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Language:
Deutsch
Collections:
Münstual-Wichtel-Aktion 2025
Stats:
Published:
2025-12-13
Words:
5,892
Chapters:
1/1
Comments:
10
Kudos:
24
Bookmarks:
4
Hits:
73

Von kleinen und großen Weihnachtswundern

Summary:

Die alljährliche gemeinsame Weihnachtsfeier der Münsteraner Mordkommission und Rechtsmedizin ist auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg. Nur zwei Herren scheinen lieber woanders sein zu wollen. Aber im Zweifelsfall kann man da ja noch ein bisschen "nachjustieren".

Notes:

Liebe miekelele,
ich hoffe, diese kleine Geschichte trifft deinen Geschmack und dass ich deine Wünsche gut umsetzen konnte.
Ich wünsche dir (und allen anderen, die das hier lesen) wundervolle Weihnachten! <3

Work Text:

Die gemeinsamen Weihnachtsfeiern der Münsteraner Mordkommission und Rechtsmedizin waren über die Jahre stets ein Erfolg und ein Garant guter Stimmung gewesen. Es war die Zeit im Jahr, in der für wenige Stunden der trübe und anstrengende Alltag hinter sich gelassen wurde - zumindest für die Menschen, die nicht das Pech hatten, über die Weihnachtsfeiertage Bereitschaft zu haben. 

Auch in diesem Jahr war die Stimmung ausgelassen. Glühwein wurde ausgeschenkt, selbstgebackene Kekse verzehrt und Weihnachtsmusik lief im Hintergrund, während fröhlich miteinander geplaudert und getanzt wurde. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und die Kolleginnen und Kollegen freuten sich auf gemütliche und besinnliche Feiertage im Kreise der Familie. Oder auch schlicht auf ruhige, freie Tage. 

He's making a list and checking it twice

He′s gonna find out who's naughty and nice

Santa Claus is coming to town

“Na, Frau Klemm. Waren wir denn auch artig dieses Jahr? Oder gibt’s dieses Jahr wieder ein Stück Kohle?” 

Der Todesblick, mit dem Mirko Schrader bei diesen Worten bedacht wurde, ließ ihm die Knie schlottern. Und die Glühweinmenge an diesem Abend überdenken. Auch Silke Haller schaute geschockt zu ihm hoch und fürchtete um das Leben ihres Freundes. 

“Was soll’n das heißen?!”

“Äh… also… Wenn man unartig ist, bekommt man ein Stück Kohle zu Weihnachten. Also, statt eines Geschenks.” Schrader grinste stolz, doch das Grinsen löste sich sofort wieder auf, als die Staatsanwältin ihre Augen noch weiter zusammenkniff. 

“Finden Sie etwa, ich war unartig, Herr Schrader?” Beim Klang ihrer Stimme lief es dem Kriminalassistenten eiskalt den Rücken herunter und auch die kleine Rechtsmedizinerin neben ihm spürte direkt die veränderte Atmosphäre im Raum.

“Ja, also, äh…” Schrader stotterte und lockerte seinen Kragen. “Ganz schön heiß hier, oder? Vielleicht sollten wir mal das Fenster öffnen?”

“Nun?” Frau Klemm zog eine Augenbraue hoch und kam ihm näher. Ihre grüngrauen Augen waren kaum noch zu erahnen, so weit waren sie bereits zusammengekniffen.

“Nun, ja… Ihnen eilt ja schon ein… äh… gewisser… äh… Ruf… voraus.”

“Ach, ist das so, ja?” Die Staatsanwältin trat noch einen Schritt näher an ihn heran, während Schrader entschuldigend mit den Schultern zuckte.

“Aber da machen wir uns ja nichts draus… Ich finde, Sie sind eine ganz tolle Frau. Und Sie haben so viel erreicht, auf das Sie stolz sein können. Ja, wirklich! Ich meine, was wären wir hier denn auch schließlich ohne Sie? Also, ich will mir das ja gar nicht vorstellen, so ohne Sie hier. Artig kann ja auch jeder. Das ist doch-”

“Schrader!”

“Äh, ja, Frau Klemm?”

“Sparen Sie sich Ihre Luft und holen Sie uns lieber nochmal ‘ne Tasse Glühwein. Der is’ schon wieder leer.” Kurz darauf drückte sie ihm auch schon ihre leere Glühweintasse in die Hand und - nachdem sie sich vergewissert hatte, dass auch Frau Hallers Tasse leer war - drückte sie ihm kurzerhand auch die in die Hand. 

Als Schrader sich schließlich mit hochrotem Kopf entfernte, konnte die Rechtsmedizinerin ihr Lachen nicht mehr zurückhalten, in das Frau Klemm schnell einstimmte. 

“Mein Gott, der is’ aber auch leicht aus der Fassung zu bringen. Das werd’ ich ja schon fast ein bisschen vermissen.”

Grinsend schüttelte Frau Haller den Kopf, als sie Schrader hinterherblickte. “Er ist ein wirklich lieber Kerl und ich mag ihn sehr, aber manchmal nimmt er dann doch das eine oder andere Fettnäpfchen mit. Sie haben es ihm gerade aber auch wirklich nicht leicht gemacht.”

Die Mundwinkel der Staatsanwältin hoben sich zu einem verschmitzten Grinsen. “Kann ich nichts ‘für.” Dann beugte sie sich zu der Rechtsmedizinerin herunter. “Das Unartige liegt mir eben im Blut.” Frau Haller kicherte.

