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"Hallo, Frau Haller, was gibt's?" fragte Thiel nachdem er den Anruf angenommen hatte. Vielleicht hatte Boerne ja neue Erkenntnisse gewonnen.
"Herr Thiel, der Professor und ich sind nochmal zur Burschenschaft gefahren. Er hat gesagt, er wollte nochmal was überprüfen." Ihre Stimme klang aufgeregt und Thiel wusste sofort, Boerne hatte wieder Scheiße gebaut. Also mehr als selbständig ermitteln gehen, das machte er ja sowieso gerne mal.
"Was hat er angestellt?" fragte Thiel, seine Stimme jetzt deutlich härter. Er war schon dabei sich seine Schuhe anzuziehen.
"Er hat sich auf ein Duell eingelassen, sie bereiten sich gerade vor," rief Frau Haller und Telefon, das konnte doch nicht wahr sein. War nicht das erste Mal, dass Boerne sowas machte. Damals noch relativ am Anfang ihrer Zusammenarbeit, aber Thiel hatte erwartet, dass er aus sowas langsam rausgewachsen war. Sie waren ja auch nicht mehr die jüngsten.
"Ich komme!" rief er ins Telefon, legte auf, schwang sich die Jacke über und rannte, nachdem er den Schlüssel vom Schlüsselbrett gezerrt hatte aus der Wohnung.
Beim Abschließen seines Fahrrads bekam er natürlich den Schlüssel erst nicht ins Schloss und dann ließ er sich nicht drehen. Thiel fluchte vor sich hin, bis es endlich ging und er sich auf sein Rad schwingen konnte.
Warum machte Boerne sowas immer? Und warum liebte Thiel ihn trotzdem? Oder vielleicht gerade deswegen. Verdammte Scheiße! Er würde Thiel noch in ein frühes Grab bringen. Thiel war schnell außer Atem, weil er versuchte so schnell es ging anzukommen. Er war sauer. War er immer wenn Boerne sowas machte. Und Boerne würde ihn später wieder um den kleinen Finger wickeln, wie er es immer tat. Weil Thiel den großen grünen Augen einfach nicht widerstehen konnte.
Thiel schmiss sein Fahrrad in die Ecke, er kümmerte sich nicht darum, es anzuschließen, wenn es nachher geklaut war, würde er es natürlich bereuen, gerade achtete er aber nicht darauf.
Frau Haller stand in der Tür der Burschenschaft und winkte ihm aufgeregt zu.
"Sie kämpfen schon!" rief sie und Thiel rannte auf sie zu. "Kommen Sie."
Sie lief vor und Thiel folgte ihr. Er hörte die Degen schon gegeneinander knallen. Dann bogen sie um die Ecke und er sah Boerne, gut eingepackt, aber offensichtlich nicht gut genug, denn ihm lief Blut über die Wange.
"Boerne!" rief er. Alle drehten sich zu ihm. Die Kämpfer hielten inne.
"Misch dich nicht ein, Frank!" rief Boerne. Das konnte er doch nicht ernst meinen.
Thiel drängelte sich durch die Menge und packte Boerne am Arm.
"Mitkommen!" befahl er mit strenger Stimme. Wie erwartet schaffte es Boerne nicht ihm zu widersprechen und folgte ihm, stolpernd aus dem Raum.
"Glaub mir, ich wäre mit Ergebnissen wiedergekommen", beteuerte Boerne, während er Thiel hinterher stolperte.
Die Tür ging hinter ihnen zu und sie waren alleine mit Frau Haller, die ihnen gefolgt war. Thiel zerrte ihn weiter, bis sie draußen waren, dann drehte er sich zu Boerne um. Das Blut lief immer noch langsam, seine gesamte Wange war Blut überströmt.
Thiel seufzt.
Und da war er, der Welpenblick. Aus dem blutenden Gesicht. Wer könnte da noch sauer sein?
Man schrie ja auch einen blutenden Welpen nicht an, man half ihm. Thiel wühlte ein sauberes Taschentuch aus seiner Hosentasche und legte seine andere Hand in Boernes Nacken. Er fing sanft an, Boerne das Blut aus dem Gesicht zu wischen.
"Was machst du immer für'n Scheiß?" fragte er.
"Ich schwöre, das hätte uns den nötigen Hinweis gegeben", beteuerte Boerne.
"Das muss bestimmt genäht werden", sagte Thiel und lehnte seine Stirn gegen die Stirn von Boerne.
"Das kann Alberich machen", antwortete Boerne. Fand Thiel jetzt nicht so überzeugend, aber er konnte Boerne vermutlich nicht ins Krankenhaus zwingen. Da würde er auch ewig warten.
"Ich hasse dich", sagte Thiel, müde.
"Ich liebe dich auch", antwortete Boerne.
Thiel grummelte und stellte sich auf Zehenspitzen, um ihn zu küssen.
"Jetzt geh dich umziehen und ich fahr dich zurück in deinen Leichenkeller", sagte Thiel. "Und wehe, du versuchst weiter zu kämpfen."
Boerne lehnte sich zu Thiel und flüsterte, so dass Frau Haller es nicht hörte: "Warum? Versohlst du mir sonst den Hintern?"
"Nee, das magst du ja. Und jetzt geh!"
Und damit verschwand Boerne. Er kam kurz darauf in seinem Anzug wieder. Die Wange hatte etwas nach geblutet und etwas Blut war auf dem weißen Hemd gelandet.
Immerhin war er vernünftig genug, jetzt keinen Streit zu suchen und hielt Thiel wortlos die Autoschlüssel hin. Sein Rad hatte Thiel angeschlossen, er würde es später holen.
