Actions

Work Header

Ablenkungsmanöver

Summary:

Alex weiß nicht so richtig, warum es sich gut anfühlt, wenn Sarah sie als "Freundin" bezeichnet. Sie weiß auch nicht, wann genau sie angefangen hat, in ihrem Kopf über sich selbst als 'sie' zu denken. Sie weiß nur: Wenn Sarah sie so ansieht, dann ist das wahr. Und gut. Und okay, vielleicht ist Alex einfach mega betrunken, aber jetzt liegt sie hier neben Sarah und irgendwie muss das alles doch irgendwas bedeuten, oder?

Notes:

Okay hallo hi, ich schreibe anscheinend Fanfic über eine 14 Jahre alte deutsche Rom Com haha ups. Es ist nur einfach so, dass ich nicht immun bin - jedes Mal, wenn ich diesen Film sehe (ja, das ist oft), denke ich, damn. Diese Story, wenn Alex irgendwann checken würde, dass sie trans ist. Vielleicht hat ja irgendwer ähnliche Gedanken, darum hier. Bitte schön. Liebe Grüße!

Work Text:

Es ist wie ein warmer Schauer, der Alex vom Nacken die ganze Wirbelsäule entlang herunterrieselt.

" ... nur so unter uns, von Frau zu Frau, ..."

"Das ist Alex, sie dreht grade mit mir diesen Film ..."

"Ich bin so froh, dass du meine Freundin bist."

Freundin. Das ist so ... ach, Alex weiß auch nicht. Zuerst hat sie gedacht, es ist, weil diese Wörter sie ertappt fühlen lassen – irgendwie schuldig eben, weil sie jemanden hinters Licht führt, der es nicht verdient. Erst später ist ihr aufgefallen, dass sie angefangen hat, von sich selbst im Kopf als 'sie' zu sprechen. Obwohl sie da niemandem was vormachen muss. Sie. Frau. Freundin.

Wenn Sarah sie so anschaut, dann ... fühlt das sich irgendwie gut an. So hat sie Alex nicht angeschaut davor, als Mann. Klar, das war anders, und inzwischen weiß Alex, dass es für Sarah keine gute Zeit war, kurz nach der Trennung und all das, aber. Trotzdem. So, wie Sarah Alexandra anschaut, das würde Alex für kein Geld der Welt eintauschen für das Davor.

Und jetzt liegen sie hier, so betrunken, dass sich ihnen der Kopf dreht, Jörg in die Flucht geschlagen, von Thomas kein Sterbenswörtchen, und Sarah hält sich an Alex' Hand fest als könnte sie nicht loslassen. Alex ist sich nicht sicher, ob sich alles dadurch weniger oder noch mehr dreht.

Für einen Moment vergisst Alex, dass sie Angst haben sollte. Wachsam sein sollte. Die Lippen zusammenpressen sollte, um kein falsches Wort zu sagen, unauffällig prüfen, ob alles noch sitzt. Sie vergisst und hält Sarahs Hand und hört sie neben sich atmen und es ist, als wäre sie zum ersten Mal in ihrem Leben verliebt. Hier liegen sie, und die Welt könnte draußen untergehen, Alex wäre alles egal.

Und dann fragt Sarah: "Du ...? Aber der Jörg, das ist doch ... also, der ist doch ein echt Netter."

"Mhm", macht Alex. An Jörg möchte sie gerade wirklich nicht denken.

"Aber", fährt Sarah langsam fort, der Alkohol in ihrer schleppenden Stimme deutlich zu hören, "du meinst das doch nicht ernst mit ihm, oder? Weil du ihn doch so geküsst hast."

Alex verzieht das Gesicht bei dem Gedanken. Bestimmt nicht der Höhepunkt dieses Abends. "Nein, Quatsch."

"Okay gut." Sarah klingt irgendwie erleichtert. Und Alex hofft schon, dass das Thema damit erledigt ist, aber Sarah schiebt nach: "Weil ... manchmal küsst man Leute eben einfach so, oder? Ohne, dass es was zu bedeuten hat?"

"Jaaa ..." Alex dehnt das A so lange aus, dass es mehr wie eine Frage klingt. Irgendwie fühlt sie sich, als würde sie in eine Falle tappen.

Und da schnappt sie auch schon zu. "So, wie du mich geküsst hast, neulich."

