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Küss mich

Summary:

Zu schön wäre es gewesen.
Als ich gerade meine Hand in seinen Nacken legen wollte, griff ich einfach durch ihn hindurch und musste schmerzlich feststellen, dass er gar nicht bei mir ist.

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Nachdem Adam von Leo träumte, wurde ihm einiges über sich und seine Beziehung zu ihm klar, sodass er endlich die Initiative ergreift...

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

„Küss mich.“

Mein Gehirn verarbeitet diese Worte, die gerade meinen Mund verlassen haben, erst Sekunden später. Leo scheinen sie genauso überrascht zu haben, wie mich, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als ihm schweigend in die Augen zu sehen und darauf zu warten, dass er etwas sagt.

Irgendetwas. Egal was. Nur bitte beende diese nervenaufreibende Stille.  

Doch er sagt gar nichts. Stattdessen legt er den Kochlöffel zur Seite und macht einfach nur einen Schritt auf mich zu. Dann einen zweiten. Einen dritten. Sacht greift er mit seiner Hand nach meiner, legt seine andere an meine Wange.

Niemals hätte ich gedacht, dass das jemals wahr wird. So oft habe ich mir das schon ausgemalt. Jedes Mal, wenn sich in irgendeinem Film Menschen küssen, stelle ich mir vor, wie es wäre, ihn endlich zu küssen. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, stelle ich mir vor, wie schön es wäre, seine Hand zu halten. Und zwar nicht, um ihn hinter mir her zu ziehen oder festzuhalten oder sonst was, sondern einfach nur so. Einfach um seine Wärme zu spüren.

Als er die letzten Zentimeter zwischen uns endlich schließt und seine Lippen zögerlich auf meine legt, verschwinden all meine Zweifel daran, dass er das genauso will wie ich. Dass er sich das, genau wie ich, schon hunderte Male ausgemalt hat. Das hier fühlt sich anders an als alles, was mir je zuvor passiert ist. Und es ist noch so viel besser, als ich es mir vorgestellt habe.

Zu schön wäre es gewesen.

Als ich gerade meine Hand in seinen Nacken legen wollte, griff ich einfach durch ihn hindurch und musste schmerzlich feststellen, dass er gar nicht bei mir ist. Dass ich gar nicht in seiner Wohnung bin und dass vor uns auf dem Herd gar keine Nudeln vor sich hin köcheln, die er uns als Belohnung für die Aufklärung des Falls eigentlich noch kochen wollte, obwohl es bereits spät abends war.

Um mich herum ist alles dunkel und ich spüre die Nachtluft, die die wohlige Wärme von vorhin binnen Sekunden gegen eine Kälte austauscht, die mir direkt bis ins Mark geht. Stumm ziehe ich mir die Bettdecke etwas weiter übers Kinn, was gegen dieses verdammte Gefühl des Alleinseins jedoch nichts ausrichten kann, sodass ich mich seufzend aufrichte und noch im Aufstehen die Zigarettenschachtel von meinem Nachttisch nehme. Eigentlich ist es viel zu kalt, um im Pyjama und ohne Schuhe draußen zu rauchen, aber das ist mir gerade herzlichst egal.  

Den Blick über die nächtliche Landschaft schweifen lassend ziehe ich den Rauch tief in meine Lunge und warte geradezu ungeduldig darauf, dass er seine Wirkung entfaltet. Leo würde es hassen, mich so zu sehen, schließlich scheint dieser Mann kaum anderes in seinem Leben zu tun zu haben, als sich Sorgen um mich zu machen. Dabei hätte ja wohl ich das Vorrecht, mir um ihn Sorgen zu machen. Schließlich weiß ich ganz genau, dass er jetzt gerade mutterseelenallein im hell erleuchteten Büro steht und diese Woche schon die dritte Nachtschicht einlegt, wahrscheinlich ohne auch nur eine einzige richtige Mahlzeit gegessen zu haben. Was für eine Ironie, dass ich davon träume, dass wir zusammen in der Küche stehen, schließlich hat mir Leo schon so einige Male mitgeteilt, wie sehr er kochen hasst. Es sah aus, als hätte er das erste Mal in seinem Leben eine Pfanne in der Hand gehabt, als er mir, nachdem ich aus der JVA gekommen bin, unbedingt Pfannkuchen machen wollte, damit ich was richtiges im Magen habe. Er hat sich extra für mich die Mühe gemacht, obwohl er das so hasst…

