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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-07-02
Completed:
2025-07-28
Words:
23,962
Chapters:
5/5
Comments:
10
Kudos:
57
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1
Hits:
528

Nebelnächte - Bastiplatte

Summary:

Wie ein Tanz im Nebel alles verändern kann.

 

(Medieval/Mittelalter AU mit Kevin und Basti. Inspiriert vom Song Federkleid von Faun, weil der so schön ist und ich dadurch diese Idee bekommen habe.)
(Falls es schon ähnliche Ansätze gibt, dann tut es mir leid, aber dieser One-Shot ist wirklich aus meiner eigenen Fantasy gekommen, einfach weil ich den "adliger/König/Prinz Basti" Trope so mag :D)

Notes:

Inspiration dazu ist der Song Federkleid von Faun <3

Falls es ähnliche Ansätze für Geschichten gibt und meine Geschichte evtl. Ähnlichkeiten zu diesen hat, dann tut es mir leid, aber dies ist wirklich aufgrund des Liedes aus meiner Fantasy entstanden!

Kevin ist kein Feuermagier, sowas gibts hier nicht, das ist wirklich das Mittelalter ohne alles.

Trigger Warnings: Implied period typical Homophobia, wie es halt üblich war.

Viel Spaß!

Chapter Text

Der König hatte mal wieder alle begehrten, adeligen jungen Frauen zu seinem Hof eingeladen, nur dass sie seinen Sohn kennenlernen und bezirzen konnten. Natürlich waren keine einfachen Leute eingeladen, schon gar keine Männer, außer die Väter und Brüder der begehrten jungen Frauen.

Jedes halbe Jahr war dasselbe Prozedere. Der König lädt ein, dass junge Frauen seinen Sohn, Prinz Bastian, kennenlernten und er davon eine zur Frau nehmen würde. Meine Familie und ich mussten schuften, dass wir das ganze Mehl rechtzeitig gemahlen und zum Königshofe gebracht hatten. Dann würden wir entlohnt werden, ich würde mir von dem wenigen Extra-Groschen, den der König gab, etwas Kleines kaufen (meist eine kleine Tasche oder ein paar Schuhe) und würde mich dann schon wieder mental auf das nächste halbe Jahr vorbereiten.

Prinz Bastian nahm noch keine adelige Frau als Ehegattin. Noch nie. Nicht mal die wunderschönsten Frauen und Prinzessinnen, die jene Lande der Welt hervorbrachten. Wann merkten der König und seine Gattin – die Königin – endlich, dass er wohl nie eine Frau nehmen wird? Sogar meine Eltern waren misstrauisch, verstanden aber, dass er als Prinz den Thron so oder so bekommen würde, egal ob er eine Gattin hatte oder nicht. Das war sein Glück. Ein Glück, welches ich nie haben werde.

 

„Kevin!“, hörte ich schon die strenge Stimme meines Vaters. Wenn es um die Arbeit ging, dann verstand er keinen Spaß. Aber verstehen konnte ich es auch. Müller waren recht selten, auch wenn viele Leute diese Profession versuchten, und dadurch begehrt. Wir nagten nicht am letzten Brot, wir hatten alles, was wir benötigten und noch einen Notgroschen, falls es mal eng werden würde. Wenn die Ernte nicht so gut lief, dann war die höchste Priorität das Königshaus des Landes. So wie immer.

„Komme!“

Ein letzter Blick auf das riesige Schloss, was sich inmitten einer riesigen Gebirgswand befand, und auf unser Dorf hinunterschaute, musste genügen. Was der Prinz wohl zu diesem Zeitpunkt machte? Ob er wohl in verschiedenen Sachen gelehrt wurde? Sachkunde? Unserer Sprache und Latein? Lesen und schreiben? Astronomie, Geografie?
Mit Müh und Not konnte ich noch lesen, teils auch schreiben (zumindest alle Dinge, die man als Müller schreiben musste), aber weiter hatte meine schulische Bildung durch meinen Vater nicht gereicht. Immerhin war dies schon besser als die Lese- und Schreibfähigkeiten von 95% des Dorfes.

Mein Vater sah mich an, sein strenger Blick, bevor er mir ein leichtes Lächeln gab und auf die Schulter klopfte.
„Morgen Abend ist der Ball. Heute schaffen wir die letzten Säcke in den Königshof und dann machen wir erst einmal eine Pause, wie hört sich das an?“

Ein müdes Lächeln brach in meinem Gesicht aus, während ich nur nickte. Eigentlich könnte ich jetzt schon diese Pause brauchen, aber dass es heute nur noch die letzten Säcke sein würden, war ein Lichtblick, auf den ich mich freute.

