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"Und wie macht sie sich?"
"Startschwierigkeiten - aber jetzt alles im Griff. Sehr im Griff" Schnabel blickte zu ihr rüber. Sie lächelte stolz. Er hatte das sehr betont, als wäre es unterstrichen. Leo sog das Gefühl, dass sie durch das Lob bekam auf.
"Wer hätte das gedacht?" Das Lächeln verschwand genau so schnell wie es gekommen war. Sie wusste das er ihr nichts zutraute, noch nie zugetraut hatte, aber es so deutlich aus seinem Mund zuhören traff sie trotzdem wie Hagel bei Sturm.
"Ist n großer Fall. Wenn die Gegenüberstellung morgen klappt... Wie der Vater so die Tochter." Schmeichelte er Otto. Peters Anerkennung löste ein warmes Gefühl aus.
"Jetzt lass mal die Gäule im Stall du" Er streifte den Vergleich so schnell er nur konnte ab. Die Männer lachten und stießen an. Der Bllick von ihrem Vater wurde schnell wieder ernst.
"Hast du allein Ermittelt? Ganz ohne Partner?" Er starrte sie an. Zeigte ihr, dass er es nicht glauben konnte.
"Ja" Karin wollte nicht erwähnt werden, also musste sie lügen, Sie versuchte möglichst wenig Augenkontakt mit ihrem Vater zu halten. Ihn anzulügen fiel ihr immernoch schwer.
"Nicht schlecht, gar nicht schlecht" sein Lob löste ein flaues Gefühl in ihrem Magen aus, nicht nur, weil es so ungewöhnlich war. Sie hielt sich an ihrem Weinglas fest.
"Ich habe nur gemacht was ich auf der Akademie gelernt habe und ein kleines bisschen improvisiert" so oft sie sich auch nach Lob von ihm gewünscht hatte, so sehr versuchte sie heute aus seiner Aufmerksamkeit herauszukommen, es wegzuerklären. Karin hatte schließlich die Entdeckung gemacht.
"Ach Schatz hilfts du mal Mutti mit den Tellern bitte!" Es war keine Frage sondern eine Aufforderung, er wollte sie mal wieder loswerden "Na komm" ihr Vater hielt ihr den Teller hin, sie wich seinem starren Blick aus, die Situation war ihr sichtlich unangenehm sie fühlte sich verarscht
Sie stand auf um der Anweisung ihres Vaters zu folgen. Wie ein kleines Mädchen. Schnabel warf ihr einen entschuldigenden Blick zu, sie nickte leicht. Sie war dankbar, dass Peter auf ihrer Seite war, ging in die Küche. Gerne hätte sie die Teller mit einem lauten Scheppern in die Spüle gestellt, Sie atmete genervt aus während sie die Teller deutlich unsanfter als sonst absetzte.
"Des ist jetzt nicht dein Ernst" hörte sie Schnabel protestieren,
"Was?" natürlich dachte er nicht er hätte grade was falsch gemacht
"Leo ist gut, die ist wirkich gut, die hat Talent" sie freute sich das Peter so dachte.
"Weißt du wer Talent hatte?" Martin... seit seinem Tod
"Lass mich raten... Martin" Schnabel antwortete genervt, er hatte die Nase voll von seinem ehemaligen Chef
"Der brauchte sein Wissen nicht aus Büchern pauken, der hatte das im Blut" sie schluckte, Errinerungen aus der Kindheit und Ausbildung schwirrten in ihrem Kopf
Martin, wie er angeraunt wurde, weil er in der Arbeit nur eine zwei bekommen hatte
"Niemand mag Klugscheißer Leo"
"Jetzt lass doch mal die Kirche im Dorf! Otto, die ist auch dein Kind. Und wenn ich sage, die ist gut, dann ist die gut. Jetzt reiß dich mal zusammen Otto. Du weißt doch was deine Meinung ihr bedeutet." Er kannte Leo schon bevor sie über den Tisch gucken konnte, hatte oft genug ihre traurigen blauen Augen gesehen, wenn Otto sie kritisiert oder ignoriert hatte. Versucht ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken.
"Geht nicht um meine Meinung. Leo fehlt die Gewalt als Polizist" Leo schüttelte den Kopf und begann die Teller zu spülen. Die Worte ihres Vaters halten in ihrem Kopf wieder. Die Borsten knickten unter dem Druck um, sie versuchte sich auf die Essensreste zu fokussieren.
