Work Text:
"Ich war noch nie an einem Strand... also nicht zum Entspannen," meinte Eos, welcher unsere beiden Taschen trug und sich somit bei mir schon mal zum Favoriten des Tages gemacht hat. Wir liefen ein gutes Stück hinter den drei Bekloppten.
"Entspannen wirst du hier auch nicht", murmelte ich, halb zu Eos, halb zu mir selbst, während ich resigniert das Schauspiel vor uns verfolgte: Zeke rannte wie ein hyperaktiver Golden Retriever (wobei, nicht ganz, ihm fehlte der Niedlichkeitsfaktor, dafür hatte er so einen Ich bin frisch aus der Klapse geflohen-Vibe) im Kreis, bevor er sich dramatisch in den Sand schmiss und begann Schneeengel - pardon Sandengel (so viel Zeit muss sein) zu machen.
Rhun hatte derweil den Sonnenschirm aufgestellt, daneben legte er Tupperdosen mit Snacks aus: alles zuckerfrei, alles akkurat beschriftet. Klaus hingegen stand ein paar Meter weiter und versuchte verzweifelt, Zeke zu beruhigen.
"Zeke, kannst du vielleicht für fünf Minuten—" Er brach ab, weil Zeke sich schon wieder überschlug und dabei beinahe eine ältere Dame mit grässlich bunten Sonnenhut umgerannt hätte. Klaus hob die Hände, als wolle er einschreiten, aber sein Gesichtsausdruck verriet ihn: dieses Eigentlich will ich sehen, wie es weiter eskaliert-Gesicht konnte er einfach nicht verstecken
Ich blieb einen Moment stehen, beobachtete sie, Rhun der sich gerade an der Strandtasche zu schaffen machte, Klaus, der mit sich haderte, ob er Zeke, der sich soeben schon wieder in den Sand geschmissen hatte, aufhalten sollte und Eos, der in diesem Moment bemerkt hatte, dass ich stehengeblieben bin und mich auffordernd anschaute.
Es hatte irgendwie etwas Friedliches. Ich spürte, wie mir die Sonne in den Nacken brannte, das Salz in der Luft, den Sand zwischen den Zehen.
Ich schloss zu Eos auf und merkte diesen stechenden Schmerz, der sich rechts in meinem Rücken ausbreitete.
Fuck, ich bin zu schnell gelaufen.
Ich probierte den Schmerz wegzuatmen, wie ich es immer tat.
Ich wusste, dass dieser Schmerz nicht echt war. Nur Einbildung. Nur mein Kopf, der mal wieder dachte, er müsste mich quälen, weil ich immer noch nicht darüber hinweg war.
"Alles okay?" Eos' Stimme riss mich aus dem Gedanken, sanft, aber mit dieser Art von Besorgnis, die mich sofort zusammenzucken ließ. Diese Stimme.
"Ja, klar." Ich versuchte zu grinsen, zog die Schultern hoch, versuchte den Schmerz zu ignorieren.
Eos sah mich noch einen Moment zu lange an, so als könnte er den Schmerz irgendwie aus meinem Gesicht lesen. Ich wich seinem Blick aus, fixierte stattdessen Zeke, der gerade versuchte, sich mit einer Möwe mithilfe einer Handvoll Sand "anzufreunden".
"Jetzt hör doch endlich an mich so anzuschauen, es ist wirklich nichts."
Eos sagte nichts. Nur dieses kurze, kaum merkliche Nicken, bevor er den Blick abwandte.
Hinter uns kreischte Zeke plötzlich auf, ein schriller Ton irgendwo zwischen Möwe und sterbendem Delfin. Und auch wenn ich es niemals zugeben würde, irgendwie war es beeindruckend, das er einen solchen Ton erzeugen konnte.
"KLAUS! SIE MAG MICH NICHT!"
Klaus stöhnte. "Weil du ihr Sand ins Gesicht geworfen hast!"
"Das war ein Geschenk!"
