Chapter Text
„Markus ist weg.“
Der Satz wird von der schlechten Verbindung knisternd zusammengepresst, obwohl Raban wahrscheinlich nur drei Meter unter mir steht
„Was?“ Ich setze mich auf. „Wie, weg?“
„Wir haben was getrunken – nur ein bisschen, wegen Jojo.“ In seiner Chipstütenstimme rascheln die Krümel der Schuld. „Er meinte, er wollte raus an die frische Luft. Und dann ist er nicht wiedergekommen.“
„Wie lange?“ Ich schiebe mich aus dem Bett, den ersten Fuß auf die Leitersprosse, die freie Hand verdreht am Geländer. Meine Füße klatschen laut auf dem Linoleumboden auf, als ich den letzten Meter nach unten springe. Ich werfe Kong, der noch wach im unteren Bett liegt, das Handy vor sich und seine dicken Overears auf dem Kopf, einen entschuldigenden Blick zu.
„Vielleicht eine Stunde. Sein Handy ist auch noch hier.“
„Habt ihr dem Kemp Bescheid gesagt?“ Socken, Jacke, Schuhe. Ich trage nur meine dünnen Schlafshorts und nichts darunter, aber für den Moment muss es reichen.
„Wir wollen nicht, dass Markus noch mehr Stress bekommt.“
„Wenn wir ihn nicht in der nächsten halben Stunde finden, meld‘ ich’s ihm trotzdem.“ Ich klemme mir das Handy zwischen Ohr und Schulter, während ich meine Wanderschuhe zubinde. „Wenn es dann überhaupt noch einen Markus gibt, der Stress bekommen kann.“ Ich lege auf. Es ist still. „Fuck.“ Ich drücke meine Fingerspitzen in die Mulde zwischen Augapfel und Augenbraue. „Fuckfuckfuck.“
Bevor ich die Zimmertür aufmache, drehe ich mich nochmal zu Kong um. „Sorry“, sage ich, dann lege ich den Finger an die Lippen, eine alberne Grundschul-Geste. Alles nicht so schlimm.
Als wir Kinder waren, stand in einer der Straßen auf dem Weg zum Teufelstopf jahrelang ein Haus leer. Es war eines dieser alten Fachwerk-Dinger mit Balkon und Fensterläden, urbayrisch, wunderschön eigentlich, aber die Scheiben waren blind und Finger aus Pilzen und Moos schoben sich gierig aus jeder Öffnung. Das Holz hat geknarrt, wenn man es nur angesehen hat, und in der Mittelstufe hat die Stadt ein Betreten verboten!-Schild davorgestellt, weil irgendein Jugendlicher bei einer Mutprobe durch die morsche Treppe gekracht ist und sich ein Bein gebrochen hat. Willi hat ständig davon geredet, dass man es abreißen müsse, eine Gefahr sei das, aber als es dann wirklich passiert ist – Hammer, Bagger, Erdrutsch, wochenlang Lärm und Staub – war die Straße danach plötzlich ein Lächeln mit fehlendem Schneidezahn.
So ungefähr war es mit der Ehe von Markus‘ Eltern. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass sie sich doch noch scheiden lassen, eher war die Erwartung, dass sie es schweigend bis an ihr Lebensende durchziehen, ihre Routine, bei der sie sich nie sehen müssen aber Tamara sich vor dem Anwesen für die Süddeutsche ablichten lassen kann. Alles für die Familienehre, die gute Theumer-Tradition. Und dann kam sie doch, die Abrissbirne. Markus ist nach dem Abendessen, bei dem sie es ihm erzählt haben, direkt zu uns gefahren, im strömenden Regen. Klitschnass stand er auf der Fußmatte, Meine Eltern lassen sich scheiden, sonst nichts, ein Gesichtsausdruck wie der Morgen nach der Bombennacht. Papa hat ihn als erster umarmt, direkt im Flur. Er hatte den Rest des Abends einen feuchten Markus-Fleck auf der Brust und wir vier Tage lang einen feuchten Markus-Fleck auf dem Boden unseres Zimmers, bis Herr von Theumer gedroht hat, Papa anzuzeigen, wenn der nicht sofort seinen Sohn rausrückt.
Markus hat sich nur deswegen in der Naturfreunde-AG angemeldet. Nachmittagsveranstaltung, eine Woche Exkursion in die Alpen. Weg sein. Der Rest ist nachgezogen, weil mit Markus, Jojo und mir schon drei dabei waren. Jojo und ich sind mit die Einzigen, denen das Thema wirklich gefällt, wir und Gesa und Luisa. Vogelgesänge bestimmen, Blumen gießen im Schulgarten, Insektenhotel bauen, das ganze Zeug. Lena, Ronja und Gizem sind dabei, um sich beim Kemp einzuschleimen, Leon und Deniz sind dabei, um sich bei Lena, Ronja und Gizem einzuschleimen, Vanessa und Raban sind dabei, um mit uns spottbillig in die Alpen zu fahren. Und Kong will vermutlich einfach eine Woche weniger in den Unterricht. Was weiß ich. Ich teile mir mit ihm das Zimmer, weil sonst keiner will. Wir sind als einzige mit dem Kemp im Obergeschoss der Herberge. Ich muss auf Zehenspitzen laufen, um auf dem Weg nach unten kein Geräusch zu machen.
