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wrapped up in books

Summary:

Nach einer wohl endgültigen Trennung von Kelly heilt Peter sein gebrochenes Herz mit Detektivgeschichten.

Notes:

inspiriert von diesen prompts: 3. "what are you reading?"

(See the end of the work for more notes.)

Work Text:

Nach der Trennung (der sechsten oder der siebten, hatte Jeffrey geschätzt) verbrachte Peter mehr Zeit als gewöhnlich auf dem Schrottplatz. Er war nie länger als nötig in der Schule, bloß zum Unterricht und für das Basketball-Training. In der Mittagspause saß er häufig in seinem MG und hörte beim Essen die Beach Boys. 

Obwohl er sich sicher war, daß die Jungen aus dem Team hinter seinem Rücken darauf wetteten, wann er und Kelly wieder zusammenkommen würden, hatte es sich dieses Mal endgültiger angefühlt. 

Es war keine Affekthandlung im Streit gewesen, wie damals, als Kelly sich ein bißchen zu gut mit dem Austauschschüler aus England verstanden hatte. Sie hatten lange geredet, über ihre Pläne für den Sommer und das letzte Schuljahr und die Entfernung, die zwischen ihnen liegen würde, wenn sie es an ihre Traum-Colleges schaffen würden. Und irgendwann hatte es nichts mehr zu sagen gegeben, als stünden sie an einer letzten Weggabelung.

Peter hatte geweint und Kelly hatte ihn an sich gezogen und seine Stirn geküsst, seine Wangen, und ihn im Arm gehalten, bis er sich wieder beruhigt hatte. Sie hatten es nicht ausbuchstabiert, aber Kelly hatte ihm seine CDs und einen alten Pullover zurückgegeben, und er ihr den Kulturbeutel, den sie irgendwann im Gästebad gelassen hatte, weil sie bei den Shaws ein- und ausgegangen war, als wäre sie dort zu Hause.

In der Schule mieden sie einander. Sie waren freundlich, aber sie wechselten nie mehr als ein paar Floskeln, und insgeheim dachte Peter, daß es ihm beinahe lieber gewesen wäre, sie hätten sich angeschrieen und danach die kalte Schulter gezeigt oder sich angegiftet.

 

Bob und Justus gingen behutsam mit ihm um. 

Sie sprachen das Thema nie direkt an und stellten keine Fragen, aber in den ersten zwei Wochen waren sie immer sofort zur Stelle gewesen, wenn er eine Ablenkung gebraucht hatte, wie das Double Feature der Kettensägen-Zombie-Filme im Autokino oder den Kurzausflug an den völlig überfüllten Santa Monica Pier. 

Bob begleitete ihn ein paar Mal an den Strand, wenn er surfen wollte, und Jeffrey bei der Arbeit war und ihn nicht gegen neugierige Fragen abschirmen konnte. 

Justus spannte ihn an den Wochenenden zur Arbeit auf dem Schrottplatz ein. Er ging Onkel Titus und Ty zur Hand, wo geschraubt werden musste, wischte Staub in dem Schuppen mit den Vasen und dem Geschirr, und schleppte kistenweise Comichefte ins Haus, wo Tante Mathilda sie durchsah und neu sortierte.

Wirklich schwierig wurde es nur, wenn es nichts mehr zu tun gab. Wenn sie in der Zentrale über Sandwiches und Limonade saßen, und er zu erschöpft war, um noch Sport zu treiben, und nicht riskieren wollte, Kelly oder den Jungen aus der Basketball-Mannschaft über den Weg zu laufen und ihre mitleidigen Blicke über sich ergehen zu lassen. 

 

„Du brauchst ein Hobby“, sagte Justus, nachdem er ihr gemeinsames eMail-Postfach auf Peters Bitte hin das vierte Mal an einem Abend überprüft hatte.

Sein Tonfall war nüchtern, aber er wirkte genervt, obwohl er es zu verbergen versuchte. Er schrieb das Skript für ein Geschichtsreferat und schien Schwierigkeiten mit einer seiner Quellen zu haben, so wie er auf der Unterlippe kaute, nachdem er den halben Text neongelb markiert und mit Fragezeichen versehen hatte. Peter kannte ihn lange genug, um zu wissen, wie sehr er es hasste, wenn er etwas nicht auf Anhieb verstand. 