Frau Klemm richtete sich wieder auf und sah sich im Raum um. Ihr Blick schweifte über die Menschen, die hier so ausgelassen zur Weihnachtsmusik tanzten. Auch die Dekoration der Räumlichkeiten erzeugte eine wunderbar besinnliche Atmosphäre, die durch die dezente Beleuchtung der Lichterketten nur noch verstärkt wurde. “Das ist wirklich wieder eine schöne Feier, die Sie hier auf die Beine gestellt haben, Frau Haller.” 

“Ach, das war ich ja nicht allein”, winkte Frau Haller ab. “Mirko hat mir glücklicherweise geholfen. Das hätte ich ja gar nicht alles allein schaffen können neben der Arbeit.”

“Apropos Arbeit, was ist denn schon wieder mit den beiden los?” Die Staatsanwältin nickte in Richtung der anderen Ecke des Raumes. Frau Haller folgte ihrem Blick und seufzte, als ihr klarwurde, worauf Frau Klemm hinauswollte. 

In der Ecke standen die einzigen beiden Menschen, die sich so gar nicht zu amüsieren schienen. Normalerweise hingen die beiden stets aufeinander. Wo der eine war, war der andere meist nicht fern. Im Prinzip wohnten sie sogar zusammen, wenn man das nicht im engeren Sinne betrachtete. 

Ernie und Bert. Holmes und Watson. Pech und Schwefel. Oder schlicht und einfach Boerne und Thiel. 

Doch vor einigen Tagen hatte sich etwas zwischen ihnen verändert, was nicht zuletzt auch Silke Haller mitbekommen hatte, schließlich war sie ja auch Professor Boernes Assistentin. Sein besseres Viertel, wenn man so wollte. Sie kannte ihn seit nun mehr über zwanzig Jahren, arbeitete fast täglich mit ihm zusammen. Sie spürte, wenn etwas in ihm vorging - was nicht besonders schwer war, denn in diesen Momenten war er mitunter außergewöhnlich still. In all den Jahren hatte sie es schon häufig erlebt, dass er schweigsam war. Es kam auch nicht allzu selten vor, dass er sich über irgendwas aufregte oder sich auf den Schlips getreten fühlte. Meist legte sich das aber schon nach wenigen Stunden wieder, nur in seltenen Fällen bedurfte es mehrerer Tage, bis er sich wieder gefangen hatte.

Aber das hier war anders, insbesondere, weil es nicht nur den Professor betraf. Auch Thiel verhielt sich seit Tagen merkwürdig, wie ihr Mirko erzählt hatte. Der sowieso schon wortkarge Hauptkommissar schien geradezu unbeteiligt und Mirko hatte ihn so schon das eine oder andere Mal aus seinen Gedanken reißen müssen. Diese unbeteiligte Art ging sogar so weit, dass er nicht mal mehr irgendwelche Leute anblaffte. Das war anfangs zwar eine schöne Abwechslung für den Kriminalassistenten, aber nach einiger Zeit war er dann doch irritiert. Das war eben nicht der Hauptkommissar, den er kannte. 

Am schlimmsten verhielten sich die beiden aber, wenn sie aufeinandertrafen. Sie wichen den Blicken des anderen aus; sprachen nur das Nötigste miteinander. Irgendwann waren sie sogar dazu übergegangen, ihre Worte im Beisein des anderen an die Rechtsmedizinerin zu richten, obwohl sie mit diesen Gesprächen überhaupt nichts zu tun gehabt hatte. Natürlich war sie nach nur wenigen Augenblicken kopfschüttelnd in ihr Büro gegangen und hatte die Herren allein zurückgelassen.

Heute war ihr Verhalten nicht anders. Sie wirkten beide etwas fehl am Platz zwischen all den fröhlichen Menschen und angeregten Unterhaltungen und schienen beide lieber woanders sein zu wollen. Auch wenn sie nicht direkt nebeneinander standen, konnte man sehen, dass sie sich immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen, während sie an ihrem Glühwein nippten. Ihren unbeteiligten Mienen zufolge schienen sie die Gespräche um sie herum allerdings nicht im Geringsten zu interessieren.

Die Rechtsmedizinerin zuckte mit den Schultern. “Das wüsste ich auch gerne. Die sind schon seit Tagen so komisch. Stellen Sie sich vor, der Professor macht nicht mal mehr Witze auf Kosten meiner Körpergröße. Ich habe schon angefangen, die selbst zu machen.”

“Nee, ne? Der lässt sich dafür doch sonst keine noch so winzige Chance entgehen.” Als sie sich ihrer Wortwahl bewusst wurde, sah sie mit weit aufgerissenen Augen zu Frau Haller, bereit sich zu entschuldigen, aber der schien das nicht aufgefallen zu sein.

Frau Haller seufzte erneut. “Irgendwas muss da zwischen ihnen passiert sein, aber mit mir will er ja nicht darüber reden. Mirko hat es auch schon bei Herrn Thiel versucht, aber an ihn kommt er auch nicht heran.”

Kopfschüttelnd betrachtete Frau Klemm die beiden Männer, die sich zunehmend unwohl in ihrer Haut zu fühlen schienen. “Dieses Rumgeeiere muss ich jetzt seit mehr als zwanzig Jahren ertragen… Meine Güte. Das hätte es in meiner Generation ja nicht gegeben. Auf meiner letzten Weihnachtsfeier vor der Rente hätte ich mir ja gewünscht, dass die beiden Sturköpfe endlich mal die Augen aufmachen.”

“Aber Frau Klemm, Sie sind natürlich jederzeit herzlich willkommen bei uns, auch wenn Sie hier nicht mehr arbeiten. Sie wären hier unser Ehrengast!”

Die beiden Frauen drehten sich zum Kriminalassistenten um, der mit dem Glühwein zurückgekommen war. Er hielt ihnen die Tassen hin und strahlte die Staatsanwältin dabei ganz besonders an. 

