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Blondie

Summary:

„Irgendwie hab‘ ich nicht mehr mein Leben geführt, sondern eins, das er mir ermöglicht hat. Und wenn ich mir dann vorgestellt hab‘, wie meine Zukunft aussieht ...“ Sie stockt kurz. Kong hat sich wieder halb vor sie gestellt, sie blickt in die Augen des Zeitungsausschnitt-Gesichts auf seinem Pullover. „Es war so fucking scary. Ich will nicht nur die Frau von irgendwem sein.“

Natascha färbt sich in einem Anflug von Liebeskummer die Haare gelb und braucht Hilfe dabei, die Farbe zu kitten.

[English Translation in Chapter II.]

Notes:

originally wrote this in 2024, but found out upon rereading that i actually really like it still. sometimes i forget that writing is simply supposed to be fun & not every single fic is meant to be a poured-over art piece. special thanks to @sternenschnuppendrachenschicksal for mentioning that she’d like to read more about kong and natascha and thus inspiring me to open up this document again <3
also: this was a bitch to translate, just because i don't think there is an equivalent to the "öko" stereotype in english. much to think about actually, but in this case, it made my life just a tiny bit harder.

natascha is supposed to be 16 in this, if i recall correctly, making kong 18 or 19.

Chapter 1: Blondie (DE)

Notes:

(See the end of the chapter for notes.)

Chapter Text

 

 

„Meinst du, du kriegst das echt hin?“

Kong grinst. Sie kann seine Eckzähne sehen. „Klar. Bin Profi.“

Natascha lockert ihre Schultern unter dem kratzigen rosa Frotteehandtuch. Es ist ein Kinderhandtuch, mit Teddys und bunten Bällen drauf. Eins, das dreckig werden darf. Sie sitzt auf einem Esszimmerstuhl vor dem Badezimmerspiegel, Kong fläzt sich hinter ihr auf den Bürostuhl ihres Vaters. Seine Augen suchen im Spiegel ihre, er beißt auf dem linken seiner Snakebites herum. Wenn Natascha es nicht besser wüsste, würde sie denken, er würde sich über sie lustig machen. Wie am Montag, unten bei den Altglascontainern, als er sie ausgelacht hat, bis sie heulen musste. Da hat’s ihm leid getan.

Während Kong in der Pappschale die blasslila Bleiche anrührt, fragt Natascha sich, ob sie es bereuen sollte, seine Hilfe angenommen zu haben. Seine Frisur ist mal wieder zum Kotzen, er sieht aus, als hätte er seinen Kopf in einen Häcksler gesteckt. Aber die Farbe ist gut, richtig knallig blau, und dass, obwohl Kongs Haare eigentlich schwarz sind. Also hat er vermutlich doch Ahnung. Er hat Natascha auch gesagt, dass sie warten müssen, sonst brechen die Haare ab und sie würde aussehen wie Annie Lennox, wer immer das sein soll. Deswegen machen sie es jetzt, am Freitagvormittag. Eigentlich Schulzeit, aber Natascha ist krank und Kong geht sowieso nur hin, wenn er Bock drauf hat, also so gut wie nie. Er steuert schon wieder aufs Sitzenbleiben zu. Darüber hat sich Natascha mit Marlon unterhalten, letzten Monat auf einer Party bei Markus. Sie hat keine Ahnung mehr, wie sie darauf gekommen sind. Marlon hat erzählt, dass er Kong manchmal Hausaufgaben abschreiben lässt – ganz beiläufig, als wäre es nicht das Absurdeste, was Natascha je in ihrem Leben gehört hat.

Kong nimmt eine der abgeteilten Haarstellen und pinselt sie mit der Bleiche ein. Er ist ganz vorsichtig dabei, also überhaupt nicht wie sonst. Seine riesigen Hände sehen in den dunklen Gummihandschuhen bedrohlich aus. Auftragskillerhände. Sie betrachtet den Haufen Make-Up neben dem Waschbecken. Ihr Lipgloss, der türkise Kajal ihrer Mama, die teure Foundation, die sie beide sich teilen. Kong hat alles achtlos zur Seite geschoben, um sein Zeug abzustellen, die Blondierung aus dem Fachhandel und den Toner, den er im dm gekauft hat. Natascha ist froh, dass er zu ihr gekommen ist. Als sie zuletzt bei Kong war, kurz nach der Sache mit Krake, hat seine Mutter ihr Tee angedreht und Natascha musste mit der hauchdünnen Tasse in der Hand im Wohnzimmer sitzen und Kongs Eltern beim Schweigen zuhören. Sein Vater hat in ihrer Anwesenheit noch nie etwas gesagt. Er sitzt immer auf der Couch, stocksteif, wie die Venus von Milo oder so, nur dass der beide Arme fehlen, nicht nur einer. Die Venus von Milo steht in Paris, im Louvre. Eigentlich hätte Natascha sie echt gern gesehen.