Er wandte sich Bob zu, der mit angewinkelten Beinen auf dem ramponierten Sofa saß und in einem zerfledderten Taschenbuch blätterte. Die Katze im Taubenschlag von Agatha Christie. Peter kniff die Augen zusammen, um den Klappentext zu entziffern. 

„Was haben Katzen und Tauben mit einer Mädchenschule zu tun?“, fragte er, und tippte Bob gegen das Knie. 

„Es ist eine Redewendung“, erklärte der ohne aufzusehen, „Wenn man einen Störfaktor in eine sonst ruhige Umgebung setzt“, er machte eine kurze Pause, ehe er fortfuhr, „Wie eine Katze in einen Taubenschlag. Der Taubenschlag ist die Schule.“

„Soll das eine Anspielung sein?“, Peter kniff ihm in den Oberschenkel und bemühte sich, nicht zu beleidigt zu klingen, „Hey, und was ist die Katze?“

Bob klappte mit einem theatralischen Seufzen das Buch zu und hielt es ihm hin. „Lies’ es und find’ es selbst raus. Vielleicht gibst du unserem Ersten dann ein wenig Ruhe, hm?“ 

 

Normalerweise hätte er den Krimi in seinem Rucksack vergessen, wie die CDs, von denen Bob behauptete, er müsste sie unbedingt hören, und die er oft erst Wochen später wiederfand. Meist spielte er sie im Schnelldurchlauf durch, um wenigstens ein Lied zu finden, das ihm gut genug gefiel, um Bob eine positive Rückmeldung zu geben. 

Aber in der Nacht ging ein schweres Gewitter über der Stadt nieder und es regnete fast den ganzen Sonntag, und so las er Die Katze im Taubenschlag auf dem Sofa im Wohnzimmer aus und dachte an Kelly, so oft der Tennisschläger erwähnt wurde.

 

„Hier“, sagte er, als er Bob das Buch am Montag in die Hand drückte, „Hab’s gestern durchgekriegt.“

„Du hast es gelesen?“, Bob klang leicht perplex, aber die Frage ging in ein unterdrücktes Gähnen über. Das frühe Aufstehen fiel ihm nach den Wochenenden immer besonders schwer. Trotzdem ärgerte Peter sich, und gab flapsig zurück: „Du wirst überrascht sein, aber das hab’ ich auch in der ersten Klasse gelernt.“

Bob verdrehte die Augen, „Das meinte ich nicht. Ich meinte, daß du doch sonst nie was mit meinen Sachen anfangen kannst. Du bist eingeschlafen, als wir Anthony Zimmer geguckt haben.“

„Und ich würde es wieder tun“, sagte Peter und verschränkte die Arme in gespieltem Trotz vor der Brust, „Du musst zugeben, daß mein Geschmack weniger langweilig ist, oder bist du je eingeschlafen, wenn ich mal den Film ausgesucht habe?“

„Fang’ nicht von deinem Splatter-Kram an. Ich würd’ mein Frühstück gern drinbehalten“, Bob packte das Buch in seinen Rucksack und sah auf die Uhr, „Und? Hat’s dir denn gefallen? Agatha Christie, meine ich.“

Peter zögerte. Bob las mehr als er oder Justus. Im Englischunterricht gehörte er zu den Klassenbesten und wenn er wollte, konnte er die ganze Schulstunde mit seinen Analysen füllen. Seit der Grundschule war die Bücherei ein zweites Zuhause für ihn gewesen und Peter war sich sicher, daß er bestimmt zwei Drittel des Bestandes ausgelesen haben musste. Es hatte etwas Einschüchterndes, sich mit ihm über Literatur zu unterhalten. 

„Ehrlich gesagt, ich hab’ erst nicht so richtig verstanden, was passieren würde. Es war etwas… unübersichtlich? Mit der Revolution und dem Hotel und dem Internat“, Peter leckte sich nervös die Lippen, aber Bob nickte aufmunternd, um anzudeuten, daß er ihm zuhörte, „Sag’s nicht Justus, aber ich hab’ bis zur Auflösung nicht gewusst, wer’s war. Mochtest du es?“

„Mhm. Wahrscheinlich aus Sentimentalität. Das war der erste Agatha-Christie-Krimi, den ich gelesen habe. Miss Bennett hat mir ein paar aussortierte Bücher geschenkt, da war er dabei“, Bob zupfte an seinem Ärmel, wie immer, wenn ihm etwas unangenehm war, „Ich meine, sie hat bessere geschrieben. Roger Ackroyd und seine Mörder. Die Morde des Herrn ABC.