"Zeke, niemand will Sand ins Gesicht geschmissen bekommen."
"Ich schon!"
"Du bist ja auch nicht normal!"
Zeke sah beleidigt aus, als Klaus ihm das entgegenwarf, konnte aber auch nichts erwidern. Dann verschränkte er trotzig die Arme und stapfte davon.
Naja, er versuchte es zumindest, denn der Sand machte seinen theatralischen Abgang nun ja... sagen wir einfach filmreif. Er blieb nach zwei Schritten stecken, rutschte, fluchte und fiel auf die Fresse.
Der Schmerz war fast weg, aber dieses flaue Gefühl blieb, irgendwo zwischen Bauch und Brust, ein Druck denn ich einfach nicht wegbekam.
Eos und ich waren nun bei Rhun angekommen, welcher den Sonnenschirm perfekt ausgerichtet und sich somit bei mir zur zweitliebsten Person des Tages befördert hatte.
Ich schmiss mich auf eine der Liegen, sie war etwas heiß von der Sonne und das Handtuch, das Rhun ordentlich darauf gelegt hatte, klebte an meiner Haut.
"Perfekt", murmelte ich und schloss die Augen.
"Du solltest dich eincremen," hörte ich Rhun in seinem typischen Tonfall sagen.
Ich öffnete ein Auge.
"Machst du das bei allen so?"
"Nur bei denen, die ich länger behalten will." Ein klitzekleines sanftes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. So kurz, dass ich beinahe dachte, ich hätte es mir eingebildet.
"Mach ich gleich," log ich, während ich mich tiefer in die Liege sinken ließ.
Ich würde es nicht tun, denn dafür müsste ich mein Shirt ausziehen. Und, dass konnte ich nicht, noch nicht. Nicht mehr.
Mein Rücken begann wieder zu schmerzen, wie ein Stich mit einem Messer.
Ich atmete flach, zählte im Kopf. Eins. Zwei. Drei.
Nicht echt. Nicht echt. Nicht echt.
Rhun hatte sich inzwischen unter den Schirm gesetzt und ein Buch aufgeschlagen. Natürlich hatte er eins dabei. Wahrscheinlich war es wieder irgendwas, was kein normaler Mensch versteht.
Eos ließ sich derweil neben mich in den Sand sinken, zog die Knie an und sah raus aufs Meer. Er schwieg, und irgendwie saßen wir zwei dann schweigend im Sand, hörten den Wellen und Zekes unmenschlichen Kreischen zu, spürten den Sand und die Sonne auf unserer Haut und existierten.
Ich beobachtete, wie die Wellen über den Sand krochen, ihn kurz glänzen ließen und dann wieder zurückzogen. Immer dasselbe. Kommen, Gehen, Zurücklassen. Ich hasste es, wie poetisch das plötzlich klang.
"Woran denkst du?" fragte Eos irgendwann.
"Dass ich hoffe, dass Zeke sich gleich noch fett mault."
Eos lachte leise. "Und sonst?"
Ich drehte den Kopf zu ihm. Er sah mich nicht an. Nur das Meer.
Ich zuckte die Schultern.
"Dass ich Sonnencreme hasse."
"Mhm."
"Und Sand."
"Mhm."
"Und Menschen."
Eos schwieg kurz.
Ich haderte. "Vielleicht hasse ich es aber auch nur, dass sie einen immer verlassen. Sie kommen, zwängen sich in dein Leben, füllen vielleicht sogar irgendein Loch in deiner Brust, von dem du nicht mal wusstest, dass es existiert, bis sie gehen und dich mit dieser scheiß Leere zurücklassen. Und du weißt nicht mehr, wohin mit dir. Du hast diesen Menschen geliebt, egal ob platonisch oder romantisch dieser Mensch war dir wichtig, du wolltest ihn nicht loslassen. Und dann hat er sich einfach entschieden, dass er dich nicht mehr braucht. Und du bleibst da, mit diesem ganzen Zuviel in dir, das nirgendwo mehr hin kann."
