Chapter Text
Die Kirishimas herrschten nicht mit Lärm und Trara. Ihre Macht war wie der Unterstrom des Ozeans, der die Schiffe unbemerkt in seine Gewalt zog – still, tief und unaufhaltsam. Ihr Name war ein Geflüster in den hintersten Zimmern der Macht, ein Eid, der mit Blut und Stahl besiegelt wurde. Sie kontrollierten die Häfen, die Logistik, die stillen Kanäle, durch die Waren und Einflüsse flossen. Und an der Spitze dieses Imperiums aus Disziplin und Ehre standen Kenji und Akari Kirishima.
Ihr Sohn, Eijirou, war das lebendige Ebenbild der Werte, die sie hochhielten. Sein Körper, eine Festung aus Muskeln und Narben, war Zeugnis eines Trainings, das härter war als Stahl. Sein Herz jedoch, obwohl treu und unerschütterlich, war nicht aus demselben kalten Metall wie das seiner Eltern. In seinen roten Augen blitzte nicht die Gier nach Macht, sondern die Sehnsucht nach Verbundenheit, nach einem Anker in dem stürmischen Ozean, der sein Erbe war.
Eijirou war schwul. Es war eine schlichte, unumstößliche Tatsache, die seine Eltern mit der gleichen nüchternen Akzeptanz zur Kenntnis genommen hatten, mit der sie ein strategisches Problem analysierten. Es war keine Schande, sondern ein Faktor, den es zu berücksichtigen galt. Das Problem war nicht seine Sexualität, sondern die Frage der Nachfolge. Die Kirishima-Linie musste gefestigt werden, und ein Erbe an Eijirous Seite war dafür unerlässlich. Doch wie fand man einen Mann, der nicht nur Eijirous Gemüt entsprach, sondern auch den Ansprüchen des Clans genügte? Er musste aus einer Familie von ähnlichem Kaliber stammen, mit einem Ruf, der makellos genug war, um jeden potentiellen Skandal zu ersticken, bevor er aufkeimte.
Die Lösung präsentierte sich in einer unerwarteten, gleißenden Form: Die Bakugous.
Während die Macht der Kirishimas im Verborgenen lauerte, strahlte der Einfluss der Bakugous für alle sichtbar. Ihre Designermarke, „Dynamight“, war ein globales Phänomen, ein Symbol für exzessive Kreativität und kompromisslosen Erfolg. Aus ihrem Firmensitz in Tokio, einem architektonischen Meisterwerk aus Glas und Stahl, beherrschten sie die Welt der Mode und des Luxus. Ihr Reichtum war eine Waffe, die sie mit ebenso viel Präzision einzusetzen wussten wie die Kirishimas ihre Schlagstöcke.
Mitsuki und Masaru Bakugou hatten nur ein Kind: Katsuki. Nach außen hin war Katsuki Bakugou das perfekte Ebenbild seiner Eltern – scharfzüngig, unnachgiebig und von einem fast unheimlichen Talent. Was die Welt nicht wusste, war, dass das goldene Kind der Bakugous mit einem Körper geboren worden war, der nicht sein Eigen war. Katsuki war transgender. Seit er denken konnte, hatte er gewusst, dass das Mädchen, das die Welt in ihm sah, ein Gefängnis war. Der Weg, sich selbst zu befreien, war hart, geprägt von stillem Leid und dem unerschütterlichen, wenn auch oft überforderten, Support seiner Eltern. Hormontherapien, die richtige Kleidung, die Anpassung seiner offiziellen Dokumente – alles wurde mit der gleichen Entschlossenheit durchgezogen, mit der die Bakugous auch eine feindliche Übernahme planten. Nur ein winziger, vertrauenswürdiger Kreis kannte die Wahrheit.
Für Mitsuki und Masaru war Katsuki ihr Sohn, Punkt. Und als Erbe des Bakugou-Imperiums brauchte er einen Partner, der seinem Status entsprach. Die arrangierte Ehe mit dem Kirishima-Erben war aus ihrer Sicht ein brillanter Schachzug. Es war eine Allianz, die ihren Reichtum mit der unantastbaren Macht der Kirishimas verband, ein Bündnis, das beide Dynastien für Generationen zementieren würde. Die Tatsache, dass Eijirou schwul war, machte die Sache nur perfekter. Es war eine geschäftliche Transaktion, sauber und effizient.
