Work Text:
Es war eine laue Sommernacht und am dunkelblauen Himmelszelt leuchteten blass ein paar Sterne. André hob den Kopf und schaute zu dem großen stattlichen Anwesen der Jarjayes hinauf. In einigen Zimmern brannte noch Licht. Auch hinter Oscars Fenster leuchtete es hell. Nervös presste er die Lippen zusammen und ging dann die Stufen zur Haustür hinauf.
Vorsichtig durchschritt er die große Eingangshalle, bedacht darauf, das Hallen seiner Schuhsohlen so weit es möglich war, zu unterdrücken. Es musste kurz vor Mitternacht sein und er hoffte, niemandem zu begegnen und seinen Fortgang erklären zu müssen, bis er in seinem Zimmer im dritten Stock angekommen war.
Wie auf Katzenpfoten stieg er die endlose Treppe in den zweiten Stock hinauf. Er hielt sich mit einer Hand am Geländer fest, etwas, dass er sonst nicht tat, aber in seinem Kopf rauschte noch ein Rest des billigen Alkohols, den er vor Stunden getrunken hatte, und dessen Nachwirkung ihn ermüdet hatten.
Sein Herz schlug schneller, als er das Stockwerk erreichte. Der lange Flur lag im Zwielicht. Nur noch ein paar Stufen und er würde sich in seinem Zimmer einschließen können. Doch gerade als er einen Fuß auf die erste Stufe stellte, hörte er eine ihm vertraute Stimme:
"André?"
Er schreckte kurz zusammen, bevor er in ihre Richtung blickte. Langsam, mit einem kleinen Handkerzenhalter, kam sie auf ihn zu.
"Oscar...", begann er überrascht, "Du bist noch wach...?"
"Wie du siehst...", sagte sie und schaute ihm direkt in die Augen. "Wo kommst du denn her? Warst du aus?"
"Äh ja, ich hatte was zu erledigen..."
"Aha... Ist ja ganz schön spät geworden, was?"
André schluckte einmal hart. Er musste Ruhe bewahren. Jetzt war nicht der Augenblick, sich von ihr verhören zu lassen. "Reiß dich zusammen" befahl er sich innerlich, bevor er sich gerade vor sie stellte, seine Schultern raffte und sie mit seinem typisch freundlichen Gesicht anschaute. Allerdings lächelte er nicht. Dazu war er in diesem Moment nicht in der Lage.
"Hattest du nach mir gesucht? Tut mir leid, dass ich nicht eher zur Stelle war. Kann ich dir noch etwas zu trinken bringen? Einen Wein oder eine Chocolat?"
Oscar schlug ein paar Mal perplex die Augen auf und nieder. "Ahaha, nein.", lachte sie heiter auf. "Ich brauche nichts... Aber ich hab tatsächlich auf dich gewartet."
"Auf mich... gewartet...?"
"Ich wollte dir ein neues Stück vorspielen, dass ich kürzlich gelernt habe und deine Meinung dazu wissen. Und danach... ", zwinkerte sie, "einen Vintage-Wein mit dir trinken, den ich erstanden habe, als Belohnung quasi!"
André spürte einen dumpfen Schlag in seiner Brust. Was für ein fantastischer Plan für ein Rendezvouz! Wie gerne hätte er ihr Geigenspiel gehört! Nicht nur, dass sie großartig spielte, nein, er hätte sie auch dabei die ganze Zeit anschauen können, wie sie mit geschlossen Augen ganz versunken in die Musik den Bogen über die Saiten gleiten ließ! Und sie hätte für ihn gespielt, nur für ihn allein!
Er spürte, wie seine Augen feucht wurden.
Einen erlesenen Wein hatte sie außerdem mit ihm teilen wollen! Sie hätten sich wahrscheinlich wie üblich in den Garten gesetzt, etwas fern ab vom Haus, und hätten dort getrunken und erzählt und gelacht! Ob schon bei Sonnenuntergang oder erst wenn es dunkel wurde und der Mond um Vorschein kam? Vielleicht hätte sie sich auch wieder an seine Schulter gelehnt, um sich auszuruhen! Wie schön hätte es sich angefühlt, sie an sich zu spüren!
Das alles hatte er verpasst, nur um nach Paris zu fahren...
"Naja, trinken wir den Wein eben ein anderes Mal.", sagte sie und hielt die Kerze etwas mehr nach vorne, um sein Gesicht besser sehen zu können.
"Ja... unbedingt!"
"Ja..." Ihr Lächeln war verschwunden, misstrauisch musterte sie ihn von oben bis unten. Sein Herz schlug noch einmal auf.
"Gute Nacht."
"Gute Nacht, Oscar." Mit betroffener Miene schaute er seiner Herrin hinterher, deren Gestalt langsam im Halbdunkeln des Flurs verschwand. Er ballte die Fäuste und lief dann die Treppen hinauf. "Verfluchtes Paris! Verfluchtes Palais Royal!", schoss es durch seinen Kopf, als er die Tür zu seinem Zimmer aufriss, sich auf sein Bett warf und auf sein Kopfkissen einschlug, bevor er sein Gesicht darin vergrub und Tränen seine Wangen hinabfließen. "Verfluchte Dirne!"
