Work Text:
Die Nachricht auf Connerctorspace hat Joshua zuerst ignoriert. Bestimmt wieder Elly, die übers Wochenende in Köln ist und Bilder mit Ava postet. Die hat er jetzt schon mehrfach am Tag in den Notifications gesehen und auch ignoriert, aber hin und wieder nimmt auch er sein Smartphone in die Hand.
Nur nicht, wenn er liest.
Er ist gerade bei einem spannenden Kapitel, das ihn beinahe vergessen lässt, dass er im Schneidersitz auf seinem Internatsbett sitzt. Er verfolgt gerade die epochale Schlacht der lange unterschätzten Elfen gegen eine Menschensiedlung, die sich Drachen als Waffen zunutze machen und diese zu dem Zweck versklaven, als ihn sein Smartphone erneut aus der Handlung reißt.
Diesmal ist es keine Nachricht, sondern ein Anruf.
Auch den versucht er zu ignorieren, denn eigentlich will er wissen, ob die Elfenarmee es schafft, die Drachen aus der Versklavung zu befreien, aber sein Smartphone klingelt unablässig.
Da meint es jemand wirklich ernst. Hoffentlich hat sich Elly in Köln nicht verirrt und erwartet jetzt von ihm Hilfe.
Er schaut seufzend auf sein Telefon.
Dilara.
Fast so nervig wie seine Schwester, aber immerhin mit einem funktionierenden Hirn ausgestattet. Deshalb hat sie auch dieses Stipendium von Berger erhalten, das nicht jeder bekommt. Wer war nochmal der letzte Berger-Stipendiat? Vergessen.
„Was willst du?“
„Ich schätze deine Begrüßungen, Joshua. Du kommst immer gleich zum Punkt.“
Im Gegensatz zu dir …
„Ich muss dich um einen Gefallen bitten. Es ist dringend, und ich kann hier nicht weg.“
Joshua schweigt.
„Du musst etwas aus dem Tanzsaal holen. Notenblätter für die Band. Ich habe sie im Tanzsaal liegengelassen, aber ich brauche sie dringend. In der Schule. Im Chemieraum.“
„Im Chemieraum? Hör mal, ich weiß nicht, ob du die gregorianische Kalenderreform verpasst hast, aber es ist Samstag und das heißt: heute ist kein Unterricht. Die meisten machen irgendetwas … Geistloses.“
„Ich bin aber nicht geistlos, Joshua. Kannst du mir jetzt bitte den Gefallen tun?“
„Das heißt, ich soll die Notenblätter hinterher in die Schule bringen?“
💔
Als Joshua im Tanzsaal ankommt, ist er nicht allein.
Er will sofort wieder gehen. Er hat nämlich keine Ahnung, wie er mit Malik umgehen soll, wen sie zu zweit sind. Seit das neue Schuljahr begonnen hat, hat sich ihre Beziehung ziemlich stark geändert. Da kam Dilara dazu, und Joshua dachte, dass Malik eine romantische Beziehung zu ihr aufbauen würde. Malik und Dilara haben sich auch von Anfang an gut verstanden und ihr Umgang miteinander wirkte strukturell anders als der zwischen Joshua und beispielsweise Tahmina.
Und dann kommt es Joshua seit Beginn des Schuljahres so vor, als sei er allergisch auf Malik. Das kommt aber auch nur dann vor, wenn sie zu zweit sind. Dann wird Joshua hyperton, kann sich nicht mehr konzentrieren und vergisst schnell, was er eigentlich gerade tun wollte. In der Gruppe oder im Unterricht kann er allerdings ganz normal mit Malik umgehen. Die ganze Angelegenheit wird freilich dadurch erschwert, dass sie auf einem Zimmer sind. Elly hat ihn neulich darauf hingewiesen, dass es ja das Zimmer von Joel, Noah und Colin war und dass das Zimmer möglicherweise queere Energie ausstrahlt. (Elly weiß allerdings nichts von Joshuas allergischen Reaktionen auf Malik und hat das in irgendeinem andere Zusammenhang gesagt.)
Aus diesem Grund versteckt sich Joshua auch zunächst und beobachtet Malik, um herauszufinden, was er da tut. Falls Dilara sie beide losgeschickt hat, um die Notenblätter zu suchen, dann kann sie was erleben. Welcher Honk vergibt denn Aufgaben doppelt?
Tatsächlich scheint auch Malik nach etwas zu suchen, bevor er eine Nachricht bekommt und sein Handy anlächelt wie ein Honigkuchenpferd, bevor er etwas zurückschreibt.
