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Thorsten und Sebastian standen vor einem Haus im Stuttgarter Stadtteil Killesberg. Hier hatte das Opfer in ihrem neusten Mordfall gewohnt – Helga Vogel, eine Frau mittleren Alters, alleinstehend und offensichtlich sehr wohlhabend, wenn man nach der Größe und Lage ihres Hauses ging. Sie war abends auf dem Nachhauseweg in ein Gebüsch gezerrt und erdrosselt worden.
Sebastian hoffte, dass sich im Haus von Frau Vogel Hinweise auf die Identität des Täters und ein mögliches Motiv ergaben, denn sie hatten im Moment kaum andere Ermittlungsansätze. Niemand hatte den Täter gesehen, es gab keine Aufnahmen von Überwachungskameras, die die Tat zeigten, und sie hatten nur eine nahe Angehörige von Frau Vogel ausfindig gemacht – ihre Schwester, die seit Jahren in Schweden lebte. Sie konnte ihnen also auch nicht weiterhelfen.
Thorsten schloss mit dem Schlüssel, den man bei Frau Vogel gefunden hatte, die Haustür auf. Sie gingen ins Haus und befanden sich in einem großen, offenen Raum, von dem wiederum mehrere Türen abgingen. Zur linken Seite führte eine Treppe nach oben zu einer Galerie. Dort waren weitere Zimmertüren zu erkennen.
Sebastian war kein Innenarchitekt, aber selbst ihm fiel auf, dass Garderobe, Spiegel und Teppiche im Eingangsbereich von erlesener Qualität waren. Auch die Bilder, die an den Wänden hingen, wirkten teuer. Eines von ihnen erinnerte Sebastian an die Gemälde von Monet, die er vor etlichen Jahren im Kunstunterricht analysiert hatte. War es vielleicht sogar ein Original?
Es gab allerdings keine Anzeichen, dass jemand nach dem Tod von Frau Vogel das Haus betreten hatte. Die Luft war warm und stickig – wie üblich, wenn im Sommer mehrere Tage lang die Fenster nicht zum Lüften geöffnet wurden.
„Ich übernehme die obere Etage und du die untere?“, schlug Thorsten vor.
Sebastian nickte.
Thorsten ging die Treppe hoch.
Sebastian öffnete die erste Tür im Erdgeschoss. Dahinter befand sich ein Gäste-WC. So weit, so unspektakulär. Damit war er schnell fertig.
Die nächste Tür führte zu einer geräumigen Küche. Hier war die Luft noch abgestandener und muffiger.
Sebastian machte die Fenster und die Terrassentür auf, um für ein bisschen frischen Wind zu sorgen. Dann schaute er in die Schränke auf der Suche nach Hinweisen, die sie in ihrem Mordfall weiterbringen würden. Was er entdeckte, war jede Menge edles Porzellan sowie hochwertige Töpfe und Pfannen. Alles nicht von Belang für sie.
Er öffnete den Mülleimer. So eklig es auch schien, aber dort befanden sich manchmal höchst interessante Sachen.
Doch bevor er genauer untersuchen konnte, was Frau Vogel in den letzten Tagen weggeworfen hatte, erklang ein hoher, schriller Pfeifton.
Mit einem kaum unterdrückten Fluch ließ Sebastian den Deckel des Mülleimers los und hielt sich die Ohren zu. Verdammt, das war unangenehm gewesen. Woher kam dieser Ton? Sebastian drehte sich um die eigene Achse. Es war nichts zu sehen. Und auch nichts mehr zu hören. Er wandte sich zurück zum Mülleimer.
Als er nach dessen Deckel griff, pfiff es wieder.
Irritiert betrachtete Sebastian den Mülleimer. Seit wann gab so ein Eimer Geräusche von sich? Oder war es irgendetwas ganz anderes? Irgendwie hatte er den Eindruck, dass das Pfeifen nicht vom Mülleimer, sondern aus einer anderen Richtung kam. Langsam ging er durch die Küche und lauschte konzentriert.
