Actions

Work Header

Anxiety

Summary:

Es war Kris' Geburtstag, was ein wundervollen Tag mit Loch bedeutete.

Doch er tauchte nie auf...

Chapter 1: Sunday Morning

Chapter Text

 

Coal

 

Mit einem Schmunzeln drückte ich Hex einen Kuss auf die Wange. „Denkst du, er hat sein erstes Geschenk schon bekommen?“ Ein schelmisches Grinsen schlich sich auf seine Lippen, während er sich an mich lehnte. Es war bereits nach Mittag und wir genossen die Stille und Abwesenheit von Terminen an diesem wunderbaren Sonntag. Es war schon ein Weile her, dass wir genug Zeit für einander hatten und so kosteten wir jeden Moment zusammen aus. Nachdem wir uns lange im Bett aneinander gekuschelt hatten, genossen wir einen netten Brunch, den Renee uns gezauberte hatte und überlegten gerade was wir am Nachmittag machen würden. Es war leise, fast schon still im Schloss, bis auf vereinzelte Schritte, die durch die Flure halten. „Ich wüsste schon eine Beschäftigung…“, murmelte ich an seinen Hals. Mein Atem auf seiner Haut hinterließ immer noch eine Gänsehaut bei ihm, was mich, obwohl wir schon einige Zeit zusammen waren, immer noch sehr erfreute. „Erzähl mir mehr“ Leise, fast schon flüsternd antwortete er mir. „Nur wir beide, mein Büro. Ob Sessel oder Tisch darfst du dir aussuchen, Darling!“ Augenverdrehend murrte er kurz, bevor ihm ein leise Keuchen entfloh. Ich wanderte seinen Hals hinunter, hinterließ eine Spuren aus zarte Küssen, als mich mein Handy aus unserer Zweisamkeit riss.

 

Eigentlich lag es doch auf dem Nachtisch, dachte ich mir, aber anscheinend habe ich es aus Gewohnheit in meine Hosentasche geschoben. Wer würde denn an einem Sonntag bei mir anrufen? Jeder wusste, dass ich mir diesen Sonntag freigeschoben hatte und nicht gestört werden wollte. Als ich jedoch sah, wer mich anrief, zogen sich meine Augenbrauen zusammen und eine Falte bildete sich auf meiner Stirn. Hex, der mich ansah seit ich aufgehört hatte, nickte kaum merklich. Schließlich ging ich dann doch ans Telefon und grüßte Loch. „Na, wie ist das Date?" Eine kurze Pause. „Welches Date?“, fragte mein Gegenüber. „Naja,…“ Einen Moment stockte ich. „Naja, da es doch Kris’ Geburtstag ist, dachte ich ihr seid verabredet, ich meine er sagte sowas am Donnerstag.“ Wieder kurzes Schweigen. „Ja, das waren wir, vor 30 Minuten. Deswegen rufe ich an, er-„ „Lass mich raten, Kris ist-„, Doch bevor ich meinen Satz zu Ende sprechen konnte, unterbrach er nun mich. „COAL! Ich rufe an, weil Kris nicht aufgetaucht ist. Hast du heute schon mit ihm gesprochen?!“ Die Sorge in seiner Stimme, ließ mich sofort verstummen. „Was?“, fragte ich leise.

 