Vielleicht würde ich heute Abend mal wieder auf die Lichtung im Wald gehen. Da, wo ich mich der Natur und dessen Göttern am nächsten fühlte. Dort, wo ich kein einfacher Müllerssohn war, sondern einfach ein Mann auf der Suche nach Zielen, Antworten und Ruhe. Ein Mann, der nicht ständig an seine größte Sehnsucht denken musste, die eh nie erfüllt werden würde. Eine verpöhnte, verbotene Sehnsucht, die mich potenziell umbringen könnte.

Egal, wie sehr ich auch versuchte, diese Gedanken zu vergessen, mich anderen Gedanken zu widmen, ich konnte nie loslassen. Der Teufel fand mich immer wieder, ließ mich nicht mal in meinen Träumen los und brachte mir Träume, die falsch waren, aber sich so richtig anfühlten. Er lotste mich zu Sünden. Sünden, für die ich gehängt werden könnte, allein schon wegen den Gedanken, die ich hatte, während ich morgens nach dem Aufstehen meine „Erlösung“ verfolgte.

„Ich sattel schon mal Selma auf“, meinte ich dann zu meinem Vater, der nur nickte.
Selma war unsere Eseldame, die uns half die Säcke auf einem kleinen Karren den Berg hoch zum Schloss zu tragen. Ohne sie wären wir verloren.

„Na, Kleines“, murmelte ich leise, während sie nur schnaubte und ihren Kopf wegdrehte.
„Ach komm mir nicht so“, beschwerte ich mich. Die wusste genau, was sie machte und was von ihr verlangt war, wenn jemand von uns zu ihr kam. Die war echt genauso stur, wie man es von einem Esel erwartet.

Ein weiteres Schnauben ertönte im Stall, dann trat sie mir leicht in den rechten Oberschenkel, sodass ich stark die Luft einzog und leise vor mich hin fluchte. Dieses Biest!

„Komm jetzt, das ist das letzte Mal fürs Erste, du Biest!“

Ich hörte nur noch ein „i-ah“, was mich auslachte, bevor sie sich wieder zu mir drehte und sich das Geschirr anbringen ließ.

 

„Was wirst du mit dem Extragroschen machen?“, fragte mich mein Vater, als wir beide schon halb aus der Puste den Berg hochliefen.

„Ich dachte, wir holen uns Lammfleisch, zur Feier des Tages.“

Lammfleisch war begehrt, doch konnte sich dies fast keiner leisten. Einen Stand, der solch ein Fleisch verkaufte, befand sich jeden Tag im Innenhof des Schlosses. Nur diejenige, die auch die nötigen Groschen übrighatten, fanden ihren Weg dahin und kauften eine Keule.

„Eine gute Idee. So ein Lammbraten wäre wirklich eine Wohltat nach unseren Wochen der Arbeit und des Stresses“, meinte mein Vater daraufhin gleich begeistert, woraufhin ich Selma nur noch schnauben hörte. Verbitterte alte Eseldame!

Ich hätte natürlich die Ruhe zwischen meinem Vater und mir genießen sollen, besonders da wir beide schnauften, als hätten wir gerade den höchsten Berg erklommen, aber gerade in solchen Situationen konnte ich mit meinem Vater sehr gut reden.

„Nächste Woche wird wohl der nächste Weizen und vielleicht auch der Roggen fertig sein, meinst du nicht? Die sehen schon gut aus, brauchen nur noch ein wenig Zeit“, meinte ich, während ich versuchte mein Schnaufen in Zaum zu halten.

„Das stimmt. Dann können wir wieder ernten. Ein wenig Korn bleibt für Selma, den Rest mahlen wir schon und waren ihn dann im Keller auf, so wie immer. Der König wird im neuen Jahr bestimmt wieder ganz viel wollen für den nächsten Ball.“

„Hoffentlich gibt’s dann keinen mehr“, murmelte ich, weshalb mein Vater mir ein kleines Lächeln gab. Wir beide wussten, dass wir ab jetzt besser nicht mehr von der Königsfamilie oder ihren Machenschaften sprachen, da wir sehr nah an den großen Toren zum Hof waren.

 

~

Die Wachen würdigten uns schon gar keinen Blick mehr, da wir in den letzten Tagen oft auf dem Hofe des Königs zugange waren. Was auch kein Wunder war, wenn man mehr als 30kg Mehl auf den königlichen Hof bringen sollte, nur weil ein Prinz sich nicht entscheiden konnte, welche Dame er zur Frau machen sollte. Dabei gab es so viele Möglichkeiten!