„Is’ er das wert?“, fragt Kong unvermittelt.

Natascha schreckt auf. „Wer?“

„Theumer.“

Natascha senkt den Blick und starrt auf ihre fleckige Jogginghose. Sie hat seit Tagen nicht geduscht, ihr Körper und ihre Klamotten riechen süßlich nach Schweiß und ihrem Vanille-Bodyspray. „Was hat das hier mit ihm zu tun?“

„Dachte, das wär’n Ding. Dass man sich danach die Haare färbt. Oder sich ‘n Pony schneidet.“

„Du bist ein Mann. Du verstehst das nicht.“

Kong ist inzwischen bei der Vorderseite ihres Kopfes angekommen, sein Gesicht schwebt in ihrem Augenwinkel. Bei ihren Worten schiebt er den Unterkiefer vor. Natascha fragt sich, ob er sauer ist. Der Chemiegeruch der Bleiche schneidet ihre Nasenschleimhaut kaputt.

„Alles klar“, sagt Kong nach einer Weile, „Stell dir ‘n Timer auf zehn Minuten.“

Ihr neuer Sperrbildschirm ist noch ungewohnt. Es ist ein Foto von ihr und Aylin vor ihrem ersten Clubbesuch in München, letztes Jahr im Herbst. In der S-Bahn zurück wurden sie von einem steinalten Fußballfan angemacht, aber sie waren so betrunken, dass sie nur darüber lachen konnten. Aylin hat dann vor ihre Haustür gekotzt, in einen Hortensienbusch.

Die Heizung bollert im Wohnzimmer. Ihre Mutter hat King vor Wochen Bescheid gesagt, dass er sich das angucken soll, oder halt wen schicken. Bisher ist nichts passiert. Es ist das einzige Geräusch in der Wohnung, sie konnten sich nicht auf Musik einigen, die sie hören wollen. Natascha hat Kraftklub vorgeschlagen, als Kompromiss, aber Kong hält sie für einen Sellout, und sein britisches Hardcore-Gitarrengeschrammel tut Natascha sich bestimmt nicht an. Selbst, wenn es von Frauen ist. Sie öffnet Instagram, um die Stille in den Hintergrund zu schieben. Jojo hat Fotos aus irgendeinem Zoo gepostet, er grinst in die Kamera und füttert einen Hirsch. Er sieht wie immer aus wie etwas, das sich Leute in ihren Schrebergarten stellen. Da ist Druck hinter Nataschas Augen. Sie schließt die App wieder und legt ihr Handy weg.

„Warum?“ Kong hat die Füße auf dem Rand der Wanne abgestützt und sieht Natascha schräg über seine Schulter hinweg an.

„Warum was?“

„Warum haste dich von ihm getrennt?“

Der Druck hinter Nataschas Augen wird stärker. Ihre Unterlippe zittert leicht. „Woher weißt du, dass ich’s war?“

„Die haben in der Mensa drüber geredet.“

Natascha dreht abrupt den Kopf zu ihm. Kong grunzt missbilligend.

„Stillhalten. Sonst haste das Zeug gleich überall.“

Natascha setzt sich wieder richtig hin. Am liebsten würde sie über die Stuhllehne auf Kongs Schoß klettern, damit er eingeschüchtert ist und die Wahrheit sagt, wenn sie fragt, wer genau das in der Mensa war, und was sie sonst noch so gesagt haben. Aber vermutlich weiß Kong es eh nicht. So genau hört der nicht zu.

„Musste mir auch nich‘ erklären.“

„Mh.“ Sie schnieft. Sie hat nicht gemerkt, dass sie wieder mit Weinen angefangen hat. Es ist eklig, diese Unaufhaltsamkeit, mit der alles aus ihr herausläuft, als wolle ihr Körper sie von innen sauberspülen.

