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Fandom:
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Characters:
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Language:
Deutsch
Stats:
Published:
2025-08-25
Completed:
2025-08-25
Words:
1,882
Chapters:
2/2
Comments:
4
Kudos:
15
Bookmarks:
1
Hits:
100

Das Gegenteil von Urlaub

Summary:

"Völliger Fehlschlag, der Name. Von wegen Urlaub. Dit müsste Farins Arbeitslager heißen oder Farzur Hölle!" Belas Ellenbogen sitzt, knapp unter den Rippen, aber sein Blick ist warm. Jan grinst. Bela grinst zurück.
Und was sonst noch passiert ist, in ein paar Jahrzehnten Band, und ein paar Jahrzehnten mehr Leben.
Schnappschüsse von wichtigen, und ganz unwichtigen Momenten in der Geschichte von Farin Urlaub und Der Besten Band der Welt.

Notes:

Ich schreibe schon länger still und heimlich vor mich hin, nur, um selber Freude dran zu haben. Aber jetzt hat Der_Katze völlig unerwartet ein neues Kapitel des Heiligen Buchs "Teenagers in Love" veröffentlicht und ich bin so unglaublich happy darüber, dass ich mich getraut hab, meine Schreibereien hochzuladen.
Without further ado - hier und im eventuell mal kommenden Companion Piece "Reime auf Fehler" gibt es nun zumindest jeweils einen Schnappschuss, vielleicht auch irgendwann mal mehr, zu Momenten im Leben von Farin U. und Bela B. - so, wie es in Echt bestimmt nicht war (und wenn doch, tut es mir leid!)

Chapter 1: 1996

Chapter Text

1996

Jan ist dreiunddreißig und tut gerade was ziemlich Dummes.

Keiner wird es mitkriegen, denkt er, keinen geht es was an. Und morgen im Licht wird er sich erinnern, sich wundern, sich schämen, und die Erinnerung zu den anderen Dingen packen, die besser unberührt bleiben. Weil vermutlich alles ganz natürlich und erklärlich ist, und niemand da sein wird. Oder der Jemand, um den es geht, friedlich pennt, und er das dann auch endlich kann, beruhigt.

Aber es ist still, so still, auf sein Klopfen hat keiner reagiert, und was bleibt ihm übrig? 

Er blickt nochmal nach unten und wünscht sich, er hätte das nicht getan. Fünfter Stück klingt weniger hoch, und ein Meter fünfzig weniger weit als es ist. Und er war noch nie ein toller Sportler. Das wäre das bescheuertste Ende einer Rockmusikkarriere, das man sich vorstellen kann, und man könnte es nicht mal auf irgendwelche Drogen schieben.

Und das, genau das spornt ihn wieder an, weil das ja das Thema seiner lebensmüden nächtlichen Aktion ist. Und auch jetzt, auf dem Balkon hört er nichts, keinen Laut, keine Musik. Und wenn wirklich was ist, was Schlimmes, dann wird keinen interessieren, wie er dazugekommen ist. Dann wird keiner fragen, oder wenn doch, wird er einfach sagen, dass er wusste, dass was faul ist, weil es so still ist. Weil es immer noch so still ist, so still, nie ist es so still, und was bleibt ihm anderes übrig?

Die anderen sind lang zuhause, er hat das Getrappel auf den Treppen gehört, das Gegröle nach dem Vorglühen, das Getrappel und Gegröle danach, zwischen unruhigen Fetzen von Schlafen und Wachen und Traum. Hat nach einer Stimme gelauscht und – nichts.

Und er weiß, dass sie alle zusammen waren nebenan, hat ihnen noch zugewunken von genau dem bekloppten Balkon aus, auf dem er jetzt rumsteht und auf Zeit spielt. Aber eine Stimme ist nicht mitgegangen, und nicht mit zurückgekommen, und er hat um dreiviertel eins mal geklopft, um zwei, und um halb drei, und niemand hat aufgemacht, aber die Balkontür ist auf und der Schlüssel wurde nicht an der Rezeption abgegeben und vielleicht hat er auch nur schlecht geträumt, vielleicht steigert er sich grade rein, vielleicht würden die anderen nie gehen, wenn einer Hilfe braucht, aber vielleicht waren auch alle betrunken und drauf und dämlich und vielleicht hilft alles nichts dagegen, dass er seit Stunden denkt, dass Bela vielleicht tot im Hotelzimmer neben seinem liegt.

Und jetzt bleibt ihm wirklich nichts mehr übrig.

Er atmet ein, atmet aus. Taxiert die Brüstung gegenüber. Müsste gehen, mit Schwung. Müsste gehen.

Katapultiert von Angst im Bauch kraxelt er auf die Brüstung auf seiner Seite, visiert an, nimmt Schwung und – Sprung – es hat gereicht, es trägt ihn über ein Meter fünfzig und die Brüstung gegenüber und

„ALTER!“

Er landet, strauchelt, stürzt - mitten auf Bela. Bela, sehr lebendig, sehr schlafzerzaust, völlig fassungslos. Und alles, was Jan fragen kann, als er wieder hochkommt, ist

„Wat machst Du denn hier?“

Bela, grüne Augen weit aufgerissen, gekrümmt um Jans Einschlagstelle irgendwo zwischen Schulter und Rippen, keuchend um Atem ringend. Bela, heile bis auf nen Schwung anstehender blauer Flecke, schockierend nüchtern, mit Matratze und Decke auf dem Balkon campierend. Bela, der das einzig Vernünftige zurückfragt, allerdings mit so komisch empörter, hoher Stimme, dass Jan lachen müsste, wenn er nicht grad emotional noch mit Todesangst versus völliger Blamage beschäftigt wäre.

