Work Text:
“Wir haben kein Mehl.”
“Wir haben kein Mehl??”
Markus schüttelt schuldbewusst den Kopf, bis er abrupt stoppt.
“Ich könnte nochmal losgehen.” Er sieht aus, als würde er sich für diesen Einfall selbst gratulieren. “Ja, das mache ich.” murmelt er noch, bis ihn Richard zurück in die Realität holt.
“Ich will ja nicht so sein, aber..” Er legt die Hände auf Markus’ Schultern und dreht ihn in Richtung des Fensters. “Es ist 23 Uhr, da draußen liegt bestimmt ein halber Meter Schnee und wenn es so weiter schneit, ist es bald ein ganzer Meter."
Wie zur Bestätigung seiner Worte peitscht der Wind ans Fenster.
“Tschuldigung, an alles andere hab ich gedacht.” antwortet Markus, der jetzt auch einsieht, dass das mit dem Einkaufen heute nichts mehr wird..
Richard sieht ein wenig genervt aus, aber wie so oft, atmet er erst einmal tief durch.
“Du weißt, ich bin kein Pessimist.” sagt er, Markus verkneift sich sein Lachen und schaut ihn bierernst an. Naja, so ernst es eben geht, wenn Richard ungefähr 30 cm vor ihm steht und sehr angestrengt versucht, positiv zu bleiben.
“Deinen Optimismus in allen Ehren, aber Plätzchen backen ohne Mehl?”
“Man wird doch wohl irgendwas anderes nehmen können.”
Markus ist sehr kurz davor, Hausstaub vorzuschlagen, weiß aber, wie das bei seinem jetzt schon genervten Gesprächspartner ankommen würde.
Nur so mittelgut, vermutlich.
„Oder wir machen was ganz anderes.“ versucht Markus vorsichtig, die Wogen zu glätten.
„Und was wäre dein Vorschlag?“ fragt Richard ein bisschen zu ruhig.
Diesmal schafft Markus es nicht, den Witz, der in seinen Kopf schießt, auch dort zu behalten.
„Eine Arktis-Expedition zu Aldi.“
„Hier gibts nur Aldi Süd.“ erwidert Richard trocken.
„Dann eben Antarktis.“ gibt Markus lachend zurück, Richard verzieht nach wie vor keine Miene.
Eigentlich war Markus‘ Vorschlag nur ein Witz, aber irgendwie merkt er, dass er zu einer echten Expedition nicht nein sagen würde. Egal ob zu Aldi Nord oder Süd.
Richard macht nochmal dasselbe wie vorhin: Er dreht Markus zum Fenster, durch das man den Schneesturm sehen kann. Nur sagt er nichts mehr dazu.
Oh nein, ist er jetzt wirklich sauer?
Andererseits liegen seine Hände noch auf Markus‘ Schultern, er nimmt sie nicht weg.
Markus merkt mittlerweile, dass er anfangen müsste, sich selbst auszulachen, wenn er weiterhin darauf besteht, so zu tun, als wäre er nicht zumindest ein bisschen schwul.
Ob Richard das auch kapiert hat, kann Markus leider nicht beantworten.
„Wir könnten doch sowas wie Mandeln oder andere Nüsse anstelle von Mehl nehmen.“ schlägt Markus nun doch vor.
Leider nimmt Richard jetzt seine Hände weg, wahrscheinlich, weil er überlegt. Markus dreht sich wieder zu ihm.
„Also Walnüsse müssten wir eigentlich noch haben, vom Nikolaus.“ meint Richard und sucht die Schüssel, in der die übrigen Sachen vom Nikolaustag liegen.
Er hält sie triumphierend hoch.
Und tatsächlich, es befinden sich noch ein paar Nüsse darin, zehn sind es bestimmt.
„Damit lässt sich arbeiten.“ antwortet Markus.
Eigentlich ist es nur halb ernst gemeint, weil man daraus vermutlich ca. fünf Plätzchen machen kann. Aber immerhin besser als nichts.
„Die zerkleinern wir dann im.. Mixer?“ fragt Markus vorsichtig.
„Wenn du das hinbekommst, ohne dass der Mixer den Geist aufgibt, gerne.“ antwortet Richard.
Dann also nicht.
„Haben wir denn keinen Mörser?“ fragt Richard nun.
„Wenn du bei deinem Einzug keinen mitgebracht hast, nicht. Ich hab nämlich keinen.“
Richard guckt so, als hätte er bei seinem Einzug keinen Mörser mitgebracht.
Markus versucht es weiter: „Dann nehmen wir eben..“ Er lässt seinen Blick durch den Raum schweifen. Plötzlich entdeckt er etwas.