Kong streckt sich nach hinten und reißt ihr Klopapier ab. Er ist so lang, dass sein Körper einmal quer durchs Bad reicht. Sein Sweatshirt rutscht nach oben. Er sieht sehr nach Teenager aus, komisch verwachsen und verletzlich. Früher hat Natascha sich oft einen großen Bruder gewünscht, irgendwen, der ihr coole Dinge zeigt, und sie vor ihren Eltern in Schutz nimmt. Vielleicht hängt sie deswegen so an Michi. Nicht, dass er sie oft in Schutz nehmen würde – wenn überhaupt nur, um sich selber wichtig zu machen. Manchmal beneidet sie Leon, weil er Marlon hat, obwohl ihr Marlon auch zu spießig ist. Er ist jetzt Schülersprecher. Letztens beim Halbjahresbeginn, bei diesem dummen Zusammenkommen in der Aula, wo eh niemand so richtig zuhört, hat er was über die neue Umweltinitiative der Schule erzählt, über Mülltrennung und Fahrradständer und sowas. Es ist fast albern, was für ein Öko er ist. Natascha war zu spät von der Toilette gekommen und musste sich auf die Treppen setzen, neben Sense und Kong, die beide schwer nach Rauch und Müdigkeit rochen. Kong hatte die Oberarme auf den Knien abgelegt und den Kopf darin vergraben. Nur während Marlons Rede hat er aufgesehen. Natascha hat seine Bewegung neben ihrer Schulter gespürt und ihn aus Spaß einen Hippie genannt. Er ist dann einfach gegangen, mitten in der Veranstaltung.

„Und du?“ Sie schnäuzt sich in das Toilettenpapier. „Warum meldest du dich nicht mehr bei Jasmin, hm?“

Sie kann sehen, wie er die Schultern anspannt. „Was geht’n dich das an?“

„Sie hat nach dir gefragt.“

Natascha kennt Jasmin vom Skaten. Sie ist ein bisschen älter und hat Tattoos auf den Oberarmen, manchmal kauft sie Natascha Wodka für Partys. Sie ist einfach cool, vielleicht ist sie deswegen so auf Kong abgefahren. Auf diese Egal-Attitüde, die er Leuten immer vorspielt. Natascha findet ihn ehrlicherweise ein bisschen treudoof, aber das checkt man erst, wenn man ihn besser kennt. Er schreibt Krake als Einziger Briefe in die Klinik.

„Und ich hab‘ halt gedacht, du wärst anders.“

„Wie anders?“

Natascha zuckt mit den Schultern. „Nicht so scheiße zu Frauen. Netter.“

„Ah.“ Er kratzt sich im Nacken. Die Haare da sind mittlerweile wieder fast schulterlang. „Hat halt nicht so gepasst mit Jasmin.“

Natascha legt unbeeindruckt den Kopf schief. „Du hast sie gefickt und jetzt keinen Bock mehr auf sie.“

Kong verschränkt die Arme vor der Brust und sieht weg. So hat Natascha es früher auf dem Spielplatz immer gemacht, wenn sie eine Entschuldigung wollte, selbst wenn sie keine verdient hat. Es stimmt ja. Kong hat Jasmin gefickt und sie dann fallen lassen. So hat Natascha es zumindest erzählt bekommen. Soll nicht mal schlecht gewesen sein, der Sex. Wenig egoistisch, sehr aufmerksam. Natascha kann und will sich das eigentlich nicht vorstellen. Aylin hat mal gesagt, alle von Michis Freunden wirkten wie „Rammler“. Die wissen safe nicht, wo die Klitoris ist! Ich sag’s dir!

„Hast du dich überhaupt für sie interessiert? Als Person, meine ich.“

Kong stöhnt genervt auf.

„Nein, ehrlich. Nenn mir eines ihrer Hobbies.“

Er stößt sich mit den Zehen vom Rand der Wanne ab, rollt ein Stück zurück. Bestimmt zerkratzt es die Fliesen. Natascha will schreien. Es ist nicht seine Wohnung.

„Vielleicht hätte sie mehr von Mülltrennung erzählen sollen. Das fandest du ja bei Marlon so interessant.“

„Halt die Fresse.“ Kong hat die Kiefer fest aufeinandergebissen.

