Work Text:
Wie jeden Tag wurde Basti vom künstlichen Sonnenlicht geweckt. Und wie jeden Morgen war sein erster Gedanke, wie sehr er es vermisste, von der echten Sonne geweckt zu werden.
Doch echtes Licht, durch echte Fenster, war zu auffällig.
Nur der Container und die verfallene Straße. Das war die Anweisung. Das war, was er festgelegt hatte.
Sein zweiter Gedanke war, dass Zombeys Geruch - eine Mischung aus seinem Aftershave und seinem Deo - ihm in die Nase stieg und seine Arme noch immer fest um ihn lagen.
Wenn Zombey sonst nicht schon weg war, bevor er aufwachte, wachten sie trotzdem selten so auf, wie sie am Abend eingeschlafen waren.
Die Träume ließen ihn unruhig schlafen.
Es war besser, als wenn er allein war. Er schreckte nicht mehr jede Nacht auf, seit Zombey neben ihm lag. Doch erholsam waren seine Nächte oft trotzdem nicht.
Er sollte aufstehen. Ohne zu zögern.
Jede Sekunde im Safe gefährdete Koffer und Ei unnötig. Beides war sicherer, wenn er es bei sich hatte.
Doch trotzdem konnte er sich nicht dazubringen, sich aus Zombeys Armen zu lösen.
Viel zu selten hatte er die Gelegenheit ihn zu beobachten, wie er friedlich dalag.
Die langen Wimpern, die sich dunkel von seiner warmen Haut abhoben, die langen Haare, etwas verstrubbelt, doch trotzdem weich wie Seide, seine Nase, etwas krumm, doch perfekt für sein Gesicht und seine Lippen, zu einem entspannten Lächeln verzogen.
Sie hatten viel zu wenig Zeit.
Gestern war Zombey erst spät in der Nacht gekommen - er war noch mit Tamina unterwegs gewesen - und trotzdem hatte Basti ihn noch über eine halbe Stunde warten lassen müssen.
Der fatale Start von 0R1 und das Erscheinen von 4f7269 hatten seinen Aufenthalt in der Basis zwar verlängert, aber beanspruchten auch einen viel größeren Teil seiner Zeit.
So wie es sein sollte, sagte er sich.
Es tat nichts zur Sache, dass er Zombey deswegen nur wenige Minuten gesehen hatte, bis er erschöpft eingeschlafen war, in seinen Armen.
Es tat nichts zur Sache, dass alles in ihm kribbelte, wenn er ihn ansah.
Dass er für immer hier liegen bleiben wollte, bis Zombey die Augen öffnete und dann weiter, ohne an ihre Verpflichtungen denken zu müssen.
Es tat nichts zur Sache, dass er in ihn verliebt war.
Denn nichts ist so wichtig wie der Koffer.
ORI muss beschützt werden.
Um jeden Preis.
Denn alles hier war eine Illusion, die mit den Augen beginnt und im Kopf endet.
Wie alles, das im ersten Hauptquartier von ORI passierte.
Auch das in seinem Schlafzimmer.
Das keiner kannte - nicht einmal Nooreax - außer ihm… und Zombey.
Egal wie sehr er hier sein wollte, ohne die Verantwortung:
Gerade war er ORI, für alle hier, war er der Koffer, alles was geschützt werden musste, oder alles, das besiegt werden musste.
Außer für Zombey.
Für Zombey war er einfach nur Basti.
Innerlich verfluchte er sich.
Zombey war nur eine Phase. ORI war sein Leben.
Vorsichtig löste er sich aus Zombeys Armen und rutschte aus dem Bett.
Schnell überprüfte er, ob er ihn geweckt hatte, doch Zombey schlief weiter. Lediglich seine Stirn hatte sich gerunzelt und Basti redete sich ein, dass er einfach nur schlecht träumte.
Er sollte nicht leiden, noch weniger wegen ihm.
Leise drehte er sich weg und betrat sein Ankleidezimmer.
Er wollte Zombey nicht verletzen.
Schnell schlüpfte er aus seinem T-Shirt und nahm ein perfekte gebügeltes Hemd von der Stange.
Doch er würde es wohl unweigerlich tun.
Denn am Ende ging er, wenn seine Mission getan war. Und Zombey bleib zurück. Im Gedanken, dass er für Basti nur ein Zeitvertreib gewesen war.
Weil er ihn das glauben lassen würde, obwohl es nicht ferner von der Realität sein könnte.
Er tauschte seine Schlafhose gegen die schwarze Anzughose und führte einen Gürtel durch die Schlaufen.
ORI war sein Leben. ORI war alles.
Zombey musste nichts sein, auch wenn er es schon lang nicht mehr war.
Er steckte sein Hemd in die Hose und warf sich die Weste über.
ORI musste wieder seine Priorität werden.
Routiniert knüpfte er seine Krawatte in einen ordentlichen Windsorknoten und knöpfte dann die Weste darüber.
Zombey musste seine Nacht bleiben, durfte nicht sein Morgen werden.
Sein Egoismus musste hinten anstehen.
Gewissenhaft kämmte er seine Haare in einen ordentlichen Seitenscheitel, bevor er sein Jackett überwarf und die Schranktür aufdrückte, hinter der der Safe zum Vorschein kam.
Wie immer steckte er den Schlüssel ins Schloss und drehte ihn einmal. Dann gab er die Kombination auf dem Tastenfeld ein. 1 - 2 - 1 - 0 - 9 - 2.
Es klickte und er drehte den Schlüssel ein zweites Mal.
Es klickte erneut. Er legte seine Hand auf den Griff, wartete auf das Leuchten unter seinen Fingern und das letzte Klicken, bevor er den Safe aufzog.
Das Drachenei leuchtete ominös und gefährlich. Warf scharfe Schatten auf den Koffer neben ihm.
Ein Schauer durchfuhr Basti, als er danach griff. Die Macht des Eis drang in jede Faser seines Körpers, brannte vertraut in seinen Adern.
Vorsichtig verstaute er es und spürte wie seine Aura sich auf ihn übertrug, dann griff er den Koffer.
Sofort kettete er ihn an sein Handgelenk, nur dort war er sicher.
Er schloss den Safe und den Schrank, warf einen letzten Blick in den Spiegel, musterte die scharfen Kanten des Anzugs und der Schatten in seinem Gesicht.
Er sah aus wie ein anderer Mensch. Er war nicht mehr Basti, er war ORI.
Die Rose, die noch immer auf der Ablage vor dem Spiegel lag, schrie ihn an. Doch er nahm sie trotzdem und steckte sie in das oberste Knopfloch seines Jacketts.
Er war ORI.
Bis heute Abend, bis Zombey in seinem Schlafzimmer auf ihn wartete.
Gewaltsam riss er sich von dem Gedanken los und verließ sein Ankleidezimmer.
Das Bett war leer.
Bastis Herz stach.
Zombeys Mantel war vom Schreibtischstuhl verschwunden.
Und Bastis Herz wünschte sich ihn zurück.
Doch er ließ es nicht.
Er war ORI.
Er war der Koffer.
Zombey war ein Zeitvertreib.
ORI. Um jeden Preis.
Er musste Zombey zurückstecken. Das große Ganze im Auge behalten.
Zombey war nur ein Niemand.
Zombey war der Mann, den er liebte.
