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Liberté, Égalité, Bratpfanné. Eine Bratpfannengeschichte

Summary:

Abends, halb zehn im Saarland.

Esther könnte zuhause sein und sich Olympique gegen Atalanta ansehen. Die Wohnung putzen. Mit einem Buch auf der Couch liegen.

Stattdessen stand sie vor dem Haus der Mutter ihres Kollegen und überlegte, ob sie um diese Uhrzeit wirklich noch klingeln sollte.

Esther ist einfach mal nett. Sie bereut es zutiefst.

Notes:

Es war wieder mal Zeit für ein Gemeinschaftsprojekt mit den wundervollen Partnerinnen in Crime, pusteblume258 und Rainbow_Child. 🥰

Wieso Bratpfannen? Das ist eine sehr lange Geschichte, deren Ursprünge in den Untiefen der Zeit versunken sind mittlerweile. Aber, wie wir festgestellt haben: Bratpfannen sind für immer.

(See the end of the work for more notes and other works inspired by this one.)

Work Text:

Leo war wieder wach.

Leo war wieder wach und Esther konnte endlich wieder durchatmen, unten bei Henny in der Gerichtsmedizin, wohin sie aus dem Gewusel in den oberen Krankenhausfluren geflüchtet war.

“Seine Schwester ist heute früh in Frankfurt gelandet und jetzt hier”, erzählte sie, mit ihrem Kaffee an Hennys Schreibtisch gelehnt. “Die übernimmt das jetzt alles.”

Esther hatte sich eine letzte Versicherung geholt, dass Leos Zustand stabil war, und ab dem Moment erleichtert die Verantwortung abgegeben.

Leo war wach, er war nicht in Lebensgefahr, er war ansprechbar. Was schon mehr Information war, als Esther strenggenommen haben sollte, aber wenn man mit einer durchaus plauderfreudigen Gerichtsmedizinerin arbeitete, dann ließen sich manche Informationsflüsse nicht ganz vermeiden.

“Sieht auch ganz gut aus bei ihm”, meinte Henny und klickte sich durch ein paar Ordner an ihrem Laptop, bis sie Röntgenbilder aufstöberte und in den Vollbildmodus stellte. “Ich hab mir das vorhin schon angesehen.”

Henny hatte tatsächlich berufsbedingt Zugriff auf die Krankenakten von Esthers Team, weil sie sich um den Fall kümmerte. Den neuen Fall, den versuchten Mord mittels Bombe, nicht den alten Überfall auf den Geldtransporter. Esther bekam schon Kopfschmerzen, wenn sie nur daran dachte, wie verworren da jetzt die Zuständigkeiten sein mussten.

Irgendwer hatte jetzt zu klären, was genau da unten in dem Bunkertunnel stattgefunden hatte. Sie selbst hatte eine halbwegs konkrete Aussage darüber machen können, was aus ihrer Sicht geschehen war, aber Pia erinnerte sich an kaum etwas und an Adam hatte sich überhaupt noch niemand herangewagt.

Also blieb die Aufklärung vorerst an Henny und ihren gerichtsmedizinischen Erkenntnissen hängen. Und Henny freute sich, wenn Esther mit Kaffee und Madeleines vorbeischaute.

“Da sollte nichts zurückbleiben, auch nicht von den Knochenbrüchen”, sagte sie und zeigte mit dem Finger ganz interessiert auf den Röntgenbilder auf ihrem Bildschirm herum. “Keine Trümmerbrüche, also wird das ziemlich sicher gut verheilen. In ein paar Wochen springt Leo wieder durch die Gegend wie zuvor.” Sie zwinkerte Esther zu. “Immer schön, wenn ich so etwas über meine Patienten sagen kann. Die meisten springen eher nicht mehr, wenn sie mal in meiner Zuständigkeit gelandet sind.”

Esther nickte und schaute angestrengt an den Bildern vorbei. Irgendwie war das, als würde sie Leo nackt sehen.

“Pia kommt morgen nach Blieskastel”, bot sie im Gegenzug ihre eigenen Informationshäppchen an. “Anschlussbehandlung und danach Reha.”

Bei Pia hatte sie gestern während der Besuchszeit schon vorbeigeschaut. Ganz klein und blass hatte sie im weißen Krankenhaus-Bettzeug gelegen und so unendlich müde ausgesehen, dass Esther überhaupt nicht gewusst hatte, was sie sagen sollte, weil ihr alles zu anstrengend vorkam. Also hatte sie nur angeboten, für Pia Sachen aus ihrer Wohnung zu holen, und dann ihr Bestes getan, sie ein wenig abzulenken.

Für Krankenbesuche war sie nicht gemacht, das war nichts Neues, aber das machte es nicht weniger frustrierend, oder das Gefühl der Unzulänglichkeit leichter zu ertragen.

“Nach dem Erlebnis nur verständlich, dass man ihr eine Pause verordnet.” Henny warf Esther einen mitfühlenden Blick zu, den sie nicht recht deuten konnte. “Das sind gute Leute dort. Die kümmern sich um die Schusswunde und um den Kopf.”

Wieder nickte Esther und spielte mit dem fast leeren Papp-Kaffeebecher in ihrer Hand. Grüngetupft war er, wie das Logo der guten Bäckerei in der Burgstraße. Normalerweise machte sie sich nicht die Mühe, den Umweg dorthin zu nehmen, aber heute war das wichtig gewesen. Vielleicht sollte sie es öfters tun; Pia und Adam liebten die Hörnchen von dort über alles, und sogar Leo ließ sich gelegentlich zu einem Zweithörnchen verleiten, wenn besagte grüngetupfte Papiertüte auf dem Besprechungstisch lag.

Henny schloss die Röntgenbilder, sehr zu Esthers Erleichterung. Sie wollte wirklich nicht darüber nachdenken, was genau die hellen Schatten auf einem Bild von Leos Beckenknochen waren.

“Seid ihr aktuell eigentlich im Einsatz?”

Esther schüttelte den Kopf. “Innendienst. Offiziell zumindest. Inoffiziell bin ich freigestellt und niemand fragt nach, ob ich ins Büro komme und was ich im Homeoffice genau mache. Die letzten paar Tage bin ich zuhause geblieben und habe mit dem Papierkram angefangen.”

Ein zustimmendes Nicken kam von Henny, als sie sich auf ihrem Stuhl umdrehte und den Schwung nutzte, um auf die Beine zu kommen. “Nur vernünftig. Mit einem Knalltrauma sollte man vorsichtig umgehen und keine lauten Geräusche riskieren. Sonst geht es dir gut? Nach so einem Schreck sollte man auf sich aufpassen.”

So wirklich wusste Esther nicht, was sie darauf antworten sollte.

“Ich hab nur ein paar Schrammen abbekommen”, bot sie schließlich an. “Es ist ja ruhig genug im Büro, da überanstrenge ich mich schon nicht.”

“Wenn ihr nur zu zweit seid? Stimmt natürlich. Da seid ihr wohl noch eine Weile raus aus der Rotation.” Henny streckte die Hand nach Esthers Becher aus und wartete, bis sie ihn bekam, um ihn zu stapeln und in den Mülleimer unter ihrem Tisch zu entsorgen. “Wie geht es Adam?”

“Gut?” Esther mochte das Zögern nicht, das Henny sicher in ihrer Stimme hörte. “Vorgestern hat er Pia besucht und sie sagt, dass alles in Ordnung ist bei ihm.”

Selbst hatte sie ihn seit den ersten hektischen Stunden nach der Explosion nicht mehr gesehen, aber im Gruppenchat hatte er sich heute kurz gemeldet, und bei Pia hatten sie sich nur knapp verpasst. Ab jetzt würde er ganz bestimmt auch Leo heimsuchen, sobald dem Besuche erlaubt wurden. Es war ohnehin ein Wunder, dass Adam noch nicht versucht hatte, sich irgendwie in das Hölzer’sche Krankenzimmer zu schleichen.