Oscar saß auf ihrem Stuhl und versuchte vergeblich weiter in ihrem Roman zu lesen, den sie am Abend begonnen hatte, als sie auf André gewartet hatte. Sie war bereits irgendwo auf Seite 70 der "Nouvelle Héloïse" angekommen, aber die berühmte Geschichte von einem jungen Bürgerlichen, der sich in ein adeliges Fräulein verliebt, schien sie nicht so recht fesseln zu wollen. Das lag sicher nicht an Jean-Jacques Rousseaus Schreibstil, sondern daran, dass das Buch nur zur Ablenkung aufgeschlagen wurde, denn während ihre Augen zwar die Zeilen entlang glitten, waren ihre Gedanken doch die ganze Zeit mit der Frage beschäftigt, wo André sei und wann er wieder käme. Baaya hatte ihr gesagt, er sei in die Hauptstadt geritten, aber aus welchem Grund, wusste sie auch nicht. Er hatte seit dem späten Nachmittag keine Pflichten mehr gehabt und ein besonderer Auftrag von Oscars Vater hatte auch nicht vorgelegen.
Oscars Augen verengten sich, als sie auch nun wieder an André denken musste. Ihr Jugendfreund, mit dem sie wie mit einem Bruder aufgewachsen war, hatte eben verändert gewirkt. Irgendetwas war passiert, aber sie konnte nicht ausmachen, was es war. Nur, dass sie es irgendwie verletzt hatte. Und jetzt fühlte sie merkwürdiges Ungleichgewicht in ihrer Beziehung. Aber warum so plötzlich? Am morgen war doch noch alles wie immer gewesen. Sie waren in Versailles gewesen, hatten Marie Antoinette bis zum Mittag begleitet und sich dann voneinander verabschiedet, weil Oscar mit einigen Vorgesetzten des Heeres sprechen und André sich bei den Jarjayes um die Familienkutsche und den Stall kümmern musste.
Sie klappte das Buch zusammen und legte es mit einer abwertenden Bewegung auf den Tisch neben ihr. "Ich verstehe die Lobpreiserei um dieses Buch nicht..."
Dann stand sie auf und lehnte sich an die Wand, dort wo der Vorhang war und sie wie gewöhnlich zum Nachdenken aus dem Fenster schaute.
André schien sich so ertappt gefühlt zu haben, als sie ihn angesprochen hatte. Aber nicht nur das, seine ganze Aufmachung war seltsam gewesen. Seine langen dunklen Locken waren zwar wie üblich zu einem Zopf gebunden, aber dieser hatte ziemlich schluderig gewirkt. Einige seiner Ponysträhnen waren auch zerzaust gewesen. Die Schleife an seinem Kragen war nachlässig gebunden und überhaupt schien sein Hemd ganz knitterig. André war doch normalerweise sehr auf sein Erscheinungsbild bedacht, schließlich arbeitete er für eine der hoch angesehensten Adelsfamilien Frankreichs und würde es niemals wagen das Risiko einzugehen, Gespött auf sie zu ziehen, wo er doch ihre rechte Hand war.
Zudem ging ein süßlich-blumiger Duft von ihm aus, der ihr unangenehm aufgefallen war. An André hatte sie noch nie solch einen offensichtlichen Frauenduft gerochen! Wie hatte er sich den bloß zugezogen...?
Eine Freundin hatte er nicht. Das hätte er ihr doch sicher erzählt?! Verheimlichen würde auch gar nichts bringen, denn Andrés Oma wusste immer über jeden und alles Bescheid und sein Geheimnis wäre sofort aufgeflogen. Ja, bestimmt hätte Baaya ihr von der Geliebten erzählt. Mit André hatte sie, fiel ihr plötzlich auf, allerdings noch nie über Liebesangelegenheiten gesprochen...
Mit verkniffener Miene und verschränkten Armen starrte sie nach draußen in die Nacht. Es blieb also nur eine Möglichkeit offen, aber sie weigerte sich, eins und eins zusammenzuzählen. Schließlich konnte sie sich irren und es tausend andere Erklärungen geben. Zum Beispiel, dass André in der Stadt einer Dame, die gestolpert und hingefallen wäre, wenn sie nicht in seinen Armen gelandet wäre, helfen müssen. Oder vielleicht hatte er einfach zu nah und lange an einer Gruppe adeliger Damen gestanden, die alle viel Parfum benutzt hatten. Oder er hatte sich versehentlich selber mit Frauenparfum eingesprüht, als er nach einem Duft für sich selbst gesucht hatte...
Wie auch immer, sagte sie sich selbst, André konnte am Ende in seiner Freizeit machen, was er wollte, er schuldete ihr keine Rechenschaft.