„Das hier.“
Richard schaut so, als würde er nicht glauben, dass Markus das gerade ernsthaft vorschlägt.
Tut er aber.
„Meine Enzyklopädie??“ fragt er entgeistert.
„Naja, das ist bestimmt das schwerste Buch, das wir haben.“
„Warum willst du denn überhaupt ein Buch dafür nehmen?“
Gute Frage, eigentlich.
„Sag gerne Bescheid, wenn du hier irgendwas ähnlich schweres findest, mit dem wir Nüsse zermalmen können!“ gibt Markus schneller zurück, als er nachdenken kann.
Richard zögert keine Sekunde und deutet sogleich wortlos auf Markus‘ DJ-Pult.
„Freundchen!“ droht Markus ihm spaßeshalber, denn er hofft, dass Richard den Vorschlag nicht ernst meint.
„Was? Das ist bestimmt schwerer als meine Salzwasserfische-Enzyklopädie.“ meint Richard. Markus ist froh, dass er mittlerweile schmunzelt.
„Selbst wenn, ich glaube nicht, dass es irgendwas bringt, einfach etwas Schweres auf die Walnüsse zu stellen. Was soll da bitte passieren?“
Richard grinst jetzt, kein gutes Zeichen.
„Ach, ich dachte, wir nutzen dein DJ-Pult so als Mörser.“
„Du meinst dein Buch?“
„Wer von uns beiden hat das Mehl vergessen?“
„Wer von uns beiden hat beim Einzug keinen Mörser mitgebracht?“
„Wir beide, dachte ich.“
„Ja, okay, stimmt.“
Irgendwie kommt Markus nicht drum herum, dieses ganze Gespräch ziemlich witzig zu finden, auch, wenn er nicht ganz abschätzen kann, wie ernst Richard das alles meint.
Als er kurz verstummt, sieht er förmlich, wie Richard ein Licht aufgeht.
Diesmal dreht er ihn nicht zum Fenster, schade.
„Schau mal, es hat aufgehört zu schneien.“
Er hat Recht, unter dem Licht der Straßenlampen sieht man jetzt nur noch ganz wenige, klitzekleine Schneeflocken, die vom Wind durch die Luft gewirbelt werden.
Sie denken gerade wahrscheinlich beide das Gleiche.
„Jetzt können wir doch Mehl kaufen!“ meint Markus und Richard nickt.
Die beiden ziehen schnell ihre Jacken, Schals und Schuhe an und watscheln durchs Treppenhaus nach draußen.
Dort merken sie, dass es, obwohl es nicht mehr schneit, noch extrem kalt ist.
Richard sieht aus wie ein nasser Hund (nett gemeint). Und er wirkt, als sei er kurz davor, auf der Stelle umzukehren.
Diesmal ist es Markus, der seine Hände auf Richards Schultern legt und ihn dreht. Diesmal aber nicht zum Fenster, sondern zu sich.
Dass sie ein bisschen sehr nah aneinander stehen, stört sie beide nicht.
Markus‘ Sicht verschwimmt, weil Richards sichtbarer Atem direkt vor seinem Gesicht schwebt.
Bevor Markus etwas sagen kann, hat Richard verstanden, was er meint.
„Na gut, wir ziehen das durch.“
Da laufen sie nun auf den erstaunlich leeren Straßen Kölns. Untypischerweise sieht die Stadt wahnsinnig ruhig und gemütlich aus. Es kommt ihnen auch niemand entgegen, keine Menschenmassen, nichts.
Anscheinend haben sich heute alle darauf geeinigt, Richard und Markus in dieser Atmosphäre allein zu lassen.
Diese Atmosphäre ist zwar schön und gut, aber windig ist es trotzdem noch. Der Wind schlägt ihnen mehr oder weniger ins Gesicht.
Also Markus zumindest, wie es Richard geht, kann er aber abschätzen. Daran, dass er aussieht, als würde er gerade irgendeinen Berg hochklettern.
Und das alles nur, um ein paar blöde Plätzchen zu backen.
Vielleicht wäre das mit dem DJ-Pult doch gegangen.. Ne, besser nicht darüber nachdenken, sonst versucht Richard das wirklich.
„Wie lange laufen wir denn noch??“ fragt Markus wie ein kleines Kind auf einer Autofahrt. Aber in erster Linie, weil er sich fühlt, als könnten seine Ohren abfrieren.
Mützen wurden also doch mit Recht erfunden.
„Ich weiß das genauso wenig wie du. Wenn ich zum Supermarkt laufe, ist es sonst für gewöhnlich hell draußen.“
„Aber verlaufen haben wir uns nicht?“ fragt Markus mehr sich selbst, aber Richard antwortet trotzdem.
