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Viel schlimmer wärs aber zu bleiben

Summary:

Adam hätte gerne behauptet, dass es ihm schwer gefallen war, zu gehen, aber es wäre eine Lüge. Er hatte nicht gezögert dieses scheiß Haus, diese scheiß Menschen, diese scheiß Stadt hinter sich zu lassen.

oder: ein paar Gedanken dazu, warum Adam gegangen ist und wie es ihm damit geht, Leo zurückgelassen zu haben

Notes:

[Egoist - JEREMIAS]
[I Think I’m OKAY - mgk, YUNGBLUD, Travis Barker]

"Es tut weh, jetzt zu gehen. Viel schlimmer wärs aber zu bleiben."

Work Text:

Adam hätte gerne behauptet, dass es ihm schwer gefallen war, zu gehen, aber es wäre eine Lüge. Er hatte nicht gezögert dieses scheiß Haus, diese scheiß Menschen, diese scheiß Stadt hinter sich zu lassen.

Sein ganzes Leben hatte sich nichts so frei angefühlt wie durch die Straßen Berlins zu laufen, vollkommen anonym, niemand kannte ihn, niemand interessierte sich für ihn.

Klar, es hatte weh getan, seine Mutter und Leo zurückzulassen, aber es ging nun mal nicht anders, er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten.

 

Leo. Im Gegensatz zu seiner Mutter würde er ihn vermissen. Aber auch für Leo war es besser, dass er gegangen war. Er würde darüber hinwegkommen und vergessen.

Wäre Adam geblieben, würde Leo vermutlich nie loslassen können. Die Erinnerungen nie vergessen können, nie über Adam hinwegkommen können. Und das musste Leo. Adam war nicht gut für ihn, Leo hatte besseres verdient. Es war seine Schuld, dass Leo überhaupt in das alles hineingezogen worden war. Jetzt lag es an Adam, ihm da wieder rauszuhelfen.

Vielleicht würde Adam irgendwann zurückkommen können. Wenn er dazu bereit war, wenn er Leo genug Zeit gegeben hatte, sich ohne ihn ein Leben aufzubauen, ohne ihn glücklich zu werden.

Bis dahin blieben ihm die Erinnerungen.

An die Schulzeit, die vermutlich keiner von ihnen alleine überstanden hätte. Adam hatte Leo mit den Mobbern geholfen und Leo hatte Adam mit den Hausaufgaben geholfen, wenn das Training mit seinem Vater mal wieder zu viel Zeit in Anspruch genommen hatte.

An die Zeit im Baumhaus, wo Leo ihm vorgelesen hatte. Adam hatte seinen Kopf in Leos Schoß gelegt und seiner Stimme gelauscht. Sie hatten sich dort ihre eigene kleine Welt aufgebaut, in der es nichts außer ihnen gab.

An die Ausflüge, die sie gemeinsam zum See unternommen hatten. Im Sommer war Leo sogar schwimmen gegangen, Adam hatte ihm dabei vom Ufer aus zugesehen und ihn in ein Handtuch gewickelt, sobald er heraus kam.

An den Kuss. Sein Vater hatte schon eine Weile im Koma gelegen, Adam hatte Leo bei ihm Zuhause besucht. Sie hatten auf Leos Bett gesessen. Leo hatte gefragt, wie es seinem Vater ging. Unverändert. Leo hatte gefragt, ob Adam auch Alpträume hatte. Natürlich. Leo hatte gefragt, ob er Adam küssen durfte. Selbstverständlich.

Noch am selben Abend hatte Adam seinen Rucksack gepackt und ein Busticket gekauft.

 

Er hatte schon länger darüber nachgedacht, jede Nacht in diesem Haus, jeder Krankenhausbesuch, jeder Kommentar seiner Mutter hatte ihn näher Richtung Bushaltestelle getrieben.

Aber jetzt ging es um Leo und Adam konnte nicht zulassen, dass er Leos Leben noch mehr kaputt machte, als er es sowieso schon getan hatte.

Das einzige, was er bereute, war dass er nicht den Mut gehabt hatte, sich zu verabschieden. Doch so war seine letzte Erinnerung an Leo immerhin Leos Lippen auf seinen, Leos Hände auf seiner Haut, Leos Stirn an seiner.

 

Adam atmete die Berliner Nachtluft ein. Sie schmeckte nach Rauch, Abgas und Freiheit.

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