Sie hatte doch auch keinen wirklichen Grund sich von ihm hintergangen zu fühlen, schließlich waren sie... ja, was waren sie denn genau? Offiziell Herrin und Diener, aber auch Freunde in Wirklichkeit, enge Vertraute, aufgewachsen wie Bruder und Schwester...
Nicht mehr und nicht weniger.
Aber warum war ihr dann ganz flau im Magen? Und warum traten ihr die Tränen in die Augen?
"Du Idiot...", zischte sie, bevor sie ruckartig die Vorhänge zusammenschloss.
André betrat das Badezimmer für die Bediensteten und stellte seinen Kerzenhalter auf einen kleinen Tisch nah bei der Badewanne. Die fünf dünnen Kerzen erleuchteten schummerig einen Radius, der ausreichte, um im Raum halbwegs alles ausmachen zu können. Nah bei der Wanne stand auch ein großer Spiegel. Im Halbdunkel ging er einen Schritt auf sein Abbild zu. Ein junger Mann schaute ihm mit glanzlosen Augen entgegen. Seine Haare waren für seine Verhältnisse unordentlich und sein Hemd faltig. Dies waren in keiner Hinsicht offensichtliche Beweise, aber er glaubte, dass es in seinem Gesicht geschrieben stände, für jedermann, der ihm begegnete, unverkennbar: Er hatte Geschlechtsverkehr gehabt.
Zum ersten Mal in seinem Leben. Er war nun kein Jüngling mehr, sondern ein Mann.
Er schluckte und senkte den Blick zur Seite. Als er sein weißes Hemd aufknöpfte und es über seine Schultern zog, stieg ihm der Duft von Blumen in die Nase, der ihn erschreckte. Sogleich ließ er es zusammen mit seiner dunkelbraunen Hose zu Boden fallen. Die Kleidung würde er später zu der schmutzigen Wäsche legen. Er öffnete die dunkelblaue Schleife in seinem Haar und die schönen, langen Locken lösten sich sanft über seine Schultern. Ein Bild von ihr, wie sie nach dem Akt noch schweiß benetzt nebeneinander gelegen hatten, tauchte plötzlich vor seinem inneren Auge auf. Sie hatte kokett lächelnd eine seiner Haarsträhnen um ihren Finger gewickelt und sich dann an seine Brust geschmiegt. Kopfschüttelnd schloss er kurz die Augen, um die Erinnerung daran zu vertreiben und stieg in die Badewanne. Er war seiner Großmutter dankbar, dass sie das Bad für ihn vorbereitet hatte, auch wenn das Wasser mittlerweile kalt war. Wenigstens konnte er jetzt versuchen, sich vom Schmutz und der Sünde zu reinigen.
Der Waschlappen, den er einseifte, war vor lauter Schaum nicht mehr zu erkennen und mit rauen Bewegungen begann er seinen Arm damit zu schrubben. Alle Erinnerungen und Spuren seiner Tat sollten weggewaschen werden.
Dabei kam er nicht umher, den Tag noch einmal Revue passieren zu lassen...
Seit einigen Wochen rollte eine Hitzewelle über Frankreich und auch heute war es furchtbar heiß gewesen. Als André und Oscar sich in Versailles verabschiedeten, weil sie beide noch separaten Aufgaben nachgehen mussten, stand die Mittagssonne strahlend hell am Himmel. Das Surren einiger Insekten war zu vernehmen und die Luft schien zu flimmern.
"Puh, was für eine Hitze", seufzte Oscar und lockerte den Kragen ihrer weißen Uniform. "Pass beim Rückritt auf, dass du nicht vom Pferd fällst."
"Ich werde vorsichtig sein. Trink du auch genug Wasser, damit du nicht umkippst", sagte André, worauf sie mit einem pflichtbewussten Lächeln nickte. Sie hatte nicht bemerkt, wie ihr Freund kurz hart geschluckt hatte, weil ihre Wangen verführerisch rot und ihr Atem aufreizend rau gegangen waren. Er schaute ihr kurz nach, wie sie zurück ins Schloss ging, bevor er sich auf sein Pferd schwang und zurück zum Haus der Jarjayes galoppierte.
"Hey André, da bist du ja!", rief ihm Antoine fröhlich entgegen, als dieser den Hof erreichte. "Hilf uns die Ställe auszumisten und reparier´ das Schloss an Box 3."
"Alles klar!" André zog seine Jacke und krempelte die Ärmel hoch, bevor er sich in den stickigen Stall begab. Ihm hatten die Schweißperlen schon im Schloss auf der Stirn gestanden, aber durch die körperliche Arbeit rannen sie ihm nun über das Gesicht.
"Wenn ich den Mist hier weggebracht hab, machen wir Pause!", sprach ihn Jules im Vorbeigehen mit seiner Schubkarre an.
"Gut, ich bin auch gleich fertig!"
Nachdem die drei ihre Arbeiten beendet hatten, setzten sie sich unter einen großen Baum und aßen etwas Brot und Käse.