"Alles Blödsinn" Er schüttelte fassungslos den Kopf.
"Dachtest du ich hab die Geschichte mit Gorniak nicht mitgekriegt? Sie hätte den Schweinehund erschießen müssen. Das weißt du, das weiß ich und das weiß sie selbst auch." Leo schluckte, ihre Hand mit der Spülbürste sank auf den Teller. Die Bilder von Karin auf dem Boden, dem Rettungswagen drehten sich in ihrem Kopf. Sie ballte die Hände zu Fäusten, ihre Fingernägel bohrten sich in ihre Handfläche. Sie hätte schießen müssen, hätte ihre Kollegin nicht im Stich lassen sollen, sie im Krankenhaus besuchen. Die Schuld nagte an ihr.
"Ich weiß überhaupt nichts" konterte Schnabel. Würde er bei anderen Kollegen anders reagieren? Ottos Meinung teilen? Wahrscheinlich, auch wenn er niemals zugeben würde, dass er bei Leo nachgiebiger war.
"Wenn du das nicht in dir hast, wenn du im Dienst versagst, nicht schießen kannst, dann bist du ne Gefahr für deine Kollegen" versagst, versagst, versagst, sie suchte auf der Arbeitsplatte nach halt, drehte sich um, guckte ob er sie sehen konnte. Versagt, nicht rechtzeitig da gewesen, "wie bei Martin."
"Hör auf!" Schnabel wurde lauter, in Momenten wie diesem fragte er sich, warum er mit Otto befreundet war. Er hatte nie gemocht, wie Otto seine Kinder vor anderen und in deren Hörweite runtermachte. Er war oft genug im Hause Winkler gewesen um zu wissen, wie weit ihre Stimmen, ihr Gespräch zu hören war. Wusste, dass Leo nicht nur auf Papier die Jahrgangsbeste war, dass sie gute Arbeit leistet, fleißig und bedacht strebte. Er wusste schon lange, dass ihre ruhige Art und ihr Wissen eine perfekte Ergänzung zu Karin Gorniaks unkonventionellen Vorgehensweisen war, dass Leo aber auch von ihr lernen würde.
"Leo wird nie ne gute Polizistin. Das ist nicht meine Meinung, das sind Fakten" Sie schluckte die Tränen runter, blinzelte. Es war Jahre her, dass sie vor ihrem Vater geweint hatte, noch länger, wenn man die Tränen auf der Beerdigung von Martin nicht beachtete. Ob er sie auch plötzlich lauthals loben und anpreisen würde, wenn sie anstelle von oder wie Martin...?
Sie schüttelte den Gedanken ab, drehte das Wasser wieder auf. Das Rauschen übertönte was auch immernoch Peter oder ihr Vater als nächstes sagten. Versuchte weiterhin ruhig zu bleiben, ihren Vater nicht auf den Mond zu schießen. Das heiße Wasser brannte auf ihrer Haut. Wasserdampf stieg aus der Spüle hoch. Sie vermisste seine Umarmungen. Seinen Humor. Nähe und Vertrautheit.
"Wenn das Fakten sind, bin ich der Sandmann", erwiederte Schnabel. Sein Mobiltelefon gab ein lautes PING von sich, Otto nahm einen Zug von seiner Zigarre. Er selbst hatte schon vor Jahren das Rauchen aufgegeben, stank nur und - auch wenn man es bei ihm vielleicht nicht erwarten würde - ihm lag etwas an seiner Gesundheit. Er las die Nachricht.
"Ich muss dann jetzt" - er musste nichts, die Nachricht war irrelevant für ihn gewesen, aber eine gute Möglichkeit seinen Seelenfrieden etwas zu schonen.
"Kenn den Weg ja." Schnabel wollte nicht das Otto ihn begleitete
"LEO SAGST DU NOCH KURZ PETER TCHÜSS", schrie er Richtung Küche wieder eine Anweisung
"Ich geh schon vorbei" murmelte Schnabel, er wollte eh noch kurz zu Leo. Ihr ein bisschen Mitgefühl zeigen. Emotionale Reden waren nicht so seins, er versuchte meistens eher den großen Emotionen aus dem Weg zu gehen. Aber ihm war wichtig, dass Leo wusste, das er anders dachte.