“Wie überaus großzügig von Ihnen, Herr Schrader!”

Schrader strahlte bis über beide Ohren. Sarkasmus zählte offensichtlich nicht zu seinen Stärken. “So bin ich!”

Frau Haller musste sich erneut das Lachen verkneifen und senkte ihren Blick in ihre Tasse, während die Staatsanwältin ein Grinsen nicht gänzlich unterdrücken konnte. Dann kniff sie allerdings die Augen zusammen und konzentrierte sich wieder auf die Herren auf der anderen Seite des Raumes. “Und was ist das da, was da über dem Professor hängt?”

“Ah, das ist ein Mistelzweig. Ich dachte mir, das könnte vielleicht ganz nett werden. Je nachdem, wer unter ihm steht.” Silke grinste verschwörerisch. 

Das Grinsen entging auch der Staatsanwältin nicht. Sie stimmte ein. “Frau Haller, Sie denken da doch nicht etwa an jemanden bestimmtes, oder?” 

“Ich? Niemals. Wo denken Sie hin!” Frau Haller fasste sich gespielt erschrocken ob dieser Anschuldigung an die Brust, doch dann mussten sie beide lachen. “Mirko hat mir geholfen, den da aufzuhängen. Und ihm haben wir es auch zu verdanken, dass sie immerhin schon in der Nähe des Mistelzweigs stehen.”

Schrader seufzte. “Tja, nur leider noch nicht nah genug. Immerhin steht Boerne ‘drunter. Ich fürchte, näher werden wir die beiden an diesem Abend auch nicht näher zusammenrücken können.” Enttäuscht zuckte er mit den Schultern, die kleine Rechtsmedizinerin neben ihm stimmte ein. “Schade, aber ein Versuch war es wert.”

Erst nach einigen Sekunden bemerkten die beiden, dass die Staatsanwältin sie mit zusammengekniffenen Augen musterte, fast so, als würde sie über etwas nachdenken. “Sie wollen doch wohl nicht jetzt schon die Flinte ins Korn werfen. Da muss man doch nur noch ein bisschen nachjustieren…”

Verwirrt schauten sich die beiden Assistenten an und sahen dann wieder zu ihr. Aber noch bevor sie etwas sagen konnten, machte sie sich bereits auf den Weg - deutlich torkelnd in Richtung Thiel.

“Frau Klemm? Was haben Sie vor?”, rief ihr Schrader noch hinterher.

“So kann ich nicht in Rente gehen!”

Das, was sich ihnen als nächsten darbot, war an schauspielerischer Leistung kaum zu übertreffen. Hätten sie nicht gewusst, wie viel die Staatsanwältin an diesem Abend bereits getrunken hatte, hätten sie im Leben nicht vermutet, dass es erst anderthalb Tassen Glühwein waren. Der Zusammenstoß mit Thiel, der sie kurz darauf sicherlich eher unabsichtlich einen Teil ihres Glühweins kostete, wirkte nach außen hin sicher wie ein mehr oder weniger größeres Missgeschick. Aber doch keineswegs so, als wäre es geplant gewesen. Sowas passierte doch früher oder später auf jeder Feier. Dass dieses Missgeschick ihn obendrein in die Arme des Rechtsmediziners, war nun wirklich einfach dem Zufall zu verdanken. Niemand würde dahinter eine absichtliche Handlung vermuten. 

“Hoppala, Thiel, das war jetzt aber auch wirklich ungeschickt von mir. War wohl’n bisschen viel Glühwein für mich heute. Na, aber immerhin hat Sie Ihr Rechtsmediziner noch auffangen können.”

Verdutzt schaute der Hauptkommissar zur Staatsanwältin, die ihn entschuldigend ansah - er konnte ja schließlich nicht ahnen, dass ihr bedauernder Blick wohl eher ihrem verschüttetem Glühwein galt - und wurde sich erst dann der starken Arme bewusst, die ihn hielten. Mehr als deutlich nahm er jetzt auch das Aftershave wahr, das so unverkennbar teuer roch und das er unter tausenden würde wiedererkennen können. Er hatte sich nie viele Gedanken über Düfte oder Gerüche gemacht, aber dieser Duft war schon seit Jahren in seinen Synapsen fest verknüpft mit dem Bild des Professors. Selbst wenn er keine Ahnung hatte, was das überhaupt für ein Aftershave war. Es roch eben nach Boerne.

Perplex richtete er seinen Blick jetzt nach oben und sah in die ebenso überraschten und grünen Augen Boernes. Der ihn noch immer in den Armen hielt. Warum ging sein Herz denn plötzlich so schnell? Thiel hatte doch erst einen halben Glühwein getrunken. Der schmeckte heute ohnehin anders als sonst und er hatte den ganzen Abend mehr oder weniger abwesend daran genippt. 

Boerne kniff die Augen zusammen, räusperte sich. “Nun passen Sie doch auf, Frau Staatsanwalt!” 

Bildete Thiel sich das ein oder zitterte seine Stimme? Aber das konnte ja nicht sein. Doch nicht bei Boerne. Aber warum war sein Blick dann immer noch auf ihn fixiert, als er sprach, und richtete sich erst kurz darauf auf die Staatsanwältin, die hinter Thiel stand? Erst nach einigen weiteren - furchtbar langen und gleichzeitig paradoxerweise zu kurzen - Sekunden, schien Boerne zu merken, dass er ihn noch immer festhielt und ließ ihn abrupt los, bevor er sich wieder räusperte. 

Thiel räusperte sich ebenfalls und zuckte unbeholfen mit den Schultern. “Ja, äh… Das war ja jetzt blöd.” 

“War ja nicht Ihre Schuld, Thiel.”

“Nee.”