"Aber du weißt, dass wir niemals gehen, egal ob du willst oder nicht?"
"Ja, aber was wenn es nicht um jemand anderen geht sondern um mich?"
"Ich verstehe nicht?"
"Vergiss es." Beendete ich das Thema. Vielleicht etwas Harsch, aber das interessierte mich nicht.
Wie sollte ich Eos bitte erklären, das ich für mich selbst diese Person bin?
Dass ich mein Ich von davor vermisse. Dass ich manchmal immer noch dieses Messer in meinem Rücken spüre. Dass ich es immer noch nicht geschafft habe über meinen Tod hinweg zu kommen und mich dafür verabscheue. Denn ich habe Eos vergeben und das weiß mein Herz, aber mein Körper will es einfach nicht verstehen. Dass ich immer noch manchmal nachts aufwache, Eos' Stimme in meinem Ohren klingelnd und diesem Hass in mir. So viel Hass. Ein viel zu heißes Gefühl in meinem Ganzen Körper, dass ich einfach nicht steuern kann, genauso wenig wie die Angst, die immer wieder in Wellen kommt und mich zu ertränken scheint.
"Fips..."
Diese Stimme.
Diese scheiß Stimme.
"Nein."
Eos schwieg wieder es war ein unangenehmes Schweigen, so gar nicht wie das vorherige.
Um einer weiteren Konfrontation aus dem Weg zu gehen, legte ich mich bäuchlings auf die Liege.
Die Sonne brannte, aber irgendwie tat das gut. Es war wenigstens ein Schmerz, den ich verstand. Kein Hinterhalt, kein Phantom, kein Messer aus Erinnerungen. Nur Hitze.
Ich schloss die Augen, lauschte. Irgendwo plätscherte das Meer, Zeke kreischte wieder, Rhun blätterte eine Seite um und Eos... Eos atmete.
Neben mir. Gleichmäßig, fast synchron zu den Wellen.
Ich wollte etwas sagen, irgendwas, nur damit es nicht so still blieb zwischen uns, aber Worte fühlten sich plötzlich zu schwer an, wie ein Kloß im Hals, der sie blockierte. Also ließ ich's.
Ließen wir's.
Der Wind kam auf, fuhr mir durch die Haare, brachte den Geruch von Salz und Sonne und Sonnencreme mit sich. Und ein ganz kleines bisschen Frieden.
Nur für einen Moment.
"Fips, was ist das?"
"Was?" fragte ich verwirrt.
"Na das rote da an deinem Rücken rechts"
Eos' Stimme klang plötzlich viel zu nah. Ich riss die Augen auf.
Und da war sie, diese verdammte Narbe, die ich immer ignoriert habe. Um meinet und um Eos' Willen. Der Wind musste mein Shirt hochgeschoben haben.
"Nichts", presste ich hervor und zog mein Shirt reflexartig herunter. Zu spät. Eos' Blick war schon hängengeblieben, seine Stirn in Falten gelegt.
"Fips, das ist —"
„Ich hab gesagt, es ist nichts."
Ich richtete mich auf, viel zu hastig, viel zu schnell. Der Schmerz schoss wie eine Flamme durch den Rücken. Ich keuchte, klammerte mich an der Liege fest.
Eos' Hand war sofort da. "Hey, hey. Langsam."
"Fass mich nicht an."
Und wie immer in so welchen Situationen kickte mein Fluchtreflex rein und ich sprang praktisch auf und rannte los. Barfuß, blind, panisch. Der Sand war heiß und weich zugleich, nachgiebig unter meinen Füßen. Ich hörte Eos hinter mir meinen Namen rufen nicht unbedingt laut, so als wollte er keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen, aber eindringlich.
Aber ich lief weiter zum Strandaufgang, Hauptsache weg.
Und dann fiel ich. Ich fiel vorne über in den Sand.