Natascha muss lachen. Sie kann es gar nicht zurückhalten, es sprudelt aus ihr heraus, Kohlensäure in einer geschüttelten Colaflasche. „Soll ich ihr sagen, dass du beim Sex gern was übers Wasser sparen hörst?“

Kong nimmt die Beine runter, bringt den Schreibtischstuhl zum Stehen. Im Spiegel sieht er Natascha direkt an. „Ey, ich bin gerade so nett zu dir.“ Seine Nasenlöcher sind geweitet, die Piercings glänzen im trüben Licht, dass durch die Milchglasscheibe sickert.

Natascha weicht seinem Blick aus. Starrt stattdessen auf den Spiegel, auf den Kratzer unten links, wo ihr Vater vor Jahren sein Parfum gegengeworfen hat, als es mit einem Job wieder nicht geklappt hat. Der Flakon ist dabei kaputt gegangen, die Wohnung hat wochenlang nach Calvin Kleins CK One gestunken. Wann immer sie es heute an jemandem riecht, im Bus oder im Kino, ist Natascha wieder dreizehn und dreht Rihanna auf ihrem iPod auf, um das Geschrei ihrer Eltern zu übertönen. Sie hat fast vergessen, wie es ist, gemein zu sein. So richtig mit Absicht, weil man Spaß daran hat, jemanden aufs Blut zu reizen. Jetzt kleben ihre Sticheleien überall an den Fliesen, braun und hässlich. Sie fragt sich, ob Kong sie schlagen würde, oder ob er bei Mädchen Hemmungen hat.

Sie greift wieder nach ihrem Handy und öffnet den Screenshot-Ordner. Margot Robbie in The Wolf of Wall Street schmollt sie an. Perfekte Haare, perfekter Lipgloss. Markus fand sie wahnsinnig heiß, mit ihren großen Ohrringen und den kurzen Kleidern. Der Film hat eine FSK 16, aber Edgar hat nie kontrolliert, welche DVDs sie sich aus dem riesigen Regal nahmen. An dem Abend hat Natascha eigentlich einen Film mit Markus‘ Mutter gucken wollen, aber wie immer hat er sich geweigert. Also Wall Street. Der ganze Reichtum hat Natascha angeekelt. Und die Männer, natürlich.

Sie wischt weiter. Margot. Margot. Margot. Eine Liste der schönsten Sehenswürdigkeiten in Paris. Sie schließt ihre Galerie. Aylin hat ihr geschrieben: Na, haste schon ne Glatze?

Der Wecker klingelt. Natascha lässt das Handy fast fallen. Kong rollt wieder zu ihr, nimmt den Pinsel in die Hand und widmet sich ihrem Haaransatz. Die Heizung röhrt. Natascha wünschte, sie hätte direkt die hundert Euro für den Friseur ausgegeben, anstatt es Aylin machen zu lassen. Dann hätte es den Gelbstich nicht gegeben und dann säße sie nicht hier. Aber wo nimmt man einfach so hundert Euro her.

„Markus hat mir zu Weihnachten eine Reise nach Paris geschenkt.“

„Okay.“ Kong pinselt weiter. Er klingt so hohl und arrogant wie immer. Natascha hat keine Ahnung, was er fühlt.

Sie beißt sich auf die Innenseite ihrer Wange. Jetzt, wo der Satz draußen ist, weiß sie plötzlich nicht mehr, warum sie ihn gesagt hat, wie sie weitermachen wollte. Seit der Trennung stecken die Wörter in sich verkeilt in Nataschas Hals und Bauch fest. Es ist eine harte Blockade. Noch nie vorher hat sie Sprache so fühlen können. Ständig rennt sie gegen eine Wand. Vor Kong, vor ihrer Mutter, vor Markus.

Sie schluckt und kann es in sich kreischen hören, da, wo Metall an Metall reibt.

„Irgendwie hab‘ ich nicht mehr mein Leben geführt, sondern eins, das er mir ermöglicht hat. Und wenn ich mir dann vorgestellt hab‘, wie meine Zukunft aussieht ...“ Sie stockt kurz. Kong hat sich wieder halb vor sie gestellt, sie blickt in die Augen des Zeitungsausschnitt-Gesichts auf seinem Pullover. „Es war so fucking scary. Ich will nicht nur die Frau von irgendwem sein.“

Kong sagt nichts. Natascha fängt wieder mit Weinen an. Vor Aylin hat sie sich stundenlang aufgeregt, darüber, wie Herr von Theumer sie angesehen hat wie ein Stück Dreck, und über ihre Mutter und ihr stolzes Lächeln, als hätte Natascha alles Wichtige im Leben erreicht. Über Vanessa, zu der Natascha immer gezwungen nett war, und die ihr trotzdem betrunken ins Gesicht gesagt hat, sie wäre eine geldgeile Zicke. Ihr Gesicht war da ganz nah vor Nataschas, sie hat nach Radler gerochen, und nach Hass.