„Bestimmt nicht, mein Orientierungssinn ist doch recht gut.“
Wenn Markus nicht wissen würde, dass Richard das ernst meint, klänge die Aussage relativ ironisch.
„Meiner nicht, oder was?“ Markus‘ Frage ist eigentlich nur obligatorisch, weil er genau weiß, was Richard jetzt ausgräbt.
Er lächelt, als dieser ansetzt.
„Ich glaube, an unseren Weg zum Konzert muss ich dich nicht erinnern.“ meint Richard trocken, aber Markus merkt, dass er schmunzelt.
Plötzlich zeigt Richard irgendwo in den Himmel.
„Schau mal, eine Hohltaube!“ ruft er Markus sehr freudig zu.
„Bist du ein Vampir, oder was?“
„Fressen die seit neuestem Tauben, oder wie soll ich das verstehen?“
„Ne, also bestimmt nicht, aber ich meine, es ist stockdunkel und du hast trotzdem diese Taube erkannt.“
Richard muss ein bisschen lachen.
Markus fährt fort: „Wenn du mir gesagt hättest, dass das ein Raubvogel war, hätte ich’s dir auch geglaubt. Ich hab da gar nichts gesehen.“
„Greifvogel.“ korrigiert ihn Richard.
„Ja ja.“ murmelt Markus nur.
„Wie kommst du eigentlich ausgerechnet darauf, mich Vampir zu nennen? Es gibt doch andere Wesen, die eher dafür bekannt sind, im Dunkeln sehen zu können.“ fragt Richard.
„Wäre dir der gemeine Gecko lieber gewesen?“ entgegnet Markus, der ein bisschen stolz darauf ist, dass ihm etwas anderes als die Katze als Beispiel eingefallen ist.
Trotzdem kann er Richards Antwort schon kilometerweit erahnen.
„Wenn ich alle Tiere bewerten müsste, wären Geckos insgesamt wahrscheinlich weiter oben als Vampire.“
Okay, das wirft dann doch mehr Fragen als gedacht auf.
„Vampire gehören doch nicht zu den Tieren!?“ antwortet Markus.
„Eher, als zu den Menschen. Die können sich doch in Fledermäuse verwandeln.“
„Ja, aber dann sind doch die Fledermäuse die Tiere. Vampire sind viel zu menschlich!“
„Affen werden doch auch als Tiere bezeichnet, obwohl sie uns so ähnlich sind.“
Mittlerweile ist es wirklich bitterkalt. Der Wind weht durch Markus‘ Haare und die Kälte schüttelt ihn.
Er wird diese Diskussion nicht gewinnen, aber verlieren wird er sie auch nicht.
„Du, als Zoologe meines Herzens, wirst doch sehen, dass..“ Ähh, jetzt muss er improvisieren.. „also dass.. es Vampire gar nicht gibt!“
„Na gut, ich gebe mich geschlagen!“ meint Richard ironisch und hebt die Hände, als gebe er sich wirklich geschlagen.
Und apropos geschlagen geben, sie sind fast da, Markus erkennt einen Baum, der nur ein paar Meter vom Laden entfernt steht.
Nur den Laden erkennt er nicht, der ist nämlich nicht beleuchtet.
„Wie viel.. Uhr ist es eigentlich?“ fragt Richard geistesabwesend.
Markus schaut auf sein leeres Handgelenk.
„Gute Frage.“
Also eins ist sicher, es ist zu spät.
„Ich glaube, das mit den Plätzchen wird nichts mehr heute.“ sagt Richard und anders als bei der Vampir-Diskussion, hat er sogar Recht.
Irgendwie hat keiner der beiden daran gedacht, dass es eventuell schon zu spät zum Einkaufen sein könnte.
Richard befindet sich immer noch in Schockstarre, vielleicht ist er mittlerweile auch eingefroren.
Um das zu testen, setzt sich Markus der Gefahr abfrierender Extremitäten aus und wirft Richard mit einem Schneeball ab.
Als dieser sich umdreht, hat Markus eine Sekunde lang Angst, er könnte es ihm wirklich übel nehmen.
Doch als er wenig später ebenfalls von einem Schneeball getroffen wird, weiß er, dass Richard wohl doch nicht eingefroren ist.
Sie machen sich auf den Rückweg, diesmal aber mehr rennend und sich vor Schneebällen duckend, als vorher.
Als Markus gerade einem Schneeball von Richard ausgewichen ist, fällt ihm etwas ein.
„Wenn Vampire Tiere sind, wie konnte Graf Dracula dann einen Adelstitel bekommen?“
Jetzt hat er ihn!
„Frag mal Sir Nils Olav.“ entgegnet Richard lachend.
Wenige Momente später wird er von einem Schneeball getroffen.