Thorsten kam herein. Er trug einen Laptop unter dem Arm. „Was machst du da?“, fragte er verdutzt.
Sebastian hielt sich den Finger an die Lippen. „Shhhhh …“
Thorsten zog die Augenbrauen hoch, fügte sich aber Sebastians Wunsch.
Es pfiff wieder.
„Hörst du das?“, fragte Sebastian.
Thorsten schüttelte den Kopf. „Nee.“
„Es pfeift“, erklärte Sebastian. „Ganz hoch und total unangenehm. Aber ich weiß nicht, wo es herkommt.“
Der nächste Pfiff ertönte.
Sebastian zuckte zusammen.
Thorsten blieb ungerührt stehen.
„Du hörst wirklich nichts?“, hakte Sebastian nach.
„Nein.“ Thorsten legte den Laptop auf den Küchentisch. „Bist du sicher, dass da was ist? Vielleicht hast du nur Tinnitus. Das kann schnell passieren, zum Beispiel durch laute Konzerte …“
Sebastian warf Thorsten einen empörten Blick zu. Als ob er die jemals ohne Gehörschutz besuchen würde. Er war doch nicht blöd. Auch das Schießtraining absolvierte er stets mit Schutz. „Ich habe keinen Tinnitus und ich bilde mir die Sache auch nicht ein. Es pfeift wirklich hier.“
Er suchte weiter die Küche ab. Als er an der geöffneten Terrassentür stand, pfiff es wieder – klar, deutlich und viel lauter als zuvor.
„Es kommt von draußen“, sagte er zu Thorsten.
Thorsten schaute immer noch skeptisch, doch er folgte Sebastian auf die überdachte Terrasse.
Sebastian schaute sich um. In einem der Beete, die die Terrasse vom Rasen trennten, entdeckte er einen kleinen, grünen Kasten. Auf dessen Vorderseite befand sich eine runde Öffnung, die ihn entfernt an einen Lautsprecher erinnerte. War das Gerät die Ursache für das Pfeifen?
Sebastian hob es hoch – und ließ es gleich darauf fast wieder fallen, so schmerzhaft fies klingelte das Pfeifen aus dieser kurzen Entfernung in seinen Ohren.
„Was ist das für ein Höllending?“, fragte er entgeistert.
Thorsten kam zu ihm und betrachtete den grünen Kasten. „Ich glaube, damit vertreibt man Tiere aus dem Garten.“
Sebastian schnaubte. „Und Menschen. Wie kannst du das bloß nicht hören?“
Thorsten zuckte nur mit den Schultern. Wahrscheinlich hatte er selbst in seinem Leben das ein oder andere Rockkonzert zu viel besucht und gab nun nicht zu, dass er bereits halb taub war.
Sebastian nahm sich vor, sich um einen Termin für Thorsten beim Ohrenarzt zu kümmern. Es wurde höchste Zeit, dass er mal einen Hörtest machte.
Aber zuerst würde er dafür sorgen, dass dieses blöde Gerät aufhörte zu pfeifen. Er zerrte an einer schief sitzenden Klappe auf der Rückseite, hinter der er die Batterien vermutete. Nach ein bisschen Ruckeln löste sie sich schließlich. Und ja, er hatte recht gehabt. Dort befanden sich die Batterien – und auf der Rückseite der Klappe war eine Speicherkarte im Miniaturformat mit Tesafilm festgeklebt. Sehr interessant.
Sebastian nahm die Batterien heraus. Dann löste er die Speicherkarte von der Klappe.
„Ich habe etwas gefunden.“ Er zeigte Thorsten die winzige Karte. „Was wettest du, dass uns die Daten darauf der Lösung unseres Falls ein ganzes Stück näherbringen werden?“
„Keine Wette. Das ist der Jackpot.“ Thorsten grinste breit. „Du hast nicht nur eine exzellente Spürnase, sondern auch Spürohren.“
