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Sein erster Fall

Summary:

“Du weißt, mit welchem Gemälde meine Geschichte beginnt. Bitte. Was war Justus Jonas’ erster Fall?”

Work Text:

Aus einem undichten Rohr tropft Wasser auf den Boden der kleinen Kammer. Das regelmäßige Pitsch-Pitsch-Pitsch hat Justus am Anfang noch beruhigt, allmählich geht es ihm auf die Nerven. Schlimmer als das stetige Tropfen aber ist der Mann, mit dem er eingesperrt ist. Victor Hugenay. Er macht ihn nervös. Seine Tatenlosigkeit macht ihn nervös.
Nach einem anfänglichen Absuchen des Raums nach etwaigen Ausbruchmöglichkeiten hat er sich einfach in eine Ecke gesetzt und die Augen geschlossen. Mit Justus hat er seitdem kein Wort geredet. Wieso redet er nicht?

“Müssten wir nicht…”, beginnt Justus zaghaft. “Monsieur, wir sollten nach einem Ausweg suchen. Ich bin sicher, Hilfe ist bereits unterwegs.”
Fast ist er versucht, zu glauben, sein Mitgefangener sei eingeschlafen. Dann öffnen sich die stechend schwarzen Augen und fixieren ihn. “Dann wäre es Unfug, nach einem Ausweg zu suchen”, sagt er. “Dein Hang zur Zuversicht in hoffnungslosen Situationen ist ehrenwert, Justus Jonas, aber vielleicht solltest du dich auf ein Szenario festlegen.” Er klingt nicht halb so tadelnd wie seine Worte. Er klingt müde. “Entweder entkommen wir eigenständig oder wir werden von deinen Freunden und dem werten Inspektor gefunden. Beides gleichzeitig geht nicht, oui?”

Justus nickt benommen. “Peter und Bob werden darauf kommen”, versichert er. “Sie kennen Brittanys Methoden.”
Hugenay legt den Kopf in den Nacken und starrt die Decke an. “Ich hätte ihre Methoden kennen sollen. Ich bin der, der sie ihr beigebracht hat.”
“Und Sie haben Ihr Möglichstes getan, um sie umzustimmen”, erinnert ihn Justus. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund hat er Mitleid mit dem Meisterdieb.

Brittany hat sie diesmal beide überrascht. Ein Köder für Justus (ein Rätsel via Buchchiffre), ein Köder für Hugenay (ein allzu unsicher gelagerter Daumier), und schon sind sie ihr in die Falle gegangen.
Womit sie nicht gerechnet haben, ist Brittanys neugewonnene Gewaltbereitschaft. Und so sind sie schließlich in dieser stickigen Kammer gelandet. Sie muss früher ein Vorratsraum oder ein kleiner Speicher gewesen sein. Jetzt stehen nur noch ein paar ausgetrocknete Farbeimer, ein leeres Aquarium und ein altes Paar Gummistiefel darin herum. Und Justus, der sich partout weigert, sich hinzusetzen. Dummerweise hat er auch nicht genug Platz, aufgeregt hin und herzulaufen, um seiner Laune Luft zu machen. Also steht er einfach sehr angespannt im Raum.

Hugenay macht die Beine lang und überkreuzt die Fußknöchel. Er reicht beinahe bis an die gegenüberliegende Wand. “Setz dich hin, Justus”, sagt er mit einer Forschheit in der Stimme, die Justus von ihm gar nicht kennt. Er gehorcht fast reflexartig und lässt sich im Schneidersitz nieder.
“Und jetzt?”, fragt er trotzig.
“Jetzt warten wir.”

Jahrelange Detektivarbeit hat Justus’ Geduld geschult. Endlose Beschattungen, in Büschen kauernd oder in einem Auto ausharrend. Aber Victor Hugenays Schweigen hält er nicht aus.
“Monsieur, können wir bitte über irgendetwas reden?”
Ein Zucken in Hugenays Mundwinkel verrät seine Belustigung. “Hast du etwas bestimmtes im Sinn?”
Justus schüttelt den Kopf. “Egal was. Ich kann bloß nicht…”

“Du hast Angst”, stellt Hugenay fest. Bevor der Erste Detektiv protestieren kann, spricht er weiter: “Kein Grund, sich zu schämen. Offen gestanden würde ich mir Sorgen machen, wenn es nicht so wäre. Ich fürchte mich auch.”
“Ehrlich?” Mit großen Augen schaut Justus ihn an. “Sie fürchten sich? Wovor?”

