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Noch nie Verliebt

Summary:

Schmitti sitzt mit Klaas, Joko und Katha in einer Bar, draußen fällt Schnee auf die Straßen Berlins.
Joko und Klaas sind nur miteinander beschäftigt und Thomas erlebt zwischen Zimt, kaltem Atem und flackerndem Licht die Magie der Nacht und die Frage, was es wirklich heißt, zu lieben.

Notes:

Ich fand es sehr spannend Joko und Klaas’ Beziehung mal aus Thomas‘ Augen zu betrachten. Das Lied „Nie verliebt“ von Paula Hartmann hat mich dann zu Schmittis Gefühlen und der Szenerie inspiriert.

Alles hiervon ist reine Fiktion, nichts entspricht der Realität.

Work Text:

Und schon wieder eine Nacht lang ohne Schlaf
Der Kopf lehnt am verdreckten Fenster einer Bahn
Ich war noch nie verliebt, hm
Ich war noch nie verliebt, hm
Der letzte Schluck vom Wein, die Kippe an der Bahn
Und der allerletzte Kuss, aber keine Angst
Ich war noch nie verliebt, hm
Ich war noch nie verliebt
Das Gefühl, dass etwas fehlte
Verloren letzte Nacht, zwischen lebendig sein und Leere - Nie Verliebt von Paula Hartmann

 

Die Bar, in der sie saßen, war voller, als sie um diese Uhrzeit in der Vorweihnachtszeit eigentlich sein sollte. Jacken hingen über Stuhllehnen, Schals lagen achtlos zusammengeknüllt auf den Bänken, irgendwo tropfte geschmolzener Schnee auf den Boden. Die Luft war warm und dicht, roch nach Alkohol, nassen Mänteln und diesem süßlich-würzigen Etwas, das sich in Bars im Dezember überall festsetzte. Stimmen überlagerten sich, Gelächter brandete auf und fiel wieder ab, Gläser klirrten, als wäre niemand bereit, diese Nacht schon gehen zu lassen.

Joko, Klaas, Katha und Schmitti saßen an einem Vierertisch mit zwei Bänken, eingezwängt zwischen fremden Gesprächen und halb gehörten Geschichten. Ihre Knie stießen sich gelegentlich unter dem Tisch, Ellbogen berührten sich, ohne dass jemand groß darauf achtete.

Es war einer dieser Abende, an denen man zusammen war, ohne genau zu wissen, warum, außer dass man nicht allein sein wollte.

Alle waren noch jung. Nicht im Sinne von sorglos, sondern im Sinne von suchend. Noch dabei, sich selbst zu verstehen, die Rollen, in die sie langsam hineinwuchsen, und das Leben um sie herum, das schneller schien als sie selbst.

Die Scheibe beschlug. Die Menschen, die hereinkamen, hatten rote Nasen von der Kälte, zogen die Schultern hoch, brachten kurz die Nacht mit hinein.

Schmitti spürte eine Schwere auf seiner Brust. Verantwortung, dachte er. Er wusste nicht genau, welche. Vielleicht die Verantwortung sich selbst gegenüber. Er blickte seine Freunde an und für einen Moment wurde es leichter.

Joko und Klaas saßen nebeneinander. Sie lachten über irgendwas, irgendeinen Insider, der nur ihnen gehörte. Klaas wischte sich sogar Tränen aus den Augen. Jokos Hand lag auf seiner Schulter, rutschte immer weiter seinen Nacken entlang. Klaas schien das nicht zu stören. Vor der Kamera schon. Meistens auch daneben. Jetzt gerade nicht.

Alle waren nicht nüchtern, aber noch zurechnungsfähig. Klaas griff nach seinem Glas, ohne den Blick von Joko zu lösen. Die beiden. Immer in ihrem eigenen Universum. Dass Katha und Thomas ihnen gegenüber saßen, war gerade unwichtig.

Schmitti nahm selbst sein Glas. Irgendein Cocktail. Was immer drin war, lief angenehm warm seinen Hals hinab. Zimt. In der Vorweihnachtszeit war wohl immer alles mit Zimt.

