Work Text:
COLIN
Ich vermisse dich.
Es sind nur drei Wörter, aber sie treffen Colin mitten ins Herz.
Es ist die erste Nachricht von Noah seit er letztes Schuljahr das Einstein verlassen hat. Und obwohl Julia es ihm immer und immer wieder gesagt hat, hat er seine Nummer nie gelöscht.
Jetzt liegt er hier auf einem Klappbett im alten Kinderzimmer seiner Tante, den Bauch voll mit Weihnachtsessen, von dem seine Oma wie immer zu viel gemacht hat, weil sie dachte, dass sonst alle verhungern.
Warum schreibt Noah jetzt?
Warum gerade heute?
Vielleicht nur ein Versehen.
Vielleicht wollte er gar nicht ihm schreiben sondern, keine Ahnung, irgendjemandem vom Einstein.
Er sollte die Nachricht und am besten auch gleich Noahs Nummer löschen.
Aber gleichzeitig will er auch wissen, warum Noah ihm jetzt diese Nachricht geschickt hat.
Es ist schon spät, er ist müde und eigentlich will er jetzt schlafen gehen.
Er überlegt etwas, dann schreibt er zurück.
Wir reden morgen, okay?
NOAH
Noahs Kopf dröhnt, als er am nächsten Morgen aufwacht. Er trinkt normalerweise keinen Rotwein, aber das war die einzige Möglichkeit gewesen, die schrecklichen Tischgespräche bei der Familie seines Vaters auszuhalten. An Heiligabend bei seiner Mom war’s okay. Da konnte er sich mit der Ausrede, dass es seinem jüngeren Cousin sonst doch bestimmt langweilig werden würde, mit ihm in sein Zimmer verkriechen.
Aber bei der Familie von seinem Dad ist er der Jüngste. Links neben ihm wurde über seine Mutter und irgendwelche entfernten Familienmitglieder hergezogen und rechts neben ihm fand eine hitzige Politikdiskussion statt.
Und immer wieder ertappte er sich dabei, wie er sich wünschte, bei Colins Familie zu feiern. Dabei kennt er die gar nicht, aber laut Connector Space scheint Colin an Weihnachten Spaß gehabt zu haben.
Im Gegensatz zu ihm. Colin hat einen Raspberry Pi gekriegt, er nur Geld und ein Pflegeset.
Er nimmt sein Handy in die Hand und erstarrt, als er Colins Nachricht liest.
Wir reden morgen, okay?
Reden? Über was?
Panisch tippt er die Nachricht an.
Oh nein.
Oh nein!
Hat er Colin wirklich angetrunken geschrieben?
Gut, die Worte stimmen und wenigstens hat Colin ihm nicht direkt ne Abfuhr erteilt.
Ob Colin auch schon wach ist?
Und was soll er ihm überhaupt antworten?
Immer wieder tippt er Worte, um sie dann doch wieder zu löschen, weil nichts gut genug klingt. Er löscht ganze Wände aus Wörtern, in denen er alles erklärt und entscheidet sich schließlich für vier.
Bist du schon wach?
Ein einfacher Gesprächseinstieg. Nichts zu persönliches, eine einfache Nachfrage, auf die Colin antworten kann oder auch nicht.
Ja.
Colin schreibt…
Colin schreibt…
Colin schreibt…
War die Nachricht für mich?
Sorry, musst nicht antworten.
Interessiert mich nur.
Noah spürt, wie ihm plötzlich heiß wird.
Er könnte lügen und schreiben, dass die Nachricht nicht für Colin bestimmt war.
Aber andererseits hat er Colin so oft angelogen und es dann nach seinem Weggang bereut.
„Ich glaub, ich geh lieber allein ins Kino.“
„Ich bin nicht in dich verliebt.“
„Mir doch egal.“
Also schreibt er das eine Wort, das alles sagt.
Ja.
Colin schreibt…
Colin schreibt…
Colin schreibt…
Ich vermiss dich auch.
Hab deine Nummer nie gelöscht.
Ich deine auch nicht.
So viel bedeutet er Colin also noch.
Es wäre ein leichtes für ihn gewesen, Noahs Nummer zu löschen und ihn überall zu blockieren.
Aber er hat es nicht getan.
Colin schreibt….
Colin schreibt…
Colin schreibt…
Fahren heute zurück nach Hause.
Können dann telefonieren, wenn du willst.
Er will mit ihm reden.
Er. will. mit. ihm. reden.
Und Noah will ihm alles erzählen.
Okay, vielleicht nicht gleich alles.
Aber etwas.
Ok.
Schreib mir, wenn du Zeit hast.
Colin schreibt…
Mach ich.
Noah sperrt sein Handy und hält es an seine Brust.
Vielleicht gibt es doch so etwas wie Wunder.