"Gibts was Neues in Versailles?", fragte Antoine André.
"Nein, ich hab nichts gehört... In Versailles ist es auch schrecklich heiß..."
"Haha...", lachte Jules, "Aber zwischen unserem König und seiner Braut solls immer noch nicht heiß hergehen, erzählt man sich."
André hörte auf, auf seinem Brot zu kauen. Na großartig, fing das wieder an. Jules war ein großgewachsener Mann Mitte zwanzig mit breiten Schultern und strohblondem Haar, der in seiner Freizeit liebend gern durch Gast- und Freudenhäuser zog und gern über unanständige Themen redete.
"Das versteht wirklich keiner, die Marie ist doch so eine Hübsche... Von der kann man doch eigentlich gar nicht die Finger lassen", meinte Antoine und machte eine verständnislose Miene. Er war Anfang dreißig, ein Stück kleiner als André und Antoine, und hatte kurze schwarze Haare. Für seine Familie, er war glücklich verheiratet und hatte fünf Kinder, arbeite er von früh bis spät bei den Jarjayes.
"Wenn das Oscar hören würde...", dachte André, "Sie würde den beiden wahrscheinlich eine reinhauen..."
"Ist das nicht total blamabel, wenn er´s ihr als ihr Ehemann nicht besorgen kann?" Jules schnitt sich noch ein Stück Käse ab. "Wahrscheinlich hat er´s einfach nicht drauf... Er sollte besser erst mit einer Hure üben, zum Beispiel mit der Du Barry, der Ische seines Opas, bevor er sich an eine Prinzessin wagt, haha!"
"Aber ist es denn nicht gut, dass der Dauphin seiner Frau treu ist und es nur mit ihr versuchen will?" André schaute zwischen seinen beiden Arbeitskollegen hin und her.
Antoine lächelte ihn an. "André, hast du ein Mädchen, in dass du verliebt bist?"
"Äh... n-nein...", log André.
"Weißt du, Männer und Frauen funktionieren unterschiedlich...", der Ältere begann einen Apfel mit einem Messer zu schälen, "Männer wollen der Erste bei einer Frau sein, aber Frauen wollen, dass er der Letzte ist."
"Hm?"
"In der Ehe sind sie oft nicht die ersten Partner füreinander. Das heißt, für den Mann ist es oftmals nicht das erste Mal in der Hochzeitsnacht."
"A-aber die Kirche lehrt uns doch...!" Andrés Augen weiteten sich vor Entsetzen. "Ist das nicht eine Sünde?!"
"Hahaha, André, du bist wirklich noch ganz grün hinter den Ohren, was?", schlug ihm Jules auf die Schulter. "Alle Männer üben vorher, bevor sie dann nur noch mit ihrer Frau schlafen. Ist doch auch ganz klar, wie unangenehm ist denn das, wenn beide in der Hochzeitsnacht keine Ahnung haben, wie das Ganze abläuft? Und wie peinlich für den Mann, wenn er versagt! Die Frau hat dann die Schmerzen... Deshalb bereitet man sich vor, um seiner Frau Vergnügen bereiten zu können. Sie verlässt sich schließlich auch auf dich, dass du weißt, was du da tust. Deshalb ist es gut für einen Mann mit Erfahrung in die Ehe zu gehen."
"Da muss ich Jules ausnahmsweise mal recht geben.", nickte Antoine und steckte sich ein Stück Apfel in den Mund. "Wie alt bist du denn jetzt, André?"
"18, aber nächsten Monat werde ich 19..."
Jules nickte nachdenklich. "Na, dann ist doch jetzt die richtige Zeit, mit dem Sammeln von Erfahrungen zu beginnen. In Kürze wirst du sicher ein Mädel finden, das du heiraten willst..."
"Hast du denn eines?"
"Hmm ja... ich bin gerade dabei sie von mir zu überzeugen..."
"Soso..." André hob ungläubig eine Augenbraue.
"Erfahrungen sammelt man natürlich nur bei Huren, das ist doch klar, oder? Dafür sind sie schließlich da." Antoine sah die beiden Jüngeren scharf und mit erhobenem Finger und Messer an. "Anderen Mädchen Hoffnungen machen und sie mit Bastarden zurückzulassen ist die wirkliche Sünde."
Jules und André nickten eifrig.
Nach ihrer Pause kümmerten sich Antoine und André um die Familienkutsche der Jarjayes. André wrang gerad einen Lappen aus, den er für die Fenster verwendet hatte, als Antoine zu ihm meinte, dass er eine Stelle gefunden hätte, wo der goldene Lack deutlich abgebröckelt wäre. "Ich werde mit Jules sprechen, denn er kennt den Lackierer, seit sie Kinder waren, und bekommt daher immer einen günstigeren Preis, bei wirklich guter Arbeit."
"Das ist ja echt gut."
"Wie ich sehe, bist du ja auch gleich fertig. Du kannst dann Feierabend machen. Ich gebe gleich im Haus Bescheid. Danke für deine Hilfe heute."
