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André war gerade dabei sich den letzten Streifen Verband von seiner rechten Hand abzunehmen, als es an der Tür klopfte.
"Hm?", schaute er überrascht zur Tür. "Herein."
Als die Person eintrat, weiteten sich seine Augen. "Oscar!"
"André...", sagte sie und schloss die Tür hinter sich. "Ich wollte schauen, wie es dir geht."
Er schaute auf die mit leichtem Eiter und Blut verkrusteten Mullbinden, die vor ihm auf dem Tisch lagen. "So weit... so gut."
"Es kommt mir vor, als ob wir uns ewig nicht gesehen hätten...", lächelte sie, fast etwas schuldbewusst, und kam auf ihn zu. "Ah, du erneuerst gerade die Verbände? Lass mich mal sehen..." Ohne eine Antwort abzuwarten, zog sie den kleinen Hocker, der halb unter dem Tisch gestanden hatte, hervor und setzte sich darauf, bevor sie seine beiden Hände in die ihren nahm.
Es war später Nachmittag und durch das Fenster schienen warm die gelb-orangenen Strahlen der untergehenden Sonne.
"Bist du gerade aus Versailles zurückgekehrt...?", fragte André, während sein Blick über ihre rote Uniform streifte. Normalerweise hängte sie diese nach ihrer Ankunft zu Hause immer zuerst über den Mannequin-Torso in ihrem Zimmer und zog sich legere Kleidung an, bevor sie irgendetwas anderes tat. Dass Oscar noch ihre Arbeitskleidung trug, bedeute, dass ihn ohne Umschweife aufgesucht hatte. "Seltsam", dachte sich André. "Will sie etwas Dringliches mit mir besprechen...?"
Sie schaute zu ihm hoch und versuchte nicht allzu lange nach dem Pflaster auf seiner Stirn zu suchen, das von seinen Ponysträhnen versteckt wurde. "Ja, ich konnte etwas früher gehen, aber ich muss später noch eine Menge Papierkram erledigen und da dachte ich, ich schaue schnell bei dir vorbei."
"Ah, ich verstehe...", nickte er, aber er fühlte einen leichten Stich ins Herz. Für ihn hörte es sich eher an, als ob sie am Abend ihre Ruhe brauchte, und auch seine Gesellschaft nicht wollte. Eigentlich brachte er ihr nach dem Abendessen und wenn sie fertig mit ihrem Abendgebet war, immer ein Glas Wein zum Einschlafen und dabei ließen sie den Tag Revue passieren oder versicherten sich über die Pläne für morgen. Oft lieh Oscar André dann auch immer ein Buch aus, das sie gerade beendet hatte oder sie spielte ihm etwas auf der Geige vor und fragte nach seiner Meinung. Es war seine liebste Zeit des Tages, wenn er so mit ihr allein ganz ungezwungen, Zeit verbringen konnte. Fast so wie damals, als sie noch Kinder waren...
Aber natürlich wusste er, dass Oscar im Moment viel zu tun hatte und deshalb zuweilen Arbeit nach Hause brachte. Nach ihm persönlich gerufen hatte sie seit ihrer Rückkehr vom Besuch bei ihrer Schwester Hortense und ihrer Nichte Loulou jedoch auch nicht...
"Und wie war dein Tag?"
"Ach..." Er versuchte ein Seufzen zu unterdrücken. "Nicht besonders aufregend. Ich bin wegen der Verletzung gerade ziemlich nutzlos..."
Oscar schlug betroffen die Augen nieder.
"Aber der Arzt meint, dass ich in ein paar Tagen wieder ganz normal arbeiten kann, wenn die Wunden verheilt sind, haha!"
Sie betrachtete Andrés Handflächen, in die tiefe, rote Striemen eingekerbt waren. Die Verbrennungen seiner Haut heilten offensichtlich schnell, aber dennoch war es ihm untersagt Tätigkeiten zu erledigen, die seine Hände zu sehr beanspruchten - er konnte somit keiner seiner täglichen Aufgaben nachgehen, weder für Oscar persönlich, noch im Haushalt der Jarjayes war er jemand anderem eine Hilfe.