Henny wirkte etwas zweifelnd, schüttelte dann aber den Kopf. “Pia hat bestimmt recht. Laut Krankenakte war da nur eine leichte Gehirnerschütterung, dazu ein paar Prellungen und Abschürfungen. Nichts, worüber wir uns Sorgen machen müssen, wenn er bisher gesund wirkt und nicht aussieht, als würde da noch etwas zum Vorschein kommen.”

*
*
*

Natürlich machte Esther sich jetzt Sorgen.

Sie machte sich Sorgen und sie war unzufrieden mit sich selbst, und das konnte sie nicht einfach so auf sich beruhen lassen.

Bei der Explosion war sie es gewesen, die am wenigsten abbekommen hatte. Ein leichtes Knalltrauma, nicht mehr, weil sie es im Bunker hinter die nächste schützende Ecke im Gang geschafft hatte, bevor die Bombe hochgegangen war. Sie war es gewesen, die im Chaos aus Staub und Asche und Dunkelheit den Überblick behalten hatte. Sie hatte die Kollegen vom SEK eingewiesen, hatte dafür gesorgt, dass Leo als erstes rausgebracht wurde. Sie hatte es sogar noch geschafft, Pia von den Handschellen zu befreien.

Esther war es gewesen, die den ersten Bericht erstattet hatte, sobald sie wieder blinzelnd im hellen Tageslicht gestanden war. Weil ihr nichts passiert war, weil sie als einzige aus dem Team einsatzfähig geblieben war. Natürlich hatten ihr die Ohren geklingelt und die Kehle war kratzig vom Staub gewesen, aber das waren Kleinigkeiten. Sie hatte zwischen französischen und deutschen Kollegen übersetzt, während hinter ihr Leo hektisch in einen Helikopter verladen wurde, und hatte sich darum gekümmert, dass Pia und Adam nach Saarbrücken auf den Winterberg gebracht wurden und nicht in eine französische Klinik.

Sie war sogar selbst nachhause gefahren an dem Abend, sobald sie den Tatort ordentlich ans LKA 3 auf der deutschen Seite und an Noémie als französische Liaison übergeben hatte.

Das war alles in Ordnung, das hatte sie gut erledigt und da hatte sie sich auch nichts vorzuwerfen. Um ihre Verantwortungsbereiche hatte sie sich gekümmert.

Um die offiziellen zumindest, und in diesem Moment vermisste sie die Zeiten, als sie nicht weiter nachdenken musste. In diesen Zeiten hatte sie kein schlechtes Gewissen bekommen, weil sie sich nicht auch noch privat um ihre Kollegen gekümmert hatte.

Aber jetzt ging das nicht mehr.

Pia machte ihr keine Sorgen. Die war versorgt, mit der konnte Esther sprechen, mit der whatsappte sie alle paar Stunden. Leo war so weit auch unter Kontrolle und immer noch medizinisch überwacht. Da musste Esther gar nichts machen und konnte auch nichts ausrichten, was Fachleute nicht besser hinbekommen würden. Die beiden konnte sie im Kopf abhaken.

Aber Adam hatte sie aus den Augen verloren, und das ging nicht.

Nicht mehr.

Weil der auch Teil ihres Teams war, egal wie mühsam er sein konnte, und es tatsächlich geschafft hatte, dass Esther sich jetzt Sorgen um ihn machte.

Würde sie nie laut zugeben. War aber so.

Außerdem würde Leo ganz bestimmt wissen wollen, wie es Adam ging, sobald Esther ihn besuchen konnte. Und einen Besuch abstatten musste sie ihm, schon allein um seine Aussage für die Berichte zu bekommen. Natürlich würde sie etwas ruhiger atmen, wenn sie sich persönlich davon überzeugt hatte, dass noch alle Teile am Hölzerchen dran waren und er nicht verpeilter war als sonst schon. Aber irgendwer musste den Schreibkram erledigen, genau wie irgendwer sich drum kümmern musste, dass alles weiter lief.

Zur Auswahl standen aktuell Esther und Adam.

Was eigentlich keine Auswahl war.

Adam konnte man an guten Tagen ein wenig Eigenverantwortung übertragen, aber generell lief da alles besser, wenn Leo ihn im Blick hatte. Meistens einem sehr verträumt-verknallten Blick, aber jetzt würde Esther selbst das mit Handkuss nehmen.

Aber jetzt fiel Leo auf unbestimmte Zeit aus, was das Schürk-Hüten anging, und sie wusste nur zu gut, zu welchen Dummheiten Adam in der Lage war, wenn ihn niemand im Auge behielt.

Es war in Momenten wie diesem, wo sie sich fragte, ob sie nicht doch lieber ein wenig näher an der Bombe hätte stehen sollen, damit sich jetzt jemand anderes um die Aufräumarbeiten kümmern konnte.

*
*
*

Esther hielt in der Tür zum Team-Büro inne, als sie von einem unerwünschten und unerwarteten Anblick begrüßt wurde: Adam Schürk in Jogginghose und Hoodie, die Haare komplett verzauselt und Druckspuren vom Kissen im unrasierten Gesicht. Eine Schiene an der linken Hand lugte unter dem Ärmel hervor, und das gab Esther einfach den Rest.

“Bist du eigentlich komplett durchgeknallt?”

Adam starrte sie stur an, Kiefer angespannt, Arme eng vor der Brust verschränkt. Immerhin machte er sich nicht die Mühe, sich von der Couch aufzurappeln und das übliche Spielchen mit der Körpergröße zu versuchen.

Esther machte den letzten Schritt durch die Tür und schloss sie hinter sich. Das hier mussten die anderen Teams nun wirklich nicht mitbekommen, sonst hielt das LKA 2 den teilweisen Umzug nach Saarlouis nur für noch gerechtfertigter, und die waren ohnehin schon nervig genug, was das anging.

Über das LKA 3 wollte sie gar nicht erst nachdenken. Die wurden ohnehin viel zu oft Zeugen davon, was hier so abging, sobald sie sich tapfer im geteilten Außenbüro aufhielten.

“Du kannst doch hier nicht wohnen!”

Adam runzelte die Stirn. “Was geht dich das an?”

“Das ist mein Büro!”

“Unser Büro, wenn schon!”

“Das macht es nicht besser!” Esther warf die Hände in die Luft und zog sich in die sichere Zone hinter ihrem Schreibtisch zurück. Ein misstrauischer Blick auf den gepolsterten Sessel, der in ihrer Ecke stand, ließ sie sich marginal entspannen.

Sah nicht aus, als hätte Adam da drauf irgend etwas angerichtet. Ganz im Gegensatz zum Couch, auf dem eine Decke und ein zusammengeknüllter Hoodie als improvisiertes Kissen lagen und wo er eindeutig geschlafen hatte, bis Esther an diesem Morgen ins Büro gekommen war. Leugnen war da einfach zwecklos.

Mit Schwung stellte sie ihre Tasche auf dem Schreibtisch ab und kam wieder zurück in die Mitte des Raumes.

“Das ist schon schlimm genug, wenn Pia hier schläft! Und jetzt fängst du auch noch damit an? Du hast sie doch nicht mehr alle!”

“Das geht dich einen Scheißdreck an”, fauchte Adam zurück. Jetzt kam er doch auf die Beine, mit einem merklichen Zucken, als ob da ein paar Muskelpartien nicht ganz glücklich mit der Bewegung waren.

“Du”, begann sie und nahm die Schultern zurück, um sich vor ihm nicht kleiner zu machen, als sie ohnehin schon war, “du nimmst jetzt deine Sachen und fährst nachhause!”

“Ganz sicher nicht!”

“Was wird das hier, ein Kindergarten? Das ist ein Büro! Du fährst jetzt nachhause und bleibst dort! Wir sind nichtmal in der Rotation! Mach Homeoffice, verdammt nochmal! Machst du doch sonst auch, wenn du keine Lust hast!”

Er warf ihr einen bösen Blick aus zusammengekniffenen Augen zu. “Nein.”

Sie konnte es nicht fassen. “Doch!”