"Nichts zu danken", lächelte André.
Der junge Mann mit den dunklen Haaren wischte noch einmal ordentlich über ein Fenster bevor er seine Utensilien zurück in den Stall bringen wollte. Jules´ strohblonder Haarschopf leuchtete im schon von Weitem entgegen. "Hey, André! Ich muss jetzt gleich nach Paris, um einen Termin beim Lackierer zu machen. Hast du Lust mitzukommen?"
"Hm?" Erstaunt schaute ihn der Angesprochene an.
"Komm, danach können wir noch was trinken gehen!", grinste der Blonde.
"Ah... ich...", begann André. Mit Jules etwas trinken gehen? Das wäre das erste Mal... Und warum ausgerechnet mit ihm? Die beiden hatten außer den Arbeiten, die sie ab und zu miteinander zu erledigen hatten, so gut wie gar nichts miteinander zu tun. Sie waren einander zwar freundlich gesinnt, aber Jules André zu ordinär.
"Zöger nicht! Du siehst so aus, als ob du ein kühles Bier vertragen könntest!"
"Hahaha...", lachte der Jüngere, "ich bring´ erstmal die Sachen hier weg!"
In der Abstellkammer wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Ah, wie mühselig! Ihm fiel keine gute Ausrede ein, um abzusagen, ohne dass es wie eine offensichtliche Lüge aussah. Mit Jules verscherzen wollte er es sich allerdings auch nicht... Er seufzte. "Oscar..."
Sie hatte auch keine Aufgaben für ihn gehabt. Aber wenn sie doch hier wäre... Dann hätte sie ihn sicher für irgendetwas eingespannt...
Oscar, Oscar, Oscar...
Sein Kopf war zu jeder Zeit voll mit Gedanken an sie. Seit drei oder vier Jahren, er konnte es nicht genau bestimmen, hatte sie heimlich, still und leise einen immer größer werdenden Platz in seinem Herzen eingenommen, bis er irgendwann begriffen hatte, dass er sie liebte. "Seine Oscar", die ihm all ihre Seiten, gut und schlecht, ganz natürlich offen zeigte, war zu der Person geworden, die er jetzt nicht nur aus Freundschaft an seiner Brust lehnen lassen wollte, sondern die er berühren und küssen wollte. Er wollte ihren Kopf an seiner nackten Brust spüren, nachdem sie einander leidenschaftlich geliebt hatten.
André raufte sich die Haare. Ah, schon wieder diese Gedanken! Vor dem Einschlafen hatte er oft solche Träumereien, bei denen er sich sündhaft selbst Vergnügen bereitete, aber am Tag durfte solchen Fantasien keinen Raum geboten werden! Schließlich sah die Realität ganz anders aus und sie würde sich auch nicht ändern. Oscar war adelig und er bürgerlich. Selbst wenn sie das Gleiche empfinden würde, dürften sie nicht zusammen sein. Eine Vorstellung von Ehe, einem glücklichen Leben zu zweit und später mit Kindern, würde niemals in Erfüllung gehen. Obwohl er all dies wusste, konnte er nicht aufhören dann und wann von ihren Lippen und ihrem Körper zu träumen und sich auszumalen, wie es wäre, wenn sie eins werden würden...
"Vielleicht sollte ich wirklich mal raus hier..." schoss es ihm durch den Kopf. Weg vom Anwesen der Jarjayes, raus in das Pariser Nachtleben. Lichter, Gelächter, Savoir-vivre. André räumte die Putzsachen schnell in die Regale und rannte nach draußen, wo er sah, dass Jules gerade sein Pferd über den Hof führte. "Jules, warte! Ich komme mit!"
Nachdem sie den Termin beim Lackierer gemacht hatten, hatte Jules vorgeschlagen zum Palais Royal zu reiten, weil er dort eine Gaststätte kannte, die er empfehlen konnte. In dem früheren Stadtpalast herrschte bereits seit dem späten Nachmittag fröhlicher Trubel, hatte sich das prächtige Gebäude mit seinen Gastronomien und Vergnügungseinrichtungen zum Zentrum des Pariser Nachtlebens etabliert.
In der Gaststätte ging es ebenfalls geschäftig zu und André nippte immer wieder an seinem großen Weizen, während Jules ihm erzählte, was für Schabernack er mit dem Lackierer in seiner Kindheit getrieben hatte. Auch wenn ihn Jules Gequatsche langweilte, war er froh, dass dieser sich selber gerne reden hörte, und er nichts erzählen musste.
Mit einem langen Zug trank Jules sein Glas aus, bevor er sich mit einem zufriedenen "Aaah..." mit dem Handrücken über den Mund wischte. Seine Wangen waren von dem Bier gerötet. "So, André, für mich wirds langsam Zeit... Ich such´ mir jetzt noch ein Mädel für die Nacht und dann gehts heim... Was ist mit dir? Was hast du jetzt noch vor?"