"Das freut mich zu hören ..." Ihre Stimme war leise.
André hatte sich die Verletzung vor ein paar Tagen im Schloss von Elisabeth Montéclair, der "Gräfin in Schwarz", wie sie auch in der Gegend genannt wurde, zugezogen, als er Oscar bei ihrem Kampf auf Leben und Tod mit der Gräfin zur Rettung geeilt gekommen war.
Eigentlich hatten sie nur Oscars älteste Schwester Hortense und ihre Nichte Loulou in ihrem Schloss, welches auf dem Land lag, besuchen wollen, doch da wussten sie noch nicht, welches Mysterium auf sie warten würde. Elisabeth Montéclair, die in der Nachbarschaft lebte, hegte den Wunsch nach ewiger Schönheit, und glaubte sich diesen erfüllen zu können, in dem sie junge, hübsche Mädchen auf ihr Schloss lockte, sie von ihrer wunderschönen lebensechten Puppe Lionel umbringen ließ und dann ihr Blut trank. Von Oscars außergewöhnlicher Schönheit war sie vom ersten Moment ihrer Begegnung fasziniert gewesen und träumte davon, sich auch diese einzuverleiben. Als Oscar den Machenschaften der Gräfin auf die Schliche gekommen und sie zur Rede gestellt hatte, begann der Kampf. Gräfin Montéclair attackierte Oscar mit einer schlangenähnlichen Peitsche, die sie nach draußen auf den Balkon trieb und beinahe von diesem herunterstürzen ließ. Nur mit Mühe und Not konnte Oscar sich am Geländer festhalten, denn die Gräfin peitschte immer wieder auf ihre Hände, um sie zu Fall zu bringen.
André kam gerade noch rechtzeitig ins Zimmer gestürzt, um seiner Herrin zu helfen. Bevor er Oscar jedoch das rettende Seil zuwerfen konnte, musste auch er Bekanntschaft mit der Peitsche machen, von der er an der Stirn getroffen wurde. Schweiß und Blut rannten ihm übers Gesicht, während Oscar in letzter Sekunde im Sturz das Seil zu fassen bekam. Er hatte es mit seinen bloßen Händen festgehalten, während sie daran gehangen hatte, und die Reibung hatte seine Haut schmerzlich verbrannt, ihr aber Gott sei Dank das Leben gerettet. Das war das Einzige für ihn, das zählte.
"Und... die Streifschusswunde auf deinem Rücken...?", fragte Oscar. "Rosalie hat mir erzählt, dass du sie vor den Dienerinnen der Gräfin beschützt hast, als sie euch mit einem Gewehr bedroht haben und sie dadurch fliehen konnte. Allerdings wurdest du dabei angeschossen..."
"Aaah...", wiegelte André mit einem Lächeln ab, "Ich bin echt froh, dass Rosalie nichts passiert ist..." Dass er es in Kauf genommen hatte, von einer Kugel getroffen zu werden, erwähnte er nicht. Dass er beim Schlafen nicht auf der linken Seite schlafen konnte, weil die Stelle an der Schulter immer noch schmerzte, auch nicht.
Schweigend nahm Oscar das weiße Tuch, das neben den alten Mullbinden lag, und tauchte es in die Schale mit frischem Wasser. Dann wrang sie es aus, nahm Andrés rechte Hand in ihre linke und begann damit behutsam über seine verbrannte Handinnenfläche zu tupfen. An einigen Stellen hatten sich kleine Bläschen entwickelt. "Oh Gott...", schoss es ihr durch den Kopf, "das sieht so schlimm aus... und muss höllisch wehgetan haben..."
"Hss..." Er biss sich vor Schmerz auf die Unterlippe.
"Tut mir leid..." Sie schaute ihn kurz entschuldigend an. "Ich passe besser auf..."
"Schon gut..."
André beobachtete, wie Oscar erneut zum Reinigen seiner Wunden ansetzte. Ihre Augen schmälerten sich vor Konzentration, bevor sie langsam erneut über die Verletzungen strich. Die blondgelockten Ponysträhnen fielen ihr in die Stirn und ihre langen, dichten Wimpern schienen sich wie ein Fächer auszubreiten.
