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Dass Pia ihre Höhenangst früher oder später in die Quere kommen würde, war zu erwarten. Sie hat allerdings immer gedacht, dass sie sich dem Problem irgendwann im Dienst würde stellen müssen. Vielleicht während einer nächtlichen Observation auf einem gruselig hohen Parkdeck. Oder während einer spektakulären Verfolgungsjagd, auf der ihr Verdächtiger plötzlich über Feuertreppen und Balkone springt und droht zu entwischen.
Jedenfalls nicht an einem so vollkommen vermeidbaren und banalen Ort wie dem Riesenrad auf dem Saarbrücker Christkindlmarkt.
Sie weiß selber nicht so ganz, wie sie in dieser Situation gelandet ist.
Vielleicht hat sie das Riesenrad eine Sekunde zu lang angestarrt, während sie darüber nachgedacht hat, wie dringend und unbedingt sie nicht in dieses klapprige Ding einsteigen möchte. Was sie alles lieber tun würde. Ein Jahr lang auf Nutella verzichten. Freiwillig. Oder auf Kaffee. Vielleicht sogar auf Hörnch-
Aber ehe sie ihren Gedanken hätte zu Ende führen können, hat Esther auch schon nach ihrer Hand gegriffen, sie zur Ticketbude gezogen und der Dame hinter der Scheibe das nötige Kleingeld in die Hand gedrückt.
„Na komm, wenn du unbedingt willst”, hat sie gesagt und Pia von der Seite zugezwinkert, und wären Pias Knie von der Vorstellung, gleich gute 50 Meter über dem Boden zu schweben, nicht schon längst weich wie Pudding gewesen, wären sie es vermutlich spätestens dann geworden.
Pia ist sich eigentlich ziemlich sicher, dass Esther hier die von ihnen beiden ist, die unbedingt will, so schnurstracks, wie sie auf das Teil zugesteuert ist.
Sie selbst will ganz sicher nicht.
Was sie hingegen ziemlich dringend will und das schon seit einer gefühlten Ewigkeit, ist, Esthers Hand zu halten. Deshalb ist einfach so loslassen, selbst wenn der rationale Teil ihres Kopfes weiß, dass Esther sie einfach nur in eine der Gondeln hat ziehen wollen, dann auch keine Option gewesen. Und überhaupt – wenn Esther gern Riesenrad fährt, wenn sie das glücklich macht, wenn Pia die Aussicht hat, da oben gleich auch nur den Hauch eines Leuchtens in ihren Augen zu erhaschen, dann wird sie einen Teufel tun, sich irgendwas anmerken zu lassen.
Wenn sie näher drüber nachdenkt, weiß sie also vielleicht doch ziemlich genau, wie und warum sie sich in die missliche Lage manövriert hat, in der sie sich jetzt befindet.
Es hilft ein bisschen, dass Esther scheinbar vergessen hat, Pias Hand wieder loszulassen, obwohl sie schon längst auf ihren Plätzen sitzen.
Sie sind allein in ihrer Gondel, allein zu zweit, und selbst durch zwei Lagen Handschuhe hindurch fühlt sich die Art, wie sich Esthers Hand um Pias schließt, wunderbar warm und fest und irgendwie beruhigend an. Erdend.
Und für einen Moment denkt Pia, sie hätte sich gar keine Sorgen machen müssen. Sie wird das schon überleben, das wird schon alles nicht so schlimm, sie werden schon nicht –
– bis sich das Riesenrad mit einem Ruck in Bewegung setzt.
Sie spürt förmlich, wie ihr das Herz in die Hose rutscht.
Wer, wer um alles in der Welt hat dieses Teil erfunden?, schießt es ihr durch den Kopf. Wer hat das für eine gute Idee gehalten? Und was hat man dem angetan, dass er eines Morgens aufgewacht ist und gedacht hat, „hm, klapprige Metallkisten, die in schwindelerregender Höhe an einem riesigen Rad baumeln, das wär’s?”