Leo stand in der Küchentür, ein Geschirrtuch in der Hand, Schnabel konnte sehen, wie ihre Augen wässriger glänzten als sonst, wie mitgenommen sie aussah. Wenn er ehrlich war, hätte er sie gerne in den Arm genommen. Peter war zwar nicht offiziell Leos Patenonkel, aber er hätte sie schon immer, ohne zu zögern, bei sich aufgenommen. Das wusste er.
Er gab sein bestes ihr einen verständnis- und mitleidsvollen Blick zu schenken, hoffte sie würde verstehen. "Wir sehen uns morgen Frau Winkler. Ach Danke fürs Abräumen Leo. Schlafen Sie gut."
Nachdem sie fertig gespült und abgewaschen hatte, griff auch Leo nach ihrem Mantel. Sie hörte den Fernsehr aus dem Wohnzimmer. Eigentlich müsste sie da nochmal rein. Sich ordentlich verabschieden. Aber dafür fehlte ihr gerade einfach die Kraft.
"Ich muss los! Tschüss Mama, tschüss Papa! Danke fürs Essen." Leo rief in die leere des Hauses. Ihre Hand auf der Türklinke.
Sie atmete die kühle Nachtluft ein. Der Nebel dämpfte das Zufallen der Tür. Mit großen Schritten verließ sie das Grundstück. Ohne es zu bemerken fing sie an zu Joggen, ihre Umgebung verschwamm vor ihren Augen. Sie kannte jedes Schlagloch und jede Bordsteinkante. Ihr Körper übernahm wozu ihr Kopf gerade nicht fähig war. Weder ihre Schuhe noch ihr Mantel war zum laufen gemacht, aber das störte sie nicht. Sie wollte nur so schnell wie möglich weg. In ihre Wohnung. Sie wusste, dass es ihr nicht gut tat bei ihrem Vater zu Essen, aber wenn ihre Mutter ihr den Tag und die Uhrzeit schrieb, konnte sie nie Nein sagen. Mit Karin Essen zu gehen hätte als Grund funktioniert, dann hätte sie Absagen können. Aber Karin wollte nicht.
Sie kannte jede Abbiegung auf ihrem Weg auswendig, wusste wo jeder Baum stand. Es war ruhig auf den Straßen. Sie war wie im Tunnel, immer und immer wieder hörte sie ihn, dachte an Karin in der Asservatenkammer, hörte "Frau Winkler wo sind Sie", sah das Blut an Schnabels Händen, Karins Blut. Martins. "Manche Dinge sucht man sich nicht aus, die wird man einfach" hallte in ihrem Kopf. Karin Gorniak, die Frau die irgendwie in den Beruf reingerutscht war, die sie hatte schlafen lassen, ihr zugehört hat, die die sich schon ihre eigenen Fußstapfen gemacht hatte. Ihren eigenen Weg sah, bestimmt nie Angst hatte Nein zu sagen, einfach zu gehen, Regeln zu brechen. Die Stimme ihres Vaters mischte sich ein, "die Geschichte mit Gorniak nicht mitgekriegt" "Nie ne gute Polizistin NIE" Sie hatte angefangen zu sprinten. Ihre Füße taten weh, ihre Beine brannten. Sie bekam Seitenstechen. Ihr Herz pumpte. Schmerzte.
Sie sank auf den Boden. War sich nicht sicher wie genau sie ihre Wohnungstür, vor der sie jetzt saß, aufbekommen hatte. Leises, gedämpftes Schluchzen hallte in der Leere der Altbauwohnung. Sie umarmte ihre Knie. Die Tür und der Holzboden waren kalt und hart. Heute war es besonders schlecht gelaufen, ging es ihr besonders schlecht. Schlechter als sonst nach einem Besuch. Sie wusste nicht wieviel Zeit vergangen war, wie lange es dauerte bis sie aufstand. Ihr Körper war taub, der Blick in die leere Wohnung lies sie schlucken.
Sie fiel erschöpft ins Bett. Hoffte darauf schnell einzuschlafen, viel zu schlafen. Einige Stunden nicht bewusst zu existieren. Fürchtete sich davor zu träumen. Viel zu häufig bekam sie keine Ruhe von ihren Gedanken. Ihren Errinerungen.