Oscar betrachtete mit verschleiertem Blick die Hand ihres Jugendfreundes und rief sich Andrés Hände in Erinnerung, als sie die ersten Male miteinander gefochten hatten. Damals war seine Hand kaum größer als die ihre gewesen, noch etwas kindlich rundlich und weich. Dadurch, dass er noch nicht an den Degen gewöhnt gewesen war, hatte er schnell Schwielen bekommen und seine Schulter hatte sich verspannt. Sie hatte Gefecht um Gefecht gewonnen, was ihn am Ende jedes Mal laut hatte aufweinen lassen.
Ein kaum merkliches Lächeln huschte kurz über ihre Lippen, während vor ihrem inneren Auge eine Szene aus vergangenen Tagen auftauchte. Klein-Oscar auf dem Ast eines Baumes mit üppiger Krone sitzend und Klein-André mit tränenverzerrtem Gesicht danebenstehend, den Degen enttäuscht gesenkt.
Sanft hob sie seine andere Hand zum Säubern an.
Es fühlte sich wirklich fast an, als würde sie seine Hände zum ersten Mal seit langem sehen. Wie sie sich verändert hatten! Die Zeit, das Leben und die damit verbundene harte Arbeit und das Fechten hatten seine Spuren hinterlassen. Die Handflächen waren größer und kräftiger und die einst kurzen, weichen Finger waren länger und schlanker geworden. Der kleine, weinerliche Junge von damals war zu einem Mann geworden, der zupacken konnte, sich der Gefahr stellte und nun keine Tränen mehr vergoss, wenn er Blessuren davontrug.
Wie viele Male hatte er ihr schon aus einer brenzligen Situation herausgeholfen...?
Sie vertraute ihm blind.
Und sie brauchte ihn an ihrer Seite.
Immer.
"Ich werde...", begann Oscar, während sie Andrés Hände behutsam abtrocknete, "heute noch einen Kurier zu Dr. Lasonne losschicken, damit er kommt, um sich morgen noch einmal deine Hände anzuschauen."
"O-Oscar... Hältst du das wirklich für nötig? Er meinte doch, dass es nur noch ein paar Tage seien, bis ich wieder gesund bin!"
"Wir können kein Risiko eingehen." In ihren Augen lag Entschlossenheit.
"A-aber...!" "Oma wird mich umbringen! Wir dürfen General de Jarjayes keine unnötigen Kosten machen! Notfalls halte ich die Schmerzen einfach aus!", schoss es ihm durch den Kopf.
"Kein Aber! Ich hatte dich doch gebeten eine Liste mit allen Bällen in der nächsten Zeit vorzubereiten... Sicher erinnerst du dich, dass nächste Woche ein Tanzball in Paris stattfinden wird...?"
"Natürlich..." André begriff, worauf sie hinauswollte. Er hatte auch schon an den Ball gedacht.
"Gut. Ich hoffe sehr, dass deine Verletzung bis dahin so weit verheilt ist, dass du wieder als Schwarzer Ritter einsatzbereit sein kannst."
"Das hoffe ich auch..." Er sah ihr dabei zu, wie sie umsichtig den frischen, weißen Verband um seine Handflächen wickelte.
Seit Wochen galt es den "Schwarzen Ritter" zu stellen, den berühmt berüchtigten Dieb, der es seit geraumer Zeit auf Kostbarkeiten der Adeligen abgesehen hatte. Um ihn aus der Reserve zu locken und ihn so schnell es ging zu fassen, hatte sich André bereits mehrere Male als sein Doppelgänger ausgegeben und war auf öffentlichen Bällen und in der Nachbarschaft auf Diebestour unterwegs gewesen. Nicht nur Oscar, auch er spürte den Druck, verstand, dass die Zeit drängte, und er in Kürze wieder die Oberschicht bestehlen musste, damit er sie dabei unterstützen konnte, den wahren Verbrecher zu stellen.