Ich hatte auch mal zwei Verehrerinnen, aber ich wusste, dass sie nicht zu mir kamen, weil sie mich mochten, sondern weil ihre Familien in einer Geldnot steckten. Jägers-, Müllers- und Schmiedefamilien waren angesehene Familien zum Heiraten in den Dörfern und kleinen Städten, da sie das meiste Geld einbrachten. In eine Familie einzuheiraten mit Berufen, die wenig Geldsorgen hatten, war ein Wunsch aller Familien für ihre Töchter und Söhne.

Es waren auch alles nette Frauen, mit denen man bestimmt gut bis ans Lebensende wohnten konnte, aber… ich mochte nun mal keine Frauen in solch einem Sinne. Nicht, dass ich es wüsste, aber allein schon der Gedanke war Sünde genug, dass man mich mit tausend Schlägen der Peitsche bestraft hätte, wenn es irgendjemand herausfinden würde. Für mich würde es nie ein Happy End geben, aber damit hatte ich mich schon eher abgefunden. Und immerhin war ich auch keine Frau, denn mit meinen 28 Jahren wäre ich nicht mehr begehrt. Als Mann mit einem guten Beruf und einem sicheren Einkommen war man immer begehrt.

 

„Hier ist das Geld, danke für das gute Mehl“, verabschiedete sich der königliche Berater von meinem Vater, der mir den Geldbeutel zuwarf, zum Stand mit dem Lammfleisch zeigte und dann einen Sack Mehl nahm und ihn in das Schloss trug.

Noch bevor ich mir die Waren an dem Stand richtig ansehen konnte, wurde ich von einem Mann angerempelt, der eine Kapuze über seinen Kopf gezogen hatte. Ein leises „Entschuldige“ hörte ich noch, sah noch eine dunkle Haarlocke im Sonnenlicht schimmern, da die Kapuze nach hinten rutschte und wunderte mich dann, wer dieser Fremde wohl war. Sein Haar schimmerte schon fast bläulich im Sonnenlicht, sodass ich mich fragte, ob sein Haar wohl noch mehr leuchten würde, wenn er nachts in der Nebellichtung sein würde.

Ich wusste nicht, was es war, was diesen Mann so interessant für mich machte, doch wusste ich, dass er meine Gedanken und Träume wohl nie wieder verlassen würde.

 

So richtig bemerkte ich alles erst wieder, als mein Vater, Selma und ich wieder an unserem Hof angelangt waren und ich die Lammkeulen immer noch im Arm hielt. Wie konnte dieser Mann, den ich nicht mal gesehen habe, so einen Eindruck auf mich hinterlassen?

 

~

Die Nebellichtung hieß nicht umsonst so. Mein älterer Bruder hatte mir diese als Kind gezeigt, bevor er mit der Armee reisen musste. Ich war damals 7 und er 18 Jahre alt.

Es war schon immer unser kleines Geheimnis. Hier, wo sich die Baumkronen ein wenig teilten und mehr Sonnenlicht auf den Waldboden ließen. Hier, wo man sich fühlte, als wäre man der Auserwählte, wenn die warmen Sonnenstrahlen auf einen hinab schienen.
Doch die meisten Tage im Jahr, sah man den Waldboden kaum vor lauter Nebel. Ein Nebel, der sich nur am Boden absetzte und fast schon zart wie Seide an der Haut entlangstreifte. Am Tag konnte ich nur selten hier her, da war meist kein oder nur wenig Nebel. In der Nacht war es hier schon fast mystisch. Der Nebel, der den Boden bedeckte, die Geräusche der Tiere des Waldes und leichte Töne der Musik aus dem Schloss oder dem Dorf trugen sich mit dem Wind hierher. Wie das alles möglich war, wusste ich nicht, aber ich vertraute den Naturgöttern in ihrem Handeln. Alles, was sie uns gaben und ermöglichten, reichte aus, um sie zu verehren. Noch nie hatten sie uns mit einer Ernte arg im Stich gelassen. Also räumte ich hier in der Lichtung auf, baute kleine Schreine, um jeden Gott ein klein wenig zu verehren. Ich hatte nicht viel, doch dachte ich, dass es ausreichte.

Manchmal, wenn die Musik in leisen Tönen durch die Bäume durchdrang, tanzte ich. Wie auch immer ich lustig war, so tanzte ich. Mal einen Volkstanz, mal einen eher langsameren Tanz, mal den Tanz den die adligen immer tanzten.
Schon früh bemerkte ich, wie sehr ich das Tanzen mochte, wie gut ich es konnte und wie gut es mir dabei geht.