Wir treffen uns draußen, an dem Punkt, der am weitesten weg von Kemps Fenster ist. Die Gesichter der anderen sind im Licht meiner Handytaschenlampe schneeweiß, die Augen groß und dunkel. Jojo schnieft leise. Ich lege den Arm um ihn, als ich ankomme.
„Und jetzt?“, sage ich.
„Ich glaub‘ nicht, dass er weit weg ist.“ Vanessa zieht die Schultern hoch. Wir tragen alle fadenscheinige Schlafanzughosen und unsere Allwetterjacken darüber. Hier oben wird es nachts noch richtig kalt. „Mein Vorschlag wäre, dass wir in Zweierteams losgehen und ihn suchen. Vermutlich sitzt er einfach irgendwo rum.“ Sie seufzt genervt, aber wird die Sorge in ihrer Stimme nicht ganz los. „Markus eben.“
„Markus eben“, wiederholt Deniz tonlos.
„Hat wer eine Idee, wo er hin sein könnte?“ Ich sehe mich um. Alles ist schwarz oder dunkelblau, nur unten im Tal blinken einige wenige Lichter heimelig vor sich hin. „Hier gibt’s ja nicht groß was.“
„Wir sollten uns mit dem Überlegen am besten beeilen“, sagt Leon. „Wär‘ nämlich gut, wenn’s nur das ist, was Vanessa sagt.“
Sein Blick sucht meinen. In unseren Augenringen sehen wir die schlaflosen Nächte der letzten Monate; bei Markus‘ Anrufen über unseren Schreibtisch gebeugt dasitzen und belangloses Zeug erzählen, damit er nicht an seinem eigenen Schweigen erstickt. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal durchgeschlafen habe. Selbst, wenn er nicht anruft, wache ich auf und greife nach meinem Handy, falls ich ihn verpasst habe, falls es zu spät ist. Ich habe komische Träume danach, ich bin mit Papa unterwegs, oder Leon, oder Markus, und ich schreie sie an, aber sie hören mich nicht.
Jojo in meinem Arm versteift sich. Ich ziehe ihn näher.
„Was denn?“ Leon verschränkt die Arme vor der Brust und schaut nach unten. „Ihr habt doch alle das Gleiche gedacht.“
„Schon verrückt, dass keiner von uns so eine richtig heile Familie hat“, sagt Deniz. Sein Atem zerhackt den Satz, ein Wort, zwei Wörter, ein Bein nach vorn, tiefes Einatmen.
„Wie meinst du das?“
„Naja, also rein von der Statistik her. Da müssten doch mindestens drei noch Eltern haben, die zusammen sind.“ Er macht eine Pause. „Oder am Leben.“
„Mh.“ Ich atme durch die Nase ein. Wir laufen unter den Sesselliften, die verwaist in der Nacht hängen, hoch zur Station. Da gibt es ein Gasthaus, da gibt es Bänke, da kann man sich hinsetzen. Vanessa und Jojo sind zum See hier in der Nähe gegangen, Leon und Raban zum Parkplatz unterhalb der Herberge. Der Weg ist uneben, Gras, Steine, Hügel, Dellen. Unsere Handys werfen das Licht nur einen Meter voraus, der Boden überrascht uns immer wieder.
„Aber denkst du, es gibt einen Zusammenhang zwischen unseren Familienkonstellationen und unserer Freundschaft?“, frage ich nach einer Weile.
„Weiß nicht.“ Deniz‘ Schulter zuckt am Rand meines Lichtkegels. „Ich mein‘, sonst haben wir ja nicht viel gemeinsam. Außer eben Fußball.“
„Vielleicht ist es ja genau das.“ Ich mache einen Schritt zur Seite, um nicht über einen Felsen zu stolpern. „Vielleicht waren wir so besessen vom Teufelstopf, weil wir nicht zuhause sein mussten, wenn wir da waren.“
Deniz antwortet nicht. Im Wald, der eine Schlucht um uns formt, raschelt es. Für einen winzigen Moment denke ich Bär und das Herz rutscht mir in die Hose, aber in Deutschland gibt es kaum noch Bären. Und sollte Markus so viel Pech haben, von einem gerissen worden zu sein, gäbe es auch die nächsten fünfzig Jahre keine, weil Herr von Theumer sie alle eigenhändig erschießen würde. Ich will nicht herausfinden, was er machen würde, falls – Falls. die Fingernägel meiner freien Hand graben sich in meine Handfläche und halten mich vom Denken ab.
