Work Text:
Ich sehe dich. Weiß, wo du bist. Wer neben dir steht. Mit wem du lachst und über wen du die Augen verdrehst. Wir standen nebeneinander. Vorhin, am Buffet. Ich habe dir den Vortritt bei den Kroketten und dabei meinen Blick über deine Gesichtszüge schweifen gelassen. Du hast dich bedankt. Du siehst mir nicht mehr in die Augen, immer nur knapp daran vorbei und vielleicht bin ich dir dafür sogar dankbar. Denn was wäre, wenn du es doch wieder tun würdest?
Wir haben im Allgemeinen einen für die menschliche Gesellschaft unauffälligen Sicherheitsabstand zwischen uns errichtet. Ohne Worte, in stiller Übereinkunft und Akzeptanz. Doch um den Abstand nicht zu gefährden, musst du, genauso wie ich, stetig im Blick haben, dass wir uns nicht zufällig zu nahe kommen. Dass wir nicht zufällig gemeinsam den Raum verlassen. Das Glas heben, uns unabsichtlich zuprosten. Plötzlich allein auf der Tanzfläche stehen. Wir tanzen unseren ganz eigenen Tanz, du und ich. Wie zwei Magnete, beide Pole zueinander gerichtet. Es geht nicht mit und auch nicht ohne, so ist das nun bereits seit mehreren Jahrtausenden.
Wir werden auf die Bühne gebeten. Wir und einige andere unserer Gruppe, die wir beide jeweils im Sinne des Auftrags beeinflussen sollen. Noch halb in verschiedene Gespräche vertieft haben wir beide für einen kurzen Moment nicht aufgepasst und stehen nun nebeneinander im Scheinwerferlicht. Wie lang ist das her?
Ich spüre deine Anspannung, als wäre es meine eigene. Es ist meine eigene. Für die anderen Gäste unmerklich entfernen wir uns ein paar Zentimeter voneinander, doch ein Gruppenfoto wird angeordnet. Die Personen um uns legen ihre Arme umeinander und um nicht aufzufallen, tun wir es ihnen gleich. Deine Hand auf meiner Hüfte, mein Arm um deine Schulter. Ich rieche dein Parfüm und lächle in die Kamera. Ein Bild davon, was nie sein wird. Niemals Realität.
Wir geben uns beide alle Mühe, uns die mangelnde Begeisterung über den anschließend mehr oder weniger scherzhaft verlangten Tanz nicht anmerken zu lassen. Wir tanzen schon den ganzen Abend, das hier macht es nur unnötig kompliziert. Schnell wenden wir uns den Personen zu, die neben uns stehen, doch wir haben damit einen Moment zu lang gewartet, gefangen in der Angst vor den Konsequenzen dieses Abends.
Dein Blick bohrt sich durch meine Augäpfel, so warnend und schön und selten genug. Natürlich ist mir das klar, dass du das nicht freiwillig machst. Denkst du etwa, mir würde es anders gehen? Mit jeder Berührung steigt die Gefahr, sich die Finger zu verbrennen. Und wie sollte es anders sein, stehe ich nach den paar ersten Takten innerlich in Flammen. Deine Hand ist weich, die andere liegt gewichtig auf meiner Schulter. Unsere Rollenverteilung ist dem Größenunterschied geschuldet. Wir sehen einander nun berechnend an, um den Schaden möglichst klein zu halten. Ein guter Tanz und mit ein wenig Glück können wir danach wieder in die Realität entfliehen. Du tust es nicht gern und ich spüre deinen inneren Widerstand, den du nie ganz ablegen kannst, als ich uns über das Parkett führe. Aber du lässt es geschehen. Wir müssen nicht reden, um zu wissen, was der nächste Schritt sein wird. Diesen wortlosen Tanz haben wir bereits vor Jahrhunderten perfektioniert.
In deinem Blick vermischt sich Ablehnung mit Vertrautheit. Wir sind gut. Gemeinsam sind wir das immer. In mir lodert es wie Höllenfeuer, jede Berührung unserer Körper verstärkt es weiter. Jede Sekunde, in der wir einander ansehen, direkt und nicht seitlich versetzt. Ich bemerke nach wahrscheinlich der Hälfte des Lieds, dass du ebensowenig wegsehen kannst wie ich. Das hier ist die seltene Ausnahme, für die uns niemand verurteilen können wird. Du hältst meine Hand einen Moment länger, als die letzten Takte verklingen und im Applaus für die Darbietung unserer Gruppe untergehen. Meine Hand verirrt sich ein letztes Mal warm auf deinen Rücken, während wir uns spielerisch verbeugen.
