Work Text:
„Hör mir doch zu, Leo!“
Wie ekelhaft erwachsen Adam klingen kann, wenn er will.
Seit einer Ewigkeit sprechen sie lediglich durch eine geschlossene Türe miteinander.
Entgegen der kitschigen Young-Adult-Romanze, die er momentan während der Fahrt aufs Präsidium hört, weiß er allerdings nicht, ob das hier nicht doch extrem schlecht ausgehen wird.
„Ich höre“, ist also die Antwort.
Brummig, nicht einladend, weit entfernt vom sanften, süßen Tonfall ihrer ersten Verliebtheit.
„Ich kann das nicht mehr.“
Das war es.
Sie konnten beide nicht mehr, nur Adam hat die Eier, es auch auszusprechen.
„Ich tu dir nicht gut, Leo.“
„Halt die Fresse, Schürk.“
Für einen Moment herrscht himmlische Stille auf der anderen Seite der Tür.
Dann:
„Leo. Ich werde jetzt gehen.“
Müde nickt er.
Ja.
Soll er.
Auch ohne, dass er Adam dabei zusieht, wie er sich langsam seine Schuhe anzieht, den schwarzen Mantel, den er in den letzten Jahren seiner Jeansjacke vorgezogen hatte, überwirft und leise und bedächtig die Tür hinter sich schließt.
Leo ist allein.
Zum ersten Mal seit fünf Jahren ist Adam nicht in seiner immanenten Nähe, ist Adam nicht lediglich einen Anruf entfernt, ist Adam nicht im Bett neben ihn, immer bereit, ihn mit einem halben Lächeln in den Arm zu nehmen und ihm zuzuflüstern, dass es doch wieder gut würde, egal wie es gerade aussah.
Sie haben sich verloren.
Und er kann es niemand anderem in die Schuhe schieben, als sich selbst.
Fünf gute Jahre, denkt er abfällig, Fünf gute Jahre hatten wir immerhin, bevor Marlene gekommen ist.
Marlene von der Poststelle.
Marlene mit den süßen rotblonden Locken und den himmelblauen Augen.
Marlene; zierlich, lieb und süß.
Marlene, die Adam glücklicher machen wird als Leo.
Lene, so hat er sie genannt, am Anfang dieses Weltuntergangs.
Lene und ich, Leo… ich …
Auf sein Gestammel hätte Leo schon kotzen können.
Ich hab mich halt in sie verliebt, was soll ich schon machen.
Da war endlich Leben in ihn gekommen, wenn es auch nur das wütende Funkeln gewesen war, das Leo schon immer irgendwie in einen Status zwischen Erregung und Zorn geworfen hatte.
Er hat sich halt in sie verliebt.
Casual, wie das eben so passiert, wenn man fünf Jahre jeden Abend nebeneinander im Bett liegt und einander sagt, dass man…
Wie lange?
Er hat Adam nicht gefragt.
Nicht wissen wollen, wie lange jedes ‚ich liebe dich‘ schon nur noch ein Vorspielen falscher Tatsachen gewesen ist.
Lange genug.
Eine Sache kann Adam eben nicht verleugnen; er ist eigentlich ein treuer Hund.
Treu über jeden Verstand hinaus, das hat Leo mehr als einmal eine trügerische Sicherheit gegeben.
Es bringt nichts, heulend hinter einer Tür zu kauern; es bringt nichts, zu regurgitieren, wie treu Adam, wie sicher Leo, wie glücklich sie beide gewesen waren; es bringt nichts.
Leo muss aufstehen, seinen eingeschlafenen Beinen zum Trotz.
Hier drinnen riecht es nach Adams Deo, ihrem gemeinsamen Waschmittel und einer verstopften Nase.
Leo könnte sich ein paar der Schmerzmittel gönnen, von denen er weiß, dass sie noch in der kleinen Schublade liegen.
Er könnte sich unter die Dusche setzen, wie im Film, das Wasser auf sich prasseln lassen und voller Weltschmerz in die Ecke starren.
Er könnte die Flasche Schnaps aus dem Buffettschrank nehmen und ein paar große Schlucke trinken.
Er könnte es auch lassen.
Wie benimmt man sich, wenn fünf Jahre großes Happy End einfach weg sind?
Was ist angemessen, was nicht?
Weinen bestimmt.
Also gibt Leo dem Drängen nach.
Es bringt Adam nicht zurück, natürlich nicht.
Aber nichts davon würde es.
Dramatische Nachrichten waren noch nie ihr Stil, es hat ja auch nie einen Grund gegeben.
*
Die Nacht ist lang, trocken und kalt.
Leo liegt irgendwann auf seinem (denn es ist nur noch seines) Sofa, schließt die Augen, öffnet sie wieder.
Nimmt das Handy in die Hand, schaut darauf und kämpft gegen die Welle der Übelkeit, als er seinen Sperrbildschirm sieht.
Er und Adam, grinsend, halblächelnd.
Zu privat, zu lang vorbei, zu viel.
Es ist halb vier in der Früh.
Er meldet sich in der Dienststelle krank.
Der Beamte am Empfang nimmt es zur Kenntnis und wünscht ihm eine Gute Besserung.
Gegen sechs ist Leo irgendwie eingeschlafen, vielleicht auch einfach ohnmächtig geworden, er weiß es nicht.
Ein Klingeln an seiner Tür reißt ihn um acht aus wirren Träumen.