Nun saß ich aufrecht und schob Hex von meinem Schoss. „Er ist nicht hier!“, wiederholte Loch deutlich beunruhigter, so kannte ich ihn nicht. Sonst war er der Inbegriff von Selbstbewusstsein, aber bei Kris wurde er ein großer Softie. Schnell gab ich Hex ein Zeichen, dass ich gleich wieder da sein würde, bevor ich mich auf den Weg machte, um in der Suite nach Kris zu schauen. Als ich jedoch dort ankam, begrüßte mich ein leeres Bett, sowie ein leerer Schreibtisch und auch sein Bad war leer. „Ich ruf dich gleich zurück“, sprach ich schnell in den Hörer bevor ich auflegte und es in die Hosentasche gleiten ließ. „Kris?“ Ich rief mehrfach seinen Namen in der Hoffnung, dass er nur gerade unterwegs war, um sich was zu essen zu holen oder dergleichen. Aber zu meiner Enttäuschung blieb es still. Nach ein paar Minuten in denen ich verzweifelt überlegte, was ich nun machen sollte, hörte ich Schritte auf dem Flur. Erleichtert atmete ich auf, bis mir klar wurde, dass diese Schritte nicht meinem Bruder sondern meine Freund gehört. Etwas enttäuscht schaute ich wohl drein, als Hex die Suite betrat. „Sorry, dass es nur dein heißer Freund ist.“ „Es ist nicht-„ Ich hielt inne als er sich neben mich stellte und nach meiner Hand griff. „Er ist nicht hier.“ Ich erwiderte den Händedruck und sah mich in seiner Suite um. „Hast du ihn schon angerufen?“ Etwas verdutzt starrte ich ihn an. Kopfschüttelnd gab ich ihm einen Kuss auf den Handrücken. „Nein, danke mein Schatz.“ Gerade als ich dachte, es würde alles gut, klingelte es hinter uns.

Nein. Nein, nein, nein.

Er hatte es sonst immer dabei, er war für mich immer erreichbar gewesen. „Nein!“, entfuhr es mir und ließ dabei Hex zusammen zucken. Schnell beendete ich den Anruf und nahm das Handy vom Nachtisch. Es war noch eingesteckt, er hatte es anscheinend nicht mal angefasst heute morgen. Ich ließ die Hände über die Kanten fahren und schaltete es ein, nichts besonderes zu sehen, ein paar Nachrichten, ein paar Glückwünsche, nichts auffälliges. Seufzend ließ ich mich auf seine Bettkante sinken und fuhr mir ungeschickt durch die Haare. Danach vergrub ich das Gesicht in den Händen, ein weiterer Seufzer entfuhr mir und Hex stellte sich nun vor mich. „Coal, sieh mich an.“ Eine leichte Berührung von ihn reichte aus, dass ich zu ihm aufsah. „Es wird alles gut, wir finden ihn ok?“ Mit einem schwachen Lächeln beugte er sich zu mir und platzierte einen leichten Kuss auf meinen Lippen. Ich wollte in diesem Moment nichts lieber als mich ihm hinzugeben. Ihn auf meinen Schoss ziehen, liebkosen und erst morgen wieder aufstehen. Leider wurde mir dies verwehrt und die Realität klopfte wieder an. Diesmal waren die Schritte auf dem Flur schneller, aufgeregter und dann stand der stattliche Ire in der Tür. 

 

Kris

 

Eigentlich sollte mich so etwas Kleines nicht aus der Bahn werfen, zumindest nicht mehr. Ich hatte bereits für Monate keinen Kontakt zu meinen Eltern. Und doch hatte der kleine Junge in mir auf einen Geburtstagsglückwunsch gehofft. Die erwachsene Seite an mir wusste, dass es verschwendete Lebensmühe war, doch ein ganz kleiner Teil hoffte ganz tief ihn mir weiterhin. Als ich am Sonntag aufwachte, war da nichts. Keine Nachricht, kein Brief oder auch nur ein Postkarte, es war als hätte ich für die beiden nie existiert. Ich war doch ihr Sohn. Auch wenn ich nicht Coal war, hatte ich gehofft, dass sie doch an meinen Geburtstag gedacht hatten. Ich war wohl echt nur der Ersatz. Nicht mehr, nicht weniger. Mit einem zittrigen Seufzen setzte ich mich auf die Bettkante und starrte böse meinen Wecker an. Es war erst kurz nach 6, doch weiter schlafen konnte ich nicht. Schon den ganzen Abend gestern war ich ganz hibbelig gewesen. Ich hatte mich eigentlich nie besonders auf meine Geburtstage gefreut, aber verabscheut hatte ich sie auch nicht. Sollte ich meine Gefühle zu Papier bringen? Würde das helfen? Naja mir ein wenig, aber würde nicht wett machen, dass sie nicht an mich gedacht hatten. Es bedeutete ihnen wirklich absolut nichts. Auch die letzten Jahre hatte Dad meinen Geburtstag nie mit mir gefeiert. Er hatte mich lediglich bei Frühstück im Vorbeigehen einen Glückwunsch zu gemurmelt, ich nehme an, Coal hatte ihn darauf aufmerksam gemacht. Aber dieses Jahr gar nichts. Wirklich nichts. Ich bedeutete ihnen absolut gar nichts. Mir blieb der Atem im Hals stecken, als mich dieser Gedanke durchzuckte. Ich war es nicht wert… Ich war nicht mal eine SMS wert.