Es endet nie gut, dieses Wir. In diesem Moment möchte ich das verdrängen, vergessen, dir alles verzeihen, was vorgefallen ist. Doch du hast dich bereits jemand anderem zugewendet, als wir die Bühne verlassen und bevor mich der Schmerz darüber erreichen kann, werde auch ich angesprochen, lasse mich bereitwillig ablenken. Verdränge die letzten Minuten, denn vergessen kann ich sie nicht.
Unsere Blicke treffen sich an diesem Abend vorerst nicht noch einmal, denn wir sind Profis in unserer eigenen Choreographie. Sowas wie heute darf uns nicht passieren, das können wir uns nicht leisten. Du hast einen Funken in mir entzündet. Schon wieder. Ich ersticke das Feuer mit frischer Luft auf der Terrasse, lasse den Blick über die Skyline schweifen, die sich vor meinen Augen abzeichnet und höre dem Zirpen der Grillen zu, das den Spätsommerabend nur noch vereinzelt begleitet. Einmal kommt es mir so vor, als wärst du ebenfalls nach draußen getreten, nur um deinen Laufweg direkt wieder zu ändern, als du mich entdeckst. Du bist unaufmerksamer als sonst. Solche Fehler passieren dir eigentlich nicht. Was ist los?
Die Antwort kommt nach vielen geschüttelten Händen, Cocktails und nachdem weit mehr als die Hälfte der Gäste schon gegangen ist. Auch ich überlege seit geraumer Zeit, mich von den Gastgebern zu verabschieden. Alle wichtigen Gespräche sind geführt, den Rest bringt die Zeit und die eigene, in den Menschen tief verwurzelte Boshaftigkeit. Doch aus dem Nichts greifst du nach meinem Handgelenk. Schaust mich an und ich bleibe wie angewurzelt stehen, als ich etwas Flehendes in deinem Blick entdecke. Nein. Das machst du nicht mit mir. Du nickst in Richtung der Terrasse, bittend. Noch immer berührst du mein Handgelenk, das alles wieder auflodern lässt, nachdem ich die Flammen gerade erst in den Griff bekommen hatte.
Ich gebe nach und hasse mich dafür. Mein Herz schlägt zu schnell, als wir nebeneinander stehen, nun beide auf die Skyline schauend. Ich drehe mich zu dir. Wäre es ein paar Grad kälter, könnte ich deinen Atem in der Luft sehen. So sehe ich nur dich, deine Lippen, deine Nase, deine Augenbrauen, deren Schwung ich jeweils zu gern einmal nachfahren würde.
In deinen Augen glitzert es. Oh. Heute ist einer dieser Tage. Es wird sich später, wenn das hier alles vorbei ist, tief in mein Herz bohren, aber ich kann heute, wie so oft, nicht stark bleiben, wenn es um dich geht. Also streiche ich mit meiner Hand über deinen Rücken, sehe, wie du dich in die Berührung schmiegst. Dann plötzlich drehst du dich zu mir und schlingst deine Arme um mich, vergräbst dein Gesicht in meinem Hemd. Hältst mich. Und dich fest. Ich lehne mich mit meiner Wange an deinen lockigen Kopf und bin hin und her gerissen zwischen der Vertrautheit zwischen uns und dem Schmerz, der auf diesen Abend folgen wird. Denn es bleibt nie so, wie es jetzt gerade ist.
Im Inneren des Saals beginnt ein neues Lied und ich summe es leise mit. Du drückst dich fester an mich. Sicher kannst du hören, wie schnell mein Herz schlägt. Egal. Das weißt du eh.
Ich weiß später nicht mehr, wie und wieso, aber wir tanzen. Langsam, ohne das Bedürfnis nach Show. Nur für uns. Nah und wiegend. Miteinander, nicht umeinander. Nur du und ich. Nur ein Abend, der anders ist. Wir sind das Zentrum, um das sich alles dreht. In meinen Gedanken wirst immer du der Mittelpunkt des Universums bleiben.
Ich rieche nach dir, als ich nach Hause komme. Ich werde träumen. Von heute. Von dir. Von deiner Wärme an meinem Körper. Deinen Lippen. Händen. Deinem Blick. Uns. Ich genehmige mir die Träume, für heute Nacht. Ab morgen werde ich wieder beginnen, zu verdrängen.