Nichts Körperliches, nur Farben und Formen; Geräusche und Gerüche.
Es sind Esther und Pia und ihr mitleidiger Blick ist unerträglich.
Sie kommen rein, machen Kaffee, nehmen ihn, Leo packt eine ganz neue Furcht, in den Arm und finden keine Worte.
Nur, dass sie Adam und Marlene schneiden, so es möglich ist.
Es ist nicht gut möglich, Adam ist nach wie vor Teil des Teams und jeder einzelne Bericht muss bei Marlene abgeholt werden.
Sie bleiben zu lange, quetschen Leo zu sehr darüber aus, was sie ihm Gutes tun können und kochen Kaffee und Tee, als müssten sie eine ganze Kompanie versorgen.
Adam ruft an.
Leo ignoriert ihn.
Nachrichten kommen hinterher.
Satzfetzen, Stakkato-Nachrichten, Stop-and-Go-Schreiben.
Leo, lass dich nicht hängen.
Ich mach mir Sorgen.
Es tut mir leid.
Leo?
Leo, meld dich bitte.
Leo, verdammt.
Leo?
Leo!
Es geht Stunden so.
Leo ignoriert alles.
Esther stellt ihm den Schnaps hin.
Nickt ihm zu und schließt (endlich, endlich, endlich!) die Tür hinter sich und Pia.
*
Die Tage werden leichter.
Nie um viel, manchmal auch gar nicht.
Aber es ist wie dieser Moment Mitte September, wenn es um acht Uhr abends schon wieder stockdunkel ist, und man mit einem Mal bemerkt, dass der Winter wieder näher ist.
Es ist ein Mittwoch.
Kein besonderer Mittwoch, nicht mal besonders schlimm.
Leo aber wacht auf, schlägt die Augen auf, und weiß, es ist okay.
Er kann aufstehen, duschen und einen Kaffee trinken; kann sich anziehen und selbst im Auto noch nicht an Adam denken.
Natürlich überkommt es ihn dennoch.
Wenn er ihm gegenüber sitzt und an alle kleinen Liebesbekundungen und Verletzungen denkt.
Wenn er Marlene sieht, die Adam ein Lächeln zuwirft, dass die Sonne blass aussehen lässt.
Wenn er die beiden zusammen sieht, in der Kantine.
Wenn er sieht, wie perfekt die beiden füreinander sind.
Er hat mal was gelesen.
Romantischer Kitsch.
Hana-dingens.
Blumen husten, bis sie einen ersticken.
Oder einen Kuss wahrer Liebe, der die Blumen… auflöst vielleicht.
Verrotten lässt?
Leo denkt zu lange darüber nach, ob man nach dem Kuss dann Probleme mit einem Komposthaufen in der Lunge bekommt.
Er würde an manchen Tagen viel für einen tödlichen Strauß Lilien geben, die ihm langsam die Luft abschnüren, an anderen lacht er sich selbst für den Gedanken aus.
-Ihm läuft trotzdem jedes Mal ein kalter Schauer über den Rücken, wenn er am kleinen Blumenladen vorbeiläuft und ihn die weiß-rosa Lilien anlächeln wie eine hungrige Katze.
Es wird besser werden, Leo weiß es.
Es muss besser werden.
Es muss.
*
Liebeskummer ist wie trauern, sagen sie. Geht nie ganz weg, eitert immer irgendwo weiter, vernarbt irgendwann.
Der Liebeskummer um Adam war nie abgeheilt, schwelt wohl schon seit Jahrzehnten in ihm.
Und er bricht auf, als Adam und Marlene strahlend schön vor ihm stehen.
Adams Hand auf Marlenes Bauch.
Leo schließt die Augen und geht, noch ehe einer der beiden auch nur ein Wort sagen kann.
Auf dem Dach des Reviers kommt er wieder zu sich.
Es muss ein Albtraum sein, ganz sicher.
So kann es doch nicht ausgehen.
Er nickt sich selbst zu.
Denkt an Lilien.
Denkt an Flügel, Wind und Rauschen in den Ohren.
Nimmt Anlauf.
Springt.
„Leo?“
Eine verschlafene Stimme neben ihm.
Leo lag weich, zu weich für…
War er tot?
Er war doch gesprungen…
Was?
Mühsam kämpfte er ein Auge auf, das zweite kostete noch mehr Kraft.
Die Decke, an die er starrte, war warm-holzig getäfelt, war…
Zuhause.
Die Stimme neben ihm…
War das Adam?
„Ist alles gut? Du… keine Ahnung, hast du schlecht geträumt?“
Die Sorge in Adams Stimme riss Leo aus seiner Müdigkeit.
Mit einem Satz lag er in Adams Armen, presste ihn an sich, vergrub seine Nase tief in das blonde, schlafwirre Haar.
„Es gibt keine Marlene bei der Poststelle, richtig?“
Adam schnaubte nur.
„Nein. Ich glaub, die Kantinenfrau heißt so, aber Leo, ehrlich, wie kommst du jetzt auf sie?“
Er erinnerte sich.
Marlene aus der Kantine, Saarländer Original, älter als Leos und Adams eigene Eltern und oh, oh so gutmütig.
„Kaffee?“
Leo schüttelte den Kopf.
„Noch nicht.“
Adam, ein leises Lächeln an Leos Brust drückend, brummte nur.
Fin.