“Das geht nicht!”

“Du nimmst jetzt diesen verdammten Rucksack und fährst nachhause! Wieso zur Hölle soll das nicht gehen?”

Den Rucksack hatte er noch nichtmal ausgepackt, wie es aussah. Fertig verschnallt war der feinsäuberlich an die Wand neben der Tür gelehnt, wo Adam ihn vor ein paar Tagen abgestellt hatte, als die Welt noch eine andere gewesen war. Esther musste Adam nur dazu kriegen, das verflixte Teil zu nehmen und sich brav auf den Weg zu machen.

“Ich bin ausgezogen, schon vergessen?”

Das brachte sie genug aus dem Tritt, dass sie keine unmittelbare Antwort fand. Adam schien das zu merken; er kehrte ihr den Rücken zu und beschäftigte sich damit, seine Decke ordentlich zu falten und über die Rückenlehne der Couch zu drapieren.

Esther wusste, dass Adam bei seiner Mutter wohnte. Sie wusste außerdem mehr über das Schürk’sche Familienleben, als ihr lieb war. Dass Adams Vater tot war, hatte sie in einem stillen Moment schweigend als glückliche Fügung verbucht, nachdem der ganze Irrsinn rund um seinen Selbstmord durchgestanden gewesen war. Denn auch wenn sie Adam nicht mochte, hätte sie so etwas ihrem schlimmsten Feind nicht an den Hals gewünscht. Sie hatte die Videoaufnahmen aus der Rauchmelder-Kamera gesehen und miterlebt, wie lange Adam gebraucht hatte, um wieder in der Normalität anzukommen. Fast genauso lang hatte Leo gebraucht, um ihn wieder außer Sichtweite zu lassen, ohne durchs Büro zu laufen wie ein nervöser Border Collie auf der Suche nach seinem verlorenen Schäfchen.

Aber der alte Schürk war tot, Adam hatte die letzten zwei Jahre bei seiner Mutter verbracht, also war das doch alles ausgestanden gewesen.

Ja, da war der Rucksack. Aber niemand zog einfach mit einem Rucksack um wie ein dramatischer Teenager, der von Zuhause ausgebüxt war. Sollte Adam sich eben ein paar Tage Abstand von seiner Mutter nehmen, wenn er das brauchte.

Esther brauchte allerdings auch etwas: ihr Büro ohne einen permanenten Bewohner, der sie hier Tag und Nacht heimsuchte. Sie wollte gar nicht erst wissen, wie das mit der Wäsche funktionierte. Der leichte Geruch nach Schweiß und getragenen Klamotten ließ sie zweifeln, dass Adam sich darüber großartig Gedanken gemacht hatte.

“Du kannst nicht hier einziehen”, sagte sie noch einmal und setzte sich schließlich an ihren Schreibtisch. Es fühlte sich wie Resignation an. Schmeckte ihr gar nicht.

“Ich bleib hier nicht ewig. Muss nur etwas finden.”

‘Nicht ewig’ war ein dehnbarer Zeitraum.

“Wieso übernachtest du nicht in Leos Wohnung?”, fragte sie. “Machst du doch sonst oft genug.”

Offiziell wussten weder sie noch Pia, dass die zwei eine wie auch immer geartete Beziehung am Laufen hatten, aber keine von ihnen war blind. Leo und Adam kamen oft genug morgens zusammen ins Büro, dass es gar nicht erst die sanften Blicke und die gelegentlich gerade einen Augenblick zu lange andauernden Berührungen brauchte, dass das alles nicht mehr als reine Freundschaft durchging.

Was ja auch in Ordnung war, und das Teamklima im letzten Jahr definitiv verbessert hatte. Falls die zwei angefangen hatten, sich seit Leos irrwitzigem, inkompetenten Undercoverausflug zur Beruhigung gegenseitig ins Bett zu zerren, dann war das in Esthers Augen ein Fortschritt, weil sie weniger Unfug anstellten. Alles andere war ihr egal. Ging sie auch nichts an.

Aber das hieß eben auch, dass Adam, egal was seine aktuelle häusliche Wohnsituation betraf, eine alternative Übernachtungsmöglichkeit hatte und die aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht nutzte.

“Ich bleib da nicht ohne Leo”, sagte er leise. Und gut, das war vermutlich ein Grund, den Esther akzeptieren musste.

“Und was ist die Alternative? Du schläfst hier auf der Couch und wäscht deine Socken in der Kaffeeküche?”

“Unten im Keller gibt’s eine Waschmaschine.”

Esther wollte nicht wissen, woher er das wusste. Und auch nicht, ob Pia das ebenfalls entdeckt hatte.

Aber wem machte sie hier etwas vor? Was immer in diesem Gebäude existierte, hatte Pia unter Garantie schon längst gefunden, besonders wenn es ihr dabei half, sich vor Ort die Nächte um die Ohren zu schlagen.

Eine andere Baustelle.

Sie holte tief Luft.

“Das macht es nicht besser”, versuchte sie es. “Und das ist nicht das Problem und das weißt du.”

Adam biss sich sichtlich auf die Wange und bekam diesen verkniffen-sturen Gesichtsausdruck, den er sich sonst für lästige Aufgabenverteilungen aufsparte.

“Wusste gar nicht, dass es überhaupt dein Problem ist”, sagte er.

Irgendwo hatte er da natürlich recht. Es war nicht ihr Problem. Sie könnte Adam einfach dem unsteten Leben im Büro überlassen, ein paar Tage im Homeoffice verbringen und so tun, als hätte sie keine Ahnung davon, was er hier veranstaltete. Egal wie kindisch er sich anstellte: er war immer noch ein erwachsener Mann, der eigentlich wissen sollte, was er tat. Wenn er im Büro campen wollte, sollte er doch. War nicht ihr Rücken, der diese Couch aushalten musste.

Andererseits kannte Esther ihn mittlerweile wirklich zu lange, um nicht das Schürk’sche Talent zur Selbstsabotage in Action gesehen zu haben. Mehrfach. Ausgiebig. Mit Knalleffekten.

Gut. In Anbetracht der Ereignisse vor einer Woche besser ohne Knalleffekte.

Leo würde sie fragen, wie es dem Team ging, sobald Esther bei ihm für die Vernehmung vorbeischaute. Und dann würde sie Antworten brauchen, und sie wollte ihm nun wirklich keine unnötigen Sorgen machen. Außerdem: wenn der rausfand, dass Adam im Büro hauste, dann würde er nur dumme Dinge tun. Wie aus dem Krankenhaus flüchten.

Esther schüttelte den Kopf in dem Versuch, die Vorstellung eines barfuß im flatternden Patientenkittel fliehenden Leo Hölzer abzuschütteln.

Das war ein Szenario, das sie wirklich nicht riskieren konnte.

“Das hier ist ein Büro, nicht dein Hotelzimmer”, sagte sie entschieden. “Von mir aus bleib bis heute Nachmittag, dann fahre ich dich zu Leos Wohnung. Oder zuerst zu deiner Mutter und wir holen noch deine restlichen Sachen.”

“Nicht nötig.”

Sie fixierte ihn mit einem sturen Blick. “Du verlässt dieses Gebäude nicht ohne mich, verstanden? Und wir machen entweder einen Umweg oder nicht, aber am Ende schläfst du bei Leo. Ich lass mir von ihm sicher nicht vorwerfen, dass ich dich hier versauern hab lassen wie eine vernachlässigte Büropflanze.”

Adam starrte stur zurück, aber sie hielt ihm stand. Leichteste Übung; an dem Tag, an dem sie ein Blickduell gegen den Schürk verlor, hätte sie ganz andere Probleme.

Irgendwann schien er die Aussichtslosigkeit seiner Anstrengung zu erkennen und senkte den Blick.

“Wenn du mich dann endlich in Ruhe lässt.”

Dazu sagte sie nichts. War auch besser so, weil sie den Verdacht hatte, dass sie gerade die Verantwortung für die Versorgung von Adam Schürk übernommen hatte, so wie normale Menschen gelegentlich die Nachbarskatze hüteten.