Bei Dorffesten war ich schon fast der begehrteste Mann, mit dem die Frauen tanzen wollten, da ich nicht ungeschickt war, wie die meisten anderen Männer. Frauen mochten es, wenn man tanzen konnte, wenn man ihnen nicht auf die Füße trat und wenn man die Kontrolle übernahm und führte. Und ich mochte es auch.

~

Ein Schwarm Vögel zog über die Wälder, schnatterten leicht in ihrer Sprache. Wohl sie wohl in ein paar Stunden sein mögen? Oder in ein paar Tagen, vielleicht auch morgen?

Ich war wieder mal im Wald eingeschlafen und war nun bedeckt von morgendlichem Nebel, der gelblich schimmerte, dort wo die Sonnenstrahlen auf den Boden reichten. Mein ganzer Körper war schon fast komplett durch den kühlen Nebel bedeckt. Den Anblick hätte ich gern von außen gesehen, aber ich wusste, dass es wohl ein schöner Anblick wäre. Ich mit geschlossenen Augen, die Sonnenstrahlen auf meiner hellen Haut genießen, während mein Körper leicht vom Nebel des Waldes gekühlt wurde und das Moos unter meinem Kopf mir ein weiches Kissen bot.

Die Tiere hatten es gut, insofern sie frei waren und nicht auf der Liste der gejagten. Wir Menschen konnten grausam sein. Wir hatten Regeln, die keinen Sinn ergaben, doch bestraft wurden, als wäre jeder, der diese missachtet oder hinterfragte, ein Schwerverbrecher. Ein Vogel konnte fliegen, wohin er wollte. Er sah die Welt von oben, hatte eine Hierarchie in der Vogelkolonne, doch gab es keine komplexen Regeln. Manchmal wünschte ich, dass auch ich solch komplexe Regeln nicht verstand oder wir diese in der Gesellschaft nicht hatten.

Verdiente ich keine Liebe, nur weil ich Männer bevorzugte?

 

Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, da ich wieder auf den Hof musste. Meine Eltern machten sich schon gar keine Gedanken mehr darüber, wo ich geschlafen hatte, da sie wussten, wie wichtig mir der Wald war, aber ich konnte nicht den ganzen Tag dort verbringen.

Gerade, als ich aufstehen wollte, sah ich eine in schwarz gekleidete Gestalt an einem der Bäume, ca. 10 Meter von mir entfernt, stehen. Die Kapuze war diesem Menschen tief ins Gesicht gezogen, ich erkannte nur helle, fast schon porzellanfarbene Haut und rosa Lippen, die nicht durch die Kapuze verdeckt wurden. Eindeutig ein Mann, da ich kleine dunkle Bartstoppeln erkannte.
Doch die Schönheit dieses Mannes erkannte ich auch, ohne sein komplettes Gesicht zu sehen. So schnell, wie er auch auftauchte (wahrscheinlich stand er da aber auch schon länger), so schnell war er auch wieder verschwunden, als ich mich komplett aufgerichtet hatte.

Ob es wohl derselbe Mann wie auf dem Markt war?

 

~

‚Hast du schon das Neueste gehört? Der Prinz hat wohl immer noch keine Frau zur Gemahlin genommen!‘

‚Achso? Der Prinz hat zu viel Freizeit und zu viel Freiraum, der darf doch bestimmt machen, was er will! Der wird auch noch begehrt sein, wenn er 60 ist! Der hat hunderte Frauen zu seinen Füßen liegen, aber eine zur Frau nehmen will er nicht, dabei ist das wichtig für die Königslinie! Der kann aber auch mich nehmen, wenn er will‘

Das war der Tratsch des Tages. Der Prinz hatte immer noch keine Gemahlin und jetzt machte sich jeder hier über ihn lustig. Junge Frauen lachten und suggerierten, dass er einfach sie nehmen soll. Es war einfach erbärmlich, aber die Leute in Dörfern und kleinen Städten lieben Tratsch. Wann und wie sonst soll man Informationen, die man weiß austauschen? Neuigkeiten kommen zuerst vom Personal der Königsfamilie, zu den Wachen und Händlern, von da aus in die Lande. So war es schon immer gewesen, so wird es immer sein.

Früher dachte ich nach, ob ich nicht lieber als Prinz geboren wäre, aber der ständige Druck, das ständige Ansehen verteidigen und keine Privatsphäre haben mich von der Antwort „Ja“ abgehalten. Vielleicht war ich auch so als Müllerssohn, eigentlich schon Müller, glücklich.