Und damit hatte sich das Gespräch auch schon wieder. Schweigend standen sie so nebeneinander und wichen den Blicken des jeweils anderen aus. 

Sie bemerkten nicht, wie Frau Klemm neben ihnen geradezu laut die Augen verdrehte und einen ungeduldigen Laut ausstieß, der auch am anderen Ende des Raumes zu hören war. Überhaupt schienen sie gar nichts um sie herum wahrzunehmen. So war es auch nicht verwunderlich, dass Boerne zusammenzuckte, als seine Assistentin ihm laut zurief, dass sie beide unter dem Mistelzweig standen. 

Ihre Worte erreichten ihn erst einige Sekunden später. Irritiert schaute er nach oben und tatsächlich: Direkt über ihnen prangte dieses unleidliche grüne Gestrüpp, dessen Brauch - sehr zu seinem Missfallen - auch seinen Weg auf diese Weihnachtsfeier gefunden hatte. Boerne schüttelte den Kopf. Erst dann schien ihm die tiefere Bedeutung hinter den Worten seiner Assistentin klar zu werden, auf die er unter normalen Umständen große Stücke hielt - überdurchschnittlich große im Vergleich zu ihrer Größe. Er riss die Augen auf und starrte sie an.

“Alberich! Ich glaube, das reicht für Sie jetzt aber mit dem Glühwein. Der scheint Ihnen ja jetzt schon völlig zu Kopf gestiegen sein. Aber viel braucht es dafür ja auch nicht.”

Seine Assistentin grinste süffisant. “Och, Chef. Machen Sie sich um mich mal keine Sorgen. Ich bin ja schon groß… genug. Aber Sie werden sich doch hier nicht vor weihnachtlichen Bräuchen verschließen, oder?”

“Ich verschließe mich nicht vor irgendwelchen Bräuchen! Aber das bedeutet ja nun nicht, dass ich mich an jedem Kinkerlitzchen beteiligen muss, schließlich habe ich ja auch noch einen Ruf zu verlieren. Und auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind, bin ich mir doch sicher, dass mir Herr Thiel in dieser Hinsicht zustimmen wird, nicht wahr?” Selbstgefällig und überzeugt von dem, was er sagte, drehte er sich zu dem Mann neben ihm, der ihm noch eben in den Armen lag. Das stellte sich schnell als Fehler heraus, als er direkt in blaue Augen sah. Er musste schlucken und vergaß für einen Moment, wo und wann er sich befand. 

“Äh, jo”, kam es heiser von Thiel, der sich ebenso in den Augen des Professors verlor.

Erst Mirkos beherztes “Küssen, Chef!”, riss den Hauptkommissar aus seiner Starre. Erbost drehte auch er sich zu seinem Assistenten, wie Boerne zuvor bei Frau Haller. “Mirko!”

Thiel spürte, dass der Professor ihn noch immer von der Seite musterte, aber er traute sich nicht, sich zu ihm zu drehen. Erst einige Sekunden später schien auch Boerne aus seiner Trance zu erwachen. 

“Genau, Herr Schrader! Also, was erlauben Sie sich hier denn eigentlich!”

Frau Klemm seufzte theatralisch neben ihnen. “Sehen Sie, Frau Haller, Herr Schrader. Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, dass die Herren sich niemals unter dem Mistelzweig küssen würden. Davor haben die doch viel zu viel Angst.” Gequält winkte sie ab. “Nee, lassen Sie Ihr Geld mal stecken, Schrader. Unter den Umständen macht es ja nicht mal Spaß, ‘ne Wette zu gewinnen. Das Ergebnis war ja schließlich abzusehen.” Schrader sah sie zunächst verwirrt an, wusste er doch nichts von einer solchen Wette, setzte aber sofort eine enttäuschte Miene auf, als er einen Ellenbogen in der Seite spürte.

Die Köpfe der Herren schnellten zu der Staatsanwältin und sahen dann zwischen ihr und ihren Assistenten hin und her, die gerade bedauernd mit den Schultern zuckten. 

“Wie… äh… Sie haben… auf uns gewettet?!” 

Während Thiel noch mit offenem Mund zwischen der Klemm, Schrader und Frau Haller hin und her schaute, sog Boerne bereits entsetzt die Luft ein. “Was soll das hier überhaupt heißen, wir hätten Angst?! Ein Professor Dr. Dr. Karl-Friedrich Boerne mag vieles sein, aber mitnichten ein Feigling!”

Frau Haller stellte ihre Tasse weg und verschränkte die Arme. Eine Augenbraue hob sich und ihre Mundwinkel formten sich erneut zu einem Grinsen. “Ach, ja? Warum küssen Sie sich dann nicht einfach?”

“Alberich, von Ihnen lasse ich mich hier ganz sicher nicht herumkommandieren. Was ist das überhaupt für ein Ton? Dass Sie mir hier nicht noch über Ihren Kopf wachsen… Aber, bitte. Wenn Sie denn so wollen. Ich habe nämlich überhaupt keine Angst davor, unseren werten Herrn Thiel hier zwecks dieses albernen Brauches zu küssen!” Boerne nickte mit Nachdruck, um seine Aussage noch einmal zu bekräftigen, drehte sich dann zu Thiel um und bevor er auch nur die Chance hatte, darüber nachzudenken, zog er ihn an sich heran und drückte seine Lippen auf die des Polizisten.

Hätte er auch nur eine Sekunde länger darüber nachgedacht und nicht bloß aus seinem verletzten Stolz heraus gehandelt, hätte er es vermutlich nicht getan. Irgendeine Ausrede wäre ihm schon eingefallen. Aber in dem Moment, als er die Lippen des anderen auf seinen spürte, vergaß er alles um sich herum. Das einzige, was er wahrnahm, waren seine Lippen. Warum waren die überhaupt so zart? Würde er sie nicht in diesem Augenblick spüren, hätte er es nie für möglich gehalten. 