„Ehrlich gesagt bin ich echt froh, dass ich meine Eltern nie als Paar erlebt hab‘“, sagt Deniz. „Klar, ich vermiss‘ meine Mutter schon oft, aber immerhin war ich so nie bewusst bei einem Streit dabei oder so. Höchstens als Baby mal. Sie und Baba kommen ja ganz gut klar, wenn sie sich mal sehen.“ Er dreht sich zu mir um und kickt einen Stein weg. „Aber jetzt noch mitkriegen müssen, wie die sich nur streiten … Tiefschwarzer Albtraum. Ich an Markus‘ Stelle würde auch durchdrehen.“
Der Boden fällt ein Stück ab und wird wieder weich. Das Moos frisst unsere Schritte. „Ich kann mich fast nicht mehr erinnern, wie es war, als Mama da war.“ Ich lehne mich zurück, um den Abhang auszugleichen, und erlaube mir einen kurzen Blick nach oben, wo man fernab von Lichtverschmutzung noch die Sterne sehen kann. „Ich weiß, dass wir im Urlaub waren und dass sie mir mal für meinen Geburtstag im Kindergarten eine Marienkäfertorte gebacken hat. So Schlaglichter halt. Und das Streiten. Daran erinnere ich mich auch.“ Ich bleibe kurz stehen. Meine Lungen machen das viele Reden nicht mit. „Es ist, wie du sagst“, sage ich dann, „man will sowas nicht mitbekommen.“
„Ihr wart auch in einem echt doofen Alter. Ab wann kann man sich nochmal länger an Sachen erinnern? Drei?“
„Ich glaube, ja.“
„Das mein‘ ich. Dann ist ja mit das Erste, woran Leon und du euch erinnern könnt, dass eure Mutter abhaut.“
Er sagt es so ungerührt, dass ich nachvollziehen kann, warum Papa Deniz ein bisschen unsensibel findet. Ich muss darüber lächeln, trotz allem.
„Bei Leon weiß ich manchmal gar nicht, ob er überhaupt noch was weiß von der Zeit bevor’s scheiße wurde“, sage ich. Der Boden wird wieder steinig und steigt steil an. Die Kiesel knirschen unter unseren Füßen. „Vielleicht ist er deswegen so, wie er ist.“
„Naja, aber du wärst ja bestimmt auch anders, wenn eure Mutter noch da wäre.“
„Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es mit mir auch so viel gemacht hat. Ich mein … Es war eh schon alles beschissen damals. Da muss ich nicht auch noch durch– “
Die Welt kippt aus den Angeln. Der Boden fällt auf mich zu. Rast. Taumelt. Fliegt. Endlose Zeitlupe. Meine Hände neben meinem Gesicht. Deniz‘ Stimme von weit weg. Steine, Staub, Schmerzen. Blackout. Mein Handy knallt auf den Boden, ein paar Zentimeter über mir. Der Stein, der unter meinem Fuß weggerollt ist, springt fröhlich Richtung Tal.
„Shit.“ Deniz ist mit zwei Schritten bei mir. „Hast du dir wehgetan?“
„Geht schon.“ Ich taste nach meinem Handy, das mit dem Display nach unten eine Armlänge entfernt liegt, die Strecke, die ich auf dem Bauch nach unten gerutscht bin. Ich drehe es sehr langsam um, als würde die nachträgliche Vorsicht noch etwas bringen.
Der Riss geht einmal quer über das Display. Ich drücke auf den Powerbutton und bete. Papas grinsendes Gesicht auf meinem Sperrbildschirm wird in zwei ungleiche Hälften geteilt, aber es ist da. 23:47 Uhr. Ich will meinen PIN eingeben, als das Vibrieren anfängt. Nessie. Ich hebe ab, bevor ich länger darüber nachdenken kann, länger den Moment des Nicht-Wissens auskosten, in dem der Riss nur durch mein Handy und nicht durch mein ganzes Leben geht.
„Ja?“, sage ich und stelle den Anruf laut. Deniz kniet sich neben mich. Er zittert. Ich greife nach dem Teil von ihm, den ich erreichen kann, und halte mich am Stoff seiner Ferrari-Jacke fest. Mein Herz schlägt so weit oben in meinem Hals, dass ich Angst habe, es auszukotzen.
„Wir haben ihn“, sagt Vanessa durch den Wasserfall der schlechten Verbindung, „Er war am See.“
Ich lasse meinen Kopf nach vorne fallen, Stirn auf die Kiesel, und atme tief und lange aus. Deniz‘ Körper neben meinem erschlafft.
„Geht’s ihm gut?“, fragt er.
„Ja.“ Vanessa ist sauer, das hört man bis hier, „Alles gut.“
„Okay.“ Ich hebe den Kopf. „Wir kommen wieder zur Herberge. Danke.“ Ich atme ein. „Danke.“
Vanessa legt auf. Deniz seufzt. „Fuck.“ Er sieht mich an. „Kriegen wir dich hier wieder runter?“
Ich zeige ihm den Daumen hoch. „Aber lass noch kurz liegen bleiben.“ Ich drehe mich vorsichtig auf den Rücken. Meine Schienbeine brennen. Links und rechts in meinem Sichtfeld kann ich schwarz und hoch die Bäume sehen, in der Mittel die Drähte des Sessellifts, aber darüber ist es dunkelblau und glitzernd, tausende Kilometer an Licht, vor Jahren ausgebrannt. „Guck dir das an“, sage ich. „Wann hast du zuletzt sowas Schönes gesehen?“
Ich mache unsere Zimmertür sehr langsam auf. Klopfen kann ich nicht, falls der Kemp es hört, aber ich weiß auch nicht, was Kong in meiner Abwesenheit so getrieben hat, in diesen zwanzig Minuten allein. Im Zimmer ist es kalt und die Luft ist sumpfig. Kong sitzt immer noch im Bett, nur hat er sich einen Hoodie angezogen. Von hier, wo ich meine Schuhe vorsichtig auf den Boden stelle, kann ich sein Handydisplay sehen. Er schaut ein Video, in dem sich zwei Typen auf die Fresse schlagen. Einer der beiden hat einen Cut in der Augenbraue und für einen Moment ist es, als würde unsere aufgeschürfte Haut – seine im Gesicht, meine an den Knien – uns über Zeit und Liquid Crystals hinweg miteinander verbinden. Blut läuft ihm die Schläfe hinab und der Schotter in meinen Beinen brennt. Das Video bleibt stehen, Kong dreht sich um.