André verschluckte sich fast an seinem Getränk. Innerlich hatte er gespürt, dass Jules nicht nur zum Trinken in diese Gegend gekommen war.
"Ich... reite hier nach heim..."
"Alles klar", sagte Jules, stand auf und legte einige Münzen auf den Tisch. "Mach´ dir noch nen schönen Abend. Bis morgen!"
"Bis morgen!", antwortete André und blickte in Jules schelmisch grinsendes Gesicht.
Als sein Arbeitskollege gegangen war, bestellte André noch ein Bier und starrte gedankenverloren vor sich hin. Dadurch, dass es den ganzen Tag so heiß gewesen war und er kaum was gegessen hatte, fühlte er eine angenehme Mattigkeit in seinem Kopf. "Ach Oscar...", flüsterte er.
Bestand nicht die Möglichkeit, dass sie ihn zurück lieben könnte? Sie waren einander doch so nah und er wusste, dass er ihr nicht unwichtig war... Nur reichte das aus, damit er jemals ihr Geliebter werden könnte...?
Ach, aber wie einfach könnte sein Leben doch sein, wenn er sich in eine Bürgerliche verliebte!
"Verdammt!", dachte er und nahm einen riesigen Schluck. "Oscar!"
Vor seinen Augen erschien die bildhübsche Tochter der Jarjayes mit ihren goldblonden Locken, den himmelblauen Augen und selbstbewussten Lächeln.
In seinen Lenden machte sich ein verlangendes Ziehen bemerkbar. Seit Herz liebte ununterbrochen sehnsüchtig weiter, aber sein Körper flehte immer mehr nach Erlösung.
Unsicher setzte er einen Schritt vor den anderen über die "Allée des Soupirs", wo die Prostituierten, die angeblich zu den schönsten in ganz Europa zählten, um ihre Freier warben. Männer jeden Alters, ob bürgerlich oder auch adelig, spazierten die Straße entlang und unterhielten sich mit den Kurtisanen. Seine Augen blickten schnell von rechts nach links, ohne mit einem der Freudenmädchen wirklichen Blickkontakt aufzunehmen. Ihm war leicht schwindelig und sein Herz klopfte vor Aufregung. Aber es gab kein Zurück. Er brauchte heute Nacht eine Frau.
"Guten Abend, schöner Mann. Wie wäre es mit uns beiden?"
André schaute in das Gesicht der Dirne, deren glockenhelle Stimme ihn so direkt mit verführerischem Unterton angesprochen hatte. Sie sah Oscar in keinster Weise ähnlich.
"Ja... Ja, gerne..."
André spritzte sich mehrmals mit beiden Händen Wasser ins Gesicht, um sich nicht daran zu erinnern, was passiert war, als er mit der Prostituierten mitgegangen war, aber einige Bilder blitzten doch vor seinem inneren Auge auf.
Ihre einfühlsame Art und ihr charmantes Lächeln...
Ach, wie er es bereute, ihr am Anfang direkt gesagt zu haben, dass er einseitig in jemanden verliebt sei...
Aber dann hatte sie ihn an der Hand genommen und gezeigt, auf welch verschiedene Arten man einer Frau sinnlichen Genuss bereiten kann...
Wie er auf dem Weg zum Gipfel der Lust das richtige Tempo und den richtigen Rhythmus beibehielt...
"Vielleicht habt ihr ja doch mal die Gelegenheit, hihi?"
Nach dem Beischlaf hatten sie sich auf ihrem großen, reichlich bestückten Bett ausgeruht.
"So ein toller Mann wie du... dass deine Angebetete das noch nicht erkannt hat! Du siehst gut aus, du bist schick für einen Bürgerlichen gekleidet, also gehst du einer geregelten Arbeit mit gutem Gehalt nach... Du scheinst treu und freundlich zu sein... Ein super Fang für jede ledige Frau!", hatte sie gesagt, während sie seitlich lag und ihren Kopf auf den Arm gelegt hatte.
"Es ist kompliziert... Aber ich will nur sie..."
"Die Glückliche!", hatte sie gekichert und sich in die Kissen gerollt. André hatte den ehrlich beneidenden Klang in ihrer Stimme nicht wahrgenommen.
"Ich muss gehen... Danke... für heute Abend." Zwar fühlte er sich vom Alkohol und dem Geschlechtsakt ermüdet, aber noch länger sollte er nicht Paris bleiben. Er zog sich seine Kleidung wieder an, streifte sich einmal durch die Haare und fasste diese zu einem Zopf zusammen und band danach die Schleife am Kragen seines Hemdes. In den Spiegel wagte er nicht zu schauen. Seine Tat bereitete ihm schon ein schlechtes Gewissen. Als ob er Oscar betrogen hätte.
Sie richtete sich auf. "Vielleicht sieht man sich ja mal wieder?"
André drehte sich zu ihr um.
"Du scheinst sie sehr zu lieben, aber wenn du sagst, dass es eine einseitige Liebe ist ohne Hoffnung... Dann fällt es dir sicher schwer, dich in ihrer Nähe unter Kontrolle zu halten."