Er blickte zu Katha. Sie schaute schweigend, mit leicht erhobenen Mundwinkeln, zu dem Duo vor ihnen.
Sie waren alle müde. Vielleicht deswegen ein bisschen drüber, ein bisschen zu gefühlsduselig.

Schmitti beugte sich zu ihr. „Sie sind gerade so glücklich.“
Katha schaute ihn an, ihre Augen glasig. Sie brummte nur. Dann legte sie den Kopf auf seine Schulter und sagte dann doch noch: „Ich wünschte, sie würden es mal hinbekommen.“

Schmitti schluckte, griff nach dem Strohhalm in seinem Cocktail und stochert darin herum. Ja, dachte er. Das wünschte er sich auch.

Klaas und Joko hatten eine komplizierte Beziehung. An manchen Tagen hassten sie sich, schrien sich an. Es hatte als Schauspiel begonnen, für die Dramatik vor der Kamera. Irgendwann waren die Rollen nicht mehr von der Realität zu trennen. Alle hingen zu tief drin, mit allem, was sie hatten. Zu tief, als dass es alles verändern würde.

Es war Tage zuvor gewesen, in einem Studio, spät abends. Die Kamera lief, alles sollte professionell wirken. Sie standen sich gegenüber, das Licht flackerte auf den Gesichtern, die Luft war heiß von Lampen und Energie.

„Du hörst mir nie richtig zu!“, hatte Joko geschrien, seine Stimme scharf, aber zerbrechlich zugleich.
„Ich höre sehr wohl zu! Du übertreibst nur immer alles!“, hatte Klaas zurückgeschrien, die Hände fest zu Fäusten geballt.

Es war ein Kampf um Worte gewesen, beruflich verpackt, aber jeder Satz trug etwas Persönliches, etwas, das tief unter die Haut ging. Schmitti hatte daneben gestanden, zu still, um einzugreifen, und hatte zugesehen, wie die Grenze zwischen Wut und Sehnsucht verschwamm.

Dann war alles plötzlich still geworden. Kameras aus. Klaas atmete schwer, Joko starrte auf den Boden, die Spannung war greifbar. Und dann, eine flüchtige Berührung. Klaas griff Joko an die Schulter, drückte leicht zu. Ein kleiner, fast beiläufiger Griff, aber einer, der alles sagte, was keiner aussprach. Schmitti hatte gespürt, wie sich sein eigenes Herz zusammenzog.

Aber nicht nur vor der Kamera stritten sie sich. Auch dahinter fanden sie manchmal Nichtigkeiten wegen denen sie sich zofften. Erst heute vormittag hatte Klaas Joko angeschrien, laut, so dass sich die Stimme in den Wänden des Büros verfing. Joko hatte zurückgeschrien, die Worte scharf wie kleine Messer. Jeder hätte denken können, sie stritten sich nur wegen der Arbeit, einer Meinungsverschiedenheit während des Meetings. Aber Schmitti wusste es besser. Er hatte gespürt, dass es nicht nur das war. Dass unter jedem Wort etwas Persönliches vibrierte, etwas, das keiner aussprechen wollte.

Jetzt, in der Bar, dachte er an diese Momente zurück. Es gab aber noch diese andere Seite, das andere Extrem.

Schmitti hatte sie einmal wild knutschend im Auto erwischt. Es war spät gewesen, die Straßen fast leer, nur das Summen der Motoren irgendwo in der Ferne. Klaas hatte Joko an die Scheibe gedrückt, Hände in die Haare vergraben, Lippen, die sich kaum voneinander lösen wollten. Die Scheibe war beschlagen, das Licht der Straßenlaternen warf schmale Streifen über ihre Gesichter. Schmitti hatte nur stehen bleiben können, den Atem angehalten, und sich geschworen, dass es ihn nichts anging.

Am nächsten Abend hatte Klaas ihn darauf angesprochen, hatte ihn wohl gesehen. Erst war da nur die Wut, laut, scharf, alles weggeschoben wie immer. „Verdammt, Thomas! Das geht dich einen Scheiß an!“
Schmitti hatte genickt, hatte nichts gesagt, nur zugehört. Dann war Klaas langsamer geworden, die Stimme tiefer, brüchiger. Er hatte angefangen zu erzählen. Wie oft es schon passiert war, er und Joko. Erst aufgeladen mit Wut, dann mit etwas anderem, undefinierbar, verletzlich.

