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Characters:
Additional Tags:
Language:
Deutsch
Series:
Part 1 of Uni-Malik/Mikka
Stats:
Published:
2026-01-18
Words:
1,810
Chapters:
1/1
Comments:
1
Kudos:
4
Hits:
37

Wahlmodul

Summary:

Mikka sucht ein Wahlmodul. Nachdem ihm seine Mitbewohnerin Ruby von einer Idee überzeugt hat, trifft er Malik wider, was einige Erinnerungen hervorholt.

Work Text:

„Das Leben ist voller Chancen, Mikka. Du musst nur zugreifen.”
Chiara nimmt einen Schluck von ihrem Zitrustee und lächelt genießend ihre Tasse an.
„Was Chiara damit sagen will: Du kannst natürlich noch ein Maschinenbau- oder Physikmodul wählen. Das Geheimnis eines guten Wahlmoduls ist die Zerstreuung. Manche nehmen auch etwas, wo sie garantiert eine Eins bekommen. Aber das Geheimnis ist …”, beginnt Ruby.
„Die Zerstreuung”, ergänzen Mikka und Ruby im Chor.
„Das heißt”, setzt Ruby an und wartet, bis ihre beiden Mitbewohner ihr wieder zuhören. „Wenn du ein Wahlmodul nimmst, das möglichst weit von deinem eigentlichen Studium entfernt ist, dann hast du etwas, um den Kopf freizukriegen. Affäre.”
„Was?”, fragt Mikka und stutzt.
„Affäre”, wiederholt Ruby und legt die Steine mit den Buchstaben auf das Scrabble-Brett. „Schaut, das liegt sogar auf dem Feld für den doppelten Wortwert. Das siiiiind … 34 Punkte für mich. Hach. Ich mag das Spiel.”
Während Ruby ihre Scrabble-Punkte einträgt, pustet Chiara auf ihren Zitrustee.
Mikka schaut irritiert auf das Scrabble-Brett.

Nach Ruby, die schon wieder Buchstabensteine aus dem Säckchen zieht, ist Chiara dran, aber sie nimmt sich immer genügend Zeit, damit sie zu dritt das Problem mit Mikkas Modulwahl besprechen können.
„Du meinst also, ich soll gezielt irgendwas nehmen, das nichts mit meinem Studium zu tun hat?”
Das kommt ihm etwas widersinnig vor und ist nicht das, was er normalerweise machen würde. Er hat sich schon im Modulkatalog umgesehen und ist auf ein paar spannende Module gestoßen, die ihn vielleicht interessieren könnten.
„Ich könnte das Fortgeschrittenenmodul Statistik belegen, das Professor Dietrich gibt”, wirft er ein. Für ihn ist Statistik verdammt weit von seinen Modulen entfernt.
„Öööööp”, macht Ruby, „falsche Antwort. Statistik ist ja schon irgendwie Mathe, und das brauchst du ohnehin, wenn du das Gerät erfinden willst, das die Smartphones ersetzt.”
Mikka runzelt die Stirn. „Wer hat gesagt, dass ich das machen will?”
„Ich”, antwortet Ruby. „Das wäre etwas, das die Welt bewegen würde. Und wenn du die Welt bewegst, kriegst du jeden ins Bett, den du haben willst.”

Mikka wird rot und dreht sich weg. Allerdings hat er gerade auch total Lust auf diese schokolierten Nüsse neben dem Scrabble-Brett auf dem Tisch.
Na toll, Ruby redet von Sex und er bekommt Appetit auf Nüsse. Ganz toll, Mikka
Er überlegt, ob er jetzt mal kurz in die Küche gehen sollte. Sein Glas ist fast leer. Das wäre ein passender Vorwand. Allerdings: wenn er jetzt geht, wäre das ohnehin eine sehr offensichtliche Flucht. Er räuspert sich stattdessen und schaut zu Chiara.
„Hast du schon ein Wort im Blick?”
„Kein Grund zur Eile, Mikka”, sagt sie ruhig und trinkt noch etwas Tee aus dem Café von Reena.
„Ich habe zum Beispiel Politische Philosophie gewählt und lese gerade zum ersten Mal Hannah Arendt”, erzählt Ruby weiter.
Daran hat Mikka nun kaum Interesse. Er hat zwar mal aufgeschnappt, dass im Bereich der politischen Philosophie vor allem politische und soziale Fragen aus einer philosophischen Perspektive beleuchtet werden, was an das Rechtsmodul erinnert, das in seinem letzten Jahr am Einstein stattfand. Aber das ein ganzes Semester zu studieren und dann noch die Prüfung zu schaffen, damit das Wahlmodul als bestanden gelten kann, wäre dann doch zu viel des Guten. Allerdings. Er kann sich trotzdem vorstellen, etwas zu belegen, was in die Nähe kommt und doch für sein Studium nicht schlecht wäre.