„Die kenn’ ich alle nicht. Ich glaube, das war der erste richtige Krimi, den ich je gelesen habe“, sagte Peter, und spürte, wie ihm die Röte in die Wangen kroch, ohne so recht zu wissen, wofür er sich eigentlich schämte.

Bob schnaubte. „Also, das solltest du Justus nicht hören lassen.“

 

In der Stadtbücherei lieh er sich vier Romane und eine Kurzgeschichtensammlung aus. Miss Bennett musterte ihn überrascht. „Habt ihr in eurer Detektei gerade Langeweile?“

Peter schüttelte den Kopf. „Bob meinte, ich könnte Justus erst wieder unter die Augen treten, wenn ich ein paar Krimis gelesen habe.“

Miss Bennett warf ihm einen gespielt tadelnden Blick zu. „Also, falls du ein bißchen Abwechslung willst, könnte ich dir vielleicht noch zwei, drei Bücher raussuchen, wenn du die Zeit hast.“ 

 

Er verschlang Die Morde des Herrn ABC und den Mord im Orientexpress in vier aufeinanderfolgenden Nächten. Sobald sich seine Gedanken zu sehr in einer Spirale aus Kelly und seinen Zukunftsplänen verloren, griff er nach den Büchern auf seinem Nachttisch und las darin, bis ihm vor Müdigkeit die Augen brannten. Tod auf dem Nil unterbrach er für die Abenteuer von Sherlock Holmes und traute sich nach der Geschichte vom Gesprenkelten Band aus Angst vor Alpträumen kaum einzuschlafen.

Den Talentierten Mister Ripley gab er nach nicht einmal zwanzig Seiten wieder auf. Raymond Chandlers Der tiefe Schlaf konnte er dafür gar nicht aus der Hand legen und nahm ihn mit in die Schule. Bob wirkte ehrlich beeindruckt, als er ihn in der Mittagspause damit sah. 

„Du liest Philipp Marlowe?“, fragte er, „Wie ist das denn passiert?“

„Du meintest doch, ich sollte mir ein Hobby zulegen“, gab Peter zurück, und fügte — um den Worten ihre Spitze zu nehmen — gleich hinzu: „Miss Bennett hat mir ein paar Bücher empfohlen.“

Bob sah aus, als läge ihm die Erwiderung schon auf der Zunge. Er behielt sie für sich und nahm nach einem bedächtigen Nicken einen großen Schluck Kaffee aus seinem Thermosbecher. Stattdessen schaltete sich Justus mit abschätziger Miene in ihre Unterhaltung ein. 

„Ein wirklich sauberer Fall ist das nicht“, sagte er,  „Wenn es schon Detektivgeschichten sein müssen, warum dann nicht Arthur Conan Doyle?“

„Nun lass’ ihn doch erst mal seinen Chandler fertig lesen“, sagte Bob und warf Justus einen warnenden Blick zu. 

Peter zuckte mit den Schultern und verdrängte den Anflug von Ärger, der in ihm aufstieg. „Mir gefällt’s besser als Sherlock Holmes.“

Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Justus den Mund öffnete und wieder schloss. 

 


Es war wie ein Schalter, den er nach Jahren, in denen er die Sommerlektüreliste nur mit Mühe hatte abschließen können, umgelegt hatte. Zuerst las er nur vor dem Einschlafen und in den Mittagspausen in der Schule. Bald nahm er seine Bücher mit an den Frühstückstisch. Der Glaspavillon von Nicci French packte ihn so sehr, daß er selbst im Unterricht nicht davon ablassen konnte, und es nur Bobs Ellebogen in seiner Seite zu verdanken hatte, daß ihre Mathematiklehrerin ihn nicht erwischte. 