Was zunächst mit einem wenig gefühlvollen Aufeinanderpressen der Lippen startete, wurde schnell zärtlich - besonders, als Boerne spürte, wie Thiel den Kuss erwiderte. Wie lange sie so dastanden, konnte er nicht sagen. Und es störte ihn nicht im Geringsten, auch mal etwas nicht zu wissen. 

Irgendwann lösten sie sich voneinander, sahen sich aber noch immer in die Augen. Ein halbherziges, geradezu heiseres “Bitteschön, Alberich” entwich Boernes Lippen, ohne, dass er sich von dem Blau vor ihm abwandte. Sie merkten nicht, wie die drei Leute, die sie gerade noch zu diesem Kuss genötigt hatten, sie mit offenen Mündern anstarrten.

“Hat hier jemand ein Taxi bestellt? Na, hier ist ja was los!”

Herbert Thiels flötende Stimme riss sie schlussendlich aus ihrer Starre und sie wandten sich blinzelnd voneinander ab und nahmen direkt auch Abstand zueinander. 

Thiel Junior räusperte sich mit deutlicher Röte im Gesicht. “Vaddern? Was… äh… machst du denn hier?”

Zielstrebig marschierte der Taxifahrer auf seinen Sohn zu und zuckte ein wenig zusammen, als er den auf ihn gerichteten Todesblick einer gewissen Staatsanwältin hinter diesem bemerkte. “Mensch, Junge. Das ist ja ‘ne tolle Party! Aber wieso siehst du aus, als hättest du gerade den Leibhaftigen gesehen?” Er beugte sich näher zu ihm herunter und fuhr mit leiser Stimme fort, während er die Staatsanwältin aus dem Augenwinkel betrachtete: “Und wieso guckt Wilhelmine schon wieder so? Ich hab’ doch nichts angestellt. Oder?”

Genervt schüttelte sein Sohn den Kopf und schob ihn zur Seite. “Vaddern, woher soll ich denn wissen, was du schon wieder verbrochen hast?!” Dann atmete er aus, senkte resigniert die Schultern und schielte zu Boerne, der ihn mit großer Vehemenz zu ignorieren schien. “Aber ich glaub’, ich werd’ mal. War nett, aber ich bin jetzt doch ein bisschen müde. Nimmst du mich mit?” Er bekam nicht mit, wie Boerne neben ihm zusammenzuckte und ein enttäuschter Ausdruck auf sein Gesicht huschte.

Thiel Senior wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als er auch schon von hinten am Arm gepackt wurde. “Ich fürchte, daraus wird leider nichts, Thiel. Herbert fährt jetzt nämlich erstmal mich ‘rum.”

Verdutzt sah er sie an. “Ach ja?”

“Ja!” Und damit zog sie ihn schon mit sich mit und von den anderen beiden weg.

Boerne räusperte sich. “Ja, ich denke, es wird jetzt auch für mich mal Zeit zu gehen. Einen schönen Abend noch.” Er nickte seiner Assistentin und Schrader zu, die geradezu geschockt wirkten, bei dem, was hier gerade passierte. “Alberich, Schrader. Das war eine äußerst… äh… gelungene Weihnachtsfeier.”

“Sie wollen doch nicht etwa schon gehen? Es war doch gerade so schön.” Bedauernd kam Frau Haller näher und sah zu ihrem Chef auf. “Wollen Sie nicht noch einen Glühwein trinken? Sie haben mich heute Abend doch noch nicht mal gefragt, wann ich denn meine saisonale Arbeit als Wichtel beim Weihnachtsmann am Nordpol antrete.”

Der letzte Satz entlockte Boerne ein kleines, kaum wahrnehmbares Schmunzeln. “Na, den Witz haben Sie mir ja jetzt ohnehin vorweggenommen. Ich bin mir sicher, Sie kommen hier auch ganz wunderbar ohne mich zurecht.” Er tätschelte seine verdutzte Assistentin noch einmal an der Schulter und verließ dann den Raum.

Frau Haller sah ihm noch einen Augenblick hinterher und wandte sich dann mit zusammengezogenen Augenbrauen an Thiel, der nachdenklich in seine Glühweintasse starrte. Als er allerdings den Blick der kleinen Frau bemerkte, zuckte er merklich zusammen. “Äh… alles in Ordnung, Frau Haller?”

“Nichts ist in Ordnung! Sie beide schleichen hier schon seit Tagen umeinander herum und machen uns alle damit verrückt! Und jetzt küssen Sie sich hier endlich - und zwar richtig! - und dann tun Sie das hier einfach ab, als wäre das nichts gewesen!”

Perplex starrte Thiel sie an. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals so aufgebracht erlebt zu haben - zumindest nicht mit ihm als Ziel ihres Zorns. “Äh… aber… das war doch nur… der Mistelzweig…”

“Ach, hören Sie doch auf! Wir waren hier alle Zeugen. Das war kein einfacher Kuss unter dem Mistelzweig und das wissen Sie ganz genau!” Frau Haller schnaubte fassungslos. “Und jetzt lassen Sie ihn einfach gehen!” Ihre letzten Worte waren leiser, aber nicht weniger bestimmt. 

Thiel zuckte zusammen, als ihn die Worte der aufgebrachten Rechtsmedizinerin erreichten. Boernes Assistentin, die mittlerweile mit Fug und Recht als seine rechte Hand bezeichnet werden konnte. Sie war der Goldstandard einer Assistentin, wie er sie einst bezeichnet hatte. Sein besseres Viertel. Und sie kannte Boerne länger, als er selbst. Dass sie für ihn so auf die Barrikaden ging, kam also nicht von irgendwo her. 