Vielleicht hat Pia ja doch recht. Pia ist die einzige, die davon weiß, dass ich ihn mag. Erzählt habe ich ihr das zugegeben nicht so ganz freiwillig. Als wir eines Nachts vor ein paar Wochen zusammen eine Nachtschicht eingelegt haben, bin ich eingenickt und habe wieder mal von ihm geträumt, nur leider nicht so etwas schönes wie heute, sondern eher das Gegenteil. Zumindest hat der Anblick von mir, wie ich hochschreckte und noch im Aufwachen nach ihm rief, nichts anderes zugelassen, als ihr endlich alles zu erklären. Gedacht habe sie es sich sowieso schon, meinte sie. Aber mich überrascht eigentlich eher das, was sie danach sagte. Und zwar hat sie mir erzählt, dass sie sich sicher sei, dass Leo das Gleiche fühlt. Wie er mich immer ansehen würde und über mich sprechen würde, wenn ich nicht da bin. Natürlich habe ich ihr damals nicht geglaubt, aber wenn ich die letzten Jahre so revue passieren lasse, erscheint es mir doch nicht mehr so unmöglich…

Vielleicht sollte ich da jetzt einfach hinfahren und endlich mit ihm reden. Dort sind wir wenigstens allein. Und morgen ist ja sowieso Sonntag, da können wir immer hin nen Tag drüber schlafen, sollte doch alles schieflaufen.  

Noch bevor ich mich wieder unentscheiden kann, mache ich den ersten Schritt durch die paar Zentimeter Schnee auf die Tür zu und lasse weitere folgen. Und ehe ich mich versah, sitze ich mit annähernd ausgetauglicher Kleidung und einem Puls von 180 im Auto.

‚Das ist das Richtige, es nützt ja nichts, für immer so weiter zu machen‘. Den ganzen Weg über sage ich mir das, um ja nicht wieder einen Rückzieher zu machem, so wie die letzten Male.

Schon von Weitem sehe ich das hell erleuchtete Präsidium mit seinem Auto in der Einfahrt. Natürlich ist er hier, wo auch sonst? Mein Auto achtlos in der Einfahrt stehen lassend, stolpere ich förmlich die letzten Meter auf die Tür zu und laufe, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Stockwerke hinauf. Ich kann einfach nicht länger warten.

Und als ich schwer atmend die Tür zum Büro aufstoße, sehe ich ihn. Er steht, die Hände auf die Fensterbank gelegt, am Fenster und lässt seinen Blick über den Fluss schweifen, unter seinen Augen zeichnen sich dunkle Kreise ab und nicht einmal das Schulterholster hat er abgelegt. Offensichtlich aufgeschreckt von meinem unsanften Hineinplatzen dreht er sich in einem Ruck zu mir um, doch in seinen Augen zeichnet sich nichts ab außer die Wärme, die seine Augen meistens erfüllen, zumindest immer wenn sein Blick auf meinen trifft.

Ohne auch nur eine weitere Sekunde zu zögern, schließe ich den Abstand zwischen uns, kaum wahrnehmend, dass ich dabei einige Aktenstapel umwerfe.

„Adam, was –“ Noch bevor er seine sanft hervorgebrachten Worte beenden kann, lege ich meine Hände an seine Wangen und…

… lege endlich meine Lippen auf seine. Einige Augenblicke bewegt sich Leo nicht, vermutlich mehr aus Verwirrung als aus Ablehnung und als ich bemerke, dass er meinen zugegeben ziemlich überstürzten Kuss endlich erwidert, explodieren die Schmetterlinge in meiner Magengegend.

Am Rande meines Bewusstseins nehme ich wahr, wie seine Hände Platz finden an meiner Hüfte und an meinem Hinterkopf und mir kommen fast die Tränen, als ich einen meiner Arme um seine Schultern schlinge und dieses Mal nicht durch ihn hindurch greife. Er steht tatsächlich vor mir und das hier passiert wirklich. Nie hätte ich mir das erträumen lassen…

Nach einiger Zeit, weiß Gott wie lang es angedauert hat, lösen wir uns zögerlich und schwer atmend voneinander und blicken uns einfach nur in die Augen und zum ersten mal seit wir uns kennen verspüre ich dabei keine Sehnsucht nach ihm sondern –

„Leo, ich glaube ich liebe dich.“ Wieder einmal verlassen die Worte schneller meinen Mund als ich denken kann und ich beiße mir unsanft auf die Zunge. Doch alle meine Sorgen werden von seiner Antwort direkt in den Wind geschlagen.