 

Kein Wunder, dass sie alle gegangen waren. Bevor ich wusste, was ich tat, lief auf dem Flur die Gang hinunter. Ich war so lange nicht mehr in diesem Teil des Schlosses gewesen, zu sehr schmerzte allein der Gedanke wieder herzukommen. Doch heute. Heute war es anders. Ich fühlte mich so einsam wie lange nicht mehr und vielleicht würde diese Enge in meiner Brust sich etwas lösen. Vielleicht würde es mir helfen. Erst vor der schweren Tür zu ihrem Schlafzimmer kam ich zum Stehen.

 

Eine Weile starrte ich einfach nur die Maserung des Holzes an, folgte ihren Linien und horchte meinem Atem. So früh an einem Sonntag war noch niemand wach, also war ich momentan alleine unterwegs. Nach ein paar tiefen Atemzügen und ein paar aufmuntern Worten zu mir selbst, drückte ich die Klinke hinunter. Es war wie eine Zeitreise, nichts hatte sich verändert. Nur eine dicke Staubschicht bedeckte alles. Wie eingefroren in der Zeit. So fühlte es sich auch an. Sofort wurde mir kalt und meine Brust schnürte sich zusammen. Ich hätte nicht herkommen sollen. Mit jedem Schritt, den ich mich weiter ins Innere vorwagte, desto mehr wurde ich den Bann gezogen. Aber so schneller wurde auch meine Atmung. Bedächtig ließ ich den Blick durch den Raum gleiten, verweilte immer wieder an Dingen bis ich beim Nachtisch angekommen war. Als mein Blick auf das Buch darauf fiel, stockte mir der Atem.

 

Nein, das konnte nicht sein. Wie konnte das sein? Ich hatte dieses Buch gelesen, nachdem sie verschwunden war. Ich war mir sicher, es zurück in die Bibliothek gestellt zu haben. Aber anscheinend nein. Es lag hier. Die Brücke nach Terabithia. Er hatte es zurück an seinen ursprünglichen Platz gelegt. Dad hatte das Buch zurückgeholt. Mit einem zittrigen Seufzen, das zweite heute, ließ ich mich davor auf den Boden sinken. Ich hatte keine Kraft mehr, ich wollte auch nicht mehr. Sie hatte uns verlassen. Und sie war nie wieder zurück gekommen. Sie hatte mich verlassen. Bevor wir dieses Buch zu Ende lesen konnten. Alles kam zurück. All die Jahre voller Hoffnung und Enttäuschung kamen samt Schmerz wieder zurück. Ein Schluchzen entfuhr mir. Nicht nur dem kleinen Jungen/Kris in mir tat es weh. Nein, auch meinem heutigen Ich drückte es schmerzlich das Herz zusammen. Wieder einmal daran erinnert, dass ich es einfach nicht wert war, zu bleiben. Und mit diesem Gedanken wollte ich den Tränen freien Lauf lassen, doch ich fühlte mich einfach nur leer. Es schmerzte alles so sehr und zur gleichen Zeit war da eigentlich nur diese Leere, die mich ausfüllte. Meine Brust schmerzte unangenehm, weshalb ich mir mit der Hand über das Sternum rieb. Auch wenn ich sonst ungerne weinte, hatte ich gerade das Gefühl, dass es das einzig Richtige in diesem Moment war. Ich wünschte mir gerade einfach nur weinen zu können. Wie absurd das auch klingen mag, ich wollte es unbedingt. Alles schmerzte, alles war taub, alles war einfach zu viel. Ohne es zu merken, steigerte ich mich immer mehr darein und schnürte mir so selbst den Atem ab. Doch die Tränen wollten nicht fließen. War es denn so schlimm, wenn ich einfach hier blieb und nicht wieder zurück durch diese Tür ins Leben kehrte? 