Und, verdammt. Sie hatte ja recht!

Er schluckte und schaute zur Tür, durch die der Professor nur wenige Sekunden vorher gegangen war. Ein seltsames Gefühl von Leere umfasste ihn plötzlich. 

“Jetzt gehen Sie schon, Herr Thiel!”

Thiel wandte sich wieder Frau Haller zu, die ihn aus großen Augen ansah. Er wollte zu einer Antwort ansetzen, aber ihm blieben die Worte im Halse stecken. Was sollte er auch sagen? Er war ja auch nie ein Freund großer Worte gewesen. Also begnügte er sich damit, ihr eine Hand auf die Schulter zu legen und sich an einem Lächeln zu versuchen, das sie umgehend erwiderte. Dann nickte er knapp und stürmte aus dem Raum.

Frau Haller seufzte, als sie ihm hinterher sah. “Ich hoffe, jetzt schaffen sie es endlich. Ich würde es beiden wünschen.”

Schrader, der bis jetzt schweigend neben ihr gestanden hatte, legte ihr eine Hand auf die Schulter. “Vielleicht hat er einfach mal eine Standpauke verdient.” Ein Grinsen huschte auf sein Gesicht. “Ich werde mich jedenfalls ab jetzt davor hüten, dich auf dem falschen Fuß zu erwischen.”

Sie zog eine Augenbraue hoch und sah ihn ernst an. “Das würde ich dir auch raten, mein lieber Mirko.” Ihren ernsten Gesichtsausdruck konnte sie allerdings nicht lange halten, bevor sie gemeinsam mit Schrader losprustete. 

“Jetzt entspann’ dich mal. Ich hab’ überhaupt nicht vor, jetzt schon zu gehen. Ist doch gerade so lustig”, polterte kurz darauf die tiefe Stimme der Staatsanwältin zu ihnen herüber, als diese sich zusammen mit Thiel Senior und mehreren gefüllten Tassen ihren Weg zu ihnen bahnte. “Jetzt nimm’ dir erstmal einen Glühwein. Einer wird ja wohl drin sein, oder? Ich hab uns allen direkt mal Nachschub besorgt.” 

“Ich dachte, du wolltest jetzt unbedingt los?” Thiel Senior sah sie verwirrt an, wehrte sich aber auch nicht, als sie ihm die dampfende Tasse in die Hand drückte.

“Mensch, Herbert! Du bist doch sonst nicht so schwer von Begriff. Das hab ich doch nur behauptet, damit dein Sohn und sein Professor nicht direkt wieder voreinander flüchten.” Erst jetzt schien ihr aufzufallen, dass besagte Herren nicht mehr zugegen waren. “Wo sind die überhaupt hin?”

“Boerne hat sich aus dem Staub gemacht und als Silke Herrn Thiel den Kopf gewaschen hat, ist der ihm dann gleich hinterher geeilt.” Bewundernd sah Schrader die kleine Frau neben sich an. Dann sah er zur Staatsanwältin, die an ihrem Glühwein nippte. “Scheint wohl so, als würden Sie jetzt mir Geld schulden, nicht wahr, Frau Klemm? Immerhin haben die beiden sich ja doch noch unter dem Mistelzweig geküsst.” Sein Grinsen gefror ihm allerdings, als er erneut ihren Todesblick zu spüren bekam, und er beschloss, das Thema besser fallenzulassen.

Ihr Blick wurde allerdings weicher, als sie zur Frau neben sich sah. “Gut gemacht, Frau Haller!”, lobte Frau Klemm die Rechtsmedizinerin und ließ ihren Blick ein paar Sekunden auf ihr verweilen, während diese grinsend errötete. “Dann hoffen wir alle mal darauf, dass sie es endlich schaffen zu klären, was da zwischen ihnen im Raum stand. Das war ja nun wirklich kaum noch zu ertragen!”

“Ach, bei euch verhalten die zwei sich etwa auch komisch?” Thiel Senior schüttelte den Kopf und trank von seinem Glühwein. “Das fing alles an, als ich die vor ein paar Tagen aus ihrem Keller befreit hatte.”

Damit hatte er umgehend die Aufmerksamkeit der drei Personen um ihn herum, die ihn interessiert musterten, doch er konnte nur mit den Schultern zucken. “Ja, mehr weiß ich leider auch nicht. Mein Junge redet ja auch nicht mit mir. Auf jeden Fall konnten die sich nicht mal in die Augen sehen und sind direkt an mir vorbei gestürmt, als ich die Kellertür aus den Angeln genommen hatte. Irgendwas hatte sich da wohl verhakt und sie waren allein im Haus.”

“Na, wie auch immer. Auf Boerne und Thiel. Und dass sie uns ab morgen dann hoffentlich auch nicht mehr so sehr auf den Keks gehen!” Die Staatsanwältin hob ihre Tasse und sie prosteten sich alle gemeinsam zu. “So. Und jetzt will ich tanzen! Schrader?”

Auffordernd sah sie den Kriminalassistenten an, der schluckte und unbeholfen lachte. “Äh, ich? Nee, lassen Sie mal. Nachher trete ich Ihnen nur auf Ihre Füße. Ich bin nicht so der Tänzer.” Dann wandte er sich an die Frau neben ihm, die lächelnd in ihre Glühweintasse sah. “Aber Silke hier tanzt ganz gut, hab’ ich gehört.”

Überrascht sah Frau Haller zu Mirko und dann zur Staatsanwältin, die sie neugierig musterte. “Also, einen Tanz würde ich nie ausschlagen. Sie müssten sich natürlich etwas herunterbeugen-” Die Rechtsmedizinerin brach ab, als etwas hinter Frau Klemm ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihre Augen wurden groß. “Oh, schaut mal! Es schneit!”