„Und Theumer?“, fragt Kong irgendwann in die Stille, „Hat der irgendwas gemacht.“

Natascha ist froh, dass er für den Moment ihr Spiegelbild verdeckt. „Er hat‘s halt nicht verstanden.“

„Mh.“ Er rollt wieder weg. Natascha spürt, dass er sie ansieht. „Mach nochmal fünfzehn Minuten.“

Die Zeit läuft lila auf ihrem Display ab. Kong spielt mit dem Saum der Gummihandschuhe, schnipst sie immer wieder gegen die Haut seiner Handgelenke. Natascha will sich allein beim Zusehen aus ihrer Haut schälen.

„Was hast’n eigentlich mit diesem Umwelt-Ding?“ Er sieht sie nicht an. Schnipst weiter.

Natascha verdreht die Augen. „Ist doch nur ein Witz. Ich hätt‘ dich halt nicht für einen Umwelt-Freak gehalten. Deswegen war’s lustig, dass du nur da hingehört hast.“

„Man sieht den Leuten das doch nich‘ an.“

„Marlon sieht man es auf jeden Fall an.“ Sie greift sich ihren Eyeliner aus dem Make-Up-Haufen und beginnt, ein Herz auf ihren Handrücken zu malen. „So, wie man nach einem Blick weiß, dass Vanessa eine Lesbe ist.“

„Ich glaub‘ nich‘, dass sie ‘ne Lesbe is‘.“

„Ha ha.“

„Sie is' in Marlon verknallt.“

 „Und woher willst du das wissen?“

„Hab‘ Augen.“ Das Geräusch von Gummi auf Haut verstummt. „Wenn er in die Mensa kommt oder so sieht sie immer aus, als hätt‘ man ‘ne Glühbirne in ihrem Gesicht angemacht.“

Natascha lässt den Eyeliner fallen und dreht sich in einer schnellen Bewegung zu Kong um.

„Ey, ich hab‘ dir gesagt du sollst still –“

„Du Biest!“ Sie grinst übers ganze Gesicht.

Kong grinst nicht zurück. „Wehe du erzählst das irgendwem.“

„Ach komm.“

„Ne, Mann. Diesen ganzen Psycho-Scheiß mach ich nich' mehr. Das is‘ abgefuckt.“ Er funkelt sie im Spiegel böse an. „Ich erzähl‘ sonst rum, dass du dir wegen Theumer die Haare gelb gefärbt hast.“

„Es hat nichts mit ihm zu tun.“

Er hakt den Fuß um eines der Essstuhlbeine und zieht sich näher zu ihr. „Diggah, es wissen eh alle, dass es wegen ihm is‘. Nur siehst du jetzt gleich hoffentlich geil aus und nich‘ erbärmlich.“ Schweigen. „Vanessa kann ja trotzdem noch auf Mädels stehen. Vielleicht bildet sie sich das mit Marlon auch nur ein.“

„Man kann sich sowas doch nicht einbilden.“

„Klar. Wenn man nich‘ weiß, wie’s richtig is‘.“ Er fingert wieder an den Handschuhen rum.

„Denkst du, sie hat Chancen? Ich mein‘, sie sieht jetzt aus wie’n Kerl mit den kurzen Haaren. Aber vielleicht ist Marlon ja schwul und findet das ganz toll.“

Der nächste Schnipser ist lauter als die anderen und in Kongs Gesicht kann Natascha sehen, dass es wehgetan hat, so richtig. Er reibt sich das Handgelenk. „Wenn er schwul is‘ steht er wohl kaum auf’n Mädchen.“

Natascha schnaubt. „Ich weiß nicht, ob ich Vanessa so bezeichnen würde.“

„Wär’s dir lieber, sie wär ‘n Junge?“ Kong grinst böse.