 

Coal

 

„Ihr habt ihn noch nicht gefunden?“ Mit seinem starken irischen Akzent fragte Loch uns beunruhigt. Heute war dieser stärker als sonst, zumindest hatte ich das Gefühl. Seine Augen waren leicht zusammen gekniffen, als er das Zimmer scannte und dann bei uns am Bett ankam. Er machte vorsichtig ein paar Schritte in das Zimmer herein, doch blieb ungefähr in der Mitte stehen. „Er hat sein Handy da gelassen“, erklärte ich seufzend und ließ den Kopf sinken. Wo zum Teufel konnte er sein? „Hex,“, sagte ich sanft, „ Kannst du in meiner Suite schauen, ob er da aufgetaucht ist? Bitte“ Sanft drückte ich ihm kurz die Hand, bevor ich mich erhob und an ihm vorbei ging.

 

Es war so untypisch für Kris einfach zu verschwinden. Sein Pflichtgefühl ließ es sonst kaum zu, dass er ohne genauen Plan aller Meetings unterwegs war. Er war sonst so zuverlässig, dass ich jetzt begann mir echte Sorgen um ihn zu machen. War ihm etwas passiert? Wurde er entführt?! Mein geschockter Gesichtsausdruck brachte Loch dazu mich genauer zu betrachten. „Woran denkst du gerade?“ Auch ihm gefiel die Tatsache, dass mein Bruder an seinem Geburtstag nicht aufzufinden war, und wahrscheinlich das erste Mal eine Verabredung versäumt hatte, gar nicht. „Worst case scenario“, entgegnete ich schulterzuckend. Wenn ich es aussprechen würde, fühlte es sich realer an. „Wir teilen uns auf und durchstöbern das gesamte Schloss. Ich denke, dass er irgendwo schon sein wird. Zumindest hoffe ich das…“ Den letzten Teil sagte ich so leise, dass ich hoffte, Loch hatte mich nicht verstanden. „Ok…“, mit einem langen Seufzen nickte er mir zu, bevor er auf dem Flur verschwand. Ich hatte schon einen gedankliche Liste gemacht, wo ich zu erst nachschauen würde, und hoffte, dass ich damit Erfolg haben würde. Zunächst schaute ich in der Bibliothek vorbei, gähnende Leere. In der Küche hatte ihn auch niemand heute gesehen.

 