Langsam steigt ihr Wagen höher, lässt die Menschen und Buden und Lichter unter ihnen Stück für Stück kleiner werden und verschwimmen. Vielleicht liegt das aber auch nur am Schwindel, der sich ebenso langsam aber sicher in Pias Kopf breit macht. Und daran, dass sie ihre Augen ein gutes Stück zusammengekniffen hat. Sie kann nur hoffen, dass Esther nicht auffällt, wie fest sie ihre Hand gerade umklammert.
Einfach nicht runtergucken, denkt sie. Einfach nicht runtergucken. Einfach woanders hinschauen. Zum Beispiel zu–
„Alles gut?”, hört sie Esthers Stimme neben ihrem Ohr.
Vorsichtig schielt Pia zu ihr rüber. Esther hat den Kopf schiefgelegt und mustert sie prüfend. Sie sieht ein bisschen angespannt aus, die Schultern hochgezogen, ein leichtes Zucken um ihre Augenbrauen. Als würde sie sich um Pia sorgen.
Scheiße. Sieht man ihr ihre Angst etwa echt so an?
„Mhh”, presst Pia hervor. Und dann, weil Esther immer noch nicht so richtig überzeugt aussieht: „Voll… schön hier.”
Sehr gut. Wenn das nicht nach etwas klingt, was jemand sagen würde, der leidenschaftlich gern Riesenrad fährt, weiß sie auch nicht. Zufrieden lehnt sie sich ein Stück zurück, nur um sich sofort wieder daran zu erinnern, dass sie gerade schon mehrere Meter über dem Boden baumelt und sich hier ganz sicher nicht irgendwo anlehnen sollte.
Besonders, weil der Wagen im nächsten Moment mit einem gewaltigen Ruck zum Stehen kommt und dabei kräftig ins Schwanken gerät. Esthers Hand rutscht aus ihrer, greift nach der Metallstange in der Mitte der Gondel, Pias eigene krallt sich in die Sitzbank, sie spürt, wie ihr Herzschlag für einen Moment komplett aussetzt.
Oh Gott. Wenn sie jetzt abstürzen, dann war’s das. Dann gibt’s tatsächlich nie wieder Nutella. Nie wieder Kaffee. Nie wieder Hörnchen. Nie wieder mit Esther im Büro frühstücken. Nie wieder gemeinsam über Papierkram meckern. Nie wieder unauffällig über den Schreibtisch schielen und nicht wissen, ob sie hoffen soll, nicht von Esther beim Starren erwischt zu werden. Nie wieder spüren, wie sich ihre Schultern zufällig im Flur streifen und nie wieder darüber nachgrübeln, ob das Einbildung war oder –
Der Wagen schwankt noch einmal.
Pias Magen zieht sich zusammen, ihre Finger graben sich tiefer in die Sitzbank.
Nicht jetzt. Nicht hier. Sie kann ihr Ende doch nicht allen Ernstes auf einem Riesenrad –
Ein Räuspern und ein „Sorry” reißen Pia aus ihrer Gedankenspirale.
Hm?
Pia blinzelt, vergisst für einen Moment fast ihre Panik.
Wofür entschuldigt sich Esther denn jetzt? Sicher nicht dafür, ihre Hand losgelassen zu haben. Klar, ein bisschen enttäuscht ist Pia darüber schon, auch wenn sie sich deshalb ein bisschen albern fühlt. Das war ja eh mehr dem Zufall geschuldet, dass sie die überhaupt –
„Bin nur kurz… aus dem Gleichgewicht geraten.” Mit einem erneuten Räuspern löst Esther ihre Hand von der Metallstange. Sie stößt einen Schwall Luft aus, strafft die Schultern. „Ist ja auch alles… ganz normal.”
Das Quietschen, das darauf folgt, klingt nicht so, als wäre alles ganz normal, und die Tatsache, dass sie mitten auf der Fahrt zum Stehen gekommen sind, fühlt sich auch nicht so richtig normal an, wenn Pia ehrlich ist. Sie nickt trotzdem, versucht sich an einem Lächeln und kann nur hoffen, dass das im Halbdunkeln ein bisschen entspannter aussieht, als es sich anfühlt. „Klar. Alles normal.”
