Work Text:
Eigentlich musste Sebastian Dienst schieben. Streife fahren mit Franz Zollner, einem erfahrenen Kollegen, der ihm die praktische Arbeit als Polizist näherbringen sollte. Aber obwohl Sebastian sein Beruf sonst viel Spaß machte – heute war er mit dem Kopf ganz woanders. Nämlich bei der angekündigten Sonnenfinsternis.
Wann hatte es das zuletzt gegeben? Es war Jahrzehnte, wenn nicht sogar über ein Jahrhundert her. Eine totale Sonnenfinsternis in Deutschland, die auch noch zufällig genau über Stuttgart zu sehen sein würde. Was für eine einmalige Chance!
Sebastian wollte sich dieses wortwörtliche Jahrhundertereignis nicht entgehen lassen. Mit Mühe hatte er noch eine der begehrten Schutzbrillen ergattert – und seinen ganzen Charme spielen lassen, damit die Verkäuferin ihm auch ein zweites Exemplar mitgab. Das hatte er Franz geschenkt, um ihn davon zu überzeugen, dass sie durchaus mal zehn Minuten Pause machen konnten vom Dienst, ohne dass in Stuttgart das komplette Chaos ausbrechen würde.
Seine Taktik ging auf.
Franz setzte ihren Status kurzerhand auf „nicht einsatzbereit“ und fuhr mit dem Streifenwagen auf eine etwas abgelegene Anhöhe. Von dort aus hatten sie einen guten Blick in den wolkenlosen Himmel.
Sebastian schaute auf seine Uhr. Es würde nicht mehr lange dauern bis zur Sonnenfinsternis.
Er stieg aus dem Dienstwagen und sah sich um. Irgendetwas war komisch. Das Licht wirkte ganz anders als sonst. Irgendwie seltsam fahl. War das schon das erste Anzeichen, dass es losging?
Anscheinend.
Minute für Minute wurde es dunkler. Aber es fühlte sich nicht wie eine normale Nachtdämmerung an. Es war … fremdartig. Unnatürlich. Ja, regelrecht beklemmend.
Sebastian setzte die Brille auf und blickte in den Himmel. Am äußersten Rand der Sonne war bereits eine schwarze Einkerbung zu sehen.
Der Mond.
Er schob sich immer weiter vor. Je mehr er von der Sonne verdeckte, desto unwirklicher wurde die Situation.
Sebastian nahm die Brille noch einmal ab und sah sich um.
Die Schatten hatten sich verändert, waren kontrastreicher als gewohnt. Die Blumen hatten ihre Blüten geschlossen. Auch die Vögel waren verstummt. Die ganze Natur schien den Atem anzuhalten.
Sebastian lief ein Schauer über den Rücken. Nicht nur wegen der unheimlichen Stille. Es war tatsächlich einige Grad kühler geworden.
Er verstand mit einem Mal, warum die Menschen dieses Phänomen früher für ein schlechtes Omen gehalten hatten. Dass es am hellichten Tage plötzlich dunkel wurde – das war einfach gruselig. Dabei wusste er selbst sogar genau, dass keine Magie am Werke war, sondern sich lediglich der Mond für kurze Zeit zwischen Sonne und Erde schob. Und trotzdem … ihm wurde bewusst, wie sehr das Leben auf der Erde von der Sonne abhing. Ohne ihr Licht und ihre Wärme würde sie alle nicht existieren.
Sebastian atmete tief durch und schob diesen Gedanken beiseite. Dann setzte er die Brille wieder auf und schaute erneut in den Himmel.
Exakt im richtigen Moment.
Der Mond erreichte die Position, an der er die Sonne komplett verdeckte. Ein leuchtender Ring flammte um sie herum auf. Die Korona. Sie war wunderschön. Ehrfürchtig betrachtete Sebastian sie. Kaum zu glauben, dass dieser herrliche Kranz permanent existierte und man ihn nur nie sah, weil die Sonne ihn überstrahlte. Auch jetzt konnte Sebastian die Korona nur eine kurze Zeit bewundern.
Der Mond wanderte weiter und die Sonne wurde wieder sichtbar – erst als schmale Sichel, die dann jedoch rasch anwuchs.
Es wurde wieder hell. Auch die ersten Vögel begannen wieder zu singen. Die Normalität kehrte zurück.
Sebastian nahm die Schutzbrille ab und verstaute sie in seiner Hemdtasche.
Was für ein eindrucksvolles Naturschauspiel! Heute hatte sich einer seiner langgehegten Träume erfüllt. Wenn es ihm nun auch noch gelänge, die Nordlichter zu sehen …
