Work Text:
„Hey Bruder, cool, dass wir hier feiern können“, sagt Klaus und schlägt Rhun kameradschaftlich auf die Schulter.
Die einzige Erwiderung seitens Rhun ist ein eisiger Blick.
„Genau“, pflichtet Zeke ihm bei, „hier ist genau die richtige Stimmung. Bei dir könnte es glatt jeden Tag Halloween sein.”
Rhuns eisiger Blick wandert nun zu Zeke. „Habt ihr nichts zu tun?“, fragt er.
„Ja, richtig. Es gibt ja noch so viel zu erledigen.“ Damit sind Klaus und Zeke wieder aus dem Zimmer verschwunden.
„Dabei ist noch nicht mal Halloween“, meint Fips.
Damit bekommt nun auch Fips Rhuns eisigen Blick ab.
Fips schluckt. „Ich geh dann auch mal.“ Er gestikuliert Richtung Tür und macht sich vom Acker.
Rhun atmet tief durch. Endlich kann er weiterarbeiten – und das ist eindeutig wichtiger als dieser Terz, den seine Brüder dort veranstalten wollen. Wie er sich nur dazu bereit erklären konnte, diese Feier in seinem Haus stattfinden zu lassen, ist ihm ein Rätsel. Eigentlich sollte man meinen, dass gerade Klaus zu diesem Zeitpunkt im Jahr anderes zu tun haben sollte – Weihnachten ist schließlich auch nicht mehr weit – und für den Sandmann gibt es immer Arbeit – wobei Rhun ihm auch zutraut, die ganze Arbeit an die Sandfrau abzuschieben, sie ist schließlich auch diejenige, die die Träume erschafft.
Es fällt bereits Dämmerlicht ins Zimmer herein, als Rhun Schale und Mörser beiseitelegt und aufsteht. Zwar wäre er nicht abgeneigt, noch weiterzuarbeiten, doch diese Stille behagt ihm nicht. Es ist zwar nicht so, als wäre es in seinem Haus sonderlich laut, doch ist es niemals so gänzlich still wie jetzt. Man hört ständig etwas und seien es nur Schritte auf den Fluren. Dass da nun so gar nichts ist, gefällt ihm nicht. Rhun sieht dies daher nun für einen guten Zeitpunkt, um einmal bei seinen Brüdern nach dem Rechten zu sehen. Wer weiß schon, was sie in der Zwischenzeit angestellt haben könnten.
Die Flure sind gänzlich leer und immer noch ist es viel zu still. Mit seinen Brüdern war abgesprochen, dass sie den großen Saal nutzen können, doch selbst als Rhun schon auf dem Flur zu diesem Raum ist, kann er keinen Laut vernehmen. Nur seine eigenen Schritte klingen von den Wänden wieder. Gar nicht gut. Überhaupt nicht gut.
Rhun beschleunigt seine Schritte und fasst sein Zepter fester. Mit Schwung stößt er die Tür auf und sieht sich in dem Raum um – sein Zepter dabei kampfbereit vor sich haltend. Da sind Kürbisse, Kerzen, ein paar wirklich unecht aussehende Spinnenfäden und der übliche Klimbim, den man bei einer Feierlichkeit zu Halloween erwarten würde. Nichts, was ihn großartig schocken würde. Das Einzige, was er nicht sieht, sind seine Brüder. Rhun ist nun vor allem genervt. Das Hotel ist groß – groß genug für ihn selbst, seine Tochter und seine zahlreichen Helfer, aber es bietet eben auch Plätze für zahlende Gäste, die zwar selten, aber doch dann und wann hier im Haus übernachten. Dazu noch ein großes Außengelände mit angrenzendem Wald. Seine Brüder hier zu finden, sollte schwierig sein. Rhun hofft sehr für sie, dass sie ihren Wahn nicht auf weitere Teile des Hauses ausgeweitet haben, denn wenn sie sich nicht an die Abmachung gehalten haben, wird es sehr ungemütlich für sie werden.
Langsam beschreitet Rhun den Raum und sieht sich die Dekoration etwas genauer an. Es ist nichts, was ihn sonderlich ansprechen, geschweige denn gruseln würde. Nun, die kunstvoll gearbeiteten Kürbisskulpturen haben einen gewissen Reiz und machen wenigstens etwas her – freiwillig in sein Haus stellen, würde er sie trotzdem nicht. Solch eine Arbeit hätte er keinem seiner Brüder zugetraut.