"So... fertig."
André blickte auf seine frisch verbundenen Hände herab. "Danke..."
"Ich werd´ jetzt gehen...", sagte Oscar und beide standen auf.
"Dann... bis morgen?"
"Ja... ich versuche bei Dr. Lasonnes Untersuchung dabei sein." Je nachdem, was er über Andrés Zustand zu sagen hatte, würde sie ihn anweisen, seine Genesung mit allen nötigen Mitteln zu beschleunigen.
Er nickte und schaute ihr nach, wie sie Richtung Tür ging. Die Abendsonne ließ ihre Locken prächtig golden glänzen.
"Bis morgen, Oscar..."
Sie hatte die Hand bereits auf die Türklinke gelegt, aber schien zu zögern, sie herunterzudrücken. "André...", sagte sie kaum hörbar, mit gesenktem Kopf.
"André!" Plötzlich dreht sie sich um und rann in seine Arme. Tränen strömten ihr übers Gesicht, als ihre Hände sich in sein Hemd krallten und sie ihren Kopf in seiner Brust vergrub. Sie schluchzte bitterlich. "Ooooh..."
André wusste im ersten Moment nicht wie er auf reagieren sollte, legte dann aber langsam die Arme um sie und strich mit einer Hand sanft über ihr Haar.
"Oscar...? Nanu, was ist denn los...?", fragte er sanft, obwohl er eine Vorstellung davon hatte, was sie bedrückte.
Statt einer Antwort weinte sie bloß unaufhörlich weiter.
"Ist wohl einiges los bei dir, hm...?" Er schloss die Augen und drückte sie etwas näher an sich.
"Alles... läuft schief...", brachte sie mit tränenerstickter Stimme hervor.
"Mmmmh...", stimmte André mitfühlend mit dem Kopf nickend zu, als ob er ein kleines Kind trösten wollte. "Schon gut... lass es raus...", flüsterte er und seine Lippen streiften eine ihrer abstehenden Locken. Ihm wurde das Herz schwer, denn er spürte, dass ihre Tränen in erster Linie Graf Hans Axel von Fersen galten.
Niemand wusste über Oscars heimliche Verliebtheit zu dem gutaussehenden, schwedischen Grafen Bescheid, außer André, der ihr seit Kindesbeinen wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgte. Auch wenn sie auf andere gefühlskalt wirkte, so konnte er noch so jede kleine Stimmungsänderung sofort erkennen. Seit Jahren sah er nun mit an, wie ihre Haltung sich verbesserte und ihre Augen etwas mehr glänzten, wenn Fersen auftauchte und wie ihr Blick sich trübte, wenn er mit der Königin lachte.
Seit Oscar allerdings vor ein paar Wochen das erste Mal seit fast zwanzig Jahren ein Kleid angezogen hatte, um auf einen Ball zu gehen, umgab sie der Liebeskummer noch stärker. André hatte es im Gefühl, dass sie das wunderschöne Odalisk-Kleid für Fersen getragen hatte und war selbst vor Herzschmerz und Eifersucht fast vergangen...
Etwas war auf dem Ball geschehen, nur was? Ihre Niedergeschlagenheit und Trauer waren doch unübersehbar... Selbst bei ihrer Schwester und ihrer Nichte schien ihr Kummer nicht hatte verschwinden wollen...
Die Leiden einer einseitigen Liebe... Ach, wie sehr er sie doch verstand!
Oscar schmiegte sich an Andrés starke Brust und rief sich den Tag in Erinnerung. Sie war von mehreren Seiten scharf darauf verwiesen worden, endlich den Schwarzen Ritter dingfest zu machen, um ihn angemessen für seine Diebeszüge zu bestrafen.
"Bestrafen" - das bedeutete Foltern und bei seinen Vergehen auch sicher der Tod. Dabei hatte sie doch eine Ahnung, dass es hier mehr als nur um Diebstahl ging und sie wollte seine Gründe und Absichten zuerst herausfinden, bevor sie ihm der mordlustigen Meute übergab...