Alex schnappt nach Luft. Würde sie nicht liegen, wäre nicht alles im Wanken vom Alkohol in ihrem Blut, dann würde sie sich jetzt vielleicht aufsetzen, ein wenig Platz zwischen sie und Sarah bringen. So schafft sie es nicht mal, ihre Hand aus Sarahs zu lösen, obwohl die plötzlich sehr schwitzig ist. Sarah drückt mit ihren Fingern Alex' Handrücken – um sie zu beruhigen oder um sie festzuhalten, das kann Alex nicht sicher sagen.

"Ja, also, ...", beginnt Alex schließlich, viel zu spät, wie sie findet. Und dann hat sie keine Worte, um den Satz zu Ende zu bringen, also starrt sie nur an die Decke und fühlt sich wie ein gestrandeter Fisch.

Sarah lässt nicht locker. "Ich frage ja nur, weil ... ich bin ja auch nicht von gestern oder so, nur vielleicht komm ich da nicht ganz mit. Erst küsst du mich, dann küsst du Jörg. Ist das irgendwie bisexuell, oder was?"

Alex presst die Augen zusammen und wünscht sich, sie würden über was anderes reden. Sie hätte Jörg nicht küssen sollen. Sie hätte Sarah nicht küssen sollen, nicht so, nicht einfach so. "Eigentlich ... eigentlich steh ich nur auf Frauen", bringt sie endlich über die Lippen.

"Echt?" Sarah dreht sich zur Seite und stützt sich auf ihrem Ellenbogen auf. Alex' Hand lässt sie immer noch nicht los. "Dann bist du lesbisch? Aber du meintest doch in Hamburg zu mir, du hattest einen Freund?"

Vorsichtig macht Alex die Augen auf und schielt zu Sarah rüber. Sie sieht nicht kritisch aus, nicht urteilend, nur neugierig. Fast zufrieden. Denkt zumindest Alex, auch wenn sie nicht richtig schlau aus Sarahs Gesichtsausdruck wird. Zögernd beginnt Alex: "Ich hab gelogen, tut mir leid. Ich wusste nicht, wie ..." Sie weiß immer noch nicht, wie. In diesem Moment will sie alles ausspucken, was zwischen ihnen steht. Dieses Geheimnis, diese Lüge, das will raus. Seit Tagen schon – sie will Sarah nichts mehr vormachen, will, dass wenigstens sie weiß, wer Alex wirklich ist. Wenn nur Alex gerade wüsste, wer sie wirklich ist.

Stattdessen sagt sie nur, was wirklich wahr ist. "Maike. So heißt meine Ex-Freundin. Ich hab sie vorher im Club gesehen und naja, ich hab Schiss gehabt, dass sie mir eine Szene macht – nur deshalb hab ich den Jörg geküsst. Quasi als Ablenkungsmanöver."

"Oh", haucht Sarah. Ihre Augen funkeln. Sie ist in diesem Moment so schön, dass Alex auf der Stelle schmelzen möchte. "Ich verstehe." Und dann dreht sie sich wieder auf den Rücken, schließt die Augen und seufzt wohlig. So, als hätte sie nicht gerade mit ein paar Fragen Alex den Boden unter den Füßen weggezogen.

Alex sinkt so tief in die Kissen, wie sie nur kann.

Lesbisch. Lesbisch. Lesbisch.

Noch so ein Wort, das ihr wie warmer Honig die Wirbelsäule runterläuft. Wenn nur die Welt sich ein bisschen weniger drehen würde, ihr Kopf ein bisschen klarer wäre, dann könnte Alex jetzt vielleicht nach irgendetwas greifen, was bleibt. Dann könnte sie sich an den Worten entlanghangeln, die ihr Sarah gibt und daraus etwas bauen. Oder aufdecken. Keine Ahnung, wie das alles funktioniert. So kann sie nur hier liegen, Sarahs Hand immer noch wie ein Anker in ihrer, und ihr Herz bis zum Hals schlagen lassen.

Sie sagen beide nichts mehr. Als Sarahs Atem langsam ruhiger wird, beruhigt sich auch der von Alex. Vielleicht ist es okay so. Vielleicht passiert das Unwahrscheinliche, das fast Unmögliche, und Alex kommt irgendwie heil aus dieser ganzen Sache heraus. Vielleicht haut Sarah nicht ab, so wie Alex es an ihrer Stelle wahrscheinlich tun würde, vielleicht hält sie einfach weiter und weiter ihre Hand und vielleicht, denkt Alex, als sie die Augen schließt, vielleicht ist es gut so.

Und dann haucht Sarah, die Stimme schon schwer vom Schlaf, der über sie beide rollt: "Nächstes Mal, wenn du eine Ablenkung brauchst, könntest du ja einfach mich küssen."