„Jo“, sagt er, dann hält er inne und nimmt die Kopfhörer ab. Er glotzt meine Beine an. „Was hast’n du gemacht?“
Ich blicke an mir hinab, als wüsste ich nicht, was er meint. Im fahlen grünen Licht seines Handys kann man kaum etwas sehen, nur schleimiges Glänzen. „Ich bin hingefallen. Ist nicht so schlimm.“ Ich gehe zu meinem Rucksack und öffne das vordere Fach, wo ich Schmerztabletten und Pflaster eingepackt habe, für Leon, für den Fall. Ich kann nicht in die Hocke gehen, ohne, dass es wehtut, also muss ich meinen Rücken steif nach unten beugen, wie ein großer Vogel.
„Sieht aber schlimm aus“, sagt Kong hinter mir.
„Geht schon, echt. Ich mach’s sauber und dann ein Pflaster drauf.“
„Diggah, du packst da doch jetzt kein Pflaster drauf.“
Ich ziehe die Packung Hansaplast aus meinem Rucksack und richte mich wieder auf. Das Licht geht an. Ich drehe mich um und sehe Kong, im Bett aufgerichtet und die Hand am Lichtschalter.
„Mach wieder aus, komm. Wenn Kemp Patrouille läuft, sieht er das.“
„‘S war doch schon Kontrolle. Und wenn: Kann ja sein, dass einer von uns Angst im Dunkeln hat.“ Er hebt die Beine aus dem Bett, sodass wir uns direkt ansehen können. Ich verschränke instinktiv die Arme vor der Brust, wie Vanessa, als sie einmal im Bikini ins Freibad gekommen ist. Die Pappe der Hansaplast-Verpackung wölbt sich widerwillig gegen meine Finger. Kongs Augen sind rot.
„Du bist high“, stelle ich fest.
„Und? Gehste jetzt petzen?“
„Nein.“ Ich schlinge die Arme ein wenig fester um mich.
„Hast du ‘ne Pinzette da?“, fragt Kong.
Ich schüttle den Kopf. „Warum?“
„Du hast da Zeug drin.“ Er nickt in Richtung meiner Knie. „Das muss raus.“ Er steht auf und ich bin wieder eingeschüchtert davon, wie lange er aufsteht, dass sein Körper immer noch weiter nach oben wächst. „Ich hol‘ den Erste-Hilfe-Kasten. Du kannst ja schonmal unter der Dusche Wasser drüber laufen lassen.“
„Musst du wegen dem Kasten nicht erst wen fragen? Man sieht dir ultra an, dass du gekifft hast.“
Kong zuckt mit den Schultern, während er ohne Socken und ohne sie vorher zu öffnen seine Reeboks anzieht. „Der Herbergsvater ist voll korrekt, der sagt dem Kemp schon nix. Der hat mir gestern auch Kippen gegeben.“
„Na“, sage ich, „Dann ist ja alles gut.“
Er verdreht die Augen, dann öffnet er die Tür.
Mein Blut trudelt in dünnen roten Schlieren in den Abfluss. Das Gitter hier sieht besser aus als das bei uns zuhause, glänzender Edelstahl auf dunklen Fliesen, kein Schimmelfleck weit und breit. Der Kemp hat die frisch sanierten Duschen auf seiner Werbetour für die AG ständig hervorgehoben, richtig neue Bäder mit Dusche in jedem Zimmer, vermutlich eine Reaktion auf das alljährliche Drama um die Gemeinschaftsduschen auf Skifreizeit, weil wenige Teenager Bock darauf haben, ihren nackten Körper ihren Klassenkameraden zu präsentieren. Das Bad der anderen ist direkt unter mir. Ich stelle mir vor, wie ihre Stimmen durch die Rohre zu mir hochklettern. Sie haben gefragt, ob ich noch mit auf ihr Zimmer gehen will, aber außer Rabans Star-Wars-Pflastern ist nichts an Verbandszeug da und wenn Kong mir schon mein Hansaplast nicht durchgehen lässt, dann wäre er beim Anblick von meinen Beinen als R2D2-Stickerheft ausgerastet.
„Also zurück in den Hort des Drachens“, hat Raban gesagt und gelacht, als Einziger. Wir standen alle um Markus rum, der stumm in die Gegend geglotzt hat, als wäre überhaupt nichts passiert. Nur meine Beine hat er kommentiert, als ich Arm in Arm mit Deniz den Berg runtergehumpelt kam, Was ist passiert? und Tut mir leid. Ich hätte ihn am liebsten an den Schultern gegriffen und durchgeschüttelt, so doll und so lange, bis seine Zähne aus seinem Kiefer rutschen und diese Gedanken, über die er mit uns nicht redet, aus seinem Kopf.