Hinzu kam Andrés Verletzung, für die sie sich nicht ganz unschuldig fühlte... Aaaah, wieso hatte ihm das passieren müssen?! Besonders jetzt, wo sie ihn doch so sehr für die Festnahme des Schwarzen Ritters brauchte!
Hans Axel von Fersen war sie heute auch noch kurz im Schloss über den Weg gelaufen. Er hatte geschäftig gewirkt, aber sich die Zeit genommen, kurz mit ihr zu plaudern. Er hatte ihr wie immer aufmerksam zugehört und gelächelt. In seinen Händen hatte er einen Helm und seine Handschuhe gehalten, auf die sie lange gestarrt hatte. Sie hatte die ganze Zeit im Gedächtnis, wie seine Lippen an jenem Abend so bittersüß zu ihr gesprochen und wie galant und würdevoll er sie beim Tanzen über das Parkett geführt hatte.
Dabei wusste sie doch, dass er die Königin liebte.
Sie war sich doch sicher, dass sie ihn nach diesem Abend aufgeben könnte...
Aber warum tat es dann immer noch weh...?
"An...dré..." Ihre Stimme war immer noch gebrochen.
"Ssssch... Schon gut, Oscar..." Er hielt sie fest umschlungen in seinen Armen, etwas, das er sich sonst niemals zu wagen traute, aus Angst, er würde sich verraten, aber ihm fiel jetzt keine andere Methode ein, ihr Trost zu spenden. Sein tief ausgeschnittenes Hemd legte jeden Tag sein Herz für sie frei, um ihr zu zeigen, dass es nur für sie schlug. Konnte sie es in diesem Moment wirklich nicht hören?
Stets stand und ging er hinter ihr, um ihr den Rücken freizuhalten, ach, wenn sie sich doch nur zu ihm umdrehen würde! Dann würde sie erkennen, dass er ihr alles geben würde, sein Herz, seinen Körper und wenn sie es wünschte... auch sein Leben.
Oscar hatte das Gefühl für die Zeit in Andrés Armen verloren. In seiner Umarmung war es so angenehm warm und sein Geruch beruhigte sie. Ihr Atem ging wieder langsamer und ihre Augen füllten sich nicht mehr mit Tränen. All die aufgestauten Gefühle waren endlich aus ihr herausgeflossen. Sie schmiegte eine Gesichtshälfte an seine Brust und schloss erschöpft, aber auch erleichtert, die Augen.
Dodon... dodon... dodon...
Andrés Herzschlag drang laut und deutlich an ihr Ohr.
Dodon... dodon... dodon...
Wieder einmal hatte sie nach Hilfe bei ihm gesucht und wie immer hatte er sie gerettet. Sie presste entschuldigend und dankbar die Lippen aufeinander. André war wirklich etwas ganz Besonderes.
Was sollte sie bloß ohne ihn tun?
Nach einer Weile lösten die beiden sich voneinander. André drehte sich ein bisschen zur Seite, um so zu tun als würde er sein Hemd zu richten, damit sie sich die letzten Tränenspuren von den Wangen wischen konnte.
"Hrmmm...", räusperte er sich, "Hoffentlich kommst du gleich noch mit der Arbeit gut voran."
"Ja..."
"Geh nicht zu spät schlafen, sonst wirst du krank und dann sieht´s mit der Jagd auf den Schwarzen Ritter düster aus."
Oscar schaute ihn mit spöttischer Miene an. "Pf! Danke für den Hinweis, ich pass´ schon auf!"
André begleitete sie zur Tür. Er war froh, sie wieder lächeln zu sehen, aber auf einmal auch ein bisschen einsam.
"Ich geb dir wegen Doktor Lasonne noch Bescheid..." Sie war vor ihm hergegangen und hatte nun die Zimmertür erreicht.
André stand dicht hinter ihr und schickte sich an, seine Hand auf den Knauf zu legen.
"Ah, schon gut. Ich öffne sie selbst! Schon du dich lieber!" Ihre Hand streckte sich nach dem Knauf aus und unerwartet legte sich Andrés Hand auf die ihre.