"Was...?" André fühlte sich urplötzlich ertappt und starrte sie mit weit aufgerissen Augen an.
"Lass ab und zu mal Dampf ab, damit du dich nicht eines Tages über sie herfällst. Das würde dir sicher leid tun." Ihre Augen hatten sorgenvoll drein geschaut.
"Ich...", stammelte er und kramte nach seiner Geldbörse, "Ich hoffe, das reicht..." Schnell hatte er das Geld auf den kleinen Nachttisch gelegt und war mit einem "Adieu" hinaus zur Tür gehetzt.
Sie hatte auf die Münzen geschaut und ebenfalls "Adieu..." gemurmelt. Er hatte ihr viel zu viel dagelassen.
Aufgewühlt durch das, was die Prostituierte ihm gesagt hatte, hatte er noch von irgendwoher eine Flasche Wein ergattert, von der er gierig getrunken hatte. Es hatte nicht lange gedauert, bis sich der Rausch von früher am Abend wieder etwas einstellte, und er nicht mehr genauer darüber nachdenken konnte. Die Stimmung um ihn herum war noch immer ausgelassen, als er auf sein Pferd stieg und sich langsam nach Hause aufgemacht hatte. Niemals wieder würde er einen Fuß in diesen vermaledeite Palais Royal setzen, schwor er sich.
Am nächsten Morgen stand die Sonne schon früh strahlend hell am Himmel. André wartete bereits in der Eingangshalle, als Oscar die Wendeltreppe hinunterkam.
"Morgen, Oscar."
"Morgen..." Sie ließ ihren Blick geschwind einmal von seinem Scheitel zu seiner Sohle wandern. André sah aus wie immer. Etwas müde vielleicht, aber gescheit zurechtgemacht, so wie sie ihn kannte.
"Lass uns gehen." Sie ging an ihm vorbei hinaus auf den Hof.
André hatte ihre beiden Pferde bereits gesattelt und elegant schwang sich Oscar auf ihren Schimmel. Ohne ein weiteres Wort trabte sie los und ihr Jugenfreund folgte ihr auf seinem Braunen.
Schweigend ritten die beiden eine Weile nebeneinander her, bis Oscar ihn ansprach: "André..."
"Hm...?"
"Hast du in letzter Zeit Gerüchte um Marie Antoinette gehört?"
André drehte den Kopf zu ihr. "Was meinst du?"
"Gerüchte um Marie Antoinettes und ihr... nächtliches Eheleben..."
"Naja... in Versailles wird an allen Ecken und Ende getuschelt... Da hab ich schon was aufgeschnappt..." Und nicht nur in Versailles, sondern auch außerhalb wird darüber geredet, fügte er in Gedanken hinzu.
"Was hältst du davon?" Oscar wand sich ihm plötzlich zu und erwiderte durchdringend seinen Blick.
"Äh, ich? Über die Kronprinzessin und ihren Gatten?"
"Ja, sag schon, André, hältst du den Kronprinzen für einen Versager?"
"N-nein...", stammelte er überrumpelt, bevor er sich zur Ruhe zwang. "Es ist ihrer beider Privatsache... Vielleicht liegt ein Problem vor... Es ist auf jeden Fall lobenswert, dass Ludwig, der 16. seiner Frau treu ist... Aber ansonsten interessiert mich das Gerede nicht sonderlich..."
Über Oscars Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln. "Ich kann auch nichts mit Leuten anfangen, die auf so einen Tratsch eingehen."
"Das weiß ich doch."
"Wer Marie Antoinettes Würde in den Dreck zieht, bekommt es mit mir zu tun."
"Das hört sich an, als ob du einige Leute kennst, die das tun..."
"Ja...", raunte Oscar, "es gibt da so einige... Wenn ich das nächste Mal jemanden davon reden höre, werde ich nicht zögern die Fäuste einzusetzen."
"Gib mir vorher Bescheid, damit ich dir helfen kann." André lächelte sie ergeben an.
Oscar grinste zurück. "Natürlich."
Sie schaute nach vorne auf den Weg, der zum Schloss führte. An den Seiten stand auf den Feldern der Weizen zur Ernte bereit. Der Himmel war blau, endlos weit und wolkenlos.
Aus den Augenwinkeln betrachte sie ihren Jugendfreund, der heute merklich stiller als sonst war und geknickt wirkte.
"André..."
"Hm?"
"Du meintest gerade, zwischen dem Kronprinzenpaar könnte ein Problem vorliegen..."
"Nnnn... ja, das hab ich gesagt..."
"Ihre Majestät scheint mit den anderen Adeligen nicht darüber zu sprechen. Ich würde ihr gerne helfen, aber..."
"Vielleicht hält sie es aus Scham geheim...", unterbrach er sie.
"Marie Antoinette und Geheimnisse... Obwohl man ihre Gefühle doch im Gesicht ablesen kann wie aus einem offenen Buch..."