Ich denke an Mama. Es ist ungewohnt: ich denke so gut wie nie an sie, da ist sie schon zu lange weg für, und es gibt nicht so viel, woran ich denken kann. Urlaub, Streit, Marienkäfertorte. Wenn wir nicht noch die Fotos mit ihr rumhängen hätten, hätte ich bestimmt auch schon vergessen, wie sie aussieht. Nur, dass sie blond ist hätte ich gewusst und dass sie blaue Augen hat, weil das habe ich beides von ihr – nur dunkler, als hätte man ihre und Papas Farben im Tuschkasten vermischt. Ich habe nie verstanden, warum Papa die Fotos nicht wegpackt; unser Zuhause ist wie ein Tatort. Leon hat mich mal gefragt, ob ich sie gerne wiedersehen würde, aber ich hatte keine Antwort. Er war sich auch nicht sicher. Vermutlich hätten wir uns einfach nichts zu sagen.
„Der Typ hat nich‘ mal Fragen gestellt“ ist das Erste, was Kong sagt, als er ins Zimmer kommt, den dunkelgrünen Erste-Hilfe-Kasten triumphierend hochhaltend, „Wir müssen das Ding hier nur morgen zurückgeben.“
„Okay.“ Ich betrachte das graue Handtuch vor der Dusche, auf dem ich dunkle Tropfen verteile. Ich habe das Wasser laufen lassen, bis kein Blut mehr lief, und dann noch weiter, bis ich Angst bekommen habe, mich selbst nach und nach in den Abfluss zu spülen und in meinen Einzelteilen unten anzukommen, wo Jojo mich schreiend findet, weil er sich immer als Erster bettfertig macht.
Kong klappt den Klodeckel nach unten. „Kannst dich hinsetzen.“ Er wäscht sich die Hände, mit Seife sogar. Meine Beine sind wackelig, als ich zum Klo gehe. Ein paar kleine Steine stecken noch in der Wunde, ich wollte sie nicht mit bloßen Fingern rauspulen.
„Bist du sicher, dass deine Feinmotorik noch auf der Höhe ist?“
„Ich hab‘ das schon unter ganz anderen Umständen gemacht.“ Kong fischt sein Handy aus der Bauchtasche seines Pullovers und legt es auf der Waschkommode ab. „Also pack deinen Arsch da hin.“
Die Keramik des Klodeckels ist kalt auf meiner bloßen Haut, Blau zuckt durch meinen ganzen Körper. Kong zieht er sich den Hoodie über den Kopf. Er stellt sich zwischen meine Beine und kickt meine Füße auseinander.
„Ich brauch Platz.“ Er wirft den Pullover auf den Boden und kniet sich auf den Stoff, bevor er den Erste-Hilfe-Kasten neben sich stellt. Zum Schlafen trägt er ein altes T-Shirt mit abgeschnittenen Ärmeln. Meine Knie sind auf Höhe seiner nackten Schultern und sehen im Vergleich mit ihnen noch jünger und knochiger aus als eh schon. Damals, als er noch in meiner Klasse war, haben wir alle in der Umkleidekabine gestarrt, auf diesen Körper, auf den wir noch warten mussten.
Der Erste-Hilfe-Kasten ist voller, als er sein müsste. Kong greift ein schmales Lederetui, die Pinzetten darin glänzen silbrig scharf.
„Sag, wenn’s wehtut.“ Er sprüht Desinfektionsmittel auf das Metall und beugt sich vor. Meine Haut ist noch nass von der Dusche, ich spüre seinen Atem warm auf der Feuchtigkeit. Gänsehaut wandert hoch bis unter meine Shorts. Ich hätte etwas drüberziehen sollen, oder drunter, egal, Hauptsache irgendwas. Ich verschränke wieder die Arme vor der Brust und spanne meinen Bizeps an, zur Sicherheit.