Die beiden besten Freunde saßen draußen, unter den Sternen. Rauch in der Luft. Klaas hatte geredet, viel. Hatte sein Herz gezeigt, versucht, seine Gefühle für Joko in Worte zu fassen. Thomas hatte zugehört. Nicht versucht, irgendetwas zu sortieren. Das hatte Klaas irgendwann selbst getan.
Schmitti konnte gut zuhören. Klaas konnte gut erzählen.

Eine Hand auf seinem Arm riss ihn aus den Erinnerungen. Katha strich sanft über ihn. Er schaute zu ihr. Sie wusste nichts davon. Nicht offiziell. Aber sie kannte Joko und Klaas fast genauso lange wie er. Und sie hatte eine bemerkenswerte Auffassungsgabe.

„Ich hol mir noch ein Bier. Will noch jemand was?“

Joko und Klaas schauten gleichzeitig zu ihr rüber.
Schmitti schnaubte. Ja. Sie waren auch noch da. Willkommen in der Wirklichkeit.

„Nein“, nuschelte Klaas. „Ich geh mal eine rauchen.“
Schmitti zählte innerlich bis drei. Kam nur bis zwei, bis Joko sagte: „Ich komm mit.“

Schmitti beobachtete sie durch die beschlagene Scheibe. Er stellte sich vor, wie ihre Schuhe auf dem Schnee knirschten. Wie kalt sich die Flocken anfühlten, die von oben auf Klaas und Joko herunterschwebten und sich in ihren Haaren und Kapuzen verhängten. Kleine Dunstwolken stiegen von ihrem Atem auf und vermischten sich mit der kalten Luft. Die Straßenlaterne warf ein gelbes Licht auf die zwei, machte den herabfallenden Schnee noch sichtbarer. Joko und Klaas stellten sich unter sie, ein bisschen zu nah, ein bisschen zu selbstverständlich. Hände fanden Haare, Schultern, Nacken. Sie küssten sich. Einfach so.

Tropfen perlten die Scheibe des Glases hinab, durch die Thomas schaute. Schlieren verzerrten die Bewegungen. Er sah nur Umrisse, die Lichter spiegelten sich in Klaas’ Haar und in Jokos Jacke.

Thomas wünschte sich wegsehen zu können. Es war nicht seine Geschichte. Es würde nie seine Geschichte sein. Und trotzdem fühlte es sich an, als würde jede Bewegung, jedes Lachen, jedes flüchtige Berühren der Hände durch ihn hindurchgehen. Als würde sein Herz in den Schatten der Straßenlaterne mitklopfen. Er dachte daran, wie es wäre, mittendrin zu sein. Wie es sich anfühlen würde, die Wärme zu teilen, die Nähe, die Vertrautheit, die er nur durch das Glas sah. Ein Teil von ihm wollte es einfach wollen, ein anderer wusste, dass er es nicht konnte, dass er es nicht durfte, dass es nicht passte.

„Ob die wissen, dass wir sie sehen?“ sagte Katha.

„Ich denk, das ist denen grad absolut egal“, brummte Schmitti. Seine Augen klebten noch an den Umrissen unter der Straßenlaterne.

„Stehst du auf ihn?“

„Ich- was?“

„Du, Klaas.“

Er blinzelte, schaute noch einmal auf die beiden. Klaas’ Hände gruben sich in Jokos Haare, ein Lächeln huschte über seine Lippen. „Nein. Ich war noch nie verliebt.“

„Noch nie verliebt? Warum guckst du dann so sehnsüchtig?“

Wums. Da war es. War er das? Sehnsüchtig? Die Wärme, die Nähe, die ihm nur als Beobachter begegnete, zog wieder durch seine Brust. „Tu ich das?“

„Ja.“

Eine lange Pause. Schmitti schluckte, beobachtete die Scheibe, das Licht auf dem nassen Asphalt. „Nach was sehnst du dich denn dann, Thomas?“