Rhun seufzt und wendet sich von der Kürbisskulptur ab. Ein Friedensangebot. Vielleicht war es das, was ihn bewogen hat, seinen Brüdern zu erlauben, ihren Wahn – den Rhun überhaupt nicht nachvollziehen kann – hier auszutoben. Das Verhältnis zwischen ihnen allen war schon einmal wesentlich besser.
Rhun wandert weiter im Raum umher und besieht sich die Dekoration, bis er mit dem rechten Fuß plötzlich wegrutscht. Irritiert tritt er einen Schritt zurück und geht in die Hocke. Auf dem Boden ist etwas Grünlich-Schmieriges. Er zieht einen seiner Handschuhe aus und dippt seinen Finger in die ihm unbekannte Substanz. Vorsichtig nimmt er etwas davon auf seinen Finger und sieht es sich genauer an, ehe er es zwischen seinen Fingern zerreibt. Es ist grüner Schleim und auf dem Boden ist noch viel, viel mehr, als wäre dort etwas- Ruckartig steht Rhun auf und eilt zurück in sein Labor. Hektisch sieht er die zahlreichen Tiegel und Fläschchen durch, die in den Regalen und auf dem Tisch stehen und tatsächlich – ein Fläschchen fehlt und dieses passt perfekt mit dem grünen Schleim zusammen, den er gefunden hat.
Rhun flucht. Dass seine Brüder auch einfach nicht verstehen wollen, dass mit Alchemie nicht zu spaßen ist, vor allem, wenn man davon nicht die geringste Ahnung hat. Er sucht erneut unter den Fläschchen und Tiegeln, bis er eine kleine runde Metalldose mit einer eingestanzten Rune in der Hand hält. Mit der Metalldose fest in der Hand verlässt Rhun sein Labor wieder. Jetzt muss er nur noch seine Brüder finden.
Geschwind eilt er zurück in den Saal und folgt von dort aus der Schleimspur – immer darauf bedacht, nicht darauf auszurutschen und trotzdem sein Tempo nicht drosseln zu müssen – bis in die Empfangshalle. Die Zahnfee stößt die Tür auf und bleibt erst einmal wie angewurzelt stehen, als er das große grüne Schleimmonster sieht, in dessen Innerem sich seine Brüder befinden. Er sieht ihre Bemühungen, sich zu befreien, aber er weiß, wie aussichtslos dieses Unterfangen ist.
Schnell, aber nicht zu hastig – immerhin will Rhun das wertvolle Pulver nicht unnütz auf dem Boden verteilen – dreht er die Dose auf und schüttet etwas von dem Pulver auf seine Hand. Vorsichtig verschließt Rhun die Dose wieder und lässt sie in einer Tasche seines Mantels verschwinden. Er greift sein Zepter fester und schreitet auf das Schleimmonster zu. So nah, wie er heranmuss, muss er aufpassen, dass es ihn nicht auch verschlingt, denn dann wäre keinem von ihnen geholfen. Darum geht er auch nur so nah wie er unbedingt muss, sodass er das Pulver auf es werfen kann. Kaum ist dies getan, stößt Rhun sein Zepter auf dem Boden und spricht die zugehörige Formel.
Immerfort spricht er die Worte und stößt dabei Mal um Mal das Zepter hinab. Unerbittlich steht er an Ort und Stelle und starrt auf das Schleimmonster, entschlossen, seine Brüder aus dessen Fängen zu befreien. Auch als das Schleimmonster sich ihm nähert, bleibt er felsenfest mit dem Boden verankert und führt unerschütterlich den Zauber fort. Er zeigt keinerlei Angst und endlich sieht er, wie das Schleimmonster beginnt, in sich zu zerfallen, doch er stoppt noch lange nicht. Immer weiter und weiter macht er, bis das Schleimmonster schließlich ganz verschwunden ist und selbst dann stoppt er noch nicht, sondern wiederholt es noch weitere Male, bis er wirklich sicher ist, dass nichts mehr von dem Schleimmonster übrig ist. Erst dann verstummt er und lässt sein Zepter ruhen.
Rhun schließt für einen Moment seine Augen und atmet tief durch. Es ist geschafft, das Schleimmonster ist verschwunden und seine Brüder sind außer Gefahr.
„Also ich werde das nie wieder als Hokuspokus bezeichnen“, meint Fips in die entstandene Stille hinein, „Das ist ja doch zu was nütze.“
Rhun sieht aus dem Augenwinkel zu ihm, dann lässt er das untere Ende seines Zepters auf Fips‘ Kopf sausen.
„Hey!“, beschwert sich dieser, doch Rhun hat bereits kehrtgemacht, um in sein Labor zurückzukehren.
Ist er denn wirklich der einzige Erwachsene hier?
