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So ganz grundsätzlich vertrat Jan die Meinung, dass die einst zweckmäßige, nie mehr aufgelöste Wohngemeinschaft mit Rosa seit dem Wasserschaden in ihrer Wohnung eine sehr profitable Sache war. Um genauer zu sein - die Tatsache, dass sie sich jetzt ein Bett teilten. Er genoss es, nicht länger alleine einschlafen zu müssen, und Rosa auch, es war stets angenehm warm an ihrer Seite unter der Decke und sie war genau wie Jan allzeit in Kuschellaune.
Mit Ausnahme von heute Abend, denn da war Rosa auf Krawall gebürstet und Jan hätte lieber einen Kaktus umarmt als seine beste Freundin.
Um ganz fair zu sein, hatte er ihre miese Laune ein bisschen mitzuverantworten. Abmachung war nämlich gewesen, dass Jan die Wäsche machte und zwar bis spätestens gestern. Aber die beiden Körbe standen immer noch rappelvoll und saudumm plaziert im Flur, was dazu geführt hatte, dass Rosa bei ihrem Ausweichmanöver gegen den Türrahmen geknallt und sich den Ellbogen angeschlagen hatte. Das recht entzürnte "Boah Jan, du wolltest das gestern schon alles weghaben!" hatte er also verdient.
Aber das verbale Gewitter, das sich danach über ihn ergoss und mit der Wäsche rein gar nichts mehr zu tun hatte, das nervte ihn mittlerweile schon ein bisschen.
"Außerdem ist der Kaffee schon wieder alle, den wolltest du doch eigentlich schon mittwochs beim Rewe mitnehmen, als der im Angebot war. Und Staubsaugerbeutel sind auch keine mehr da. Apropos kannst du nächstes Mal bitte auch unter's Bett reinsaugen und nicht nur drum rum? Und den Wasserhahn im Bad richtig zudrehen? Hat getropft. Den Geschirrspüler hast auch wieder so schlampig eingeräumt. Wenn ich da jedes Mal sechs Minuten deine dreiminütige Einräumerei nachbessern muss, kannst du's auch gleich lassen, dann sparen wir uns beide Zeit. Ach und die Klospülung ging heut Nachmittage wieder nicht richtig hat Mia gesagt. Du rufst da am Montag endlich bei Gas-Wasser-Scheiße an und lässt deine Experimente, bevor bald gar nichts mehr geht."
Jan hätte gern mal zu einem der Punkte was gesagt und zum versucht, sich selbst zu verteidigen. Aber Rosas Redeschwall hatte er nichts entgegen zu setzen. Noch dazu hatte sie ja leider bei allem Recht.
"Und jetzt verdreh nicht wieder so die Augen", schob Rosa hinterher, ohne ihn überhaupt anzusehen. Wusste sie auch so.
Und was Jan wusste, war, wie er sich für den gerechtfertigten, aber hundsgemeinen verbalen Anschlag bei Rosa rechen konnte. Er nutzte, dass sie gerade demonstrativ von ihm wegschaute, drehte sich zu ihr und bohrste seine knochigen Finger in ihre Seite genau an die Stelle, von der er wusste, dass sie dort schrecklich kitzelig war. Seine kleine Attacke erzielte sofort die gewünschte Wirkung. Rosa zuckte heftig zusammen, quiekte erschrocken und wand sich, um seinen Fingern zu entkommen. Nur leider hatte Jan nicht gesehen, wie nah sie an der Bettkante lag, sonst hätte er sich vermutlich anders gerecht. Denn jetzt fiel Rosa dummerweise aus dem Bett.
Glücklicherweise lag da wenigstens ein Teppich und sie landete nicht auf dem harten Parkettboden, aber wehgetan hatte die Landung sicher trotzdem. "Alles okay?" wollte Jan wissen und linste vorsichtig über den Bettrand nach unten.
Eine grantige Rosa blickte ihm entgegen sowie ihr emporgestreckter Mittelfinger. "Leck mich, du Volldepp." Mit diesen Worten stapfte sie ins angrenzende Badezimmer.
