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Vintage-Herz

Summary:

Esther hört es nicht, Pias Worte erreichen sie nicht. Ihr Atem geht immer schneller und trotzdem gelangt da irgendwie nicht ausreichend Sauerstoff in ihre Lungen. Verzweifelt versucht sie, die Kontrolle über ihren Körper zurückzuerlangen, doch es will ihr nicht gelingen.

Work Text:

Esther sitzt am Schreibtisch, starrt blicklos hinaus in den grauen Saarbrücker Nebel und dreht einen Stift zwischen den Fingern.

Bestimmt, hat Katja gesagt.

Bestimmt meld‘ ich mich. Bestimmt ruf‘ ich dich an.

Bestimmt.

Nicht.

Adam und Leo kabbeln sich im Hintergrund, vermutlich weil Adam wieder überbesorgt ist, dass Leo sich überanstrengen könnte, aber Esther bekommt es gar nicht richtig mit. Ihre Nägel graben sich unbewusst in das Holz des Bleistifts, hinterlassen dort kleine Halbmonde.

Will sie überhaupt, dass Katja sich meldet?

Bis vor ein paar Tagen hat sie Katja in ihren Gedanken immer als ihre erste große Liebe bezeichnet, aber inzwischen weiß Esther nicht mehr, ob sie sich da nicht was vorgemacht hat. Nicht, weil man in so jungen Jahren nicht tief und aufrichtig lieben könnte, sondern weil Katja vielleicht einfach nur da war. Ein freundliches Gesicht zwischen all den hassverzerrten Fratzen. Eine, die sich, zumindest im Geheimen, gegen diese bescheuerte Fehde stellte. Die Esther das Gefühl gab, nicht so allein zu sein. Und umgekehrt war auch Esther für Katja vielleicht einfach nur da. Eine Zwischenlösung, ein Fehltritt, auch wenn der Gedanke schmerzt. Takes one to know one.

Aber Liebe?

Esther ist sich da nicht mehr so sicher.

Selbst schuld, hat ihr Katja an den Kopf geworfen. Esther ist selbst schuld, dass sie nicht seit zwanzig Jahren das treue Anhängsel eines bestenfalls mittelmäßigen Mannes ist. Natürlich wird Katja sich nicht melden, die hat jetzt alle Hände voll zu tun mit der Beerdigung und ihrem Sohn und mit der Tatsache, dass sie sich ohnehin nie auch nur eine Nasenspitze über den Tellerrand hinausgewagt hat. Abrupt wallt heißer Zorn in ihr auf, und ein plötzlicher Schmerz reißt sie zurück in die Gegenwart.

„Hey, was machst du denn?“ Eine warme Hand legt sich auf Esthers Schulter, und Pia nimmt ihr vorsichtig den zerbrochenen Bleistift aus den Fingern. „Fuck, du blutest. Ich hol dir ein Pflaster, ja?“
Esther rührt sich nicht. Beinahe ist sie dankbar für den Schmerz, der für einen Augenblick das Ziehen und Zerren in ihrem Herzen übertönt. Diese schreckliche Angepasstheit in Katjas Augen frisst sich wie Säure durch ihre Erinnerungen. Eingesperrte Herzen, eingesperrte Vögel, eingesperrte Liebe. Diese Leere in Katja hat Esther mit sich selbst zu füllen versucht, doch am Ende war es nicht genug - oder viel zu viel. Sie hatten doch nie auch nur den Hauch einer Chance, sie beide.

Erneut erden sie Pias sanfte Hände, die ihre Wunde zuerst desinfizieren und dann sorgfältig mit einem Pflaster verarzten. Auf dem Pflaster sind kleine Kätzchen aufgedruckt. „Sorry, ich hatte nur mehr so eins“, lächelt Pia. „Passt aber zu dir.“

Esther schluckt. Sie muss Pia das jetzt fragen, sie muss einfach, obwohl sie sich vor der Antwort fürchtet. Aber seitdem Pia das gesagt hat, leichthin und nebenbei, lässt es sie nicht mehr los.

„Bin ich wirklich auch so wie die?“ Ihre Stimme klingt brüchig und leise, aber Pia hört sie trotzdem. In den blauen Augen steht plötzlich Schmerz – und Scham.

