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Language:
Deutsch
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Published:
2025-10-20
Words:
1,726
Chapters:
1/1
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17
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1
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213

How long, How low?

Summary:

Vielleicht ist Rettung manchmal keine große Geste, sondern einfach jemand der sagt: Atme.

Notes:

(See the end of the work for notes.)

Work Text:

How long
How long 'til I'm out of this place
How low
How low can I bend 'til I break
All I know is I can't carry this no more so
How long
How low
(How long, How low - Chance Peña & Hayd)

————

Joko schloss die Augen. Versuchte, das Brennen zu ignorieren. Das Brennen in seinen Augen. Das Brennen in seinem Magen. Das Brennen in seinen Augen.

Er atmete tief ein. Versuchte, sich darauf zu konzentrieren, was er hörte, was er roch. Berliner Luft. Luft, die nach Abgasen roch. Ein bisschen nach Erde und Moos und nach der holzigen Bank, auf der er saß. In einem kleinen Park in Berlin. Ein kleiner grüner Fleck, den man übersah, wenn man nicht genau hinschaute.

Die angrenzende Straße war laut. Autos und knatternde Motorräder rasten vorbei. Ab und zu ein lauter Bus oder Lkw.

Laut. Zu laut. Die Bahn, die Menschen. Eigentlich hatte Joko kein Problem mit sowas. Er mochte Lautstärke eigentlich. Aber nicht hier. Nicht in Berlin. Er hasste Berlin. Er fühlte sich, als würde er ertrinken. Die Oberfläche weit außerhalb seiner Reichweite. Er sank nur immer tiefer. Immer weiter in die Dunkelheit. So weit unten wurde es immer kälter. Hatte denn keiner einen Rettungsring für ihn? Würde das überhaupt was helfen?

Er nahm einen weiteren Atemzug. Eigentlich ging es ihm gut, redete er sich zu. Er müsste glücklich sein. Er hatte einen Job, den er liebte. Leute um sich, die er liebte. Das sollte ihm doch reichen. Warum reichte es nicht?

Eine heiße Träne löste sich aus seinen geschlossenen Lidern. Er presste seine Lippen aufeinander, versuchte, sie davon abzuhalten, zu zittern. Joko strich sich mit einer Hand über die Brust, versuchte, sich zu beruhigen. Es ging ihm gut. Es war okay. Er musste bloß weg aus Berlin. Es war diese Stadt. Sie zog an ihm. Zerrte an ihm. Er war müde geworden. Konnte keinen Widerstand mehr leisten.

Nochmal atmen. Ein und aus. Wann war das so schwer geworden? Sollte Atmen nicht das Einfachste im Leben sein? Das ging doch immer nebenbei.
Eine weitere Träne fand ihren Weg über seine Wange. Er war froh, dass es dämmerte und die Sonne dabei war, unterzugehen. Und nirgends in seiner Umgebung war eine Straßenlaterne.

Er war allein. In Berlin waren immer Menschen um einen herum. Aber er war trotzdem allein.

Bis er es nicht mehr war.

„Joko?“ Eine Stimme riss Joko aus seinen Gedanken, aus seiner Welt.

„Nein“, dachte er, „bitte lass mich.“

Jokos Herz pochte auf einmal zu schnell. Nachdem er die Augen geöffnet hatte, brauchte er eine Sekunde zu lange, um sich seiner Umgebung und seinem Gegenüber bewusst zu werden. Er starrte in zwei sanfte Augen.

Schmitti. Es war nur Schmitti. Kein Fan. Kein Zuschauer. Es war alles gut. Er befahl seinem Herz, sich wieder zu beruhigen. Strich noch einmal mit der Hand über seine Brust.

„Joko, was machst du hier?“ Schmittis Sambas knirschten auf dem Boden, als er einen Zentimeter auf ihn zuging.

Joko wollte rennen. Er wollte so nicht gesehen werden. Nicht von jemandem, der ihn so gut kannte. Er wollte die Fassade des gutgelaunten, immer lachenden Kollegen aufrechterhalten. Schmitti sollte nicht hier sein.

„Geht es dir gut?“

„Ja.“ Joko räusperte sich. Seine Stimme irgendwie tiefer, als sie sonst sowieso war. „Ja, natürlich.“ Er versuchte, Augenkontakt zu vermeiden.

Thomas verzog das Gesicht. Natürlich sah Schmitti seine Tränen. Er musste beschissen aussehen. Wem machte er was vor. „Joko“, es war mehr ein Hauchen. Er hatte ihn überfordert. Er wollte es nicht unangenehm für Thomas machen.

„Es ist okay, Thomas. Es wird wieder. Ich brauch nur kurz… brauch nur…“ Wollte er beschwichtigen. Wollte niemandem zur Last fallen. Wollte doch einfach nur, dass das Brennen verschwand.