Viel bekam sie nicht mehr getan an diesem Tag, aber es fühlte sich trotzdem an wie ein erster Schritt zurück zur Normalität. Esther arbeitete diverse Berichte ab, sammelte Gutachtendateien und Beschlussbestätigungen zusammen. Die frisch angelegte digitale Fallakte füllte sich, und irgendwo war sie froh, dass sie es war, die sich gerade darum kümmerte. Sie war als einzige unbeschadet aus der Sache rausgekommen, da war es nur fair, dass sie sich um alles kümmerte.

Außerdem sollte sich Leo vermutlich nicht die Fotos davon ansehen, wie er bewusstlos im Bunker gelegen hatte, blutend und staubig, umringt von Notfallsanitätern. Und Adam musste das auch nicht nochmal sehen.

Esther hatte Erwartungen an ihre Kollegen. Sie waren bei der Polizei, bei der Mordkommission, da hatte man damit klarzukommen, dass nicht jeder Anblick ein schöner war.

Aber der Anblick eines panisch keuchenden Adams, der verzweifelt Leos Namen murmelte, war auch einer, den Esther nicht noch einmal erleben wollte. Da reichte es, wenn sie sich daran erinnerte und die Aufräumarbeiten hinterher übernahm, während der Rest des Teams wieder auf die Beine kam.

Noch ein Punkt auf Esthers Liste; eigentlich musste sie von dem Fall abgezogen werden, aber bisher schien niemand daran gedacht zu haben. War ja auch egal; Carla Radek war tot, Béatrice Radek verhaftet und vermutlich für die nächsten zwanzig Jahre Gast der deutschen und französischen Justiz. Und dieses Mal war es Esther egal, ob alle Beweisketten sauber abgewickelt und alle Richtlinien eignehalten wurden.

Es machte im großen Ganzen keinen Unterschied, aber sie konnte diesen Fall nicht abgeben. Weil sich niemand außer ihr ins letzte Detail hineinfuchsen würde. Weil für alle anderen Ermittlerteams der Fall nur eine Zusammentragung von Fakten war, während Esther in diesem verdammten Bunker gewesen war und für ein paar ewig lange Sekunden geglaubt hatte, dass der Rest ihres Teams tot war.

Nein, das würde sie hier schön selbst erledigen, damit absolut klar war, was die Radeks getan hatten. Mit dem Rest konnte sich dann gerne die Staatsanwaltschaft herumschlagen.

Esther würde nur aufpassen, dass Pia, Leo und Adam davon nicht Wind bekamen. Das hier war eine Ausnahmesituation, so viel war klar. In jedem anderen Fall würden sie sich bitte brav alle an die Regeln halten.

*
*
*

“Ich fahre.” Ungeduldig schob sie Adam in Richtung der Beifahrertür. Als wäre das nicht sein üblicher Platz, wenn sie beide gemeinsam unterwegs waren. Esther fuhr und Adam hielt rechts von ihr schön die Klappe, damit sie ihn nicht unterwegs aussteigen und den Rest der Strecke laufen ließ.

Hatte sie schon länger nicht mehr machen müssen, aber die Drohung hielt sie aufrecht.

“Schon gut.” Adam hob abwehrend die Hände und lud dann seinen Rucksack in den Kofferraum. “Keine Sorge, ich mach mir auch die Schuhe sauber, bevor ich einsteige.”

Sie bedachte ihn mit einer hochgezogenen Braue und bekam dafür tatsächlich ein kleines Grinsen, nur für einen Moment.

“Hat Leo dich also doch stubenrein gekriegt”, merkte sie nur an und stieg ein. Die übliche Warterei, bis Adam den Sitz nach hinten geschoben und sich angeschnallt hatte, dann fuhr sie los, runter vom Parkplatz und durch die kleinen Nebenstraßen raus auf die Bismarckbrücke.

“Also, wohin? Direkt zu Leos Wohnung, oder holen wir zuerst noch Sachen von dir?”

Vermutlich konnte er sich auch einfach von Leo alles ausleihen, was er in den nächsten Tagen brauchte, aber Esther war sich ziemlich sicher, dass sie in Adams Situation gerne ihre eigenen Sachen hätte. Das war vermutlich schon seltsam genug, alleine in der Wohnung zu sein, und dann auch noch in Leos Kleiderschränken rumzustöbern, würde das eher nicht einfacher machen.

Adam rutschte den Sitz noch ein letztes Mal vor und zurück. “Direkt zu Leo. Ich hab keine Sachen mehr bei meiner Mutter.”

Esther warf ihm einen überraschten Blick zu. “Wann hast du das denn erledigt? Bist du in den letzten Tagen umgezogen?”

Er schüttelte den Kopf.

“Und wo ist dann der Rest?”

Er schaute aus dem Beifahrerfenster, als müsste er die Ampel für die Rechtsabbiegespur persönlich beobachten.

“Schürk.”

“Ist alles im Kofferraum.”

“Was, in deinem Auto? Oder in- willst du mir wirklich sagen, dass du nur mit diesem Rucksack ausgezogen bist?”

Er zuckte mit den Schultern und Esther hatte einen Moment der Klarheit, wo Leos gelegentliches frustriertes Gemurmel über Adams stures Schweigen herkam. Normalerweise war es nicht sie, die ihm alles aus der Nase ziehen musste.

“Ernsthaft? Und du willst mir weismachen, dass du nur die paar Sachen behalten willst?”

“Mehr hab ich nicht.”

Das ließ Esther kurz sprachlos zurück.

Die Ampel sprang auf grün; ein mehr als willkommener Vorwand, sich auf den Feierabendverkehr konzentrieren zu müssen. Schweigend fädelte sie sich auf der Brücke ein, bis sie nach einer Minute wieder an der nächsten Ampel zum Stillstand kamen, weil gerade halb Saarbrücken nachhause wollte und gemeinsam im Stau den Feierabend zelebrierte.

“Du bist jetzt was, fünf Jahre in Saarbrücken? Und das ist alles? Ein Rucksack?”

“Ich bin auch nicht mit mehr hierhergekommen.”

Esther erinnerte sich dunkel an ihre erste Begegnung mit Adam. Einen Rucksack hatte er auch damals dabei gehabt, aber sie war davon ausgegangen, dass da irgendwo zwischen Berlin und Saarbrücken noch ein Umzugswagen unterwegs war und er eben nur mit dem für die ersten Tage Nötigsten angereist war.

“Und seitdem hast du nicht…” Sie wedelte etwas hilflos mit der rechten Hand, bevor sie sie wieder zurück aufs Lenkrad legte. “Keine Möbel?”

“Ich hab anfangs im Hotel gewohnt und dann bei meiner Mutter.” Jetzt warf er ihr doch einen Blick zu, einen voller Warnung. “Mein altes Zimmer hat sie nie entrümpelt. Alles noch da, bis hin zum Schreibtischstuhl. Den hätte ich allerdings tatsächlich mal ersetzen sollen. Der war vor zwanzig Jahren schon Scheiße.”

Esther versuchte sich vorzustellen, wie es wäre, in ihrem früheren Kinderzimmer zu übernachten, und scheute vor dem Gedanken zurück. Darüber wollte sie nicht nachdenken. Damit hatte sie abgeschlossen und sie wusste gar nicht, ob es das Zimmer überhaupt noch im damaligen Zustand gab.

“Du musst doch mehr haben als die paar Klamotten da.”

Adam zuckte mit den Schultern in dieser betonten Gleichgültigkeit, die sie normalerweise verlässlich auf die Palme brachte.

“Hat sich eben nie ergeben. Und war jetzt auch praktisch. Schnell gepackt.”

Da hing eine ganze Welt an Gründen dahinter, aber Esther fragte nicht nach und war sich auch recht sicher, dass sie keine Antwort bekommen würde. Sie wusste ohnehin schon mehr über Adams Familie, als ihr lieb war.