Der Sand war überall. In meinem Mund, in der Nase, zwischen den Zähnen. Ich schmeckte Salz und Metall.
Ich blieb liegen, keuchte, die Welt drehte sich, irgendwo ganz weit weg hörte ich Wellen.
Und das war der Moment in dem alle Dämme brachen und ich anfing hemmungslos zu Schluchzen. Mit jedem Schluchzer beförderte ich mehr Sand in meinem Mund, aber ich konnte einfach nicht aufhören. Es war einfach alle viel zu viel und ich war so verwirrt und alle war scheiße und ich hatte panische Angst und ganz tief in mir loderte dieser scheiß Hass.
"Fips!"
Eos. Natürlich. Er wusste nicht, wann genug ist. Seine Schritte waren dumpf, gedämpft vom Sand, aber sie kamen näher. Ich hätte schreien sollen, wegrennen, irgendwas tun, aber mein Körper hatte entschieden, dass Stillhalten jetzt die sicherste Option war.
"Fips, hey... Atme, bitte." Seine Stimme war leise, aber sie schnitt durch das Rauschen in meinem Kopf. Ich machte mir nicht mal die Mühe zu antworten.
Alles war gut. Alles war gut. Alles war gut. Eos wollte mich nicht verletzen.
Aber mein Körper glaubte mir nicht. Alles zog sich zusammen, mein Atem kam stoßweise, meine Finger krampften sich in den Sand, als wäre er mein letzter Rettungsanker.
"Fips, bitte." Wieder diese Stimme. Weicher, bittender und das war beinahe schlimmer als jedes Schreien.
Ich schüttelte kaum merklich den Kopf. Ich wollte ihn anschreien, ihn anschreien, dass er still sein soll, einfach nur still, aber meine Lippen bewegten sich nicht. Kein Ton kam über meine Lippen.
"Ich fass dich nicht an, okay?"
Seine Stimme war ruhig.
Ich nickte kaum merklich. Es fühlte sich an wie eine Bewegung in Zeitlupe.
"Bleib einfach liegen. Atme. Eins... zwei... drei..."
Ich schloss die Augen. Der Sand unter meinen Fingern wurde zu etwas anderem: kaltem Boden, gedimmten Licht, Metallgeruch, das Gefühl von einem Messer im Rücken. Mein Magen zog sich zusammen.
Und dann drehte ich mich endlich wieder um.
"Fips."
Eos' Stimme wieder, diesmal klang sie näher.
Ich öffnete die Augen, und da war er. Direkt über mir.
Sonnenlicht das seinen Kopf umrandete, wie ein Heiligenschein, Schweiß auf der Stirn und dieser Blick.
Diesen Blick, denn er schon seit Wochen trug. Seit... Allem. Dieser Blick voller Mitleid, Schuld und Reue.
"Ich- Es tut mi-"
"Sag's nicht." Meine Stimme war rau, kaum mehr als ein Flüstern.
Er schwieg.
Ich drehte den Kopf weg, sah auf den Horizont, wo das Meer glitzerte, als wäre nichts. Als wäre ich nichts.
"Warum kannst du es nicht einfach lassen? Warum kannst du mich nicht einfach in Ruhe lassen?" Es kam leiser raus, als ich wollte. Fast wie ein Flehen.
Eos antwortete nicht sofort. Nur der Wind, die Wellen, das entfernte Kreischen einer Möwe. Oder Zeke. Wer weiß.
"Weil du mein Bruder bist und ich dich liebe, auch wenn du mich hasst." Eos sah mich aufrichtig, aber auch mit Angst in den Augen an. Angst vor meiner Reaktion
Und schon wieder loderte dieser Hass in mir auf. Dieser Hass auf mich selbst und Eos.
Auf mich, weil ich einfach ich war und weil ich schwach war.
Und auf Eos weil ich ihn hassen wollte, aber einfach nicht konnte.
"Ich hasse dich nicht."