„Was is’n überhaupt passiert?“, fragt er in die Stille. Seine Stimme ist auf 0,5-Geschwindigkeit, wo sie sonst schon nur auf 0,75 ist. „Ich dachte, du gehst nur runter zu den Zwergen. Bisschen saufen oder so.“
„Ne.“ Ich ziehe die Unterlippe zwischen die Zähne, als die Spitzen der Pinzette an meiner offenen Haut schaben. Ich überlege, es dabei zu belassen, aber er hat mich schon aufgepellt vor sich, da bringt falsche Verschlossenheit nichts mehr. „Markus ist abgehauen. Wir mussten ihn draußen wieder einsammeln.“
„Wegen seinen Eltern?“
„Woher weißt du – Ah. Natascha.“ Pinzette. Stein. Ich atme durch meine Zähne ein. „Ja, ist scheiße gerade. Erst reden sie jahrelang fast gar nicht miteinander und jetzt wo sie sich scheiden lassen, fangen sie auf einmal total den Rosenkrieg an. Über jede Vase wird da diskutiert, mit Anwalt noch.“
„Ey, Scheidung muss krank ätzend sein, wenn man reich ist. So viel Zeug, über das man streiten kann.“ Er drückt mein linkes Knie etwas zur Seite und stochert mit der Pinzette darin herum. „Da gibt’s doch diesen Satz, wie ging der nochmal?“
„Keine Ahnung, was du meinst.“
„Doch, den kennst du. Da hatten wir doch mal was in Deutsch. Berühmte erste Sätze. Irgendwas mit unglücklichen Familien.“
Stein. Ich kneife die Augen zusammen und drücke die Zunge gegen meinen Gaumen. „Da bin ich überfragt.“
„Boah, ne. Kannst du’s mal googlen? Das nervt mich jetzt, wenn ich’s nich‘ weiß. Kann dann an nix anderes denken.“
„Ich hab‘ mein Handy nicht – “
„Nimm meins. PIN is‘ 1312.“
Ich muss lachen. Das Licht ist heller, als ich meine Augen wieder aufmache. „Echt jetzt?“
„Was?“ Kong guckt zu mir hoch. Sein Daumen gräbt sich in mein Kniegelenk. Auf seinem Unterarm stehen die Haare nach oben, es ist auch im Bad kalt geworden. „Kann ich mir halt merken.“
Ich nehme Kongs Handy vorsichtig von der Kante der Waschkommode. In der vergilbten Hülle steckt seine Schülerfahrkarte. Sein Hintergrund ist ein verwackeltes Schwarz-Weiß-Foto von Krake, Sense und ihm auf einem der Dächer der Grafittiburgen, Grünwald als dunkle Flecken hinter ihnen. Das erste, was ich nach dem Entsperren sehe, ist ein Frame aus dem Video vorhin. King of the Streets. Ich schließe YouTube und öffne Google. Das Internet ist schlecht, und Kongs letzte Suchen bleiben unter der Suchzeile kleben, selbst, als ich erster satz literatur unglückliche familien vollständig eingegeben habe. mma münchen kampf, mma münchen, bareknuckle, cruisen münchen, wie grasgeruch überdecken, rauchmelder ausmachen jugendherbrge, rauchmelder ausmachen, vögel allgäu.
„Das Anna-Karenina-Prinzip“, lese ich vor, „Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“
„Das war’s“, sagt Kong. Er legt die Pinzette weg und setzt sich auf seine Fersen. „Jo, und guck mal, wie viel Scheiße du da drin hattest.“
Ich lege sein Handy wieder zurück und betrachte das kleine Viereck Klopapier, auf dem in kleinen roten Kreisen winzige Stücke Schotter liegen. Mein Magen legt sich in eine wacklige Hängematte.
„Ich würd ‘nen Verband draufpacken. Pflaster ist nich‘ groß genug.“
Ich nicke. Kong wühlt im Erste-Hilfe-Kasten herum. Durch seine millimeterkurzen Haare kann ich seine blasse Kopfhaut sehen, eine rote Narbe über seinem Ohr. Ich habe mir meine Haare im Nacken das letzte Mal ausrasiert, als ich meine Dreadlocks rausgekämmt habe, und ich vermisse das samtige Gefühl der kurzen Stoppeln unter meinen Fingern. Wie bei dem Jagdhund, den Markus‘ Eltern ganz früher hatten. Honigfell und Honigaugen. Sie haben ihn weggegeben, warum weiß ich nicht mehr.
„Bist du eigentlich gegen Tetanus geimpft?“
„Ja“, sage ich, und füge ein „Herr Doktor“ hinzu, weil alberne Dinge immer weniger unangenehm sind. Aber Kong reagiert nicht, also bleibt es unangenehm. Er liest den Sticker auf dem Desinfektionsmittel und sprüht es dann auf meine Knie. Ich beginne, die Haut neben meinen Nagelbetten mit den Zähnen abzuziehen.
„Wie kommt's, dass du so ein Profi bist?“, frage ich
„Glaubst du, ihr Zwerge wärt die Einzigen, mit denen wir Stress haben?“ Er schnaubt. Eine der Packungen raschelt, als er sie hochhebt. „Schön wär's, Alter. Kannst ja Jojo fragen, wie das bei uns so läuft.“
„Muss ich nicht. Man behält meistens nicht für sich, wenn einen einer fast umgebracht hat.“
Er weicht meinem Blick aus, während er die Wundkompresse aufreißt. „Diggah, das war ja nicht mit Absicht. Und kannst gleich aufhören zu denken, wir wären damit die Größten da. Is' wie im Ozean: fressen und gefressen werden. So einer wie Jojo steht halt ganz unten in der Nahrungskette. Machste nix. Überleben des Stärkeren. Hat doch dieser Darwin schon gesagt.“
„Die Übersetzung ist nicht ganz richtig. Überleben des Angepassten, das ist es.“
Seine Augen rollen sich hoch zu meinen. „Und wie läuft das so für dich?“
Ich beobachte, wie er vorsichtig die Wundkompresse auf die Wunde an meinem linken Bein legt. Von hier oben kann ich die glänzende Innenseite seiner durchlöcherten Unterlippe sehen. Ich lasse meinen Zeigefinger in die feuchte Lücke zwischen meiner Lippe und meinen Zähnen rutschen. Die Metallbrackets meiner Zahnspange hängen sich in die Hautfetzen.