Nach der Stunde beäugte er das Cover kritisch, während Peter seinen Ordner in den Rucksack stopfte. „Und dafür riskierst du Nachsitzen?“, fragte er.

„Kennst du das? Ich hab’ gestern Abend damit angefangen und es ist richtig spannend. Es geht um…“, Peter unterbrach sich. Gerade noch rechtzeitig war ihm eingefallen, daß dubiose therapeutische Praktiken ein sensibles Thema für Bob waren. Er klemmte den Zeigerfinger zwischen die Seiten, während er das Buch an sich nahm. „Na ja, es ist… nicht so anspruchsvoll. Wahrscheinlich würde es dir nicht gefallen.“

Bob verdrehte die Augen. „Anspruch. Erzähl’s nicht Justus, aber ich hab’ alles von Ben Hustler gelesen. Kennst du den? Das sind so… Reality Thriller. Die basieren alle auf echten Fällen.“

Peter hatte die Bücher im Schaufenster von Booksmith gesehen und im Regal mit den Neuanschaffungen in der Bücherei. Sie hatten ihn wegen ihres Umfanges eingeschüchtert. „Die sind ziemlich lang, oder?“

„Schon. Aber die lesen sich echt schnell“, sagte Bob und schien einen Moment lang zu überlegen, ehe er hinzufügte: „Der Junge im Fluß ist ein bißchen kürzer. Und als Hörbuch gibt’s das auch. Ich leih’s dir aus, wenn du willst.“

 


Den Rest der Woche hörte Peter Ben Hustler zu, wie er mit zigarettenrauer Stimme die Geschichte eines Journalisten erzählte, der auf eigene Faust den ungeklärten Tod eines Studenten untersuchte und dabei ein Netz aus Korruption und organisiertem Verbrechen offenlegte. Er konnte sich daran erinnern, wie sie vor zwei Jahren in den Nachrichten über den Fall berichtet hatten. Die Polizei hatte es als einen Selbstmord abhaken wollen, und nur einer Reportage in einer überregionalen Zeitung war es zu verdanken gewesen, daß er noch einmal hatte aufgerollt werden müssen. 

Er und Kelly hatten darüber gesprochen, wie leicht man sich zur falschen Zeit am falschen Ort wiederfinden konnte. Wie gefährlich Neugierde werden konnte, und wie viel Glück er und Bob und Justus einige Male gehabt hatten. 

Anders als im Roman waren der oder die Täter in Wirklichkeit nie ermittelt worden. Zeugen waren ebenso wie Aufnahmen von Überwachungskameras des Schnellrestaurants, in dem das Opfer zuletzt lebend gesehen worden war. In Internetforen waren zahlreiche Theorien diskutiert worden, aber am Ende hatte man nur festhalten können, daß ein Junge, der das ganze Leben noch vor sich gehabt hatte, zu Tode gekommen war und ein Fremdverschulden nicht auszuschließen war.

Kelly hatte ihm damals das Versprechen abgenommen, daß er auf sich aufpassen würde. Daß sie die Polizei einschalten würde, wenn es wirklich riskant wurde. 

Einen Augenblick stellte Peter sich vor, wie sie reagieren würde, wenn man seine Leiche nächste Woche am Strand fänden. Ob sie die Trennung bereuen würde, ob sie nicht bis an ihr Lebensende an ihren High School Freund würde denken müssen, von dem sie sich kurz vor ihrem Schulabschluss getrennt hatte und der kurz darauf unter mysteriösen Umständen gestorben war. 

Bevor er in eine weitere Gedankenspirale fallen konnte, griff er nach dem Handy und tippte eine Kurznachricht an Bob: hat mir ganz gut gefallen. was kannst du mir denn noch empfehlen?

Notes:

der titel ist von belle & sebastian geklaut.

es ist eine kleine, unfertige liebesnotiz an die katholische bücherei aus meiner alten nachbarschaft, aus der ich ein paar der erwähnten bücher ausgeliehen habe. ich denke, bei wirklich schlimmem liebeskummer würde peter wahrscheinlich gute ablenkung in büchern finden und es ist canon, daß er horrorfilme guckt, also wird ihm ein thriller wahrscheinlich keine große angst machen. aber das ist nur meine überlegung (und meine verzweiflung, etwas zu diesem prompt zu schreiben.)