Ok, langsam stieg mein Puls wirklich an. Die Nervosität machte sich durch meinen schnellen Schritt und meine schwitzigen Hände bemerkbar. Es musste bereits eine halbe Stunde vergangen sein, seit wir unsere Such begonnen hatten, als ich wieder auf Loch trat. „Ich hab nichts gefunden“, etwas entmutigt ließ er die Schultern hängen. Wir waren überall, hatten jeden gefragt, aber niemand hatte ihn gesehen. Während wir etwas unschlüssig nebeneinander standen, und unseren nächsten Schritt planten, zuckte Loch ganz plötzlich zusammen. „Alles ok?“ Er starrte kurz den Flur herunter. Seine Augen fokussierten mich wieder und dann fragte er leise:“ Coal, was ist dahinten die Treppe hoch?“ Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet, weshalb ich ihn einfach nur ein paar Sekunden verwirrt anstarrte. Die Falte auf meiner Stirn würde sich bald einbrennen, wenn ich heute so weiter machte. Kurz räusperte ich mich. „Ach da, das ist nichts besonders, nur ein paar alte Abstellkammern und-„ Ich zog scharf die Luft ein, was wohl als Antwort reichte, denn Loch lief bereits die Stufen hoch. Schnellen Schrittes folgte ich ihm die Treppe hinauf. Wir liefen den Flur entlang, in dem ich selbst sehr lange nicht mehr gewesen war. Loch musste eine Idee haben, denn so zielstrebig er sich einen Weg durch die Flure bahnte, hatte ich fast das Gefühl es war nicht sein erstes Mal hier oben. 

 

Kris

Ich wusste nicht, wie lange ich auf dem Boden saß, doch irgendwann hatte ich mich dermaßen in meine Panikattacke gesteigert, dass ich so viel Angst hatte, dass es nie enden würde und so begannen die Tränen fließen. Diesmal nicht aus dem Grund aus dem ich es wollte. Es war einfache pure Angst mit einer Prise Schmerz. Irgendwann entfuhr mir ein klagender Laut, doch ich war so mit mir beschäftigt, dass es mich nicht störte, wer mich hören würde. Alles um mich herum verschwamm. Das Bett, der Schrank, die Tür. Nur das Buch vor mir blieb scharf. Mein Blick war starr darauf gerichtet, ich hatte fast das Gefühl, dass mein Leben davon abhinge. Durch die Tränen wurde es schwer sich darauf zu konzentrieren. Mein Lunge zog sich zusammen und ich ließ mich weiter zu Boden zu sinken. Die Stirn auf den kleinen Teppich neben dem Bett gepresst, versuchte ich meinem Schmerz Luft zu machen.

 

Es schmerzte nun alles, ich spüre jeden Punkt an dem mein Körper den Boden berührte, jede Falte in meiner Kleidung und jeden Krümmel an meiner Stirn. Der Schmerz wollte einfach nicht weniger werden. Ein Schluchzen entfuhr mir. Und dann ein weiteres. Und so bahnten sie sich alle einen Weg an die Oberfläche. All die Jahre in denen ich es verdrängte, in denen ich es zuließ, dass man mich schlecht behandelte, in denen ich nicht den Verlust verarbeitet hatte, in denen ich mich selbst aufgegeben hatte. All diese Jahre kamen jetzt auf einmal hoch und mit ihnen all die verdrängten Emotionen. Ich verschluckte mich an meiner Spucke und hustete. Es hielt mich nicht davon ab weiter zu weinen. Vor mir auf dem Teppich bildete sich ein immer größer werdender dunkler Ring aus Tränen. Auch wenn dies nun komisch klang, legte ich nochmal alle Emotionen und all den Schmerz in meine nächsten Atemzüge in der Hoffnung sie würden vergehen. Es würde besser. Oder?

 

Der Schmerz würde aufhören und es würde mich nicht mehr so belasten, oder? Ich wollte einfach nur Frieden. Für Coal, für Weihnachten, für Loch. Aber vor allem für mich. Der kleine Kris hatte das verdient und nun auch ich. Ich wollte Frieden für mich. Ich wollte einfach damit abschließen, und diesmal nicht einfach alles herunterschlucken. Nichts verdrängen. Einfach Frieden. Meine Atmung beschleunigte sich wieder und meine Angst lähmte mich erneut. Ich presste die Stirn wieder auf den Teppich, damit dieser mich festigte. Ich schloss die Augen und sah alle die Male, wo ich zurückgelassen wurde. Die Male, wo ich mich selbst verleugnet hatte. All der Schmerz, den ich mir selbst zugefügt hatte. Um ihn herauszulassen, machte ich keinerlei Anstalten meine Tränen zu stoppen. Ich ließ sie einfach laufen. Und so liefen sie weiter und weiter, bis sich eine Hand auf meinen Hinterkopf legte und begann mir durch die Haare zu streichen. 