Aber irgendwo fiel es ihr trotzdem schwer, die Tatsache in den Kopf zu bekommen, dass sein ganzes Leben in einen Rucksack passte. Esther war selbst nicht allzu interessiert an materiellen Dingen, aber sie hatte sich ihr Leben eingerichtet. Sie mochte die Bilder an den Wänden ihrer Wohnung und die Sofakissen, die sie von einem Urlaub in Portugal mitgebracht hatte. In den Regalen ihrer Wohnung standen Bücher und Andenken, ein paar leicht vernachlässigte Pflanzen auf den Fensterbänken. Den Teppich im Schlafzimmer hatte sie ewig lang gesucht und freute sich jetzt noch jeden Morgen darüber, wie weich er unter ihren Füßen war.

“Denk nicht so viel nach, Baumann. Leichtes Gepäck.”

Sie warf ihm einen skeptischen Blick zu. “Nicht einmal eine Lieblingstasse?”

“Hab ja keinen Fußballverein, von dem ich eine brauche.” Wieder das Grinsen, diesmal eindeutig als Ablenkungsversuch.

“Du musst doch irgendwas gekauft haben, seit du hier bist, das du nicht einfach so einpacken konntest.”

Ein Schulterzucken. “Mülltüten. Alltagskram. Nichts, für das es sich lohnt.” Er schnaubte belustigt. “Das Größte, was ich gekauft hab, ist vermutlich die eine Bratpfanne. Meine Mutter kommt mit Gusseisen nicht klar, deshalb verwendet sie die auch nie.”

Esther hätte persönlich auch nie gedacht, dass Adam Präferenzen hatte, was das Material von Kochgeschirr anging. Aber sie hätte bis vor ein paar Minuten auch nicht geglaubt, dass der Mann ein absoluter Minimalist war. Oder, vielleicht eher, sich aus irgendeinem Grund keine persönlichen Besitztümer gönnte.

Da taten sich, zusammen mit dem unangenehmen Wissen über den alten Schürk, gerade ein paar mögliche Abgründe auf, über die sie nicht näher nachdenken wollte.

“Und die Bratpfanne hast du nicht eingepackt?”, fragte sie, weil es der harmloseste Weg war, hier in kein Schweigen zu stolpern.

Wieder zuckte er mit den Schultern, und Esthers Sympathie für Leos Ungeduld mit diesem störrischen Nichtssagen wuchs.

“Da hab ich tatsächlich nicht dran gedacht. War eben schon spät.” Er wetzte auf dem Sitz herum und schob sich dann in eine betont entspannte Haltung. “Die wird wohl im Küchenschrank verstauben. Aber kein Grund, da jetzt einen Umweg zu fahren.”

“Wir hätten Zeit.”

“Lass gut sein, Baumann. Das ist es nicht wert.” Es war die Müdigkeit in seiner Stimme, die sie ihren Protest hinunterschlucken ließ. “Setz mich einfach bei Leo- bei Leos Wohnung ab.”

*
*
*

Es ließ ihr keine Ruhe.

Fast halb zehn Uhr abends und Esther zerbrach sich den Kopf wegen einer dämlichen Bratpfanne.

Sie hatte Adam bei Leo rausgelassen, wie gewünscht, und hatte dann mit laufendem Motor direkt vor dem Haus gewartet, bis ihr Handydisplay aufgeleuchtet hatte.

Ein Selfie von Adam in - vermutlich - Leos Küche, Zeige- und Mittelfinger grüßend an die Stirn gelegt, dazu Wohlbehalten angekommen, du musst nicht Wache schieben. Ich bleib schon hier.

Brav, schrieb sie zurück und erhielt fast sofort ein augenrollendes Emoji als Antwort. Morgen um neun hole ich dich ab.

Das brachte ihr nur noch einen Daumen nach oben ein, aber war beruhigend genug, um sie weiterfahren zu lassen. Adam war sicher verstaut für die Nacht und wusste, dass er unter Beobachtung stand und sie ihm keine Dummheiten durchgehen lassen würde.

Und jetzt saß Esther hier auf ihrem Sofa, eins ihrer hübschen portugiesischen Kissen im Schoß, und grübelte über gusseiserne Bratpfannen.

So ein Mist aber auch.

Jahrelang hatte sie ihr Bestes gegeben, um sich nicht in die Hölzer-Schürk’schen Dramen hineinziehen zu lassen. Abstand hatte sie gehalten, mit genug Vehemenz, dass sie sich nicht immer beliebt bei ihren Teamkollegen gemacht hatte.

Und jetzt hatte sie einmal nicht aufgepasst und zack, Bratpfannenprobleme wochentags nach 21 Uhr. Das konnte doch nicht normal sein.

Aber je mehr sie versuchte, das Pfannendrama wegzudrücken, desto mehr kreisten ihre Gedanken darum. Weil da eben mehr dahintersteckte als nur Adams mickrige Besitztümer.

So schnell ausgezogen, dass er einfach nur den Rucksack gepackt hatte. Der Mann war sprunghaft und impulsiv, das wusste Esther, aber selbst für Adam schien das zu weit zu gehen.

Irgend etwas war da vorgefallen. In diesem eigenartigen, unfreundlichen Haus mit den frostigkalten Wänden und der Bösartigkeit, die aus jeder dunklen Ecke triefte.

Sie musste ihren Kopf schütteln über all die Klischees, die sich in ihre Gedanken schlichen.

Und trotzdem.

Esther zupfte an einem losen Faden an ihrem Kissen, bis er sich löste.

Adam war da nicht geplant ausgezogen, so viel war offensichtlich. Niemand packte einfach so seine Sachen und schlief im Büro, nicht einmal er. Und wenn er keine Zeit gehabt hatte, um vorher eine Wohnung zu finden - oder endlich mit Leo die Sache mit dem Zusammenziehen zu klären - dann war etwas passiert.

Und das ging nicht.

Wenn es eines gab, das Esther im Moment absolut nicht tolerierte, dann dass ihrem Team etwas passierte. Nicht, wenn Pia die nächsten Wochen damit beschäftigt sein würde, Kopf und Körper zu heilen. Wenn Leo überhaupt erst seit heute morgen wieder bei Bewusstsein war. Wenn Adam sogar für seine Verhältnisse seltsame Dinge tat und Leo nicht da war, um auf ihn aufzupassen und ihn in der Spur zu halten.

Mit einem Seufzen senkte sie den Kopf und drückte die Stirn gegen das Kissen.

Sie wollte nicht auf Adam Schürk aufpassen. Das war ein Vollzeitjob. Sie hatte schon einen Vollzeitjob, und anders als Leo war sie nicht verknallt in den Kerl.

Frustriert schob sie dennoch das Kissen zur Seite und schwang die Füße zu Boden.

*
*
*

Das Haus der Schürks war im Dunkeln genauso feindselig, wie es im Tageslicht erschien. Überall düstere, scharfkantige Schatten im fahlen Licht der Lampen in der Einfahrt. Der Kies knirschte unangenehm unter Esthers Sohlen, als sie aus dem Auto stieg und sich ein letztes Mal fragte, was sie hier eigentlich machte.

Abends, halb zehn im Saarland.

Esther könnte zuhause sein und sich Olympique gegen Atalanta ansehen. Die Wohnung putzen. Mit einem Buch auf der Couch liegen.

Stattdessen stand sie vor dem Haus der Mutter ihres Kollegen und überlegte, ob sie um diese Uhrzeit wirklich noch klingeln sollte.

Licht fiel noch durch eines der straßenseitigen Fenster, schwach genug, dass es wohl aus einem anderen Raum durch eine geöffnete Tür scheinen musste. Jemand war also noch wach, auch wenn Esthers Gewissen davon nicht unbedingt beruhigt wurde.

Trotzdem ging sie bis zur Haustür. Zögerte dort kurz und schüttelte innerlich den Kopf, als sie sah, dass immer noch R. Schürk an der Klingel stand und fragte sich, wieso das nach zwei Jahren immer noch niemand geändert hatte. Beschloss dann, dass sie es lieber nicht so genau wissen wollte.