„Ich dich auch.“

Und dieses Mal ist er es, der mich in einen weiteren, stürmischen Kuss zieht und mich mit dem Rücken gegen das Fenster drückt. Dass uns gerade die ganze Stadt dabei zusehen kann, scheint uns beiden wohl herzlich egal zu sein.

Eine ganze Weile verbleiben wir so, ich auf der Fensterbank sitzend und er vor mir stehend, fest umschlungen und die Zeit völlig vergessend. Und gerade als er unter den Saum meines Shirts fährt und mir mit seiner warmen Hand auf meiner Haut ein Kribbeln im Magen verpasst, weckt etwas ganz anderes meine Aufmerksamkeit. Ruckartig und mit ausgerissenen Augen schiebe ich ihn ein Stück von mir weg und bringe meine zerzausten Haare etwas in Ordnung, Leo tut es mir gleich nachdem er meinem Blick gefolgt ist und verstanden hat, was los ist.

Denn niemand anderes ist wieder von den Toten auferstanden als Pia, dessen Kopf gerade über der uns zugewandten Rückseite der Lehne des Sofas aufgetaucht ist, auf dem sie offenbar bis gerade geschlafen hat. Vielleicht können wir uns ja noch irgendwie rausreden, zumindest hat sie uns nicht … dabei gese –

Diesen Gedanken zuende zu führen, lohnt sich nicht, denn ihr Grinsen, als sie uns entdeckt, spricht bereits Bände. Ein kurzer Blick auf Leo verrät mir auch wieso, denn seine Haare stehen trotz aller Bemühungen in alle Richtungen und seine Gesichtsfarbe gleicht einer Tomate.

„Leo, wusstest –?“

„N-nein. Ich bin doch schon seit ner Stunde hier, Pia wie lange– Bist du schon länger– A-Adam ist nur kurz vorbeigekommen, um mir ne Akte zu…“ Leo’s höchst niedliche Stammelei wird übertönt von unser beider Lachen, ich glaube er ist der einzige in diesem Raum, der denkt, sich da noch rausreden zu können.

Immer noch grinsend macht sich Pia auf den Weg zu ihrem Schreibtisch und greift nach ihrer Tasche.

„Leo, ich hätte euch vielleicht noch geglaubt, wenn den Gesicht nicht der Farbgebung der Backsteinmauer draußen gleichen würde und wenn … naja, wenn Adams Shirt noch da wäre, wo es sein sollte.“ Erst als sie diese Worte ausspricht, fällt mir auf, dass sie die ganze Zeit schon freie Sicht auf die Stelle an meinem Oberkörper hat, auf der Leos Hand bis eben gelegen hat. Mit nun ebenfalls warmen Wangen ziehe ich es stumpf wieder runter und Leo klammert sich etwas verloren an die Flasche Wasser, die bis eben auf seinem Schreibtisch stand. Doch als er die nächsten Worte aus ihrem Mund hört, verschluckt er sich daran:

„Für diese …“, grinsend gestikuliert sie ungenau Richtung Fensterbank, „… Konstellation kriege ich immerhin 50 Euro von Esther.“ Ich habe ja mit vielem gerechnet, aber nicht damit.

„Ihr wettet? Seit wann?“

„Jap, schon ne ganze Weile, ist das schön, das endlich erzählen zu können. Also die Vermutung, dass zwischen euch was ist, haben wir schon, seit du hier angefangen hast Adam, aber die Wette haben wir erst nach dem Essen bei dem Asiaten im Sommer aufgestellt. Tut mir Leid Leo, aber seit deiner Reaktion auf den dämlichen Glückskeksspruch von Adam war das keine Frage mehr, ob das bei euch was wird, sondern vielmehr wann und, naja, wie. Jedenfalls, ich mache mich jetzt auf den Weg nach Hause, viel Spaß noch.“ Während Pias dreckiges Grinsen immer breiter wird, schafft Leo es doch tatsächlich, noch mehr zu erröten, was mich ein wenig zum Schmunzeln bringt.

Und nach Pias letztem Kommentar, als sie noch einmal kurz den Kopf durch die Tür steckt, verschluckt Leo sich nicht nur, sondern verteilt das Wasser auch gleich noch auf dem Boden, während mir – wieder mal – alle Gesichtszüge entgleisen.

„Ah und lasst das Sofa bitte sauber.“

Notes:

Fluff kann ich auch, obwohl mir hurt no comfort doch bedeutend besser liegt.

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