Der Kunstdieb zuckt die Schultern und lässt den Blick durch den kargen Raum schweifen. “In meinem Berufsfeld ist es töricht, sich furchtlos durchs Leben zu bewegen, genau wie in deinem. Man wird unachtsam. Deshalb ist es wichtig, sich etwas Vorsicht zu bewahren.” Seine Augen landen wieder auf Justus. “Dein Freund Peter dürfte etwas weniger vorsichtig sein, wenn du mich fragst.” Und er zwinkert.
Justus blickt nachdenklich drein. Schließlich sagt er langsam: “Peter… ist nicht zu vorsichtig. Er ist auch gar nicht so ängstlich. Er ist abergläubisch. Das war er als Kind schon. Aber das hat ihn nie davon abgehalten, wahren Mut zu beweisen, wenn Gefahr drohte.”

Hugenay nickt. “Wie lange kennt ihr euch schon?”
“Seit ich in der Grundschule nach Rocky Beach gekommen bin”, antwortet Justus. “Nach dem Tod meiner Eltern.” Er gräbt die Finger in den Stoff seiner Hose.
Hugenay beobachtet ihn aufmerksam, den Kopf leicht zur Seite geneigt. “Darf ich dir dazu eine Frage stellen?”
Als Justus den Kopf hebt, sieht er verblüfft aus. “Was denn für eine Frage?”
Daraufhin erlaubt Hugenay sich ein schmales Lächeln. “Ich habe mich häufig gefragt”, erklärt er, “was einen Jungen im Grundschulalter dazu bringt, Detektiv zu werden. Hatte es mit deinen Eltern zu tun?”

Eine merkwürdige Abfolge von Reaktionen huscht über das Gesicht des Jungen. Kummer, Scham, Melancholie, Stolz, Verlegenheit.
So oft Hugenay ihm auch begegnet ist, schüchtern ist normalerweise kein Wort, das er benutzen würde, um Justus Jonas zu beschreiben. Und doch klingt Justus schüchtern, als er nach kurzem Zögern antwortet: “Nein, hatte es nicht.”
Nach dieser Parade von Eindrücken kann er nicht erwarten, dass diese Antwort ausreicht.
“Was war es dann?”, erkundigt sich Hugenay.

Und nun schleicht sich tatsächlich eine verschämte Röte auf Justus’ Wangen. Er wendet den Kopf, schaut zur verschlossenen Tür.
Hugenay setzt nach: “Du weißt, mit welchem Gemälde meine Geschichte beginnt. Bitte. Was war Justus Jonas’ erster Fall?”

“Sharkman.” Justus spricht leise, hofft insgeheim, Hugenay möge ihn einfach nicht hören.
Dessen hochgezogene Augenbrauen sprechen Bände. “Sharkman?”

Justus tut einen tiefen Atemzug, rutscht ein Stück zurück und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Wand. “Sharkman war in den Nachrichten, da war ich noch ganz klein. Ein Dieb.” Er sieht Hugenay nicht an, betrachtet stattdessen seine Fingernägel. “Er hat Yachten ausgeraubt. Hauptsächlich Geld, Edelsteine, hin und wieder auch Kunstgegenstände. Er trug eine Maske. Die Polizei hat ihn nie gefasst. Bis heute kennt niemand seine wahre Identität.”
Während er redet, setzt Hugenay sich unwillkürlich gerader auf.

“Irgendetwas an dieser Person hat mich damals fasziniert. Aber vielleicht war es auch bloß das Mysterium. Ich habe monatelang versucht, mehr über den Fall herauszufinden. Mein Vater musste mit mir in Zeitungsarchive fahren und mir jeden Artikel vorlesen, den wir finden konnten.
Sharkman war elegant, geschickt und charmant. Er konnte sich Zutritt in absolut jeden Raum verschaffen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ihn bewundert. Die Notizbücher, die ich damals vollgekritzelt habe, besitze ich heute noch. Man kann sogar sehen, wie meine Handschrift immer besser wird.”