Widerwillig klingelte sie.

In Gedanken überlegte sie noch fieberhaft, wie sie ihr irrwitziges Anliegen am besten vorbringen sollte, als das Licht in der Diele anging, gut sichtbar durch die Glaselemente der Haustür, und sich ein paar Sekunden später der Schlüssel im Schloss drehte. Esther machte einen Schritt zurück, teils aus Höflichkeit, teils aus antrainierter Vorsicht.

Adams Mutter sah immer noch so aus, wie Esther sie an diesem einen Morgen kennengelernt hatte. Wobei kennengelernt fast schon übertrieben war. Sie waren im selben Gebäude gewesen, Esther hatte ihr irgendwann Tee gebracht und den Likör weggenommen, und ansonsten hatten sie keine fünf Worte gewechselt. Eine Zeugin wie jede andere, weil Esther sich an diese Normalität geklammert hatte an diesem Tag, um sich nicht noch weiter ins Privatleben eines nicht gerade geliebten Kollegen hineinziehen zu lassen.

Graue Haare, sauber frisiert. Eine feingewobene Kaschmirjacke über einer schlichten, eleganten Bluse. Ohrringe und eine Halskette, beides kein Modeschmuck. Zurückhaltend, irgendwo zwischen zeitlos und verstaubt.

Mit einem Stirnrunzeln ertappte Esther sich dabei, wie sie Frau Schürk feinsäuberlich in Personenbeschreibungskategorien einordnete.

“Ja bitte?”

Esther straffte die Schultern.

“Baumann, Kripo Saarbrücken”, sagte sie automatisch ihren Standardspruch für fremde Türen, und ihre Hand ging schon an die rechte Manteltasche, wo sie meist ihren Ausweis aufbewahrte. Erst einen Moment später fiel ihr auf, dass das in diesem Fall vielleicht nicht optimal war.

Frau Schürk hob den Kopf, die Augen groß. “Sind Sie wegen Adam hier? Ist etwas passiert?”

Und Esther wurde klar, dass sie keine Ahnung hatte, ob Adams Mutter irgend etwas von den Ereignissen der letzten Tage wusste. Es hatte ja keinen Grund gegeben, sie zu informieren, weil Adam nach ein paar Stunden schon wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden war und nie Gefahr bestanden hatte. Irgendwie hatte sie angenommen, dass Adam ihr schon erzählen würde, woran er da gerade richtig knapp vorbeigeschrammt war. Vielleicht auch, dass Leo im Krankenhaus lag; Esther hatte den Eindruck gewonnen, dass Frau Schürk Leo auch von früher kannte, was ja Sinn machte, wenn Adam und Leo schon damals Freunde gewesen waren.

Sie schüttelte rasch den Kopf. “Nein, ihm geht es gut.”

So gut wie möglich wenigstens. Immerhin hatte er sich genug in irgendeine Gedankenspirale hineingesteigert, um die letzten Tage freiwillig auf der Bürocouch zu verbringen.

“Gut. Das ist gut.” Frau Schürk nickte. “Also brauchen Sie etwas von ihm? Er ist gerade nicht zuhause.”

Das wusste Esther. Sie hoffte einfach nur, dass er weiterhin brav auf Leos Couch saß und nicht schon wieder zurück ins Büro migriert war wie ein Lachs im Frühling.

Sie schüttelte den Kopf, teils im Versuch, den Gedanken loszuwerden, teils als Antwort auf Frau Schürks Frage.

“Warum sind Sie dann hier?”

Dass Frau Schürk auch sofort den Finger in die Wunde legen musste. Am liebsten hätte Esther auf dem Absatz kehrtgemacht und sich wieder ins Auto gesetzt, um dann zu versuchen, so zu tun, als wären die letzten Minuten nie passiert. Sie hatte das Gefühl, dass Frau Schürk da bereitwillig mitmachen würde, so verwirrt, wie sie von Esthers Gegenwart zu sein schien.

War ja nicht, als könnte sie der Frau einen Vorwurf machen. Komplett verrückt war das, was Esther hier gerade veranstaltete. Leo war so etwas jederzeit zuzutrauen, aber der war auch hoffnungslos verknallt und ohnehin nur an guten Tagen in der korrekten Mondphase wirklich vernünftig.

Vermutlich sollte Esther sich Sorgen machen, dass das ansteckend war und sie es sich jetzt doch noch eingefangen hatte.

“Adam hat noch etwas hier vergessen”, entschied sie sich schließlich für eine möglichst neutrale Herangehensweise.

“Ja, alle seine Sachen sind hier. Aber er muss sich keine Sorgen machen. Ich gebe gut darauf acht, da kommt nichts weg, bis er wieder da ist. Das weiß er doch, es war ja auch alles noch da, als er vor ein paar Jahren wiedergekommen ist.”

Esther musste sich zusammenreißen, um nicht auf das Klingelschild zu schauen. Adam hatte wohl nicht übertrieben damit, dass sein früheres Kinderzimmer immer noch im Originalzustand bewahrt worden war.

“Hat er gesagt, wann er wieder zurückkommt?”, fragte Frau Schürk weiter.

Esther verfluchte innerlich den Moment, in dem sie dumm genug gewesen war, Mitleid zuzulassen. Adam kam doch wunderbar alleine klar, der brauchte es nicht, dass sie sich hier in seine Angelegenheiten einmischte. Das hatte jahrelang funktioniert und sie hätte es doch wirklich besser wissen müssen, als sich den privaten Dramen ihrer Kollegen auch nur ansatzweise zu nähern.

Würde Adam ihr auch garantiert nicht danken.

Gleichzeitig dachte sie jedoch an die Müdigkeit in seinen Augen, als sie ihn bei Leo abgeliefert hatte. An die Resignation in seiner Stimme und dass da nicht mehr der Wille gewesen war, sich mit einer weiteren Front auseinanderzusetzen.

Esther vermisste die Tage, an denen sie bereitwillig bestätigt hätte, dass sie keine Teamplayerin war. Das führte nur zu Scherereien. Da ließ man sich dazu verleiten, sich ums Team zu sorgen, und dann stand man spätabends vor einer fremden Tür und verhedderte sich in Dingen, von denen sie viel besser Abstand gehalten hätte.

“So weit ich weiß, hat er eine Wohnung gefunden”, sagte sie, die Worte mit Bedacht gewählt.

“Aber das braucht er doch nicht. Er wohnt doch hier. Das war schon unnötig genug, dass er anfangs ins Hotel gezogen ist. Das hier ist sein Zuhause, hier gehört er hin. Das weiß er doch.” Frau Schürk machte einen Schritt schräg nach hinten und schob die Tür etwas weiter auf. “Möchten Sie reinkommen?”

Etwas in Esther sträubte sich, das Angebot anzunehmen. Das wäre nur noch eine weitere Grenzüberschreitung.

“Nein, ich bleibe nicht lange.” Sie schloss für einen Moment die Augen und kämpfte gegen den Impuls, ihre Hände zur Faust zu ballen. Das war hier nicht angebracht, nur weil sie sich zutiefst unwohl fühlte. “Er hat im Moment nur wenig Zeit, deshalb wollte ich seine letzten Sachen für ihn holen.”

In ihren Anfangsjahren bei der Polizei war Esther ein Jahr im Streifendienst gewesen. Aus der Zeit erinnerte sie sich an Einsätze, wo sie früher schon für andere Menschen Besitztümer aus Wohnungen geholt hatte, weil diese dorthin nicht mehr zurück wollten.

Das hier war anders, da machte sie sich nichts vor. Schürk war hier kein Opfer häuslicher Gewalt, der nicht ungefährdet zurück in sein Zuhause konnte. Seine Mutter war keine Bedrohung.

Nein, Adam war aus freien Stücken gegangen, warum auch immer, und Esther würde da unter keinen Umständen nachfragen.