„Wie läuft das so für dich?“
Er zuckt mit den Schultern. „Ich werd‘ sicher nich‘ mit diesem Andere-Wange-Hinhalten-Scheiß anfangen. Halt mal.“ Er deutet auf das Gazepad. Ich drücke es vorsichtig gegen mein Knie, während er anfängt, den Verband auszurollen. „Immerhin hat jetzt einer von uns was davon, dass ich früher mies kassiert hab‘.“
„Früher?“
Er grinst und streckt das Kinn vor. „Wenn‘s einer mal wieder versucht, muss man einfach zweimal so hart zurückschlagen. Is‘ gar nich‘ so schwer.“
„Aha“, sage ich, betont wenig beeindruckt. „Verstehe.“
Kong hebt mein rechtes Bein vorsichtig an und stellt es auf seinem Oberschenkel ab. Seine Finger berühren meine, als er sie auf die Kompresse legt. „Kannst du mal – “ Er dreht sich weg, um zu husten, aber das Geräusch bleibt stecken, raus kommt nur ein matschiges Räuspern. „Der Verband muss da hoch.“
„Danke für deine Keime“, sage ich. Ich ziehe mein Hosenbein ein paar Zentimeter nach oben, bis man den Bluterguss sehen kann, wo Raban mich beim letzten Training mit seinem Fuß – dem schwächeren – erwischt hat. Kong beginnt vorsichtig, den Verband um die Kompresse zu wickeln.
„Sag‘, wenn’s zu eng is‘.“
Ich nicke. Kong starrt auf die weißen Bandagen, als würde er vergessen, was er tut, wenn er nur aufhören würde, hinzusehen. Er muss echt gutes Zeug haben. Leon und ich kiffen manchmal, wenn Papa nicht da ist, aber Leon kauft immer nur mieses Gras, von dem mir schlecht wird. Es dreht mein Hirn um und wirbelt all die abgesackten Sedimente nach oben. Schneekugelweed.
Die Wunde brennt unter der Kompresse. Ich nehme meinen Finger aus dem Mund und wische ihn an meinem Shirt ab.
„Ich glaube, ich bin sauer auf Markus“, sage ich.
„Du glaubst?“ Kong hat meinen Oberschenkel erreicht, seine Hände zittern gegen meine Haut, zwei große, warme Motten. Ich kann mich nicht erinnern, da jemals von jemand anderem angefasst worden zu sein, höchstens von Doktor Braband nach einer Sportverletzung, aber da war ich jünger, da war es anders. Ich falte meine Hände in meinem Schoß wie beim Elfmeterschießen. In dem Aufklärungsbuch, das Papa ungeschickt für uns im Badezimmer platziert hat, als Leon dreizehn wurde, standen bestimmt hilfreiche Tipps für solche Situationen, aber keiner davon ist hängengeblieben. Mir kommen nur die endlosen Werwolf-Vergleiche in den Sinn: haarig, hungrig, triebgesteuert, Lust auf rohes nacktes Fleisch. Nichts, was ich verstanden habe. Ich schlucke Speichel runter, bevor ich wieder zu Sprechen anfange.
„Keine Ahnung.“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich mein … Es geht ihm so beschissen, dass es doch eigentlich kacke ist, jetzt auch noch deswegen sauer auf ihn zu sein. Fühlt sich falsch an.“
„Junge, du denkst zu viel.“ Er steckt den Verband fest und lehnt sich zurück, um mir ins Gesicht zu sehen, sein Oberschenkel spannt sich unter meiner Fußsohle an. Seine Wangen sind rot, hoch bis zu den Schläfen. „Machst dir halt Sorgen. Eltern rasten doch auch voll oft nur aus, weil sie sich eigentlich Sorgen machen. Die juckt’s auch nich‘, ob das jetzt Sinn macht oder nicht. Is‘ halt scheiße, wenn’s wem schlecht geht, den man mag. Is‘ dann immer, als wär‘ man sauer auf die ganze Welt.“
„Mh.“ Ich lege den Kopf schief. „Gute Stoner-Weisheit“, sage ich dann und grinse, als Kong mit den Augen rollt. „Ne, danke. Ehrlich.“ Ich nehme mein Bein von seinem. „Vielleicht bin ich auch nur angepisst, weil mein Handy im Arsch ist. Ich hatt‘s in der Hand, als ich hingefallen bin.“
„Display kaputt oder wie?“
Ich nicke.
„Ey, halb so wild.“ Er greift nach meinem rechten Knöchel. Seine Finger passen fast ganz rum. „Ich kenn‘ da wen, der macht dir das für ‘nen Zwanni wieder ganz. Bei dem is‘ alles sau billig. Is‘ so sein Hobby, Dinge wieder heile machen. Einer von denen is' das. Kriegt selber nix auf die Reihe, aber du kannst dem nix erzählen, ohne, dass er‘s kitten will.“
„Ich hätte besser aufpassen sollen.“ Ich strecke meine Beine, eingewickelt wie ein Geheimnis, von mir und betrachte das Regenwurmmuster der Bandagen. „Ich hab‘ bald einen Erste-Hilfe-Kurs. Da hätte ich viel von dir lernen können.“
„Warum?“, fragt Kong an seiner Zahnbürste vorbei. Er hat mit dem Zähneputzen angefangen, nachdem er sich die Hände gewaschen hat. Wenn man schonmal dabei ist. Es ist seltsam, dabei einfach neben ihm sitzen zu bleiben, aber Aufstehen kommt mir gerade wie die schwerste Aufgabe der Welt vor. Kong spuckt seine Zahnpasta ins Becken. „Mopedführerschein?“
„Ne.“ Ich schüttle den Kopf. „Der SV 1906 bietet jedes Jahr für die Bambini so ein Sommercamp an. Ich will da dieses Jahr Teamer sein. Da muss man diesen Kurs gemacht haben.“
Kong lacht. Der Wasserhahn, aus dem er trinkt, schluckt das Geräusch halb, macht es zu einem verzerrten Blubbern. Ich drehe den Kopf zu ihm.