Ich hörte Theresa, bevor ich sie sah. Sie war die Tochter der Schneiderin in der Stadt, 18 Jahre alt und machte gerade ihre Lehre bei ihrer Mutter, um das Geschäft weiterzuführen. Ihre Kleidungsstücke waren immer bedacht, sodass meine Familie dort die meiste Kleidung für gute Anlässe anfertigen ließ.

„Kevin!“

„Hallo Theresa“, begrüßte ich sie, senkte meinen Kopf kaum merklich nach unten für eine Sekunde, während sie einen leichten Knicks machte. Warum sie dies tat, wusste ich auch nicht.

„Ich hatte gehofft, dass du mit mir heute zum Tanz kommst?“, fragte sie, während ihre Wangen einen leichten Rot-Ton annahmen, und sie verlegen mit ihren Fingern spielte.

Ich hatte ganz vergessen, dass das Dorf immer einen kleinen Tanz nach dem Ball veranstaltete. „Wenn die adligen einen Tanz bekommen, warum nicht auch das Dorf?“ war die Devise.

„Äh, also… Gern, ich komme gern mit dir auf den Tanz. Treffen wir uns, wenn die Glocken um Sieben läuten?“

„Sehr gern, ich freue mich schon. Bis später, Kevin!“

Worauf habe ich mich eingelassen? Aber es wird meine Eltern glücklich stimmen, da Theresa von gutem Hause ist und sie sich so Hoffnungen machen. Theresa und ihre Eltern wohl auch, aber daran dachte ich erst einmal nicht.
Sie war nett, gutaussehend und würde eine gute Frau abgeben. Falls… wenn ich mich für eine Frau entscheide, dann wäre es sie.

 

~

Die Musik war gut, so war die Stimmung. Alle tanzten, feierten mit Bier und selbstgebranntem Schnaps.

Die Musik wurde von ein paar älteren Dorfbewohnern gespielt, so war es schon seit ich denken konnte.

Theresa und ich tanzten gut miteinander. Ich wusste, dass auch sie ein gutes Taktgefühl hatte und die Schritte zu mehreren Tänzen auswendig wusste, sodass ich das Tanzen auf solchen Festen wirklich mochte. Nur leider sprach Theresa viel zu viel für meine Verhältnisse, weil ich eigentlich nur zur Lichtung gehen wollte. Der Mond kam so langsam heraus, obwohl es noch recht hell war, dafür dass es schon 22 Uhr durch war.

„Könntest du dir vorstellen, mich zur Frau zu nehmen?“, sprach sie an, als die Glocken 23 Uhr ankündigten und der Mond nun komplett den Nachthimmel einnahm.

Irgendwo tanzten auch noch meine und ihre Eltern, das ganze Dorf hatte sich noch immer versammelt, keiner schien das Fest verlassen zu haben, außer diejenigen mit kleineren Kindern.

„Du bist eine tolle Frau“, fing ich an, nicht genau wissend, was ich als nächstes sagen sollte. „Aber wenn du noch ein Jahr warten kannst, dann nehme ich dich zur Frau.“

Ich wusste, dass es so langsam Zeit war, mich niederzulassen und den Schein zu wahren, dass ich mich mit Theresa liieren wollte. Wir würden auf Dates gehen müssen, ich würde ihren Vater irgendwann fragen, ob ich sie heiraten dürfte und ihnen Geschenke machen.

„Nur, wenn ich in der Zwischenzeit von dir auch die Aufmerksamkeit bekomme und nicht als alte Jungfer dastehe“, meinte sie schon fast diplomatisch. Diese Seite an ihr hatte ich noch nicht kennengelernt, aber meine Einschätzung, dass sie eine gute Frau werden würde, trübte es nicht. Im Gegenteil.

„Versprochen. Ich werde um deine Hand bei deinem Vater anhalten, wenn der Prinz den nächsten Ball hinter sich hat, ohne eine Gemahlin zu wählen. Bis dahin treffen wir uns aller drei Tage bei dir auf dem Hof, wo ich dich dann ausführen werde.“

Aber war ich bereit dafür?

~

Die Lichtung war wieder nebelbedeckt, der Mond schien direkt in die Öffnung, die die Baumkronen hinterließen und tränkte den Nebel in ein silbernes Licht. Dieser Anblick mag für viele gruselig erscheinen, doch für mich ist es ein gewohnter, ein lang ersehnter Anblick. Um diese Zeit fühlte ich mich an diesem Ort am wohlsten.

Die Musik des Dorffestes ertönte noch durch die Bäume und deren Blätter. Die Noten und der Gesang wurden durch den Wind in den Wald hineingetragen, bevor er sich schon fast hier sammelte. Leise, aber ich verstand jedes einzelne Wort.