Aber was gleich blieb, war dieses Gefühl, dass sie jemandem half, indem sie an einer fremden Tür klingelte und dann eine Tasche packte. Der Gedanke ließ sie den Kopf heben und nach ihrer normalen Ruhe greifen.

“Können Sie mir helfen, seine Sachen zusammenzusuchen?”, fragte sie.

Frau Schürk blinzelte sie an. “Aber das ist doch so viel, das schaffen wir doch heute Abend gar nicht. Da brauchen wir Kartons.”

“Was ist es denn alles?”

Das schien Adams Mutter aus dem Konzept zu bringen. “Nun. Seine Sachen eben.”

“Adam sagt, er hat fast alles mitgenommen”, sagte Esther, so sanft sie konnte. Weil es Adam nicht helfen würde, wenn sie hier einen Konflikt provozierte. Weil es spät war. Weil Frau Schürk ihr auch irgendwo leid tat in ihrer überrumpelten Überforderung.

“Er hat für ein paar Tage gepackt. Aber da ist doch noch so viel. Von früher.”

“Ich glaube, diese Dinge hat er nicht gemeint.” Esther gab sich einen Ruck. Irgendwie musste sie hier weiterkommen, sonst drehte sich das alles nur noch im Kreis. “Das klingt vielleicht seltsam, aber er hat etwas von einer Bratpfanne gesagt?”

Wieder schaute Frau Schürk sie erstaunt an. “Bratpfanne? Was denn für eine Bratpfanne? Dafür hat er Sie hergeschickt? Was ist denn das für ein Unsinn?”

“Er meint, da wäre eine gewesen.”

Ein Moment des Nachdenkens, dann nickte Frau Schürk schließlich. “Ja, die hat er vor ein paar Monaten gekauft. Ich hab ihm gesagt, dass wir die nicht brauchen. Da ist doch ganz viel gutes Kochgeschirr in der Küche, das er verwenden kann. Und die Pfanne, die er da mitgebracht hat, ist so unpraktisch. Die darf nicht in den Geschirrspüler und schwer ist sie auch noch. Ein ganz unnützes Ding.”

“Das kann ich nicht beurteilen.” Esther bemühte sich um eine möglichst freundlich-bestimmte Ausstrahlung. “Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die Pfanne holen könnten.”

“Wenn Sie meinen.” Frau Schürk zögerte kurz, warf ihr einen Blick zu, den Esther fast schon als misstrauisch bezeichnen würde, und verschwand dann um die Ecke des kurzen Flurs. Die Haustür ließ sie offen stehen.

Esther lauschte dem leisen Klappern, das ihre Hausschuhe bei jedem Schritt auf dem Fliesenboden machten, und bemühte sich, in diesem Moment nicht wie eine Polizistin zu denken, sondern einfach nur zu warten.

Wieder fiel ihr Blick auf das Klingelschild. Auf das Bild, das sie im Flur sehen konnte und an das sie sich vom letzten Mal noch erinnerte: ein abstraktes Acrylgemälde in harschen Kontrasten. Sogar die Büsche in den Betontrögen neben der Haustür schienen noch dieselben zu sein.

Schön langsam begann sie zu verstehen, wieso Adam im Büro schlief. Fast fragte sie sich, warum er nicht schon früher ausgebrochen war aus diesem Mausoleum.

Es dauerte eine Minute, bis Frau Schürk wieder zurückkam, eine große, schwarze Bratpfanne in den Händen. Sie trug sie nicht am Stiel, sondern hielt sie in beiden Händen, als hätte sie Angst, dass ihr ein Missgeschick passieren könnte.

“Ist es die hier?”, fragte sie und hielt sie hoch.

Esther begutachtete die Pfanne. Gusseisern sah die aus, auch wenn Esther nicht gerade viel Erfahrung mit spezifischem Kochgeschirr hatte. Ansonsten: eine Bratpfanne eben. Flach. Mit Stiel. Pfannig.

Falls Adam von einer anderen Pfanne geredet hatte, dann konnte er das schön selbst in die Hand nehmen.

“Ich denke, das ist sie”, sagte sie und streckte erwartungsvoll die Hand aus. Adams Mutter wirkte überrascht, gab dann die Pfanne aber doch her.

Sie war wirklich unerwartet schwer, und Esthers Arm sackte im ersten Moment nach unten, bevor sie reagieren konnte und sich fing.

Mission erfüllt, Fahndung beendet, Bratpfanne gefunden und gesichert, und Esther schwor sich innerlich, dass sie sich nie wieder in so eine Dummheit hineinziehen lassen würde. Weder vom Schürk noch vom Hölzer, egal wie wackelig ihre Verteidigungswälle im Moment waren. Das hier konnte sie immer noch mit einer leichten posttraumatischen Reaktion auf die Explosion in dem verdammten Bunker schieben, aber in Zukunft würde diese Ausrede hoffentlich wegfallen.

“Adam soll die Pfanne nicht vergessen, wenn er zurückkommt”, sagte Frau Schürk, als Esther gerade überlegte, wie sie das Teil möglichst unauffällig halten sollte. Eine Hand wollte sie frei haben, aus Gewohnheit und weil das Haus vor ihr immer noch genug kalte Bösartigkeit ausstrahlte, dass sie nicht schutzlos bleiben wollte.

“Ich werde ihn zu gegebener Zeit daran erinnern”, stimmte sie zu.

Falls er jemals wieder zurückkehren wollte. So unberechenbar er auch sein mochte, in der Hinsicht schien er entschlossen.

Es gab diese Momente in Befragungen, wo Zeugen resignierten. Wo sie sich eingestanden, dass die Person, gegen die ermittelt wurde, nicht dieses Idealbild erfüllte, das sie sich im Kopf ausgemalt hatten. Manchmal über Jahre, gar Jahrzehnte. Für manche brach dann eine Welt zusammen, wenn sie an einen Punkt kamen, wo sie sich die Situation nicht mehr schönreden konnten. Andere wiederum kippten in Wut hinüber oder verstummten. Aber was sie alle gemeinsam hatten, war das Ausstrahlen einer ehrlichen Betroffenheit darüber, dass die Welt in diesem kleinen Bereich eine andere war und sie sich nicht mehr dagegen wehren konnten.

Adam hatte genau diese Aura. Und Esther konnte jetzt nur auf Heide Schürk schauen, wie sie hier vor ihr stand in ihrem eleganten Outfit, geschminkt und mit Schmuck um den Hals, obwohl sie doch alleine zuhause war und es schon spät war. Auf Heide Schürk und auf das Klingelschild, das immer noch mit dem Namen von Roland Schürk beschriftet war, als gäbe es niemand anderen in diesem Haus, der zählte.

“Vielleicht sage ich es ihm selbst. Er kommt bestimmt am Wochenende. Samstags kümmert er sich doch immer um den Rasen.” Da war ein seltsam erwartungsvoller Blick in Frau Schürks Augen; ein wenig, als würde sie Esther um etwas bitten, es aber nicht aussprechen wollen.

“Es wird sich sicher zeigen”, murmelte Esther und gab sich einen Ruck. “Danke für die Bratpfanne. Und Entschuldigung nochmal für die späte Störung.”

Weiter konnte sie sich hier nicht einmischen. Wollte sie nicht.

“Das macht nichts. Hier geht niemand früh ins Bett.”

“Ich will Sie trotzdem nicht länger aufhalten. Einen guten Abend wünsche ich Ihnen noch.”

Manchmal war Esther dankbar für diese höflichen Floskeln, auch wenn sie sie oft nicht leiden konnte. Aber sie halfen, sich aus diesen klebrig-hölzernen Situationen herauszuwinden.

“Ihnen auch. Und grüßen Sie doch bitte Adam von mir.”

Esther nickte und machte zwei Schritte rückwärts, bevor sie sich wegdrehte. Eintrainiertes Verhalten an der Tür einer verdächtigen Person; normalerweise hatte sie sich im Privatleben besser im Griff, aber ihr Bauch wehrte sich dagegen, dem Haus den Rücken zuzukehren.