„Was brauchst du, Joko? Was kann ich tun?“, fragte Schmitti in seiner nüchternen, aber trotzdem irgendwie liebevollen Art. Er setzte sich nicht. Thomas war nicht so der körperliche Tröster.

Joko atmete nochmal ein, aber es war zittrig. Alles an ihm zitterte. „Ich brauche… ich brauche-“

„Klaas“, hauchte Thomas.

Etwas in Jokos Brust explodierte. Zuerst wurde das Brennen unerträglich, bis es in der nächsten Sekunde plötzlich irgendwie leichter wurde. Er krallte seine Hände in seine Oberschenkel, senkte den Kopf und nickte. Brachte das „Ja“ nicht über seine Lippen.

Er nahm nur am Rand wahr, wie Schmitti sein Handy aus der Hosentasche zog, eine Nummer wählte und irgendwas in den Hörer nuschelte.

Danach setzte er sich doch neben ihn, bot ihm eine Flasche Wasser an. Joko schüttelte nur den Kopf. Verdammt, er fühlte sich so lächerlich. Es ging ihm doch gut. Es war nur diese Stadt. Er musste weg von hier.

Er schloss wieder die Augen. Fühlte sich wieder so, als wäre er weit unter der Wasseroberfläche. Wie lange noch? Wie lange konnte er noch die Luft anhalten? Wie lange würde seine Lunge brennen? Er sank, immer tiefer und tiefer.

Tiefer, bis sich zwei warme Hände auf seine Schultern legten. Wärme in dieser endlosen schwarzen Kälte. Dann öffnete er die Augen. Er blickte in zwei ozeanblaue Iriden. Und auf einmal war die Oberfläche nicht mehr so unerreichbar. Die rettende Luft war nicht mehr so weit weg.

„Atme, Joko.“ Jogo . „Ein.“ Klaas atmete tief ein, zählte dabei bis vier, „und wieder aus“. Klaas atmete langsam aus und zählte diesmal bis acht. Das machte er ein paar Mal. Es dauerte ein bisschen, bis Joko dem Rhythmus folgen konnte. Aber Klaas machte geduldig weiter. Vier Sekunden einatmen. Acht Sekunden ausatmen.

Jokos Schultern hoben und senkten sich. Klaas’ Hände, die sanft auf ihnen lagen, bewegten sich mit. Joko wurde ein bisschen schwindlig. Sauerstoff kam dort an, wo er sollte.

Erleichterung. Schwindel. Joko fühlte endlich noch etwas anderes als das Brennen. Der leichte Schwindel wich und Joko nahm wahr, dass Klaas vor ihm kniete. Er kniete im Dreck und blickte Joko tief in die Augen, zählte immer noch durch die Atemübungen. Joko blickte nach links. Schmitti war weg. Wann war der gegangen?

„Besser?“

Jokos Blick fand wieder den von Klaas. Sorge spiegelte sich in dem wunderschönen Blau. Diesmal fühlte Joko in sich hinein, wollte aus irgendeinem Grund ehrlich antworten. „Ja.“ Seine Stimme immer noch rau. „Ja, es ist besser.“

„Mann, Joko, hast du mir einen Schrecken eingejagt.“ Klaas stand auf, setzte sich neben ihn, lehnte seinen Oberschenkel gegen den von Joko, blickte ihn von der Seite an.

„Wieso kannst du sowas?“ Irgendwie war er noch ein bisschen außer Atem und auf einmal echt ziemlich müde. So, als wäre er eine lange Strecke gerannt.

„Was?“ Klaas musterte ihn immer noch von oben bis unten. Wachsam. Weiterhin besorgt.

„Das mit dem Atmen.“

Klaas schluckte, nickte. „Als ich ein Jugendlicher in Oldenburg war, hatte ich eine gute Freundin, die hatte manchmal Panikattacken. Wir haben therapeutische Hilfe für sie gesucht, sind aber nur auf super viele Wartelisten gewandert.“ Er strich sich über den Bart. „Ich hab mich dann selbst informiert, was es für Techniken gibt. Hab sie mir beigebracht und dann ihr gezeigt.“

Jokos Herz zog sich zusammen. „Hat es geholfen?“

„Ja. Für den Moment schon. Aber nicht über den langen Zeitraum.“

„Hat sie einen Therapieplatz bekommen?“

Klaas scharrte kurz mit einem Fuß. „Ja. Nach eineinhalb Jahren.“

Das mussten schwere eineinhalb Jahre gewesen sein.

