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„Toni,” sagte sie. Sie nannte mich so seitdem einen Mal bei Sohee, draußen im Garten. Sie war rot und betrunken, oder angetrunken, vielleicht auch nur glücklich, und sie rief nach mir, rief meinen Namen wieder und wieder und wieder, lachend und leuchtend und inbrünstig.
Ich drehte mich zu ihr um und nickte mit geöffneten Lippen. Ich kannte sie nur so, kleiner als ich. Die Zeit davor schien in meinem inneren Auge zu verschwimmen, an Bedeutung zu verlieren, als versuchte man, nach dem Duschen in den beschlagenen Spiegel zu sehen. Existierte sie überhaupt noch? Hatte sie jemals existiert?
Es schneite nun schon drei Tage lang. Ich konnte mich nur an einen so eindrucksvollen Winter in meiner Kindheit erinnern, und ich war erstaunt darüber, dass ich noch dazu in der Lage war, dieselbe Art von Glückseligkeit zu empfinden wie damals. Ich glaubte, dieses einfache, vollkommene Gefühl von Frieden und Unbeschwertheit wäre den Erwachsenen vorenthalten. Und ich war jetzt erwachsen, schon eine Weile.
Sie sah mich an, ihre Wangen und Nase rosa, das Gesicht verdeckt von Mütze und Schal, und lächelte mich an. Dunkler Nachmittag, nur erleuchtet von den Straßenlichtern und ihrer endlosen Schönheit.
Ich war schon immer ein poetischer Mensch. Meine Mutter hob alles auf, meine Gedichte und Zeichnungen und die Lieder eines traurigen Vierzehnjährigen. Ich stellte mir vor, sie ihr zu zeigen; ihr mein Herz zu präsentieren, offen und blutverschmiert.
Es trennten uns einige Meter. Der Schnee wirbelte und tanzte um unsere menschlichen Körper, und ich fühlte mich wie ein Einhorn. Ich konnte ihn noch nie erklären, diesen Vergleich, das Gefühl davon, ein Unikat zu sein auf dieser Welt. Zwei Einhörner im Eis— hatte ich das in einem Film gesehen? Ich hatte so viele unergründete Erinnerungen, das vor ihr und das vor mir, und oft wunderte ich mich, ob sie überhaupt zu mir gehörten, oder ob ich es mir ausgeliehen habe, dieses Leben. Waren Seelen wiederverwertbar?
„Mir ist kalt,” sagte sie, doch ich las ihre Lippen mehr, als dass ich sie verstand. Meine Wollmütze tunkte mich in Stille wie in ein warmes Glas Wasser. Ich konnte mein Inneres rauschen hören. Ich nickte erneut und blickte in den Himmel hinauf.
Schnee, dick wie Watte, rieselte auf uns herab und malte die Welt ganz neu. Ein neues Auto, dort am Straßenrand. Unbenutzt und unbefleckt. Unsere Fußabdrücke verschwanden so schnell wie sie entstanden: wir waren unbedeutend. Ein Gedanke, der mir Angst machte und zugleich mein Herz schneller klopfen ließ.
Wenn wir wirklich so ephemer waren, vor was musste ich mich dann noch fürchten? Vor Abweisung? Wieso schlotterten mir die Knie, dachte ich auch nur über Aufrichtigkeit nach? Wir Eintagsfliegen, dachte ich dann, wir Einhörner. Wieso lieben wir uns nicht leidenschaftlich?
Sie lief zu mir rüber, dumpfe Stapfen, schlurfend durch das Weiß.
Ich sah sie an. Ich konnte mein Gesicht nicht mehr spüren. Es war nicht mehr weit. Ich wollte sie küssen, dort, unter dem gelben Licht der Straßenlaterne. Wollte ihren kalten Mund mit meinem wärmen.
„Meine Finger,” flüsterte sie. Sie trug meine Handschuhe. Sie waren ihr zu groß. Sie blinzelte eine Schneeflocke in einen Wassertropfen. Ein Mädchen voller Morgentau.