Das Treffen fand in der neutralen, aber luxuriösen Umgebung eines exklusiven Teehauses in Kyoto statt, das den Kirishimas gehörte, ohne dass es jemand wusste. Kenji Kirishima, mit seiner ruhigen, bedrohlichen Autorität, und Akari, deren Lächeln schärfer war als ein Rasiermesser, saßen den Bakugous gegenüber. Mitsuki strahlte mit einer aggressiven Eleganz, während Masaru die Gespräche mit sanfter, aber bestimmter Diplomatie führte.
„Unser Sohn sucht einen Partner, der seinem Stand entspricht“, begann Kenji, seine Stimme ein tiefes Grollen. „Eijirou ist ein Junge von Prinzipien. Er braucht jemanden, der stark ist. Nicht nur im Geiste, sondern auch in der Abstammung.“
Mitsuki nickte scharf. „Katsuki ist der Beste. Er hat einen Willen aus Diamant und den Verstand, um unser gesamtes Unternehmen eines Tages zu führen. Eine Verbindung unserer Familien würde beide Häuser unvergleichlich stärken.“
Es war Akari, die das entscheidende Argument auf den Tisch legte, mit der Nonchalance einer Schachspielerin, die den König opfert, um die Partie zu gewinnen. „Wir sind uns der… besonderen Umstände von Katsukis Geburt bewusst“, sagte sie, ihr Blick fest auf Mitsuki gerichtet. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Sie wussten es. Alles.
Mitsuki erstarrte für einen Sekundenbruchteil, doch Masaru legte beruhigend eine Hand auf ihren Arm. „Katsuki ist unser Sohn“, sagte er mit ruhiger Bestimmtheit. „Das ist die einzige Tatsache, die zählt.“
„Ganz unserer Meinung“, pflichtete Akari ihm bei. „Und aus biologischer Sicht ist diese Verbindung sogar vorteilhaft. Sollte die Frage der Nachfolge jemals aufkommen, stünde dieser Weg offen. Das ist ein Aspekt, den wir bei anderen potenziellen Partnern nicht hätten.“
Das war der Clou. Die Kirishimas hatten nicht nur Katsukis Transidentität akzeptiert; sie sahen sie als strategischen Vorteil. Es war zynisch, pragmatisch und absolut brillant. Die Bakugous, die es gewohnt waren, jede Verhandlung zu dominieren, waren einen Moment lang sprachlos. Die Kirishimas dachten einfach mehrere Züge weiter.
Der Pakt wurde an diesem Abend besiegelt. Ohne die Handlungen der zukünftigen Ehegatten. Eijirou und Katsuki waren nichts weiter als wertvolle Spielfiguren auf dem Brett der Macht.
Eijirou erfuhr von seiner Verlobung in dem spartanisch eingerichteten Büro seines Vaters. Die Nachricht traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Er wusste, dass dies eines Tages auf ihn zukommen würde, doch das machte die bittere Pille nicht leichter zu schlucken.
„Katsuki Bakugou. Der Erbe der Dynamight-Designer“, sagte Kenji, als überreiche er einen militärischen Befehl. „Eine starke Allianz. Er wird dir zur Seite stehen.“
Zur Seite stehen. Die Worte hallten in Eijirou nach. Wollte er jemanden an seiner Seite, der ihm von seinen Eltern aufgedrängt wurde? Er sehnte sich nach Leidenschaft, nach Respekt, nach einer Verbindung, die auf mehr basierte als auf kalter Berechnung. Er starrte auf ein Foto von Katsuki, das aus einer Business-Broschüre stammte. Stacheliges, aschblondes Haar, scharfe rubinrote Augen, ein Gesicht, das vor Arroganz und Intelligenz strotzte. Er sah aus wie jemand, der niemals jemandem zur Seite stehen würde, es sei denn, er wollte es.
„Versteht er?“, fragte Eijirou mit belegter Stimme. „Weiß er, was es bedeutet, ein Kirishima zu sein? Die Gefahr? Die Pflicht?“
„Das wird er lernen“, erwiderte seine Mutter. „So wie du.“
In seinem Zimmer, umgeben von Gewichten und den Gerüchen von Leder und Stahl, fühlte Eijirou eine tiefe Einsamkeit. Sein ganzes Leben war vorgezeichnet, und nun wurde auch sein Herz an die Kette gelegt. Er war kein Mensch mehr, sondern ein Werkzeug für die Erhaltung der Dynastie.