Jan überlegte noch, ob er ihr hinterher sollte und sich entschuldigen oder lieber hier im Bett schmollen, da stand Rosa plötzlich wieder vor ihm. Und im nächsten Moment hatte sie ihm mit voller Wucht einen nassen Waschlappen ins Gesicht geklatscht. Jan quietschte wie eine alte Kellertür. Instinktiv ohne es zu wollen trat er mit einem Bein nach Rosa, sie packte jedoch sein Fußgelenk, ehe er noch mehr Schaden anrichten konnte, und zerrte ihn in einer flüssigen Bewegung aus dem Bett wie einen eingelegten Hering aus der Dose. Jan quietschte noch lauter, als sein Hintern unsanft den Boden berührte. So schnell wie Rosa wieder im Bett war und sich dort in Seesternposition ausbreitete, konnte er gar nicht gucken.
Machte aber nichts, Jan wollte jetzt sowieso nicht mehr zu ihr ins Bett. Beleidigt rollte er sich auf dem Teppich zusammen und jammerte leise ein wenig vor sich hin, damit Rosa wenigstens ein schlechtes Gewissen hatte. Wie ein winselnder Hund moserte er vor sich hin.
Aber Mitgefühl bekam er von Rosa auch dafür nicht. Im Gegenteil. "Heul nicht rum. Hättest die Wäsche gemacht, wär das jetzt alles nicht passiert."
Jan schnaubte. "Als wär die Wäsche dran schuld."
"Dominosteineffekt", kam die neunmalkluge Antwort.
"Was auch immer, mir tut trotzdem der Arsch weh."
Seufzen seitens Rosa. "Och du armer Kerl, dann komm halt wieder hoch ins Himmelbett."
Jan überlegte wirklich kurz. Ihm tat ja jetzt schon alles weh hier unten und kalt war's auch, doch letztendlich siegte sein Sturkopf. "Ne, zu dir ins Bett will ich nicht mehr. Du bist gemeingefährlich und willst mich umbringen."
"Hey, wer hat hier wen zuerst aus'm Bett geschmissen?"
"Hmpf."
"Gut. Dann bleibst halt da unten", erwiderte Rosa gleichgültig. Keine weiteren Versuche, ihn umzustimmen. Gar nichts. Nur ein Kissen, das haarscharf sein Gesicht verfehlte. "Damit zumindest dein Sturschädel weich liegt. Angenehme Nachtruhe wünsch ich dir."
Jan zog eine Schnute, die Rosa aber im Dunkeln leider nicht mehr sehen konnte. "Dir nicht", brummte er, "schlaf schlecht."
"Schlaf schlechter."
Ihr schlechtes Gewissen war es nicht, was Rosa um halb eins weckte. Im Gegenteil - sie hatte eigentlich recht gut geschlafen bei so viel Platz für sich. Es war viel mehr ein großer, schlanker, etwas kalter Körper, der versuchte zu ihr ins Bett zu klettern. Kurz hielt Rosa ganz still und tat so als würde sie noch schlafen, um zu sehen, was Jan da machte. Vielleicht startete er ja einen heimlichen Gegenangriff.
Dem war aber nicht so. Die beleidigte Leberwurst hatte wohl die Trotzphase überwunden und brauchte jetzt wieder ein wenig Zuwendung. Vorsichtig tippte er mit seiner Hand gegen Rosas Schulter. "Du, Rosachen?" Rosachen also. Jetzt zog er wirklich alle Register.
"Mmh?" murmelte sie schlaftrunken.
"Ich bin doch wieder da", informierte ihr bester Freund sie. Unnötigerweise.
"Ja, das hab ich gemerkt." Immerhin quetschte er sich dicht an sie ran und zupfte fast verzweifelt an ihrer Decke.
"Kannst du vielleicht mal ein bisschen rutschen?"
"Weil du's bist..."
"Danke. Du bist die Beste."
"Mhm, genau", schmunzelte sie, während sie die Decke anhob, damit Jan zu ihr kriechen konnte, "bis du mich wieder aus dem Bett schubst."
"Versehentlich!"
"Weh tat's trotzdem."
"Mir auch!"
"Ist ja gut..."
"Trotzdem kuscheln?" fragte Jan hoffnungsvoll. "Ich kann sonst nicht schlafen."
"Das wollen wir ja nicht", stichelte Rosa und boxte Jan liebevoll gegen den Brustkorb, ehe sie ihn in ihre Arme zog. "Na, komm schon her, du Albtraum meiner schlaflosen Nächte. Schlaf gut."
Jan seufzte wohlig, sein Atem war warm an Rosas Hals und die braunen Haare kitzelten ein wenig am Kinn. "Schlaf besser."