"Ja, aber jeder hat doch ein Geheimnis, von dem niemand weiß...", sagte André leise und senkte den Kopf. "Und es gibt Probleme, bei denen niemand einem helfen kann..."
Oscars Herz schlug einmal dumpf in ihrem Brustkorb, als sie das hörte. So trübselig kannte sie ihren Freund gar nicht! Was war bloß letzte Nacht mit ihm passiert, dass er so verändert wirkte? Hatte sie etwas übersehen? Sie war zwar ziemlich durcheinander gewesen, aber hatte die Sache dann damit abgetan, dass Männer keine Gedanken an Sachen verschwenden, auf denen sie keinen Einfluss haben und sie André vertraute, dass er keinen illegalen Unfug trieb. Vorhin hatte er ja auch ganz normal gewirkt, als er auf sie im Eingang gewartet hatte. Dennoch...
"Hast du auch ein Geheimnis, das du niemandem erzählen kannst, nicht einmal mir?", fragte sie ebenso leise.
André schaute zu ihr und lächelte, aber in seinen Augen spiegelte sich Traurigkeit. "Ja..."
Sie senkte die Lider und schluckte. Dass sie der Person, die ihr am nächsten stand, nicht helfen konnte, bedrückte sie zutiefst. "André..."
"Mach dir keine Sorgen...", sagte er nun absichtlich mit heiterer Stimme, "Vielleicht wird sich mit der Zeit alles zum Guten wenden."
Oscar nickte hoffnungsvoll.
Die brennende Sonne hatte auch kein Erbarmen und stach die beiden Reiter nicht nur in die Augen, sondern war dabei, ihnen schon vor Arbeitsbeginn die Kräfte zu rauben, was sie wieder wortkarg werden ließ.
Als sie in Versailles vor dem Eingang ankamen, durch den sie in Schloss gelangen würden, stiegen sie von den Pferden ab.
"Ah, endlich da!", seufzte André.
"Ja, das war wirklich ein anstrengender Ritt.", klagte Oscar. "Ich bin klatschnass." Sie suchte mit beiden Händen nach etwas in ihrer Uniform, schien es jedoch nicht finden zu können.
"Alles in Ordnung?"
Verzweifelt schaute sie zu ihrem Diener. "Ich habe mein Taschentusch zu Hause vergessen. Aber so verschwitzt kann ich Ihrer Majestät nicht gegenübertreten..."
"Aaah...", sagte André und zog aus seiner Jackentasche ein Tuch heraus, das er ihr entgegenhielt. "Du kannst meins haben. Es ist noch unbenutzt."
"Danke." Oscar betrachtete das ordentlich zu einem Viereck gefaltete hellgelbe Taschentuch, auf dem in großen grünen verzierten Buchstaben "A. G." stand. Das hatte sie ihm vor ein paar Jahren geschenkt. Vorsichtig faltete sie es auseinander und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. "Ich gebe es dir bald zurück."
"Keine Eile." Er hielt sein Pferd am Führerstrick in der einen Hand und mit der anderen ergriff den Strick des Schimmels. "Ich bringe schonmal die Pferde weg. Die haben sicher Durst."
"Warte, André." Oscar hielt das Taschentuch fest umklammert. "Apropos Durst... Hast du heute schon was vor?"
"Am Nachmittag, wenn du wieder bei der Armee bist, hab ich versprochen Oma bei einigen Hausarbeiten zu helfen."
"Also hast du danach frei?"
"Ja...?"
"Lass uns dann doch heute Abend den Vintage-Wein trinken. Im Garten ist es in den Abendstunden ja ziemlich angenehm."
Andrés Herz machte vor Freude einen Sprung. "Gerne! Spielst du mir auch das neue Stück auf der Geige vor?"
"Mal sehen, durch die Hitze verstimmen die Saiten so oft."
"Oje, damit hört sich ja jede noch so schöne Musik wie ein Katzenjammer an.", wagte er einen Scherz.
"Hahaha!", lachte sie ehrlich. "Leider ja... Ich stimme sie, falls ich nach diesem Wetter noch Energie hab."
"Ich freue mich drauf." In Andrés Gesicht breitete sich ein gelöstes, sanftes Lächeln aus, das Oscar, erleichtert darüber, dass ihr Freund nun wieder wirklich ganz der Alte war, mit einem warmherzigen "Ich mich auch" beantwortete.
"Bis gleich im Ballsaal."
"Alles klar!" Der Dunkelhaarige sah, wie seine Herrin die Treppen hinaufstieg und gab danach den Pferden mit einem Laut zu verstehen, dass sie jetzt losgingen.
Oscar schritt den Gang entlang und freute sich, dass sie "ihren" André zurück hatte und André dankte Gott, dass er in ein paar Stunden Zeit allein mit "seiner" Oscar verbringen durfte. Seine Gefühle würde er weiter für sich behalten, aber für heute war er nur überglücklich, dass alles wie immer zwischen ihnen war.
Die Sonne strahlte derweil unverwandt weiter über Frankreich...