 

Knack)

Erschrocken drehte ich mich blitzschnell um, da ich so in die Musik vertieft war, dass ich unvorsichtig wurde.

Vor meinen Augen, ca. 5 Meter entfernt, stand der Fremde mit seinem langen Cape und der Kapuze, die er weiterhin tief in sein Gesicht gezogen hatte.

Lange Zeit sagte keiner von uns irgendetwas. Wir blickten uns nur an. Ich versuchte mehr ausfindig zu machen, außer seinen Mund und die fast schon blasse Haut. Er war nicht so oft in der Sonne, das war bei wenigen Berufen ein Luxus. Vielleicht war er ein Schreiber? Vielleicht auch ein Koch oder Metzger.

„Darf ich deinen Namen wissen?“, fragte ich dann mutig, obwohl mir die Worte fast im Halse stecken geblieben wären.

„Ich kann Ihnen meinen Namen noch nicht verraten. Eine schöne Lichtung hast du hier gefunden.“

Seine Stimme breitete ein wohliges Gefühl in meinem Körper aus. Wohlig, aber doch bestimmend und markant. Eine perfekte Mischung verschiedener Attribute, die einen wohligen Schauer über meinen Rücken liefen ließen.
Warum konnte ich nicht normal sein und Männer als Konkurrenz sehen?

„Ich kam schon als Kind hierher. Viele trauen sich nicht so weit in den Wald hinein, aber wenn sie es erst einmal sehen würden, dann würden wohl viele Menschen den Weg hierher auf sich nehmen.“

„Sind wir wirklich so weit von allem entfernt, wenn man doch den Schimmer des Lichtes des Schlosses erkennen kann?“, fragte der Fremde neugierig und trat einen Schritt näher.

Ein leises, fast schon ungläubiges Lachen entfleuchte mir. „Bei aller Liebe. Das Schloss ist nie zu übersehen, da kann man auch einen Tagesritt entfernt sein. So groß, so hoch oben und so prunkvoll, wie es gestaltet wurde.“

Kurz war der Fremde ein wenig überrascht, lachte dann aber doch leise mit.

„Das mag wohl stimmen.“

„Ständig wird dort gebaut, ständig sieht man neue Lichter, eine neue Farbe an den Wänden oder neue Steine, die verbaut wurden. Wichtige Zutaten werden von allen Bauern abgekauft, für einen kleinen Extra-Groschen, nur dass die normale Dorfbevölkerung weniger zu essen hat als sonst schon. Besonders in Zeiten, wo die Ernte nicht so ertragreich ist. Aber dies war schon immer so und wird sich wohl auch nicht ändern, so lange Könige das Land regieren.“

Kurz dachte der Fremde über meine Worte nach. Ich spürte schon fast seinen Blick auf mir, während ich mich hätte selbst schlagen können für so eine Aussage. Wenn es hart auf hart käme, müsste ich den Fremden wohl töten, wenn er mich verpetzen wollen würde. Auch wenn ich dies noch nie getan und vorhatte.

„Wenn dies rauskäme, würde dich die königliche Familie hängen. Das ist dir bewusst, oder?“

Hatte ich noch etwas zu verlieren? Meine Mutter hatte schon immer meine große Klappe kritisiert.

„Ob nun der Teufel mich schon in meinen Träumen verfolgt und ärgert, oder die Königsfamilie es auf mich abgesehen hat, ist wohl egal. Ich bin kein perfekter Christ, kein perfekter Bürger, das ist mir bewusst. Das hebt mich von vielen Menschen ab.“

Nun war der Fremde wohl wirklich interessiert an meinen Worten, da er noch einen Schritt auf mich zukam. Jetzt konnte ich auch den Stoff erkennen, aus dem sein Mantel, sein Cape gemacht war. Es sah nicht kratzig aus, eher weich. So, wie ich es zuvor nur bei adeligen gesehen hatte. War er-

„Haben Sie Lust zu tanzen? Die Musik ist schön und im Mondesschein zu tanzen birgt etwas Schönes.“

„Vielleicht sollte ich derjenige sein, der hier jemanden verpetzt. Ein Mann fordert einen anderen zum Tanzen auf? Unerhört. Das hätte Gott nicht so gewollt.“

Ein Lachen entkam dem Fremden, der noch einen Schritt vorging. Er war größer als ich, hatte lange Beine, so weit ich dies beurteilen konnte.

„Damit sind wir wohl quitt. Würden uns beide wohl nur in Gefahr bringen, wenn etwas von diesem Treffen in die Öffentlichkeit käme. Doch meine Frage steht immer noch, werter Herr. Möchten Sie mit mir diesen Tanz bestreiten?“

Er hielt mir seine rechte Hand hin. Seine rechte Hand ohne einen Handschuh. Er muss sich diese wohl ausgezogen haben, als ich ihn belehrt hatte.