„Komm ruhig näher Joshua. Ich beiße nicht.“ Dann nochmal ein Lächeln. „Zumidest dich nicht.“
„Was soll das denn heißen?“ Joshua wagt sich aus seiner Deckung und tritt neben Malik.
„Ich suche Dilaras Notenblätter“, sagt Malik lapidar und Joshua ballt seine Hand zur Faust. „Wusst ich’s doch.“
„Und wusstest du auch, warum sie uns beide hierhin geschickt hat?“
„Weil sie denkt, dass wir beide einzeln zu blöd sind, um ihre Notenblätter zu finden.“
„Nee, das hat ’nen anderen Grund, Joshua. Sie hält nämlich nicht alle Leute für doof“, verkündet Malik. „Um ehrlich zu sein, ist das deine Spezialität.“
Was? Joshua macht einen Schritt nach hinten. Warum hat Malik ihm gerade so etwas gesagt?
„Aber ich schätze, das ist okay. Haben wir nicht alle unsere Schwächen?“
Maliks Handy klingelt erneut. Wieder dieses Lächeln, dieses spontane, als würde er Nachrichten bekommen und jede macht ihn in der Sekunde kurz glücklich.
„Shibuya will uns miteinander verkuppeln.“
Uns. Verkuppeln.
Malik und ihn?!
Prompt fühlt er sich eingesperrt in seinen Klamotten. Die Luft steht in diesem beschissenen Raum. Echt, wenn Leute hier tatsächlich tanzen oder Sport machen, dann sollte mal öfter jemand lüften.
Joshua will raus an die frische Luft. Er merkt, wie sich sein Hemd unangenehm an seinen Rücken klebt.
„Wieso …“
„Wieso sie uns verkuppeln will? Weil sie denkt, dass wir gut zueinander passen. Vielleicht weil ich ihr am Anfang des Schuljahres mal gesagt habe, dass es jemanden gibt, den ich attraktiv finde. Und dann denkt sie, das bist du. Ah, hier.“
Dann denkt sie, das bist du.
Joshua ist zur Salzsäule erstarrt. Er kann sich nicht mehr bewegen, nicht mehr denken. Sondert nur noch Natriumchlorid und Wasser aus und guckt wie ein Patient mit Locked-in-Syndrom auf den Blätterstapel, den Malik da hochhält. Der ist aber auch egal.
„Ich sollte sie vielleicht mal einweihen, dass ich schon eine Beziehung habe und keine Kupplerin brauch. Dann hört sie bestimmt auch auf, dich verkuppeln zu wollen. Joshua?“
Der Klang seines Namens aus Maliks Mund klingt wie, als würde er Joshua samstags wecken, nachdem Malik ihnen beiden Frühstück gemacht hat …
„Joshua?“
„Hm?“
„Kann ich dir was verraten? Ich habe es noch nicht vielen Leuten verraten, weil ich nicht bereit bin, die ganzen Gerüchte zu erdulden.“
M-hm. Dann denkt sie, das bist du. Wer sollte je so etwas denken? Als würde Malik ihm Frühstück machen und ihn wecken. Jetzt verrät Malik bestimmt, auf wen er stattdessen steht.
„Ich bin mit Mikka zusammen. Er ist in Berlin, auf so einem Spezial-Gymnasium für Mathematiker, Physiker, Technikbegeisterte und der ganze Kram. Ich habe in den Ferien gemerkt, dass ich ungerecht zu ihm war und wir haben miteinander geschrieben und telefoniert. Ziemlich viel sogar. Und dann bin ich nach Berlin gefahren, bevor ich hierher kam. Und wir haben uns geküsst und – und das mehrmals. Ich fahre jedes zweite oder dritte Wochenende zu ihm und wir chillen und schauen uns die Stadt an. In der Woche kommt er nicht dazu. Wenn ich Dilara das sage, dann hört sie auf, mich mit dir verkuppeln zu wollen. Das muss sie. Pass auf, ich düs gleich zur Schule rüber und sprech mit ihr. Aber Joshua?“
Joshua sieht auf seine Füße.
„Kannst du’s bitte, wie gesagt, für dich behalten? Mikka und ich sind noch nicht so weit, dass alle über uns sprechen.“
Joshua nickt nur. Kaum merklich, aber Malik sieht es trotzdem.
„Toll. Danke dir.“
Malik verlässt den Tanzsaal und geht dabei an Joshua vorbei.
Erst, als Maliks Schritte sich entfernen, nimmt Joshua seine Brille ab und versucht nicht mehr, seine Tränen zurückzuhalten. Auch, wenn er nicht so recht versteht, warum ihn das zum Heulen bringt.