Zur gleichen Zeit, in seinem sterilen, teuer eingerichteten Apartment in Tokio, erhielt Katsuki den Anruf seiner Mutter. „Es ist beschlossen. Mit den Kirishimas.“
Katsuki, der gerade an einer neuen Kollektion feilte, ließ den Stift fallen. Er hatte gewusst, dass dies im Raum stand, doch das plötzliche Ende seiner Freiheit traf ihn mit der Wucht einer Explosion. „Kirishima? Dieser Muskelprotz aus der Unterwelt?“, fauchte er. „Du verkaufst mich an die Mafia?“
„Wir sichern deine Zukunft, Katsuki!“, herrschte Mitsuki ihn an. „Und unsere. Denk an den Einfluss, den wir mit dieser Allianz haben werden! Du wirst unantastbar sein.“
„Ich bin jetzt schon unantastbar!“, brüllte Katsuki zurück und knallte den Hörer auf die Ladestation. Wut, heiß und rein, kochte in ihm. Er hasste es, eine Marionette zu sein. Er hasste den Gedanken, an einen Mann gebunden zu sein, den er nicht kannte, einen Mann, der ein Leben in Schatten und Gewalt führte – alles, was Katsuki mit seiner lauten, sichtbaren Erfolgswelt verachtete.
Doch tief in ihm, in einer verletzlichen Ecke, die er vor der Welt verbarg, regte sich auch etwas anderes: Angst. Würde dieser Kirishima die Wahrheit über ihn akzeptieren? Oder war auch das nur ein weiterer Bestandteil des Deals, den seine Eltern ausgehandelt hatten? Seine Transidentität, sein intimster Kampf, war zu einem Verhandlungsinstrument degradiert worden.
In den folgenden Wochen bereiteten sich beide Häuser im Geheimen auf die zukünftige Allianz vor. Für die Kirishimas bedeutete das, potenzielle Konkurrenten zu identifizieren und still zu eliminieren, die diese Verbindung als Zeichen der Schwäche interpretieren könnten. Für die Bakugous hieß es, die Finanzströme zu optimieren und Katsukis öffentliches Image noch makelloser zu polieren, falls jemals Fragen aufkommen sollten.
Eijirou und Katsuki lebten in parallelen Existenzen, Gefangene ihrer Geburt. Eijirou trainierte härter als je zuvor, als könne er seine Bestimmung in den Sandsack hämmern. Jeder Schlag war ein Protest gegen ein Schicksal, das er nicht gewählt hatte. Doch in seinen ruhigen Momenten dachte er über das Foto des blonden Jungen mit den feurigen Augen nach. War er auch so voller Wut? War er auch einsam?
Katsuki wiederum stürzte sich in seine Arbeit, entwarf Kleidung, die so laut und explosiv war wie seine Gefühle. Er weigerte sich, nach Fotos von Eijirou zu suchen. Ihn interessierte dieser Barbar nicht. Doch manchmal, wenn er durch die nächtlichen Straßen Tokios fuhr, bemerkte er die stillen, gefährlichen Männer an den Ecken, die die Stadt kontrollierten, ohne dass die normale Welt es jemals mitbekam. Die Welt seines zukünftigen Ehemanns. Eine kalte Furcht kroch ihm in die Glieder, vermischt mit einer seltsamen, unwillkommenen Faszination.
Sie waren zwei verschiedene Planeten, die auf eine Kollision zusteuerten. Eijirou, der Fels in der Brandung, geformt von Pflicht und Ehre. Katsuki, die lebendige Bombe, getrieben von Stolz und kreativem Feuer. Ihr erstes Treffen stand noch nicht einmal fest, doch die Fäden des Schicksals waren bereits um sie geschlungen, festgezogen von den Händen ihrer Eltern.
Zwei Königreiche, vereint durch einen Pakt. Zwei Erben, getrennt durch Welten, doch gefesselt an ein gemeinsames, ungeschriebenes Schicksal. Die Stille vor dem Sturm war eingekehrt, und sie war erfüllt vom Echo der Schritte zweier Jungen, die aufeinander zugingen, ohne es zu wissen.