„Du bist so durch, echt“, sage ich. „Gut, dass wir gleich ins Bett gehen.“
Kong richtet sich auf und wischt sich mit der Rückseite seiner Hand das Wasser vom Kinn, und den schmalen weißen Faden Zahnpasta, den er beim Ausspülen nicht erwischt hat. Er sieht sich im Spiegel an, leicht vorgebeugt, konzentriert. Da ist das rote Kiffer-Glas auf seinen Augen, das ich von Leon kenne, aber darunter ist noch etwas anderes, eine tiefere Feuchtigkeit, als würde in ihm etwas auftauen.
„Scheiße“, sagt er. „Ich hab‘ in deinem Alter Kids die Skateboards geklaut.“
Er hievt sein Bettzeug in das obere Stockbett. Meins liegt schon zusammengeknüllt unten, in der grünen Fußball-Wäsche, die ich eingepackt habe, als ich noch nicht wusste, dass ich mir das Zimmer mit Kong teilen muss.
„So“, sagt er. „Wenn ich mir beim Runterklettern alle Knochen brech‘, isses deine Schuld.“
„Ich hab‘ den Bettentausch nicht vorgeschlagen.“
Kong schnaubt. „Junge, du kommst da nich‘ mehr hoch. Guck dich mal an.“ Er klettert mit einem Schritt auf der Leiter hoch ins obere Bett und schaut auf mich runter. „Du siehst aus wie ‘ne Mumie.“
„Ha ha.“ Ich lasse mich auf die Matratze fallen, die jetzt meine ist. Weil ich meine Beine nicht richtig beugen kann, ist es ein härterer Fall als geplant, ich werde wieder wenige Millimeter nach oben geschleudert, mit Schmerzen in meinem Rücken.
„Meinste, du kriegst das mit dem Wandern hin morgen?“ Kongs Füße baumeln vor mir herum. Er hat auf dem Unterschenkel ein Tattoo, selbstgestochen, ein krakeliger Oktopus.
„Muss ich schauen.“
„Kannst dem Kemp ja sonst sagen, dass du erkältet bist. Ich erzähl ihm auch, dass du die ganze Nacht nur gehustet hast oder so.“
Ich lache kurz auf. Meine Hand liegt auf meinem Bauch, ich spüre das Beben meines Zwerchfells. „Danke“, sage ich dann. „Auch für den Verband und so. War echt korrekt von dir.“
„Kein Ding.“ Die Füße verschwinden. „Machste das Licht aus?“
Ich lege mich richtig ins Bett – Kopf auf das Kopfkissen, Körper unter die Decke – und taste nach dem Schalter hinter mir. Ich spüre die Rillen der Holzvertäfelung, fahre sie mit den Fingern nach. Über mir dreht Kong sich auf die Seite. Er ist schwer, Muskelmasse, das Bett stöhnt bei jeder seiner Bewegungen. Eigentlich schlafe ich immer erst ein, wenn alle anderen im Zimmer schon weggepennt sind, aber Kong bleibt ewig wach, und er ist unruhig, hin-her, links-rechts. Er ist einer dieser Typen, von denen man erwarten würde, dass sie schnarchen, aber er atmet einfach nur sehr laut und tief. Wie im Hort des Drachen, sagt Raban ja.
Meine Finger finden raues Plastik. „Gute Nacht“, sage ich. Keine Antwort. Die Dunkelheit kommt mit einem weichen Klicken. Leon und ich hatten mal ein Spiel, bei dem wir versucht haben, dasselbe zu träumen. Wir mussten zur gleichen Zeit die Augen zumachen und unsere Atmung angleichen, und davor haben wir abgesprochen, woran wir beim Einschlafen denken wollen. Im Fanblock in der Allianz-Arena stehen. Starfighter fliegen. Unter Wasser atmen können. Das mit dem Träumen hat nie funktioniert, aber ich glaube, dass wir in diesen Nächten verdrahtet wurden, Kopf an Kopf, Herz an Herz, wie es sonst nur in Bauplänen für Zwillinge steht. Wovon Kong träumt, kann ich nicht einmal erahnen. Er war vorsichtig mit meiner Wunde, hat sie nicht einmal direkt angefasst; da ist nichts von ihm in meinem Körper, höchstens Spucketropfen. Das ist nicht dasselbe wie Blut, wie geteilte DNA.
Mein Handy liegt auf der kleinen Ablage neben dem Lichtschalter, auf The Catcher in the Rye, das ich für Englisch lesen muss. Ich fahre beides mit der Hand ab, zur Sicherheit. Meine Augen gewöhnen sich langsam an das Dunkel, über mir schälen sich die Bretter des Lattenrosts aus der Schwärze. Ich starre konzentriert auf die horizontalen Linien, als könnte ich die Maserungen im Holz erkennen. Vor Jahrzehnten ist da mal ein Ast gewachsen, der weiß Gott wo gelandet ist, aber das Loch kann man immer noch sehen.