Erst im Auto atmete sie langsam durch und spürte, wie die Anspannung, die sie gar nicht wahrgenommen hatte, ihren Körper verließ. Ein paar Sekunden erlaubte sie sich, um wieder ein sicheres Gefühl zu bekommen, dann legte sie den Rückwärtsgang ein und reversierte unter dem Knirschen des Kieses zurück hinaus auf die Straße. Als sie wartete, bis ein einsames Auto die Ausfahrt passierte, sah sie Frau Schürk langsam die Türe schließen. Einen Moment später ging in der Diele das Licht aus.

*
*
*

“Du hast sie doch nicht mehr alle, Baumann.”

Esther hasste es, mit Adam einer Meinung zu sein, aber in diesem Fall konnte sie definitiv nicht abstreiten, dass sie schon klügere Entscheidungen getroffen hatte. Überlegtere. Weniger irrwitzige, die sie nicht spätabends mit einer Bratpfanne bewaffnet vor der Wohnung eines Kollegen auftauchen ließen.

Adam musterte sie mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Rührung, die fast schon unangenehm war. Da klammerte sie sich dann doch lieber an seine Worte und nicht an die Emotionen dahinter.

“Sag einfach danke. Und nimm das verdammte Ding, das ist schwer.” Esther streckte ihm die Pfanne entgegen und wartete, bis er die Hand um den Griff schloss. “Wehe, du kommst auf irgendwelche dämlichen Ideen.”

“Das überlass ich dir. Ich bin nicht auf eine Bratpfannen-Befreiungs-Mission gegangen.” Adam hielt die Pfanne in der einen Hand und fuhr mit dem Daumen der anderen nachdenklich über den schwarzen Rand.

Er schien zu überlegen, ob er noch etwas sagen sollte, also wartete Esther ab. Es war ja nicht sie, die barfuß, in Boxershorts und einem ziemlich abgeranzten T-Shirt hier in der Wohnungstür stand, die blondierten Haare in alle Richtungen abstehend, und wegen einer Bratpfanne feucht schimmernde Augen bekam.

Auf dem T-Shirt war “Saarathon 2018” aufgedruckt. Nachdem Adam da noch nicht wieder in Saarbrücken gewesen war, zog Esther ihre Schlüsse, was die Provenienz des Shirts anging. Traute er sich also doch an Leos Schrank heran.

“Wieso?” Er hob die freie Hand und rieb sich damit verlegen den Nacken. “Also, nicht dass ich die Geste nicht schätze. Tu ich wirklich. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du auf so eine Idee kommst. Eigentlich hab ich dich für vernünftiger gehalten.”

“Ich will dich einfach nicht die nächsten Jahre wegen einer Bratpfanne herumjammern hören.” Esther legte den Kopf ein wenig schief und gab sich Mühe, den richtigen Punkt zwischen freundlich und spöttisch zu treffen. Wäre ja noch schöner, wenn die sorgfältig austarierte Balance zwischen ihr und Adam jetzt vollends ins Wanken geriet. “Ich dachte mir nur, dass du im Moment andere Sorgen hast. Und irgendwer muss sich ja um das Hölzerchen kümmern, da bist du der erste Kandidat.”

Adam nickte versonnen.

“Er konnte vorhin kurz anrufen”, bot er ihr an.

Esther machte ein aufmunterndes Geräusch.

“Es geht ihm… naja. Nicht gut natürlich, aber”, Adam zuckte mit den Schultern, “er kann telefonieren? Und klingt wie Leo? Er hat mir einen Vortrag übers richtige Gießen von seinen Küchenkräutern gehalten. Aber in der Küche stehen keine.”

Sie verkniff sich einen Kommentar dazu, dass Leo auch im Normalzustand nicht immer viel Sinn ergab.

“Weiß er schon etwas darüber, wann sie ihn rauslassen?”, fragte sie stattdessen.

Adam schüttelte den Kopf und zog die Nase hoch. Normalerweise brachte Esther das Geräusch an den Rande einer genervten Bemerkung, wenn nicht darüber hinaus, aber heute wollte sie mal ausnahmsweise großzügig sein und die Zähne zusammenbeißen.

“Ein paar Tage beobachten sie ihn auf jeden Fall noch, dann darf er wahrscheinlich nachhause, damit er sich da komplett erholt. Weiter wusste er noch nichts.”

“Na dann kannst du ja auf ihn aufpassen und rausfinden, was du als Haushaltshilfe so taugst.”

Adam schaffte ein Grinsen, das Ansätze der üblichen Frechheit zeigte. “Eine Bratpfanne zum Kochen hab ich jetzt ja.”

Esther gab das Grinsen zurück, nicht ganz so spöttisch wie sonst. “Ist also alles im Griff.”

“Natürlich.” Er schaute auf die Pfanne hinunter, als könnte er Esthers Blick nicht recht standhalten. “Danke. Auch wenn das wirklich völlig wahnsinnig war.”

Esther nickte ihm zu und drehte sich weg. Auf dem Weg zum Aufzug warf sie ihm noch einen Blick über die Schulter zu.

“Gute Nacht, Adam.”

*
*
*

Ein paar Monate später saß Esther in Leos Wohnung - mittlerweile eigentlich der Wohnung von Leo und Adam - am Esstisch, weil das jetzt etwas war, das sie vier regelmäßig machten. Ein paar Mal im Monat einen Abend zusammen verbringen, manchmal sogar bei jemandem zuhause.

Esther war sich noch nicht ganz sicher, was sie davon hielt, dass die Grenzen zwischen beruflichem und privatem Umgang immer weiter aufgeweicht wurden, aber sie konnte nicht leugnen, dass es dem Team als Ganzes guttat. Versucht hatten sie das früher schon, aber da war es immer ein sporadisches Aufflackern gewesen, das nach ein paar Treffen wieder eingeschlafen war. Anders als diesmal, wo Leo bereits klammheimlich einen Eintrag im geteilten Kalender eingerichtet hatte.

Also erlaubte sie Pia, sich in ihre portugiesischen Sofakissen zu kuscheln und sie zu verknautschen, ließ Leo unbeaufsichtigt in ihr Badezimmer und ignorierte Adams viel zu neugierigen Blick auf ihre CD-Sammlung, die sie schon ewig hatte digitalisieren wollen, aber wozu sie nie gekommen war. Und setzte sich im Gegenzug gelegentlich mit Pias esoterischer Knabberzeugs-Auswahl auseinander oder tat ihr Bestes, wie heute Abend, das laute Gepolter und Geschepper aus der Küche nicht zu hinterfragen.

“Er hat das im Griff”, meinte Leo nur und füllte ihr Wasserglas auf. Zufrieden sah sie, dass seine Hand unter dem Gewicht der Flasche nicht mehr zitterte.

Wieder schepperte es, gefolgt von einem unterdrückten Fluchen.

“Genau”, murmelte Pia und versteckte ihr Grinsen hinter einem Stück Baguette. “Ich hab die Nummer von der guten Pizzeria in der Burgstraße eingespeichert, falls wir sie brauchen.”

Das brachte ihr einen gespielt empörten Blick von Leo ein, und Esther war schon bereit, das unweigerliche freche Hin und Her zu genießen, als Adam es tatsächlich aus der Küche schaffte, Oliven und Salat noch mehr Brot auf den Tisch stellte und schließlich eine Paella in der Mitte platzierte.

In einer gusseisernen Pfanne, die Esther verdächtig bekannt vorkam.

“Wusste gar nicht, dass du das kannst”, sagte sie ein wenig später, als sie alle mit dem Essen beschäftigt waren.

Adam zwinkerte ihr zu. “Hab ja die nötige Pfanne dafür.”

Notes:

Und während Villabajo noch schrubbt, wird in Villariba schon gefeiert!

Vielen Dank für's Lesen! ❤️ Über Kudos, Kommentare oder ein Hallo via Discord (@carmentalis) oder Tumblr (@carmentalis) freue ich mich immer.