„Urheberrecht”, sagt er also. Was für ihn die Pointe seines langen Gedankenganges ist, kommt offenbar für Chiara und Ruby überraschend. Kein Wunder. Sie konnten ihn auch nicht denken hören.
Chiara lächelt ihn an und er erwidert schüchtern ihr Lächeln.
„Schön, dass du etwas gefunden hast, das du dir vorstellen kannst. Ich glaube, ich habe auch einen schönen Begriff gefunden. Aber leider ohne Verdopplung. Trotzdem macht es Spaß, mit euch zu spielen.”
Chiara legt KÖNIG auf das Brett.

Start des neuen Semesters

Mikka checkt auf seinem Smartphone, ob er auch vor dem richtigen Raum steht. Sein Verstand hängt noch in der letzten Vorlesung fest und er versucht im Kopf, den einen Rechenschritt nachzuvollziehen, den er eben nicht verstanden hat. Er steht schon vor dem richtigen Raum, ist auch noch gut in der Zeit, denkt aber, dass er vielleicht doch nicht auf Ruby hätte hören sollen. Sich jetzt auf ein ganz anderes Modul zu konzentrieren als gerade eben, erinnert ihn an seine Zeit am Einstein und seine Zeit in Berlin danach. Er ist es einfach nicht mehr gewohnt, schnell zwischen Fachgebieten umzudenken. Ob er sich deshalb tatsächlich Urheberrecht antun sollte? Er nimmt sich vor, heute Abend zu recherchieren, ob man das Wahlmodul nach der ersten Veranstaltung noch ändern kann und betritt den Hörsaal.

Im Hörsaal unterhalten sich einige miteinander und im Vorbeigehen versteht er, dass diese Leute sich selbst in der Zeit zwischen zwei Vorlesungen über den Sinn und die Absicht verschiedener Paragraphen unterhalten. Auch klamottentechnisch fühlt sich Mikka fremd in diesem Hörsaal. Während er in Jeans und Hoodie unterwegs ist, tragen die meisten hier elegante Kleidung. Es wirkt, als müssten sie nur noch eine Robe anziehen und könnten mit der Verteidigung ihrer Mandanten loslegen.

Mikka drängelt sich an zwei Studentinnen vorbei, die sich schon ihre Plätze gesucht haben und die sich überraschenderweise über die neue Folge einer Kinderserie unterhalten, die sie gemeinsam schauen. Es geht offenbar um drei Jungs, die zusammen in einem Internatszimmer wohnen und alle ineinander verliebt sind. Also jeder in jeden. Allerdings scheinen die drei ständig aneinander vorbei zu reden und nicht über ihre Gefühle füreinander, was bei der einen Studentin langsam für einen Nervenzusammenbruch sorgt, sagt sie.
„Dabei stand in der Folgenbeschreibung: Arnold geht es ganz ähnlich”, beschwert sie sich.
Wer denkt sich denn sowas aus?

„Mikka?”
Als er seinen Namen hört, kann er die Stimme zuerst nicht zuordnen. Als er sich nach links dreht und halb über seine Schulter schaut, versteht er auch, warum. Er hat dieses Gesicht vor mehr als vier Jahren zum letzten Mal gesehen und doch sofort wiedererkannt.
„Hey Malik. Du hier?” Und nicht in deinem virtuellen Dorf, denkt er, sagt es aber nicht.
„Wenn man an dieser Uni Jura studiert, sollte man auch an den Veranstaltungen teilnehmen”, antwortet Malik altklug. „Ist hier neben dir noch frei?”
„Klar”, bestätigt Mikka und Malik setzt sich neben ihn.
Mikka blickt beim Auspacken seines Laptop-Tablet-Convertibles auf Malik, der parallel zu ihm auch ein Tablet aus seinem Rucksack nimmt, aber dazu auch einen Block und einen Stift.
Er kann gar nicht wirklich glauben, dass er Malik wieder sieht nach so langer Zeit. Sein Verstand ist aus seiner vorherigen Vorlesung zurückgekehrt und hat ihm gesagt: Ciao, ich fahr mich mal runter. Und damit fängt sein Verstand genau da an, wo er bei ihrer letzten Begegnung aufgehört hat.