Und tatsächlich: Vom Fenster aus konnten sie beobachten, wie dicke Flocken vom Himmel fielen und die Straßen vor dem Gebäude langsam mit einer weißen Schicht bedeckten. Verzückt versammelten sie sich an der Fensterfront und sahen dem Treiben zu. Schnee in Münster - und dann auch noch zur Weihnachtszeit - kam heutzutage nur noch selten vor, sodass es fast einem kleinen Weihnachtswunder gleichkam.

Während sich Jung und Alt, sowie Groß und Klein innerhalb des Gebäudes über dieses Ereignis gleichermaßen erfreuten, ereignete sich nur wenige Meter von ihnen entfernt außerhalb der warmen vier Wände ein großes Weihnachtswunder, von dem die Anwesenden hier allerdings nichts ahnten.

 


 

“Boerne, jetzt warten Sie doch!”, schimpfte Thiel im Laufschritt, als er dem Professor hinterherlief, der eiligen Schrittes seines Weges zog. Offensichtlich hatte er sich dagegen entschieden, sich ein Taxi zu nehmen, und dafür, den Weg zu ihnen nach Hause einfach zu laufen. Während Thiel Boernes Vorsprung aufholte, kreisten seine Gedanken unweigerlich zu dem Abend vor einigen Tagen. 

Es hatte wie ein ganz normaler Abend begonnen; einer, wie so viele andere in den letzten Jahren. Übermüdet und hungrig war er nach Hause gekommen, und hatte sich nur noch auf seine Pizza und sein Sofa gefreut. 

Füße hoch, Feierabend. Morgen konnte gerne weiter gemordet werden, aber an diesem Abend war Schicht im Schacht. Seine Batterien waren leer. 

Ein wenig überrascht hatte es ihn schon, dass er Boerne nicht direkt im Hausflur begegnet war, der normalerweise schon hinter seiner Wohnungstür darauf wartete, dass er seine eigene ihm gegenüber aufschloss. Aber den Gedanken hatte er so schnell verworfen, wie er gekommen war. In dem Augenblick, als er seine wohlverdiente Pizza aus dem Ofen gezogen hatte, hatte er bereits jeglichen Gedanken an Boerne vergessen. Zumindest für diesen Moment, wusste er doch, dass Boerne früher oder später einen Weg finden würde, um ihm auf die Nerven zu gehen. 

Er hatte sich gerade ein Fußballspiel im Fernsehen angeschaut - die Pizza längst verspeist -, da war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen: Er hatte ja noch Wäsche waschen müssen! Auch das noch. 

Gab es etwas Schlimmeres, als im Winter nochmal den Gang in den kalten Waschkeller anzutreten, wenn man es sich eigentlich längst auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte? Thiel hatte es in diesem Augenblick bezweifelt. Aber es hatte ja nichts genützt.

Mit seiner Wäsche bepackt hatte er nur wenige Minuten später vor dem Waschkeller gestanden. Ihm war direkt aufgefallen, dass die Tür sich nur mit äußerster Mühe öffnen ließ. Da würde er wohl mal mit seinem Vermieter sprechen müssen, wenn der sich wieder blicken ließ. Er hatte selbst lachen müssen bei der Vorstellung, wie sich der Professor da wieder rauswinden würde.

Als ihn besagter Akademiker allerdings geradezu angesprungen hatte, als er den Waschkeller betreten hatte, war ihm das Lachen sofort wieder vergangen. 

“Boerne? Was machen Sie denn-”

“Thiel! Die Tür! Nicht-”

Doch da war die Tür schon hinter Thiel ins Schloss gefallen und Boerne hatte resigniert ausgeatmet. “Na, wunderbar!” Er hatte die Arme in die Luft gerissen und fassungslos den Kopf geschüttelt. 

“Äh, was isn hier los? Und warum sind Sie in die Decke da gewickelt? Ist es dem Herrn Professor hier unten etwa zu kalt zum Wäschewaschen?” Thiel hatte wieder gelacht, Boerne hatte die Augen verdreht.

“Die Tür lässt sich von innen nicht mehr öffnen.”

Das hatte Thiel nur noch mehr zum Lachen gebracht. “Sehr witzig! Verarschen kann ich mich selbst!” 

Boerne hatte in Richtung der Tür gedeutet. “Bitte, probieren Sie es doch mit Ihren eigenen Patschehändchen, wenn Sie mir nicht glauben wollen.”

Tatsächlich. Die Tür hatte sich nicht mehr öffnen lassen. Auch nicht, als sich Thiel mit aller Kraft dagegen geworfen hatte. Er hatte sich die Schulter gerieben und verwundert an Boerne gewandt. “Die is’ ja wirklich zu!”

“Vielen Dank für Ihre fachmännische Einschätzung, die ja nur mehr bestätigt, was ich Ihnen eben schon versucht habe, deutlich zu machen. Ich nehme mal an, Sie haben Ihr Handy nicht dabei?”

Thiel hatte die Augen aufgerissen und hoffnungsvoll seine Hosen abgeklopft. Aber es war zwecklos. Sein Handy hatte er in der Wohnung gelassen. 

Was dann folgte, waren Stunden, die sie zu zweit in diesem kalten Keller verbracht hatten. Ausgerechnet an diesem Tag waren alle anderen Mieter unterwegs oder verreist. Nach einiger Zeit hatte Boerne ihm einen Platz unter seiner Decke angeboten, den er aus Mangel an Alternativen hatte annehmen müssen. Es war eine eiskalte Winternacht gewesen. Zwar nicht ganz so kalt wie noch vor einigen Jahren, als ausgerechnet zu dieser Zeit die Heizung kaputtgegangen war, aber sie wären an diesem Abend wohl erfroren, hätten sie sich nicht gegenseitig zumindest etwas Wärme gespendet. 