„Ih, nein.“ Natascha verzieht das Gesicht. Im Spiegel studiert sie die Falten um ihre Augenbrauen und den Mund. „Natürlich nicht.“

Sie greift sich wieder den Eyeliner. Das erste Herz ist verschmiert. Sie malt einen Stern daneben, einen fünfzackigen in einer Linie. Pentagramm, so heißt das. Damit kann man Dämonen beschwören. Melissa, Aylin und sie haben das mit vierzehn mal versucht, mit Kerzen in Melissas Wohnzimmer, als ihre Eltern bei Freunden zum Grillen waren. Fast haben sie dabei ihre Haare angezündet. Natürlich ist nichts passiert. Was hättet ihr euch denn von ihm gewünscht?, hat Melissa danach gefragt. Natascha hat vergessen, welche Antwort sie gegeben hätte, aber jetzt könnte sie einen Dämon gebrauchen, einen fiesen, roten, großen, der allen den Hals umdreht, die es wagen, sich über Natascha lustig zu machen. Die denken, Markus hätte sie fallen gelassen für was Besseres. Es gibt nichts Besseres als sie.

„Ich kann fühlen, wie meine Haare sterben“, sagt sie nach dem vierten Stern.

„Die sind schon tot.“ Kong hat sich aus der Küche Multisaft geholt. Er trinkt ihn aus einem dieser blauen EM-Coca-Cola-Gläser, die es mal bei McDonald’s gab, und der Saft hat durch das Glas eine ekelhaft grünliche Farbe. Natascha hat er Wasser mitgebracht. Damit du hier nich‘ austrocknest, so oft, wie du flennst. „Wie lang muss es noch drauf sein?“

„Zwei Minuten.“

„Ah, lass mal.“ Er stellt sein Glas auf den Boden neben der Toilette. „Willste dir die Haare selber auswaschen?“

Natascha sieht ihn im Spiegel an. Presst die Lippen aufeinander. Schüttelt den Kopf.

Der Wannenrand ist nicht hoch, wenn Natascha sich auf den Boden setzt, kann sie den Nacken darauf ablegen. Das Handtuch polstert die Keramik ein bisschen, aber nur schwach. Es tut trotzdem weh. Während er ihr sanft die Bleiche aus den Haaren spült, studiert Natascha Kongs Gesicht, das weit oben über ihrem schwebt. Es sieht so aus, als hätte es jemand getöpfert und dann nach der Hälfte keinen Bock mehr gehabt. Bei den Nasenflügeln und Augenlidern hat er sich noch Mühe gegeben, alles möglichst weich zu machen, aber die Wangenknochen und der Unterkiefer sind grob und hart. Eigentlich nur ein erster Entwurf. Kong kaut Kaugummi. Vermutlich hatte er es die ganze Zeit zwischen Zahnwurzel und Wange klemmen. Schon eklig. Das Wasser rauscht in Nataschas Ohren. Kongs Daumen berührt ihre Schläfe.

Er dreht das Wasser ab.

„Fertig?“, fragt Natascha hoffnungsvoll. Sie bekommt eine Nackenstarre.

„Wart‘ nochmal. Ich mach dir ‘n Farbschutz rein.“

„Was ist das?“

Er ist kurz weg, dann schiebt sich sein missbilligendes Gesicht wieder in ihr Blickfeld. „Haste dir überhaupt was zum Blondieren vorher angesehen?“

„Ich hab‘ Liebeskummer, Kong. Zeig doch mal ein bisschen Verständnis.“

Er grummelt und massiert ihr dann irgendwas in die Haare. Kong. Natascha nennt ihn selten so, also laut. Sie kann nie einschätzen, ob er Kong überhaupt mag. Er hat es sich auf die Fingerknöchel tätowiert, klar, aber so richtig eine Wahl hat er nie gehabt. Michi hat das entschieden, da waren die alle nicht mal in der Grundschule. Natascha muss an diese ganzen Filmcharaktere denken, Soldaten und Orks und was auch immer, die nur da sind, um zu töten. Dafür sind sie geschaffen worden, und niemand trauert ihnen hinterher.

Das Wasser läuft wieder. Es ist kalt.

„So“, sagt Kong. „Jetzt is‘ fertig.“

Natascha setzt sich auf. Die Welt dreht sich. Sie tastet nach ihrem Duschhandtuch an der Wand und drückt sich vorsichtig das Wasser aus den Haaren. Ihr Kopf fühlt sich an wie eine offene Wunde. Sie setzt sich wieder auf den Stuhl und lässt das Handtuch sinken. Schließt die Augen und schüttelt den Kopf. Öffnet die Augen. Guckt weiter.

