Work Text:
Mein bester Hachmed,
nun hast du schon eine gute Woche nichts mehr von mir gehört. Ich sende dir heute diese kleine Notiz, damit du weißt, dass dies nicht etwa sich überschlagenden Ereignissen und Abenteuern geschuldet ist, sondern lediglich meinem geschäftigen Kuralltag.
Ich muss zugeben, dass ich in der vergangenen Woche meine verordneten Anwendungen im SAFÜAT zugunsten meiner Erkundungswanderungen auf der Insel arg vernachlässigt habe. Zum Glück führen mich diese stets in die Landschaft außerhalb von Eydernorn, denn ich fürchte, in der Stadt kann ich mich so lange nicht blicken lassen, bis ich Doktor de Bong wenigstens durch die Teilnahme an einer von ihm veranlassten Kuranwendung habe besänftigen können.
Bei meinem nächsten Termin kann ich ihn aber hoffentlich mit einem Bericht über meine heutigen Aktivitäten besänftigen: Auf der Suche nach dem Perlenleuchter—wie der Name sicher suggeriert, ein weiterer Leuchtturm auf meiner Liste—fand ich mich in einem vulkanisch aktiven Teil der Insel wieder, an dem heißes Quellwasser aus dem Boden tritt und sich in natürlicherweise im Lavagestein entstandenen Becken mit dem Seewasser vermischt, das dann die ideale Temperatur für ein entspannendes Salzwasserbad hat. Dass dieses kleine Wunder der Natur noch nicht von Kurgästen überrannt ist, dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass es sich in einer eher abgelegenen Gegend befindet und die Anreise von Eydernorn eine Kutschreise mit zwei Mal umsteigen verbunden ist.
Im warmen, ruhigen Wasser geschützt von der zerstörerischen Wucht der Wellen lassen sich zudem hervorragend zoologische Beobachtungen anstellen, wie ich feststellte, während ich tiefenentspannt und allein im größten dieser natürlichen Badebecken saß.
Und so habe ich nun auch endlich das Geheimnis der Hummdudelvermehrung vollständig gelüftet: Ich hatte gerade die Augen zu einem entspannten Nickerchen im warmen Wasser geschlossen, als ich von fröhlichem Geflöte aufgeschreckt wurde. Wie sich herausstellte, wurde das Becken von einer ganzen Hummdudel-Kolonie bewohnt, die das Gewusel, das sich inzwischen in den Terrarien in meinem Hotelzimmer abspielt, noch weit in den Schatten stellt. Ich hatte diese wilden Hummdudel bloß nicht sofort bemerkt, da sie sich bis auf zwei abenteuerlustige Exemplare, die hintereinander den Felsrand des Beckens heraufkrochen und dabei laut dudelten, aber größtenteils Unterwasser im tiefsten Teil des Beckens aufhielten, während ich meinen Kopf bisher über Wasser gehalten hatte.
Ihrer einmal gewahr geworden, war jeder Gedanke an ein Nickerchen sofort wie weggeblasen. Die nächsten guten zwei Stunden verbrachte ich damit, immer wieder die Luft anzuhalten und ins Becken hinabzutauchen, um zoologische Beobachtungen anzustellen. Dabei konnte ich nicht nur den Akt der Paarung, sondern auch die Geburt mehrerer Hummdudeljungen beobachten. Meine darauf aufbauende These, dass es sich hier um ein seltenes Beispiel von Ovoviviparie im Amphibienreich handelt, gedenke ich zeitnah in der Zoologischen Zeitschrift der Gralsunder Universität zu publizieren. (Wieso diese faszinierenden Tiere bisher in den Annalen der Wissenschaft so wenig Beachtung gefunden haben, ist mir persönlich schleierhaft! Ich hätte noch Tage damit verbringen können, diese Kolonie zu betrachten.)
In meiner Aufregung habe ich leider die ersten zwei Versuche, meine Beobachtungen vollständig festzuhalten, ebenfalls in Salzwasser gebadet, aber inzwischen habe ich die dritte Fassung sorgfältig niedergeschrieben.
Dein
