. Stattdessen verteilt er kleine Bündel in den diversen Reißverschlüssen an seinem Koffer und Rucksack. Irgendwo in seinem Hinterkopf lacht sein Vater gehässig und flüstert ihm zu: „Du bist ja doch nicht so blöd, Junge.”
„Arschloch”, murmelt Adam als Antwort und schüttelt das ungute Gefühl wieder ab. Wenn das hier gut laufen soll, dann muss er einen kühlen Kopf bewahren. Jeder Fehler könnte seinen gerade gefassten Plan ins Wanken bringen. Es ist kurz vor drei Uhr, wenn alles klappt, dann erreicht er den Bahnhof noch bevor der Berufsverkehr richtig losgeht. Niemand wird sich für ihn interessieren.
Auf der Rückseite seiner letzten, noch nicht beendeten, Mathehausaufgabe, schreibt Adam eine einzelne Zeile an seine Mutter:
Mama,
such nicht nach mir und mach dir keine Sorgen.Adam
Mehr hat er ihr nicht zu sagen. An einem anderen Tag hätte dieser Umstand Adam vielleicht traurig gemacht oder wütend. Gerade spürt er gar nichts. In ihm ist nur die wilde Entschlossenheit, sein Leben in die Hand zu nehmen und dafür zu sorgen, dass Leo sicher ist.
Er fühlt sich ein bisschen schlecht, als er das Bargeld seiner Mutter auch noch mitnimmt, aber sie hat ihre Handtasche an der Garderobe gelassen und es kann nicht schaden. Sie sollte sowieso genug Geld haben. Wenn er selbst Geld verdient, dann kann er ihr einfach einen Umschlag senden, damit er ihr nichts schuldig bleibt.
Draußen kommt Adam an der Garage vorbei und der Geruch von Ruß steigt ihm in die Nase. Die Bilder treffen ihn ohne Vorwarnung und mit einer Wucht, die ihn dazu zwingt, sich kurz hinzuhocken. Sein Vater schlägt auf ihn ein, wieder und wieder, während des Feuer wütet. Er muss den Rucksack abnehmen und sich setzen. Am Ende beißt er sich von innen in die Wange, bis er Blut schmeckt und bricht so aus der falschen Vergangenheit. Eigentlich hatte Adam gehofft, dass die frische Luft ihm helfen würde. Es ist das erste Mal seit Tagen, dass er überhaupt das Haus verlassen hat. Aber zuerst muss er mehr Abstand zwischen sich und die Garage bringen.
Statt direkt zum Bahnhof zu gehen, kann Adam aber nicht anders und steuert erstmal in den Wald. Tatsächlich merkt er, wie die Umgebung ihn beruhigt und dass er wieder besser atmen kann, wenn er hier draußen ist. Die Dunkelheit, die nur durch das wenige Mondlicht gebrochen wird, das es durch die Blätter schafft, verleiht dieser Aktion eine geheimnisvolle Seite. Im Schutz der Nacht verlässt Adam sein Familienhaus, das ihm jahrelang nur Schmerz gebracht hat. Der Mantel der Stille legt sich über seine Vergangenheit. Die Schatten lindern seine Wunden. Mit jedem Schritt fallen die Ketten von ihm ab, die ihn so lange an ein Leben gefesselt haben, das nicht seins war.
Das Baumhaus liegt ruhig und verlassen da, nicht überraschend. Adam klettert die Leiter hoch und setzt sich einen Moment. Er hat einen Stift in der Hand und seinen Schreibblock, aber egal wie oft er zu schreiben anfängt, es wollen nicht die richtigen Worte kommen.
Leo,
es tut mir leid, aber
Leo,
ich muss hier weg und
Leo,
bitte sei nicht sauer
Am Ende schafft er es einfach nicht, er kann sich nicht von Leo verabschieden. Nicht, wenn Leo der eine Teil seines Lebens ist, den er eigentlich nicht aufgeben möchte. Den er behalten will. Der einzige Mensch, für den er zurückkommen würde. Aber das kann er Leo nicht sagen, sonst wird der Abschied nur schwerer. Wenn er Leo gar nicht erst informiert, dann tut das vielleicht eine Weile weh, aber nicht so sehr, wie ein Abschied. Vielleicht wird Leo ja sogar sauer auf ihn, das wäre vielleicht am besten. Dann wird er nicht nach Adam suchen und auch nicht so traurig sein.
Adam packt die Sachen wieder ein und nimmt auch die beschriebenen Zettel alle mit. Er geht nochmal sicher, dass er hier nichts zurückgelassen hat. Das Baumhaus sieht aus, als wäre er nie dort gewesen. Wenn Leo hierher kommt, dann wird er nichts finden und hoffentlich wird ihn so auch nichts dauernd an Adam erinnern.
Seine Leichtigkeit ist ihm im Baumhaus verloren gegangen, kehrt aber mit jedem Schritt zurück. Adam wird sich ein Leben aufbauen. Ein Leben, wie er es sich vorstellt. Kein Training, das sein Vater ihm aufzwingt, keine Nächte mehr im Schrank. Er wird selbst entscheiden, was er tut und wie.
Mit jedem Schritt geht Adam der Freiheit entgegen.