Er atmete aus, fühlte die Müdigkeit, die Kälte, den Alkohol, die Melancholie. „Es ist zu spät für so eine Frage. Wir haben zu viel Alkohol intus für so eine Frage. Und wir haben zwei Freunde, die sich entweder gegenseitig zerstören oder die sich zu den glücklichsten Menschen der Welt machen. Um die sollten wir uns kümmern. Nicht nach was ICH mich sehne.“

„Ich finde die Uhrzeit perfekt für so eine Frage.“

Er riss den Blick von der Scheibe weg und schaute in Kathas Augen. Ihr Blick wirkte unschuldig, neckend, abwartend. „Ich… Katha, ich habe auf diese Frage keine Antwort.“

„Thomas, du musst das mal für dich rausfinden.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Bier, das sie sich doch erst geholt hatte, es war fast schon wieder leer.

Schmitti blinzelte träge. Er wollte sich jetzt nicht damit auseinandersetzen, nicht denken, und auch irgendwie nicht fühlen.

Gerade als Katha wieder zu irgendwas ansetzen wollte, kamen Joko und Klaas wieder in die Bar gestolpert. Rote Wangen, feuchte Haare vom Schnee. „Wir gehen jetzt auf den Weihnachtsmarkt“, verkündete Joko.

„Es ist drei Uhr nachts. Die haben doch gar nicht mehr auf“, bemerkte Katha.

„Egal, dann nehmen wir uns einen Glühwein von hier mit und laufen durch die leeren Buden“, sprang Klaas ihm zur Seite.

Thomas verstand die Idee nicht, hatte aber absolut nichts gegen einen Spaziergang. Gesagt, getan. Sie standen auf, zogen ihre Jacken an, kauften sich noch Glühwein in Pappbechern und traten hinaus auf die Straßen Berlins.

Die Stadt war stiller geworden, nur noch vereinzelte Schritte, das leise Rufen eines Taxifahrers, der Wind, die fallenden Flocken und der Geruch ihres heißen Glühweins.

Sie mussten nur ein paar Blocks gehen, bis sie die Buden erblickten. Wie gedacht, war keine davon mehr besetzt. Vereinzelte Lichterketten glommen noch schwach über den Gassen. Der Geruch von gebrannten Mandeln hing immer noch in der Luft.

Joko und Klaas liefen ein Stück voraus. Klaas zog seine Mütze an, zog sie tief über die Ohren, Joko schob sie ihm mit einem Grinsen wieder hoch. Liebevoll und verspielt. Sie liefen weiter. Klaas’ Hand verschwand wie selbstverständlich in Jokos Jackentasche. Niemand machte ein Geheimnis daraus. Es war einfach da. So selbstverständlich, dass es fast weh tat.

Das Bild brannte sich ein: Licht, Schnee, Hände, Nähe. Alles, was Thomas nicht hatte, und trotzdem wollte er es festhalten, wollte es fühlen, ohne sich einzumischen.

Katha stellte sich neben ihn, nahm seinen Arm. „Es ist schön, dass wir noch rausgekommen sind“, murmelte sie. Er nickte nur, die Kälte biss in die Wangen.

„Ich hab immer gedacht, Verliebtsein fühlt sich anders an“, sagte er leise. Nahm damit ihr Gespräch von vorhin irgendwie wieder auf. „Größer. Eindeutiger.“
Katha sagte nichts. Sie wartete.

„Vielleicht ist es das ja“, murmelte er. „Nur halt nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern… wie das hier.“
Er hob den Becher. Dampf stieg auf, verflog sofort.

Joko rief irgendwas von vorne. Klaas lachte. Ein Geräusch, das warm war und gleichzeitig entfernt.

Thomas schaute ihnen nach. Dann in den Himmel. Schnee fiel immer noch, ganz fein jetzt. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde alles stillstehen. Als wäre da Platz. Nicht für Antworten. Aber fürs Aushalten.

Ein Teil von ihm wünschte sich, dass er die Gefühle in ihm einordnen könnte, dass er es verstehen würde. Ein anderer Teil wusste, dass es egal war. Vielleicht musste er es gar nicht verstehen. Vielleicht reichte es, zu fühlen, zu beobachten, zu existieren in diesem Moment, zwischen Licht, Schnee und seinen Freunden.

Vielleicht war er wirklich noch nie verliebt.
Vielleicht war es die ganze Zeit nur anders.