„Icke? Was ick hier mach? Alter! Dit is mein Balkon!“

Und dann rattert es in Bela, beinahe zum Zusehen, und plötzlich krallen sich Schlagzeugerfinger feste um Jans Arm.

„Alter! Wir sin 20 Meter hoch oder so! Was zum Henker treibst Du, da rüberzuspringen? Bist Du lebensmüde oder wat?“

Und bei allen Szenarien, die Jan sich so ausgemalt hatte - darauf, sich jetzt, hier erklären zu müssen, war er nicht vorbereitet.

„Ick…ick…Du hast nich uffjemacht! Ick hab x Mal jeklopft!“

Bela schaut ihn an, als wär er nicht ganz dicht.

„Es ist Nacht, Jan. Da schlafen Leute!“

Aber jetzt gewinnt Jan langsam wieder Oberwasser.

„Ja, aber Du nich, Bela! Du doch nich! Die andern jeh’n feiern un ick hör Dir nich jeh‘n und nich kommen un Nopper hat vorher doch noch erzählt was für krassen Stoff ihr heute klar jemacht habt un…un…“

Weiter kommt er nicht. Weil alles, was er sagen müsste, mit Dingen zu tun hätte, die sie nicht sagen. Mit Vorwürfen. Mit Liebe. Und Angst.

 Aber Bela ist kein Idiot, auch um drei Uhr morgens auf nem Hotelbalkon nicht.

„Und Du dachtest, ick hab mir jetz wegjerichtet, oder wie?“

„Ick…“ Jan hat rote Ohren und keine Ahnung, wohin er mit dem Satz will. Aber der Anfang war gut, also nochmal „Ick…ähm.“

Ein leises Lachen erlöst ihn. Der Griff um seinen Bizeps entspannt sich, und dann hat er nen bettwarmen Arm um die Schulter und ne zerstrubbelte Mähne im Gesicht.

„Jan, Du Eimer. Ick wollt nich mit heut. Musste ma Pause machen. War so stickig heut beim Konzert, und war vielleicht n bisschen viel die letzte Zeit. Da dacht ick, Dachgeschoss heute ma, da penn ick am Balkon unter die Sterne. Da hab ick wohl echt niemand klopfen jehört.“

Jan sitzt da wie ein Idiot und fühlt sich wie einer, weil auf die Idee, von seinem Balkon rüber zu rufen, ist er nicht gekommen. Er versucht, sich loszumachen, aber Bela spielt nicht mit und zieht ihn noch ne Runde mehr an sich, und plötzlich hat Jan nen Kloß im Hals, und er schluckt dreimal, bringt aber auch nix.

Er spürt Belas Worte fast mehr als dass er sie hört, da, wo der sich an seine Rippen schmiegt.

„Ick pass uff, Jan. Ick weiß, dit sieht nich so aus. Aber ick kenn mir aus mit dem, was ick vertrag und was nich. Dit is n Risiko, aber dit ist Motorradfahren ooch. Oder deine Reiserei. Oder nachts vom Balkon spring‘!“

„Nich vom Balkon!“ protestiert Jan. „Nur…rüber!“

Jetz muss er auch lachen, und kurz vibrieren sie einfach nur gegeneinander, miteinander, unter dem Mond und den Sternen. Dann fällt Jan was ein, was ihm ein lautes „Scheiße!“ entlockt.

„Ick hab keen Schlüssel! Also zu meim Zimmer! Ick hab den uff‘m Tisch jelassen!“

Er rappelt sich halb hoch, flucht nochmal, diesmal noch etwas bunter:

„Un die Rezeption macht um zwei dicht!“

Er dreht sich zur Brüstung, auf dem Weg, nun aus neu gewonnener Perspektive die Brüstung gegenüber anzuäugen. Bela zieht ihn zurück.

„Also wennde meinst, dass ick Dir da jetz den Stunt nochmal rückwärts machen lass, biste wohl eben uffm Kopp jelandet. Uff gar keen Fall springste da nochma rüber!“

Er wickelt sich los, verschwindet kurz im Zimmer, dann trifft Jan ein Kissen und ne Wolldecke.

„Hier, Du Actionheld. Du pennst ma schön hier den Rest der Nacht. Morjen wird’s nen Ersatzschlüssel jehm. Und keene Wiederrede!“

Jan protestiert halbherzig, der Form halber, aber rollt sich bereitwillig neben Bela ein. Und denkt an schaukelnde, halb umgeklappte Rücksitze, Kinderzimmermatratzen und versiffte Backstageräume, an schwierigere und einfachere Zeiten.

„Wie früher, wa?“

Bela, natürlich, mit seiner Bela-Magie, der Länge nach ausgestreckt neben ihm auf der gleichen Wellenlänge. Ein Lächeln trägt durch die Nacht, ein freundlich-zufriedenes Brummen von Jan zurück.

„Hab ick dir eijentlich was jebrochen eben?“

Bela schnaubt.

„Unkraut verjeht nich. Allet heile. Bei dir?“

Jan wackelt mit den etwas schmerzenden Zehen, knackt mit einem Fußgelenk, kartiert die kleineren Blessuren.

„Allet jut.“

Einträchtig nun, beide, entspannt nebeneinander. Jan wickelt sich ein in die Nacht, in Belas Nähe, in warme Erleichterung, leicht flackerndes Früher und viel Zuhause. Und schläft schon fast, als er Bela nochmal hört, ganz leise, fast im Traum

„Aber is schön, weeßte? Zu wissen, dass es wen interessiert.“

Und Jan ordert alle verbliebene Wachheit in seine rechte Hand, schält sie aus der Decke frei, sucht, sucht, findet auch ne Hand und drückt mit allem zu, was er nich sagt, aber sehr wohl meint.