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„Geht es dir gut?“
Als ich Esthers Hand auf meiner Schulter spürte, zuckte ich vor Schreck zusammen und löste das erste Mal seit Stunden meinen Blick vom Boden, um zu der Frau zu blicken, die neben mir saß. Wäre ich in diesem Moment etwas klarer im Kopf gewesen, wäre mir vielleicht sogar aufgefallen, wie besorgt sie aussah und wie sehr der Ausdruck auf meinem Gesicht diese Sorge noch verstärkt hat. Doch in diesem Moment erschien mir die Frage mehr als übergriffig.
„J-Ja, alles in Ordnung.“ Intuitiv schob ich sie beiseite, schob alle Menschen beiseite, die in diesem Moment mit mir sprechen wollten. Natürlich war mir klar, dass gar nichts in Ordnung war, aber der Gedanke, mit jemandem tatsächlich darüber zu sprechen, erschien mir viel zu absurd. Vielmehr machte mich Esthers Frage wütend. Sie konnte mit Sicherheit ziemlich deutlich sehen, dass es mir nicht gut geht und der Grund sollte eigentlich offensichtlich sein. Würde ich darüber reden wollen, hätte ich das schon längst getan
„Adam. Ich will dir echt nicht zu nahe treten, aber so siehst du nicht aus.“ Das brachte das Fass zum Überlaufen. Ich begann, sie anzuschreien, und mir war in diesem Moment vollkommen egal, dass uns bereits die ganze Wartehalle zuhörte.
„Nein verdammt, es ist gar nichts okay. Und es wird auch nichts okay sein, solange Leo da drin ist und ich nicht weiß, was mit ihm ist.“ Überrascht von meinem plötzlichen Ausdruck sah sie mich an und ich fuhr mir mit den Händen durchs Gesicht und durch die Haare, zog an ihnen um mich abzulenken von dem, was sich auf der Innenseite meines Schädels abspielte. Ich schaffte es nicht.
„Ich kriege dieses verdammte Bild nicht aus dem Kopf. Wie er da lag und sie nicht mehr gerührt hat. Und wie er–“, in diesem Moment entfloh ein Schluchzen meiner Kehle, „wie er angefangen hat zu schreien, als er wach wurde. Und ich fühle mich so schuldig, weil ich nichts für ihn tun konnte. Er–Er hat so gelitten und ich saß einfach nur neben ihm, bis die ihn mitgenommen haben, ich… Verdammt, der Mann, den ich liebe, stirbt vielleicht und ich kann nichts–“
In diesem Moment wurde ich unterbrochen von Esther, welche mir noch einmal die Hand auf die Schulter legte und zudrückte, vermutlich um mich aus meiner Panik zurückzuholen.
„Adam, es ist okay.“ Ihre Worte sollten vermutlich beruhigend sein, jedoch versetzten sie mir nur noch einen weiteren Stich im Herzen.
„Es ist nicht okay.“
„Nein… aber es ist nunmal, wie es ist. Und das wird sich auch nicht ändern, wenn du dich jetzt von Schuldgefühlen verrückt machen lässt. Denkst du, ich fühle mich wegen Pia nicht schuldig?“
Hätte ich in meinem wirren Gerede ein bisschen mehr auf sie geachtet, wäre mir wahrscheinlich aufgefallen, dass auch ihr Tränen in den Augen standen. Ich fühlte mich ein wenig egozentrisch bei dem Gedanken daran, dass es ja nicht nur Leo war, der gerade irgendwo auf dem OP-Tisch liegt, auch Pias Verletzung war nicht gerade harmlos.
„Wir müssen uns jetzt zusammenreißen, für Leo und Pia, okay?“