Esther nickt zurück. „Vollkommen normal.”
„Mhh.”
„Ist ja auch schön, mal anzuhalten.”
„Voll”, stimmt Pia zu.
So richtig unbedenklich kommt ihr das nicht vor, dass sie hier auf halber Strecke nach oben in der Luft hängen und nicht weiterfahren. Es sei denn – oh. Eine Welle der Erleichterung wäscht über sie hinweg. „Unten… müssen ja auch neue Leute einsteigen. Deshalb halten wir an.”
Esther starrt sie an. Blinzelt. Nickt dann hastig. „Logisch. Weiß man ja.”
Für den Bruchteil eines Augenblicks meint Pia, den Anflug eines Rotschimmers auf Esthers Wangen zu erkennen. Aber vermutlich bildet sie sich das auch nur ein. Es ist schließlich schon ein bisschen schummrig hier. Und wenn, dann muss das sicher an der Kälte liegen.
„Klar”, pflichtet Pia ihr also hastig bei. „Weiß man ja.” Zumindest, wenn man ständig und immer und überall Riesenrad fährt. Wie Pia. Weil sie ganz sicher keine Angst vor diesen Dingern hat.
Sie atmet einmal tief ein, gibt sich Mühe, das mulmige Gefühl in ihrem Magen ein für alle mal zur Seite zu schieben.
Dann setzt sich der Wagen mit einem lauten Ächzen wieder in Bewegung und alle Mühe ist umsonst.
Pia verkrampft, ihr Herz fängt wieder an zu rasen, ihre Hand krallt sich in die Sitzbank, Esthers Hand krallt sich in ihren Oberschenkel, ihr Atem bleibt ihr irgendwo im Hals stecken –
Moment. Esthers Hand krallt sich in ihren Oberschenkel?
Vorsichtig dreht sie ihren Kopf zur Seite, bedacht darauf, den Wagen nicht noch mehr ins Wanken zu bringen. Esther sitzt stocksteif und kerzengerade da, die Schultern immer noch leicht hochgezogen, das Gesicht verdächtig blass, den Blick starr auf irgendeinen Punkt in der Ferne gerichtet, der ganz sicher nicht der Boden ist – und mit einem mal klickt irgendwas in Pias Kopf.
„Du…”, setzt Pia an, bricht wieder ab, weil der Wagen genau in diesem Moment wieder ein protestierendes Ächzen von sich gibt und ihr Magen eine ganze Akrobatik-Performance der unguten Art hinlegt. „Du hast nicht zufällig…?”
„Nein”, platzt Esther wie aus der Pistole geschossen heraus. Sie scheint genau zu wissen, was Pia fragt.
„Nein?”, wiederholt Pia. Esthers Hand ist noch immer in Pias Oberschenkel gekrallt und sie macht keine Anstalten, sie zu lockern.
„Nein.” Esther schüttelt bestimmt den Kopf. Presst die Lippen aufeinander.
Dann holt sie Luft. „Also… ich find Höhe vielleicht nicht überragend toll, aber ich hab sicher keine… – ” Sie bricht ab, lässt den Rest ihres Satzes in der kalten Dezemberluft hängen.
Sie sind jetzt mittlerweile so weit oben angelangt, dass das Getümmel unter ihnen zu einem einzigen Wimmelbild geschrumpft ist, irgendwo auf der anderen Saarseite müssten sie das Präsidium sehen, wenn sie hinschauen würden, aber Pia kann über all das gar nicht so richtig nachdenken.
Sie blinzelt Esther an. Einmal. Zweimal.
„Du hast Höhenangst.”
„Ich hab keine –”, protestiert Esther lautstark. Lässt Pias Oberschenkel los, um die Arme vor der Brust zu verschränken, und ihr Gesichtsausdruck entgleist ihr, als sie dabei ein bisschen ins Wanken gerät.