Kong sagt nichts. Er hat die Arme vor der Brust verschränkt und sieht ihr zu.

„Es ist besser als vorher“, sagt Natascha schließlich.

„War ja auch nich‘ schwer.“ Kong lehnt sich zurück. Es ist eine Weile still. „Du magst es nicht, oder?“

Natascha fährt sich mit den Fingern durchs Haar. Es ist noch feucht. Sie sieht kein Stück aus wie Margot Robbie. Sie schüttelt den Kopf.

„Passiert.“ Kong beugt sich runter und trinkt einen Schluck Saft. „Wenn du den Pony ‘n bisschen zur Seite machst, hast du was von Debbie Harry.“

„Wer?“

Kong verdreht die Augen, aber er schluckt die Erklärung herunter. Guter Junge.

„Die war auf jeden Fall nich‘ nur die Frau von irgendwem.“

Er grinst. Natascha lächelt etwas, aber ihre Mundwinkel haben nicht die Kraft dafür. Sie sacken wieder nach unten, schmerzhaft, tief. In den ersten paar Tagen hatte sie Muskelkater am Unterkiefer, und überhaupt im Gesicht, und ihr Kehlkopf war ständig rau. Sie hat nicht damit gerechnet, wie sehr es weh tun würde, körperlich und überall.

„Glaubst du, es ist bald vorbei?“, fragt sie leise. Ihre Stimme ist belegt.

Kong zuckt mit den Schultern.

Natascha seufzt leise. „Woher auch. Warst ja noch nie verliebt.“

Kong schnaubt. Natascha wischt sich mit dem Ärmel die Tränen weg.

„Du wirst es überleben und er wird dir bis an sein Lebensende nachflennen“, sagt Kong. „Is‘ das das, was man sagen soll?“

Sie dreht sich zu ihm um und legt das Kinn auf der Lehne ab. „Es hilft.“

Es ist ein bisschen besser, als die Haare trocken sind. Natascha zieht vorsichtig an ihnen herum und überlegt, welche ihrer Klamotten am besten dazu aussehen würden. Vielleicht sollte sie Debbie Harry mal googlen. Scheint ja cooler zu sein als Margot Robbie, beziehungsweise ihre Rolle. Doofe Fotze. So würde Kong es sagen. Vielleicht leiht er ihr mal eine seiner achtzehn Lederjacken.

Sie schmeißt ihn raus, bevor ihre Eltern zurückkommen, und fragt sich, was er jetzt den Rest des Tages so machen wird. Ob er vorgibt, in der Schule zu sein, oder ob es ihm egal ist. Vielleicht spricht sein Vater auch nicht mit ihm.

Er betrachtet sie ein letztes Mal von oben bis unten, als er im Türrahmen steht. „Siehst heiß aus.“

Er sagt es einfach so, als Feststellung, wie Miriam oder Aylin in der H&M-Umkleide sagen Oh mein Gott, Tashi, deine Titten! Nicht, wie Markus ihr immer Komplimente für ihre Röcke gemacht hat. Meistens hat er dafür gar nichts gesagt, weil er das eh nie gemacht hat, sondern nur so geguckt. Schräg von unten, die Mundwinkel ganz leicht nach oben gezogen. Es hat Natascha wahnsinnig gemacht. Sie blickt an sich hinab, an den gestreiften Flauschesocken, an der Jogginghose, am Spock-Pullover, den Raban ihr geschenkt hat, weil sie als einzige Star Trek so cool findet wie er.

„Ich weiß.“

 

 

Notes:

ich bin & bleibe kong/natascha besties truther. es fühlt sich einfach richtig für mich an. im universum dieses one-shots fangen die zwei irgendwann auch die igs-version einer lavender marriage an, um markus ein bisschen eifersüchtig zu machen. das drama! mehr habe ich ausnahmsweise nicht zu sagen. am meisten spaß hat beim schreiben der gegenseitige „i know what you are“-moment gemacht, obwohl beide gar nicht wissen, dass sie das gerade unterschwellig gesagt haben. lovesick!kong you are so dear to me. und ich mag’s, etwas fiese mädchen zu schreiben. ein <3 für natascha, immer.