Kalt war ihm jetzt nicht, als er dem Professor hinterher sprintete. Aber er erinnerte sich noch genau, wie kalt seine Hände gewesen waren, bis Boerne diese ergriffen hatte und sie mit seinen eigenen Händen gerieben hatte. Er hatte es ihm gleichgetan. Irgendwann hatten sie einfach nur noch dagesessen, bis Thiel sich plötzlich so richtig der Körperwärme des anderen bewusst geworden war. Er hatte ihn angesehen und geschluckt, als dieser sich ihm ebenfalls zugewandt hatte. Blau war auf Grün getroffen. Sie waren sich immer näher gekommen. So weit, dass ihn bereits Boernes warmer Atem auf der Haut kitzelte und sein Gesicht wärmte. 

Und dann hatte Vaddern sie aus dem Keller befreit; hatte irgendwas gesucht und nicht in Thiels Wohnung finden können und sich erinnert, dass wohl auch irgendwas im Keller seines Sohnes deponiert war. Was genau es war, interessierte Thiel nicht. Er hatte ihm auch gar nicht richtig zugehört.

Obwohl sie aus dem eiskalten Keller befreit worden waren, waren sie danach doch beide auf andere Art gefangen. Sie hatten das Thema nicht mehr angeschnitten; beide hatten es auf ihre Art verdrängt - indem sie sich einfach größtmöglich aus dem Weg gegangen waren und vor allem nicht in die Augen gesehen hatten. Die blöden grünen Augen, die ihn fast dazu gebracht hatten… 

Thiels Gedanken stoppten. Er wollte nicht weiterdenken; wollte nicht daran denken, was hätte passieren können. Aber nur weil er es nicht wollte, konnte er nicht ignorieren, dass er es getan hätte. Mit vollem Bewusstsein.

Und dass er es heute tatsächlich getan hatte. Die Erkenntnis traf ihn wie einen Schlag und überrumpelte ihn so sehr, dass er beinahe mit Boerne zusammenstieß, den er mittlerweile eingeholt hatte und der sich jetzt zu ihm umdrehte.

“Thiel?” In seinem Blick lag Überraschung. Hatte er ihn wirklich nicht kommen hören? “Sind Sie etwa gerannt? Freiwillig?”

Thiel schnaubte empört und rang nach Atem. “Von freiwillig kann hier bestimmt keine Rede sein. Aber Sie haben mir ja keine andere Wahl gelassen!”

Jetzt legte sich Verwirrung in den Ausdruck des Professors - und Unsicherheit? “Ich glaube, ich verstehe nicht ganz, worauf Sie hinauswollen.”

“Ich… ich musste nochmal mit Ihnen reden… Sie wissen schon… wegen eben”, stotterte Thiel, während sich ein gequälter Ausdruck auf sein Gesicht legte.

Boerne legte den Kopf schief, schien verwirrt, doch Thiel wusste, dass ihm ganz genau bewusst war, worauf er anspielte.

“Man, Boerne! Jetzt machen Sie mir das doch nicht so schwer!”, machte Thiel seinem Ärger Luft. Das konnte er; das war vertrautes Milieu. Alles Folgende - alles Wichtige - verunsicherte ihn zutiefst und er rang nach Worten, während er zu Boden sah. “Das eben… also… der Kuss…” Er traute sich kaum, das Wort auszusprechen, aber er war erstaunt, wie viel leichter er sich fühlte, als es erst einmal draußen war. 

Doch Boerne ließ ihn nicht weiterreden und winkte ab. “Ah, das war doch nur ein Kuss unter dem Mistelzweig.” Und dann, wesentlich leiser, während seine Augen Thiels fixierten, der mittlerweile den Kopf gehoben hatte: “Oder nicht?”

Stille. Einen Moment sahen sie sich einfach nur in die Augen. 

“Nee”, kam es Thiel schließlich über die Lippen. Und zu seiner Überraschung fiel ihm das nicht mal schwer. “Ich fand den schön… den Kuss.” 

Boerne riss die Augen auf, sichtlich verblüfft. Thiel konnte sehen, wie er in seinem Blick nach Anzeichen dafür suchte, dass das gelogen war. 

Das Schweigen irritierte Thiel. “Ich mein, so küss’ ich doch keinen… so unterm Mistelzweig, mein ich… also, wenn ich mir jetzt vorstell’, ich hätte da mit der Klemm gestanden… Nee, also-”

Weiter kam er nicht, denn Boerne hatte ihn bereits an sich gezogen und drückte erneut seine Lippen auf Thiels. Völlig überrumpelt brauchte Thiel einen Augenblick, um zu realisieren, was hier passierte. Aber dann waren die Gedanken plötzlich wieder ganz still und das einzige wichtige waren erneut die Lippen des anderen Mannes und er erwiderte den Kuss nur zu gerne. 

Als sie sich schwer atmend nach einiger Zeit voneinander lösten, strahlten sie sich an. Blaue Augen verloren sich erneut in grünen. Während sie so in den Armen des anderen lagen, hatte es um sie herum zu schneien begonnen. Doch Thiel bemerkte die weißen Flocken erst, als sie sich auf Boernes Schultern sammelten. Verwundert schaute er in den Himmel und grinste wie ein kleines Kind. “Es schneit ja! Das ist ja wie ein kleines Weihnachtswunder hier in Münster!”

Doch Boernes Augen fixierten noch immer Thiel und er grinste. “Ein großes Weihnachtswunder, Thiel. Das hier ist ein großes.”