"Oscar...", raunte er leise an ihr Ohr und ihr Herz schlug leicht auf.
Sie drehte sich um und schaute direkt in sein Gesicht. Andrés dunkle Augen glänzten wie ein Sternenhimmel. All ihre Gedanken waren auf einmal verschwunden und es fühlte sich an, als stünde die Welt still. Sie wollte nur noch mehr diese tiefe, geheimnisvolleIris erforschen, die sich vor ihr auszuweiten schien. Aus ihrer Schönheit funkelte ihr jedoch auch unterschwellig eine ungeheure Sehnsucht und Traurigkeit entgegen, die ihr beschwörend etwas mitzuteilen versuchten, was ihr die Brust zuschnürte. Sie spürte, dass es eine Botschaft war, die alles verändern würde. Aber wollte sie sie wirklich erfahren? Die Sterne schienen zu tanzen und noch heller zu strahlen. Das Pochen in ihr wurde lauter, bis sie ihren eigenen Herzschlag in den Ohren hören konnte. Plötzlich erkannte sie wie in einem Kaleidoskop, das sich drehte, nur ihr eigenes Spiegelbild in seinen Augen wieder.
"A-André...?"
"Oscar, ich..." Seine Stimme zitterte. "Ich..."
André ballte eine Hand zur Faust und zwang sich seine aufkommenden Worte herunterzuschlucken. Was war bloß in ihn gefahren? Dies war doch nicht der richtige Zeitpunkt, ihr seine Gefühle zu gestehen! Nicht hier und jetzt. Er presste die Lippen zusammen und wand den Blick ab.
Für einen Augenblick konnte Oscar sich, perplex über die Situation, nicht rühren. So kannte sie ihren Freund gar nicht! Und warum raste ihr Herz noch immer so? Sie war dankbar, dass das Zimmer im Zwielicht lag und er somit ihre Wangen, die sich eindeutig rosig gefärbt hatten, in der aufkommenden Dunkelheit nicht sehen konnte.
"Gute Nacht!", presste sie hervor, während ihre Hand nach dem Knauf tastete.
"Ah!" André ließ sie die Tür öffnen. "Oscar, warte!" Er ergriff ihr Handgelenk, was sie zwang, sie noch einmal zu ihm umzudrehen. Sichtlich überrascht bemerkte er ihre mädchenhaft schüchterne Verlegenheit. "Oscar..."
Hatte sie gerade etwas... gefühlt?
"Ich... muss wirklich los..."
"Äh... k-kannst du mir noch ein paar Bücher mitbringen? Ich... hab die anderen schon alle gelesen..." Er versuchte sein typisches Lächeln zu formen, um die Spannung aus der Luft zu nehmen, was ihm aber nicht ganz gelang.
"Natürlich... Ich bring´ dir morgen welche mit..." Oscar nickte, immer noch nicht ganz sie selbst.
"Da-Danke! Gute Nacht!"
Die Tür fiel ins Schloss. André verschränkte die Arme vor der Stirn und lehnte sich gegen die Zimmertür. Könnte nicht doch noch Hoffnung für ihn bestehen, dass sie irgendwann seine Liebe erwiderte...?
"Aaah, Oscar...", flüsterte er, bevor seine weichen Lippen stimmlos die drei Worte formten, die er ihr sich untersagte ihr zu gestehen: "Ich liebe dich..."
Er wusste nicht, dass Oscar ihm noch ganz nah war. Sie lehnte mit dem Rücken auf der anderen Seite und hatte die Arme um sich geschlungen. "André...", murmelte sie und fragte sich, wohin sie mit sich sollte. Sie hatte ihn bisher nur als Freund und Bruder, aber noch niemals als "Mann" gesehen, so wie gerade eben...
Seine Stimme, sein Blick, seine Wärme... Sie spürte die Gänsehaut noch immer am ganzen Körper.
Sie fasste sich an die Stirn. "Im Moment ist einfach zu viel los..."
Lautlos ging sie über den dunklen Flur die Treppen herab zu ihrem Zimmer, auf dass niemand das Hallen ihres Herzschlags hörte...