Karin lag auf der Wiese, der Nebel saugte alle Geräusche auf, die Tannen ragten in richtung in die Dunkelheit. Sie wollte auf sie zugehen, zu ihr gehen. Begann zu rennen. Kam und kam nicht näher. Nicht zu ihr. Konnte nichts machen, nur auf der Stelle rennen. Sie wollte schreien aber es kam nur Luft aus ihrer Kehle. Niemand außer ihnen war da. Sie hätte niemand gehört. Karin lag reglos auf dem Boden. Sie konnte keine Atmung mehr erkennen. "NEIN", wollte sie schreien "KARIN". Sie war außer atem vom Rennen, wurde langsamer. Karin wurde kleiner. Obwohl sie immernoch auf sie zulief enetfernte sie sich. "Winkler, wo sind Sie" "Wo sind Sie" "Winkler" es kam aus allen Richtungen. Kaum lauter als ein Flüstern durchbrach es die Stille wie Geschrei. Sie wurde wieder schneller. Bewegte sich immernoch nicht weg vom Fleck. Bis der Boden nachgab. Sie in die Tiefe fiel. Sie trug Uniform. Hörte Schüsse. Vor ihr Holztreppen, deren Farbe nach den Jahren des Leerstands begann abzublättern. Sie taumelte, stütze sich immer wieder an Geländer und Wand ab. Rannte die Treppen hoch. "Martin!" keine Antwort. Noch ein Stockwerk, dann war sie oben. Sie konnte eine Person am Ende des Treppenabsatzes erkennen. "MARTIN!" ihr schrei gab ein Echo in der Leere des Treppenhauses. Auf einmal brachen die Wände und das Geländer unter ihrer Berührung weg. Irgendwie schaffte sie es nach oben. Zu Martin. Sein Hemd durchnässt vom Blut seiner Wunde. Sein Brustkorb war starr. Sie fiel vor ihm auf die Knie, legte ihren Kopf auf ihm ab. Hoffte sein Herzschlag zu hören. Die Stille war erdrückend. Sie öffnete die Augen wieder, wollte ihn angucken. Sah wie er zu Staub zerfiel. Sah sein Blut an ihren Händen. "Der brauchte sein Wissen nicht aus Büchern pauken, der hatte das im Blut." Die Stimme ihres Vaters schallte aus allen Richtungen zu ihr. Nachdem Blinzeln war sie in der Schule. "Streber Streber nervig wie Kleber!" mehrere Stimmen. Sie lief wieder los. versuchte den Rufen zu entkommen. Sah wieder Karin auf der Wiese liegen. Sie streckte ihre Hand nach ihr aus. Berührte die Zimmertür. Roch Desinfektionsmittel. Hörte ein regelmäßiges Piepsen. Zögerte. Drückte die Tür auf. "Was machen SIE hier? RAUS! Das ist alles nur deine Schuld! Ich will dich nicht sehen. Du solltest hier liegen" Karins stimme wurde lauter, bis sie wieder ihren Vater hörte. "Du bist eine Gefahr für deine Kollegen, weil du immer versagst, weil dus nicht im Blut hast." Hörte den verzweifelten Schrei ihrer Mutter, nachdem sie es geschafft hatte die Worte über die Lippen zu bringen. Lief wieder im Nebel auf der Stelle.
Das Klingeln ihres Handys riss sie aus dem Albtraum. Ihre Augen waren verklebt von Tränen. Sie atmete als sei sie drei Kilometer gesprintet. Hilflos nahm sie den Anruf entgegen.
"Oh. Hab ich Sie geweckt Winkler? Des tut mir leid. Sonst sind Sie oft schon hier um die Zeit." "Nein", versuchte Leo zu lügen. Ihre Stimme klang verschlafen und zittriger als sie gehofft hatte. "Alles gut bei dir Leo?", Schnabels Kommentar zur Lüge verschwand hinter der Sorge die er spürte sobald er Leo hörte. Ihre Stimme zitterte und sie atmete so unregelmäßig, dass er sich über Anruf sorgen machte ob sie gerade genug Luft bekam. "Ja alles gut Peter." Sie versuchte überzeugender zu klingen. "Na wenn du das sagst...", er klang kein bisschen überzeugt. "Ich wollt auch eigentlich nur nochmal Ihre Arbeit loben. Sehr gut gemacht Winkler, wirklich."
Leo stiegen Tränen in die Augen. "Danke" brachte sie hervor, bevor Peter sie mit einem schnellen "Bis gleich" abwürgte.
Sie duschte kalt um wach zu werden. Trank ihren Kaffee und fuhr wie sonst auch immer ins Büro. Zur Gegenüberstellung.