Sie seufzt, und mit einem mal ist da wieder dieser Rotschimmer auf ihren Wangen. „Okay, ja, vielleicht hab ich doch… – also, ein bisschen… ” Sie macht eine Pause. Holt tief Luft. „Ja, vielleicht hab ich Höhenangst. Mehr als ein bisschen, um genau zu sein.”
Pia kann sie nur anstarren.
Stille macht sich zwischen ihnen beiden breit.
„Ich auch”, sagt Pia schließlich langsam.
Einen Moment starrt Esther nur stumm zurück. Sieht aus, als würde sie die Welt nicht mehr verstehen. „Echt jetzt? Aber du wolltest doch unbedingt –”
„Ich?!” fragt Pia entsetzt. „Ich dachte du –”
„Du hast doch die ganze Zeit so zu dem Ding rübergestarrt, da dachte ich –”
„Ja aber doch nur, weil ich – ” Pia bricht ab, vergräbt das Gesicht in ihren Händen.
Und dann wird ihr ganzer Körper plötzlich von einem Lachen geschüttelt. Und Esther – Esther stimmt mit ein.
Sie weiß nicht, wo das auf einmal herkommt. Sie weiß nur, dass sie in einer klapprigen Metallkiste sitzt, die in schwindelerregender Höhe an einem riesigen Rad baumelt, dass sie bis eben nichts als Panik in ihrem Bauch hatte, und dass sie lacht. Gemeinsam mit Esther Baumann.
Und dann trifft sie der Gedanke wie ein Blitz. Dass Esther nur für sie hier ist. Dass sie vermutlich niemals einen Fuß in diese Gondel gesetzt hätte, wäre sie nicht überzeugt davon gewesen, Pia damit eine Freude zu machen.
Genau wie Pia nur für Esther hier ist.
Vorsichtig hebt sie den Kopf. Schaut Esther an, die sich gerade eine Lachträne aus dem Augenwinkel wischt – Pia ist sich nicht sicher, ob sie Esther je zuvor so gesehen hat – und in der Bewegung innehält, als Pias Blick ihren trifft.
Pia schluckt. Weil da plötzlich diese Wärme ist, die ihren ganzen Körper flutet, da wo vorher nur kalte Panik war, und weil sie nicht richtig weiß, wohin damit.
Und Esther, die schluckt auch. Sieht Pia an. Mit einem Blick, der plötzlich so weich ist und so offen und so verletzlich, wie sie das sonst nur selten von Esther kennt. Und irgendwie, irgendwie weiß Pia, dass Esther versteht.
Keine von beiden sagt irgendwas. Und vielleicht müssen sie das auch nicht.
Bis Pia wieder einfällt, dass sie immer noch 50 Meter über dem Boden schweben und wohl noch mindestens zwei Runden hinter sich bringen müssen, bis sie hier wieder aussteigen können.
„Und jetzt?”, fragt sie leise in die Stille.
Esther antwortet nicht. Hält Pia nur stumm ihre Hand hin, die, mit der das hier alles angefangen hat.
Pia zögert kurz. Sie weiß nicht so recht, wieso. Vielleicht weil sich das plötzlich so groß anfühlt. Obwohl so eine kleine Berührung nun wirklich nicht die Welt ist. Und obwohl sie so lange darauf gewartet hat. Vielleicht aber auch genau deswegen.
Dann legt sie ihre Hand in Esthers.
Esthers Finger schließen sich um ihre, fest, ohne zu doll zu drücken, und ihr Daumen fährt beruhigend über Pias Handrücken.
Und plötzlich, denkt Pia, plötzlich ist es ein bisschen egal, ob sie nun 10 oder 20 oder 50 Meter über dem Boden schweben oder gleich noch ein paar Lichtjahre weiter auf dem Jupiter.
Herzrasen hat sie sowieso.
Weil Esther Baumann ihre Hand hält. Nicht nur zufällig.