Er hält inne, ganz in Erinnerungen versunken, und Hugenay befürchtet schon, nichts weiter dazu zu hören.
Da sagt Justus: “Meine erste Amtshandlung, als wir endlich Internet in der Zentrale hatten, war es, den Vorläufer eines Google Alerts einzurichten — eine Software, die das Internet scannt und Alarm schlägt, sobald in den Nachrichten oder irgendwelchen Foren Sharkman erwähnt wird. Er war seit einer Ewigkeit nicht gesehen worden, aber falls er jemals wieder in Erscheinung träte, wollte ich der erste sein, der es weiß. Und ich wollte es sein, der ihn schnappt!” Die Hand in seinem Schoß ballt sich zur Faust. Entschlossenheit leuchtet in seinen Augen.

“Ich bin sicher, niemand hat härter an dem Fall gearbeitet als du”, sagt Hugenay und meint es auch so. “Hast du eine Spur gefunden?”
Justus nickt. “Wir haben eine Spur gefunden. Dabei hielten wir den Fall erst für etwas ganz anderes. Aber wie so oft… Nun, Sie kennen uns ja.” Er atmet lang aus. “Sharkman ist tot. Er starb bei einer waghalsigen Flucht mit einem entführten Flugzeug. Er konnte es notlanden, aber ist dabei verunglückt und erlag wenig später seinen Verletzungen.”

Er wagt es endlich wieder, Hugenay anzusehen. “Aber bevor wir das herausgefunden haben, hatte ich manchmal den Gedanken… Sie könnten es sein.”
“Ich?”, fragt Hugenay mit übertriebenem Schock.
Justus schmunzelt. “Ich habe oft versucht, mir vorzustellen, wie Sharkman wohl unter der Maske aussieht. Seit Sie mir zum ersten Mal begegnet sind, nahm er in meiner Fantasie immer öfter Ihre Gesichtszüge an. Ähnlicher Körperbau, ähnliche Vorgehensweise… haben Sie denn nie von ihm gehört?”

Hugenay macht ein nachdenkliches Gesicht. “Vor über zehn Jahren? Nein, das muss an mir vorbeigegangen sein. Zu der Zeit war ich nicht oft in Amerika.” Seine Augen leuchten auf, als ihn eine Erkenntnis trifft. “Aber mein lieber Justus! Bedeutet das, dass du bei unserer zweiten Begegnung der Auffassung warst, ich sei dieser Sharkman?”
“Richtig, Monsieur. Peter und Bob wussten nichts von dem Fall, aber ich war mir fast sicher.”
“Dann ist deine Hartnäckigkeit mir gegenüber allein der Tatsache geschuldet, dass du den Dieb fassen wolltest, wegen dem du überhaupt erst zum Detektiv geworden bist?”

Zuerst kann Justus den Unterton in seiner Stimme nicht einordnen. Dann muss er lachen. “Monsieur Hugenay, sind Sie eifersüchtig?”
“Nun, das ist doch mein gutes Recht. Immerhin bin ich lange Zeit davon ausgegangen, dass dein außergewöhnliches Interesse meiner Person gilt.”
Justus gibt ein amüsiertes Schnauben von sich. “Keine Sorge, das tut es nach wie vor. Der Fall Sharkman ist abgeschlossen. Sie hingegen, Monsieur, treiben noch immer Ihr Unwesen.”
“Unwesen? Aber nicht doch! Ich bin ein freier Mann und rechtschaffender-”
“Kunstexperte, ich weiß. Und wenn sich daran jemals etwas ändert, werde ich es herausfinden.”

Ihre Blicke treffen sich. Keiner von ihnen schafft es ganz, die Zuneigung zu verbergen, die sie füreinander empfinden. Der Detektiv und der Meisterdieb Kunstexperte lächeln sich an.

Dann wird die Tür aufgerissen und ein schwer atmender Peter Shaw schaut auf sie hinunter. “Just, hier bist du! Oh- Mister Hugenay, hallo.”
Justus lässt sich von ihm aufhelfen. “Wie habt ihr uns gefunden?”
Peter zieht eine Grimasse. “Bob hat die Chiffre entschlüsselt. Wann hörst du endlich auf mit deinen bescheuerten Alleingängen, Chef?”

“Mach ihm keinen Vorwurf, Peter”, mischt sich Hugenay ein, der sich ebenfalls erhoben hat. “Justus' Neugier war geweckt. Und was täten wir nur alle ohne diese Neugier?”