Klaas legte seinen Arm auf die Bank hinter Joko, seine Hand machte kurz vor Jokos Schulter Halt. Er war nah, so nah. Er strahlte eine sanfte Wärme aus. Und er roch so gut. Roch so, wie Klaas immer roch. Nach Zuhause. Übertünchte damit sogar die Abgasgerüche.

„Was ist los, Joko?“, fragte Klaas die entscheidende Frage. Irgendwie hörte sie sich aus seinem Mund aber nicht so bedrohlich an. Nicht so riesig, wie sie sich in Jokos Kopf anfühlte.

„Berlin.“

Das war alles, was er sagte, und irgendwie wusste er, dass das reichte.

Klaas nickte. „Die Stadt erdrückt dich.“ Es war keine Frage, keine Antwort. Eine Wahrheit. Eine Feststellung.

Trotzdem rutschte eine Rechtfertigung über Jokos Lippen. „Es geht mir gut. Ich liebe das, was ich hier tue. Ich liebe unsere Sendungen. Ich liebe unser Team. Eigentlich ist das genug.“

Klaas schüttelte den Kopf. „Joko, diese Selbstgeißelung macht das alles nur noch schlimmer. Du musst dich nicht in was quetschen, was du nicht bist.“

Das schmerzte. Das tat verdammt weh, und es machte ihm Angst. Aber es stimmte. Deswegen sprach er es endlich laut aus, was schon ewig in seinem Herzen schrie: „Ich muss umziehen.“

Klaas’ Blick war wissend. „Ja.“ Trotzdem war jetzt auch seine Stimme brüchig geworden.

Jokos Kopf schrie „Aber“, ganz laut. Aber aber aber. „Aber ich kann nicht wegziehen. Unsere Sendungen werden hier gedreht. Unsere Firma ist hier“, er schluckte, „du bist hier.“

Klaas schmunzelte. Wie konnte er in so einer Situation schmunzeln?

„Aber so geht es nicht weiter, Joko. Du bist hier nicht glücklich. Und so fucking cheesy es klingt, wenn du nicht glücklich bist, bringt das alles doch nichts.“

Klaas lockerte die Anspannung mit seiner Art auf. Joko fühlte sich so wohl bei ihm. So nah bei ihm. Niemand anders konnte das. Ihn so beruhigen, ihn so sicher fühlen lassen. „Würde dich das nicht stören, wenn ich weit weg bin?“ Das war eine provokante Frage, und irgendwas blitzte dabei in Klaas’ Augen auf.

„Joko, natürlich fände ich es doof, wenn du nicht mehr in meiner Nähe bist.“

In meiner Nähe. Die Worte hallten in Jokos Kopf und in seinem Herzen wider.

Danach verfielen sie kurz in ein angenehmes Schweigen. Mit niemandem konnte man besser schweigen als mit Klaas.

Joko versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Dachte über Klaas’ Argumente nach.

„Ich hab Angst.“

Klaas legte den Kopf schief. „Vor was?“

„Dass sich nichts ändert.“ Was wäre, wenn er aus Berlin wegziehen würde, und die Dunkelheit ihn trotzdem verschluckte?

„Tja, Joko, das musst du ausprobieren. Dann wirst du’s rausfinden. Wenn’s nicht besser wird, wird es Lösungen geben. Schritt für Schritt.“

„An dir ist ein Psychologe verloren gegangen.“

Klaas schnaubte. „Ach Quatsch, dafür hab ich die Geduld nicht.“

Joko machte ein Geräusch, das an ein Kichern erinnern konnte. Auch Klaas musste ein Schmunzeln unterdrücken.

Joko strich sich nochmal mit der Hand über die Brust. Sein Herz schlug noch schneller, als es das in so einer normalen Situation sollte, aber es war nicht mehr die Panik, die den Rhythmus vorgab.

„Normalerweise bist du der Optimist. Aber ich übernehme die Aufgabe gerne mal kurz für dich: Es wird besser werden. Vergrab dich nicht zu tief in diesem schwarzen Gefühl, das du grade fühlst. Es wird wieder leichter werden. Ich weiß das.“

Und Joko glaubte daran.

Notes:

Alles was hier geschrieben steht ist Fiktion. Aber dass Klaas sich schon seit Jahrzehnten sehr gut mit mentaler Gesundheit auskennt, ist nicht erfunden.

Falls ihr dieses (https://youtu.be/8ZMgn9mdkfA?si=7XlLf4y_m8tEG-zI) sehr alte Video nicht kennt, kann ich es nur empfehlen. Ich studiere Psychologie und habe selten jemanden gesehen, der fachfremd Fragen zu diesem Thema so einfühlsam beantworten kann. Und das zu einer Zeit, in der noch kaum jemand über solche Dinge gesprochen hat.

Danke fürs lesen!