Er hätte es Tahmi damals sagen können. Dass es nicht nur seine Patentante war, die in seinem Kopf herumspukte und dafür gesorgt hat, dass er das Drumkit am besten schnell wieder loswerden wollte. Und er hat sogar wirklich kurz überlegt, es ihr zu sagen, als er ihr erzählte, dass seine Tante von ihm gefordert hat, mutig zu sein und aus ihm rauszukommen. Coming out. Er hätte Tahmina sagen können, dass er auch noch einen Crush hatte. Vielleicht sogar verliebt war. Manchmal nicht mehr recht wusste, wo oben und unten war. Aber dann hat er darüber doch lieber den Mund gehalten.
Einmal, weil er lieber er selbst sein wollte und weil es ja gerade darum ging, nicht so zu sein, wie seine Tante ihn haben wollte. Andererseits aber auch, weil noch nicht mal er wusste, was er von Malik halten sollte, der erst stolz verkündete, dass sie jetzt ein Team waren und dann alle von sich stieß, weil seine Internetbekanntschaften nichts mehr von ihm wissen wollten. Und dann wusste Mikka auch nicht so recht, ob er das der Mitschülerin anvertrauen wollte, die ihren Schnürsenkel suchte. Und das, obwohl er Tahmina natürlich als Freundin sah.

Es ist nicht so, dass Mikka jetzt sagen würde: Es ist wieder alles da: die Gefühle, die Zweifel, die Vorstellungen. Und dennoch hängen ein paar dieser Dinge in ihrer oberflächlichen Form an Malik und werden mit seinem Auftauchen in ihm hochgeholt.
Er sieht immer noch gut aus, vielleicht noch etwas besser, obwohl Malik ganz offensichtlich zu den Menschen gehört, die äußerlich kaum altern. Wenn er tatsächlich Jura studiert, dann widmet er sich einem Fach mit einem der schwierigsten Fachprüfungen, die es in Deutschland gibt, vorausgesetzt, er will auch später mal Anwalt werden. Aber wenn nicht, wozu sollte er dann tatsächlich Jura studieren? Und man hat irgendwann wahrscheinlich ein ziemlich erträgliches Einkommen.

„Und du?”, fragt Malik. Er sieht zu Mikka hinüber und schenkt ihm seine ganze Aufmerksamkeit für die Beantwortung einer so offenen Frage.
„Ingenieurwesen”, antwortet Mikka knapp. Sein Studiengang ist das erste, was ihm wirklich einfällt.
„Ui. Das klingt, als würde es dir mehr liegen. Was machst du dann in Urheberrecht?”
„Wahlmodul, Ruby hat mir dazu geraten, etwas zu nehmen, das nichts mit Ingenieurwesen zu tun hat. Obwohl ich da auch Rechtsmodule habe, die allerdings eher oberflächlich sind.”
„Du hast Kontakt zu Ruby?”
„Ich wohne sogar mit ihr und Chiara in einer WG.” Er ist plötzlich stolz darauf, weil Malik den Eindruck macht, als sei das sehr besonders. Er mag die beiden halt. Malik scheint sich auch für ihn zu freuen.
„Du hast’s gut. Ich habe Joshua, der ständig über den Putzplan diskutiert.”
Er wohnt mit Joshua zusammen und studiert Jura? Das hätte Mikka definitiv nicht von ihm erwartet.
„Wir wohnen beide mit ehemaligen Einsteinern zusammen. Ich nehme an, Joshua würde sich freuen, Chiara mal wiederzusehen. Die beiden waren, glaube ich, auch befreundet. Aber ich glaube nicht, dass sie noch Kontakt miteinander haben. Irgendwann hätte er mir das erzählt in seinen endlosen, neunmalklugen Monologen”, erzählt Malik.
„Vielleicht hält er es nicht für wichtig”, vermutet Mikka.
„Ach, er kommentiert auch das Leben seiner Schwester mit Ava, obwohl er sagt, dass ihn ihr Liebesleben auch nicht interessiert.”
„Wie geht’s Elly und Ava denn?”, will Mikka wissen.
„Ganz gut, denke ich. Sie sind zusammen in irgend so ein Dorf in Brandenburg gezogen, wo Ava im Fahrradladen angefangen hat, der mal dem Vater vom Stiefvater eines Kumpels gehört hat. Oder so ähnlich. Sie kann ihn wohl in ein paar Jahren übernehmen. Hör mal, Mikka.”
„Ja?”
„Gib mir mal deine aktuelle Handynummer. Ich spreche mit Joshua. Vielleicht können wir dann mal einen Abend zu fünft verbringen oder so.”
„Klingt gut. Ich habe immer noch dieselbe Handynummer wie damals.”

Malik sieht zu ihm hinüber. Ihre Blick treffen sich. Maliks sagt: Warum, zur Hölle, sollte ich damals deine Handynummer eingespeichert haben?
Mikka will Fuck you sagen, hält aber stattdessen seine Hand mit der Handinnenfläche nach oben zwischen Malik und sich. Malik begreift und reicht ihm sein Smartphone. Mikka speichert seine eigene Nummer in Maliks Smartphone und ruft sich selbst an.

Im nächsten Moment geht die Hörsaaltür auf und der Professor betritt den Raum.
Während der Vorlesung sieht Mikka noch ein paar Mal unbemerkt zu Malik hinüber und hofft, dass einige Dinge sich anders entwickeln als damals am Einstein.

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