 

Coal

Ich wollte gerade fragen, was nun sein Plan war, als mich ein unglaublich trauriges Geräusch inne halten ließ. Noch nie im meinem Leben, glaube ich zumindest, hatte ich ein dermaßen schmerzerfülltes Geräusch gehört. Mein Tempo passte sich dem Lochs an und wir rannten beinahe den letzten Korridor hinunter. Als wir beim alten Schlafzimmer meiner Eltern ankamen, stockte ich als ich die offene Tür sah. „Nein, oh Gott, bitte nicht…“, murmelte ich. Mit schnellen Schritten war der Ire bereits im Raum angekommen und kniete sich hinter dem Bett nieder. Ich konnte von der Tür aus nichts sehen, doch ich konnte ihn hören. Ich konnte den Schmerz spüren, der ihn all die Jahre verfolgt hatte. Er kauerte so klein auf dem Boden, dass ich Angst hatte, er würde sich auflösen, wenn er noch kleiner wurde. Ein Schluchzen ließ seinen Körper erbeben. Mehrere folgten darauf.

Er ist mein kleiner Bruder, da wollte ich ihm unbedingt helfen, doch in diesem Moment wusste ich nicht wie. Er sah so zerbrechlich aus. Ich sah wieder den kleinen Jungen von mir, der eines Morgens mit großen Augen vor meinem Bett stand und unter meine Decke wollte, um zu kuscheln. Ich hatte es nicht sofort verstanden, aber er hatte Angst, dass auch ich verschwinden würde. So fest ich konnte, hatte ich ihn damals gedrückt, weil ich dachte, dass er das verdient hat. „Oh nein…“, flüsterte ich. „Kris“ Mein Herz konnte diesen Anblick kaum ertragen. Langsam streckte ich meine Hand aus und fuhr ihm durch die langen Haare. Es machte nicht den Eindruck als würde er sich bald beruhigen, aber ich wollte, dass er weiß, dass ich da bin. Loch tat es mir gleich und legte ihm eine Hand sanft auf den Rücken. Mit kleinen Kreisen arbeitete er sich Kris’ Wirbelsäule hoch und wieder hinunter.

 

Langsam, sehr langsam wurde mein Bruder etwas ruhiger. Zumindest soweit, dass er den Kopf hob und Lochs Knie vor ihm sehen konnte. Bevor ich wusste war geschah, legte er vorsichtig seinen Kopf in dessen Schoss und schloss die Augen. Ich ließ derweilen von ihm ab, konnte aber die Tränen weiterhin über seine Wangen laufen sehen. Ich hatte unterschätzt wie sehr ihn das all die Zeit bedrückt hatte. Er hatte wohl mehr in sich gefressen als man so glauben wollte. Loch warf mir einen fragend Blick zu, dem ich nichts entgegenbringen konnte. Ich hatte Kris bereits bei mehreren seiner „Nicht-Panikattacken-Attacken“ gesehen und geholfen, aber so krass war es noch nicht gewesen. Mit jeder Minute, die verstrich rollte er sich weiter zusammen bis er sich nicht kleiner machen konnte. Die Hände hatte er fest an die Brust gedrückt, zitternd lag er einfach da. Versuchte er die Emotionen unter Kontrolle zu bringen. Zärtlich strich ich ihm über den Arm. „Es ist alles gut, wir sind jetzt da.“ Vielleicht sagte ich das auch eher zu mir selbst, aber ich hoffte, ihn zumindest erreichen zu können. „Es ist alles ok, lass es raus. Wir halten dich.“