„Nur wenn ich führen darf“, sagte ich während ich seine Hand nahm und uns automatisch in eine Tanzposition brachte.

Auch wenn ich kleiner war als der Fremde, konnte ich nicht in seine Augen schauen. Das Cape verbarg mir weiterhin einen Einblick in das Antlitz des Fremden.

 

Langsam bewegten wir uns zur Musik, die noch langsam war, aber bald schneller sein würde. Bald würden wir uns weg von einem Walzer, hin zu einem Volkstanz begeben und die Schnelligkeit des Liedes austanzen.

Wir bewegten uns im Einklang, ohne dass auch nur ein Wort gesagt werden musste, oder ich die Führung durchringen musste. Ich führte, er folgte ohne Probleme. Kurz führte er, dann fand ich mich in meine Rolle ein. Es war ein ständiger Wechsel der Rollen, ein Wechsel des Tempos, des Tanzstiles und meiner Gedanken. Wir fügten uns ohne Widerworte, als hätten wir dies schon tausendmal gemacht.

„Wo hast du tanzen gelernt?“, fragte ich ihn dann. Ein Siezen kam für mich nicht in Frage, auch wenn er es tat. Er war ein Fremder hier auf dieser Lichtung, jemand, der sich nicht zeigte. Solche Leute siezte ich nicht, wir waren alle gleich hier um diese Uhrzeit. Es muss schon weit nach 1 oder 2 Uhr gewesen sein.

„Mein… Onkel brachte es mir bei. Mein Vater ist kein großer Tänzer, dafür meine Mutter. Bei Tänzen tanze ich oft mit ihr, wenn mein Vater sich mal wieder weigert. Er war noch nie für das Tanzen, mag aber die Musik. Und Sie?“

„Hör auf mich zu siezen. Mir ist egal, wer du bist, woher du herkommst, aber ich sieze auf dieser Lichtung keinen. Im Mondesschein, im Wald sind wir doch alle gleich oder nicht? Tiere entscheiden nicht, ob jemand nun ein König oder ein einfacher Bauer ist. Sie erkennen diese Rollen in uns Menschen nicht. Wenn ein Wolf angreifen will, dann wird er es tun, ohne auch nur den Status zu wissen. … Meine Mutter brachte es mir bei. Da haben wir gemerkt, dass ich dies gut kann. Nun bin ich bei Dorffeiern der meistbegehrte Mann, da ich den Frauen nicht auf die Füße trete.“

Ein kehliges Lachen kam aus dem Mund des Fremden. Nun auch konnte ich seine perfekten Zähne sehen, oder die leichten Grübchen, die sich bildeten, wenn auch immer er lächelte oder lachte.

„Das mag sein. Ich kann verstehen, warum. Du bist der Müllerssohn, oder?“

Dieses Mal war ich der überraschte von uns beiden. Woher er das wohl wusste?

„Mein Name ist Kevin. Wenn du schon so anfängst, musst du mir auch deinen Namen verraten, Fremder.“

„Morgen, 23 Uhr mit dem Glockenschlag, werde ich hier sein und auf dich warten. Danach erzähle ich es dir vielleicht. Machs gut, Kevin. Pass auf dich auf.“

Und schon verschwand der Fremde wie ein Blatt im Wind.

 

~~

Der Fremde kam nicht, wie angekündigt am nächsten Tag, dafür am übernächsten. Wir redeten, tanzten, während ich leise die Melodie eines bekannten Liedes summte. Sein Cape nahm er nie ab, verriet mir auch nie, wie versprochen, seinen Namen. Doch das störte mich nicht. Wir verstanden uns gut, mochten die Gegenwart des Anderen. Je mehr es sich zog, schon fast über Monate, desto mehr wussten wir über den jeweils anderen, desto mehr erfuhr ich von seinem Leben. Ich hatte noch viele Fragezeichen in meinem Kopf, doch wusste ich, dass es sich eines Tages auflösen würde.

Je mehr Zeit wir zusammenverbrachten, desto näher kamen wir uns. Als er gestern meine Hand nahm, als wir nebeneinander auf dem Boden lagen, und sich dann erschrocken hatte, als ich kurz zudrückte.

Der Fremde sprang schon fast vom Boden auf, nuschelte ein „Entschuldige“, was mir bekannt vorkam und sprintete dann aus dem Wald heraus.

Vielleicht hatte ich mir doch mehr Hoffnungen gemacht, als ich es sollte.