„Nee. Bist du nicht.“ Pia angelt sich mit einer Hand ihren Drehsessel und lässt sich neben Esther nieder. „Das war ‘ne saudumme Bemerkung von mir.“

„Aber was, wenn doch?“, insistiert Esther. „Was, wenn –“ ich böse bin. Ich verdorben bin. Ich schlecht bin. Sie kann die Worte nicht aussprechen und erstickt gleichzeitig fast daran, bis sich Pias Hand auf ihre Brust legt.

„Du bist ganz anders“, sagt Pia leise. „Du bist loyal, und mutig und reflektiert. Esther, du bist wundervoll.“

Esther hört es nicht, Pias Worte erreichen sie nicht mehr, da, wo ihre Gedanken sie hintragen. Ihr Atem geht immer schneller und trotzdem gelangt da irgendwie nicht ausreichend Sauerstoff in ihre Lungen. Verzweifelt versucht sie, die Kontrolle über ihren Körper zurückzuerlangen, krallt ihre Hände in die Armlehne des Sessels, in ihren Oberschenkel, doch es will ihr nicht gelingen. Panikattacke, konstatiert ihr Gehirn nüchtern, reiß dich doch mal zusammen, Baumann!

„Esther? Scheiße, Esther, ich –“

Und dann küsst Pia sie.

Es ist egal, dass sie vor dem großen Fenster sitzen, wo jemand sie sehen könnte. Es ist egal, dass Leo und Adam wahrscheinlich noch da sind und das ganz sicher mitbekommen. Pia küsst Esther, und plötzlich fallen alle Puzzlesteine an ihren Platz. Pias Lippen sind weich und warm und schmecken nach einem Hauch Nutella - und Freiheit.

Eine Tür schnappt ins Schloss, offenbar haben die Jungs die Bedeutung des Wortes Privatsphäre gelernt.

Es dauert einige Minuten, bis Esther wieder sprechen kann, und Pia wartet geduldig, ihre Stirn an Esthers Schulter gelehnt.

„Pia…“, krächzt Esther schließlich. Ihre unverletzte Hand tastet nach Pias, und anders als Katja zögert Pia keine Sekunde, ihre Finger miteinander zu verschränken. Bei Pia muss Esther nie erst darum bitten.

Pia seufzt. „Du denkst jetzt wahrscheinlich, ich hab ‘nen kompletten Vogel, aber –“

„Ja, aber immerhin sitzt er nicht im Käfig“, fällt Esther ihr ins Wort, so hastig, als wollte sie alles nachholen, was sie schon längst hätte aussprechen sollen. „Pia, ich – es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht hab‘.“

Erneut haucht Pia ihr einen Kuss auf die Lippen, bittend und bestätigend zugleich. „Mein Herz gehört sowieso schon dir, das weißt du“, flüstert sie gegen Esthers Lippen. „Vielleicht kann deins auch mir gehören? Ich pass‘ drauf auf, das versprech‘ ich dir.“

Esther lässt sich widerstandslos auf Pias Schoß ziehen, und Pias Umarmung hüllt sie ein wie eine warme Decke. "Wenn du es haben magst?", murmelt sie in Pias Haar. "Hat halt schon ein paar Gebrauchsspuren."
Pias Lachen vibriert durch ihren Körper. "Das nennt man Vintage, Esther."

Endlich lässt sich Esther ganz gegen Pia sinken, lässt sich auffangen und halten und erst jetzt fällt ihr auf, wie sehr sie das braucht.

Forever, hat sie in das Herz geritzt. Vielleicht heißt forever auch nur, dass sie noch da ist. Dass da noch Liebe in ihr ist, und dass da jetzt jemand ist, dem sie sie schenken darf.

"Weiß nicht, ob das jetzt noch zu früh ist", nuschelt Pia in Esthers Halsbeuge, "aber...ich liebe dich, Esther."

Esther spürt, wie Pias Herz bei diesen Worten einen Zahn zulegt, und sie schlingt ihre Arme fester um sie. Kann es zu früh sein für etwas, das man eigentlich schon so lange weiß?
"Ich dich auch, Spätzchen."