~

Ich war wieder an der Lichtung, zu meiner üblichen Zeit um ca. 22 Uhr. Der Fremde war auch nicht da, nicht dass ich es erwartet hätte, nachdem er gestern den Platz so plötzlich verlassen hatte. Immerhin hatte ich so Zeit mir ein paar Gedanken durch den Kopf gehen zu lassen. Etwas, was ich den ganzen Tag nicht machen konnte, da ich so beschäftigt gewesen war.

 

„Du bist hier“, stellte der Fremde hinter mir fest. Noch bevor ich mich richtig umdrehen konnte, sah ich in das Antlitz des Fremden. Eisblaue Augen schauten mich an, lange Wimpern akzentuierten dieses Eisblau, was durch seine porzellanweiße Haut herausstach. Seine Haare schimmerten im Mondesschein schon fast dunkelblau, wie die Strähne des Fremden, der mich damals angerempelt hatte.

„Du bist der Fremde vom Königshof“, stellte ich schon einmal fest, bevor mir der Geistesblitz in den Sinn schoss. Man sagte sich, dass wenn auch immer man eisblaue Augen sah, dass es entweder die Königin oder ihr Sohn, der Prinz sein mussten.

„Es tut mir leid Sie nicht erkannt zu haben, Prinz Bastian“, verbeugte ich mich dann, noch immer schockiert, dass er wirklich der Prinz sein musste. Fuck, ich habe mit dem Prinzen getanzt, ihn geduzt, mit ihm geredet und die Hand gehalten. Monatelang.

„Ich denke, die Tiere erkennen keinen Rang, warum sollen die Menschen auf dieser Lichtung?“, schmunzelte er. In seinen Händen hielt er eine Box mit einer Schleife darauf, die ich zuvor noch nicht bemerkt hatte.

„Ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“

„Das- also das wäre doch nicht nötig gewesen. Ich habe gar keins für Sie- äh dich“, sagte ich schon fast stotternd, fing mich aber noch.

„Sieh es als einen Dank für tolle Tänze, dafür, dass du mich nie beurteilt hast. Dafür, dass ich mit dir normale Konversationen haben durfte. … Dafür, dass du mich verstehst.“

„Ich wusste nicht, dass du der Prinz bist, das hast du erst jetzt gezeigt. Deshalb kann und werde ich das Geschenk nicht annehmen. Die Anonymität ist einzig und allein das, was dies möglich gemacht hatte. … Ich verstehe dich, aber verstehst du mich auch?“

Ich wusste, dass mich meine Stimme im Moment des letzten Satzes schon fast im Stich gelassen hatte, aber ich musste es wissen. Ist er weggelaufen, weil er mich nicht verstand, oder weil ihn die Situation überforderte, aber er mich verstand?

„Schau in dein Geschenk, Kevin.“

Eine fein verarbeitete, dunkelgrüne Robe befand sich in der Kiste, das Wappen des Könighauses war zu sehen, sowie eine kleine Box.
Ich schaute zu Bastian, noch nicht ganz deutend, was dies bedeuten sollte.

Mit der rechten Hand nahm ich die kleine Box, mit der linken gab ich dem Prinzen die Kiste.
Bastians Augen waren schon fast hoffnungsvoll, als ich die Box öffnete.

„Ein Ring“, hauchte ich. Ein dünner Ring, keine Gravierung, fast nicht zu sehen, aber dafür in Gold.

„Ich verstehe dich Kevin. Wir verstehen uns, und wir verstehen auch unsere Schwierigkeiten, oder nicht? Ich möchte dich und deine zukünftige Gemahlin auf den Hof holen. Sie kann ihre Schneidertätigkeiten am Hof weiterführen und du wirst hoffentlich mein persönlicher Berater. Der engste Vertraute des Prinzen. Deine Familie bekommt Arbeiter, die in der Mühle helfen.“

„Du nimmst eine Gemahlin?“

„Ich muss. Obwohl ich lieber einem Gemahl hätte.“

„Dann zeig mir, welchen Gemahl du gern hättest“, sprach ich. Selbstbewusst, schon wissend, was die Antwort darauf sein wird.

Bastian schmiss die Box mit dem Gewand schon fast weg, als er mit zwei großen Schritten auf mich zukam, seine Arme um meinen Hals legte und mich küsste.

Viel zu lange hatte ich auf diesen Moment gewartet. Viel zu viel fantasiert hatte ich darüber, wie es sich wohl anfühlen würde, einen Mann zu küssen. Scheiß auf den Teufel, scheiß auf die Gesellschaft.

 

„Wir bekommen das hin, Basti.“